Müdigkeit in Zeiten der Pandemie

Erst wägen, dann wagen. Im Film „Ich bin Dein Mensch“ kann eine Wissenschaftlerin (Maren Eggert) dem humanoiden Roboter Tom auf Dauer nicht widerstehen; für Ihre Rolle erhielt die Schauspielerin einen Silbernen Bären. © letterbox Filmproduktion

Überraschung! Per Zufall stoße ich in der Zeitung auf den Hinweis, dass die legendäre Corona-Warn-App nun auch auf älteren I-Phones läuft. Meines ist schon zehn Jahre alt und funktioniert noch tadellos; nur einmal habe ich die Batterie wechseln lassen. Rasch ist die App heruntergeladen, und nun nutze ich sie und schaue mir die aktuellen Zahlen an, die aber auch dauernd im Radio durchgegeben werden. Niemand hört mehr genau hin, die meisten haben die App schon fast vergessen. Heute meldet sie immerhin 1.280 „Warnende Personen“; meine letzten Einkäufe waren aber ungefährlich, obwohl in den Supermärkten die Abstandsregeln notorisch verletzt werden. Noch immer wissen wir in 75% aller Fälle nicht, wo die Infektion stattgefunden hat, und die wackeren Mitarbeiter*innen in den Gesundheitsämtern hecheln dem Geschehen telefonisch hinterher.

Das bereitet zunehmend Frust & Verdruss, sodass der Berliner Tagesspiegel befand: „‚Pandemie-Müdigkeit ist das Wort der Stunde.“ (04.03.21). Zur schlechten Stimmung im Lande trägt zu einem guten Teil die miserable Kommunikation bei. Der Inzidenzwert von 35, zuletzt das Goldene Kalb der Politik, wurde sang- und klanglos kassiert. Dafür erfahren die Apotheker*innen aus dem Radio, dass sie ab Montag Schnelltests anbieten können. Haben sie dafür überhaupt Platz & Personal, wie wird diese Leistung vergütet und abgerechnet, wie kann ein Test-Hopping verhindert werden? Fragen über Fragen. Als es im Dezember plötzlich kostenlose FFP2-Masken gab, kamen die Leute von weither, um sich in den Apotheken unseres Viertels einzudecken. Zum Glück bietet Aldi ab morgen Selbsttests an – das wird den umtriebigen Gesundheitsminister Jens Spahn und seinen glücklosen Kollegen aus dem Wirtschaftsressort Peter Altmaier freuen, die beide im letzten ARD-DeutschlandTrend kräftig abgewatscht wurden.

Sang- und klanglos ging der erste Teil der 71. Berlinale zu Ende, der ausschließlich für Insider aus der Branche und für Journalisten*innen zugänglich war. Die Preise wurden digital verkündet, die feierliche Verleihung folgt im Juni beim zweiten Teil mit Publikum. Den Goldenen Bären gewann der rumänische Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“, eine drastisch-plakative Satire über Doppelmoral, den Silbernen Bären für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle gewann Maren Eggert in der Romantic Comedy „Ich bin Dein Mensch“ von Maria Schrader, die von der Kritik freundlich bewertet wurde und hoffentlich bald in den Kinos gezeigt werden darf. Schon vor der Pandemie hatte sich der englische Posaunist Chris Barber von der Bühne zurückgezogen; jetzt ist er im Alter von 90 Jahren gestorben. Er hat als weißer (!) Musiker dem Jazz in seiner Heimat zum Durchbruch verholfen. Zum Glück ist die dogmatische Identitätspolitik noch nicht darauf verfallen, den Jazz ausschließlich für die afroamerikanische Kultur zu reklamieren. Zuzutrauen wäre es ihren Hardlinern allemal.

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