Schach der Pandemie

Ein glanzvoller Auftakt in eine ungewisse Saison: die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko müssen vor dreiviertel leeren Rängen spielen. © Rolf Hiller

Endlich dürfen sie wieder spielen, aber alles ist anders in Zeiten der Pandemie. Wir können erst eine halbe Stunde vor dem Konzert in die Berliner Philharmonie und werden mit einem neuen Farbleitsystem zu unserem Block geführt. Bevor wir an unsere Plätze gebracht werden, bekommen wir noch ein Blatt zur Angabe unserer Personalien; selbstverständlich sind alle maskiert. Erst wenn die Musiker*innen die Bühne betreten haben, darf das Publikum die Masken ablegen. Es gibt keine Pause und keinen gastronomischen Service. Und wir haben Platz: nur ein Viertel der 2.250 Plätze darf belegt werden.

Dann endlich beginnt das langersehnte Konzert. Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko eröffnen diese ganz besondere Saison mit „Verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg in der Fassung für Streichorchester. Im Anschluss dann gleich Johannes Brahms‘ 4. Symphonie. Selten haben wir so ein konzentriertes Publikum erlebt – kein Mucks ist zu hören, wie gebannt verfolgen wir die traumschöne, vielschichtig nuancierte Musik, die man wahrer nicht spielen. Am Ende kommt noch einmal der Dirigent allein auf die Bühne; Krill Petrenko wirkt sichtlich gelöst und verbeugt sich nach allen Seiten. Ein verheißungsvoller Auftakt, der indes nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Konzerte mit so wenig zugelassenem Publikum sich nie & nimmer rechnen. Die Verluste wären kleiner, wenn die Gäste im Abstand von einem Meter in der sog. Schachbrettplatzierung sitzen dürfen. Das ist in Nordrhein-Westfalen erlaubt und wurde soeben mit Bravour bei den Salzburger Festspielen erprobt.

Wir werden mit dieser Pandemie leben müssen, und wir lernen jeden Tag dazu. Vor zwei Tagen zitierte „Bild“ den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei einem Auftritt in Bocholt mit den Worten: „Man würde mit dem Wissen von heute, das kann ich ihnen sagen, keine Friseure mehr schließen und keinen Einzelhandel mehr schließen. Das wird nicht noch einmal passieren.“ Es bleibt zu hoffen, dass die Hygiene- und Sicherheitskonzepte der Veranstalter von der Politik endlich anerkannt & unterstützt werden. Jede Bahnfahrt ist riskanter als jeder Besuch eines gesetzten Konzerts oder Theaterstücks! Derzeit erhitzt die Gemüter aber mehr ein anderes Thema: die Vergiftung des russischen Regimekritikers Nawalny. Zar Wladimir gilt übrigens als exzellenter Schachspieler. Warum hat er einer Verlegung von Alexei Nawalny nach Deutschland zugestimmt? Eine bewusste Provokation? Oder kannte Putin nicht die Details? Beunruhigend ist das allemal.

Bahn statt Bühne

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So ist’s recht. „Menschen und Gepäck“ heißt das Werk von Gerald Matzner im Skulpturengarten AVK. © Rolf Hiller

Anruf am Montag um 19h vom Chef von Shooter Promotions; er müsse eine schlechte Nachricht überbringen. Die Stadt Hanau habe die Corona-Maßnahmen verschärft: statt 250 Besucher*innen sind stante pede nur noch 100 (!) im Amphitheater zugelassen. Alle geplanten Konzerte müssen deshalb abgesagt werden. Normalerweise passen 1.400 Gäste sitzend unter das Zeltdach der Location, die aber nach den Seiten offen ist. Ursprünglich waren die von FRIZZ Das Magazin seit Jahren präsentierten Konzerte untersagt worden. Dann die überraschende Wende im Juli – die sog. Open-Air-Clubkonzerte dürften nun doch unter strengen Auflagen stattfinden. Pustekuchen. Das mit großem Engagement in kürzester Frist entwickelte Konzept wurde kurzerhand wieder kassiert. Wie man als Veranstalter in Corona-Zeiten überhaupt noch arbeiten & überleben soll, scheint die Politik überhaupt nicht zu interessieren. Gleichzeitig sind in Berlin noch Familienfeiern drinnen mit bis zu 500 (!) Gästen erlaubt.

Da kommt Freude auf, denn die Maßnahmen sind oft nicht mehr nachzuvollziehen und wechseln nach Lust & Laune, wie’s scheint, von Bundesland zu Bundesland. Nun soll hier keinem „Einheitsbrei“ (FAZ) das Wort geredet werden, aber eine „Corona-Kakophonie“ (Der Tagesspiegel) ist erst recht nicht zielführend (Testpflicht bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten). Als Kunde der Deutschen Bahn kann man über die Absage in Hanau nur ungläubig den Kopf schütteln. Neulich war ich von Köln nach Berlin unterwegs. Nach Wolfsburg zuckelte der ICE wie eine Schneckenpost durch die Lande und mir schwante nichts Gutes. Plötzlich bleiben wir auf freier Strecke stehen, alles muss heruntergefahren werden, natürlich auch die Klima-Anlage. Dann geht’s gemächlich weiter bis Stendal, wo die Passagiere des defekten Zugteils in den anderen „evakuiert“ (O-Ton) werden müssen. Abstandsregeln gelten ohnehin nicht bei der Deutschen Bahn, die nicht einmal ihre eigenen Fahrgäste personalisieren kann. Der Schaffner ermahnt uns aber beim Ausstieg im Berliner Hauptbahnhof, den wir mit über zwei Stunden Verspätung erreichen, die Abstandsregeln einzuhalten. Der Bursche hat Humor.

Es wird eben mit zweierlei Maß gemessen – als DB-Kunde wird mir selbstverständlich ein höheres C-Risiko zugemutet als im Theater, Kino oder Konzertsaal. Gestern bei der Runde der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin ging die Kakophonie munter weiter, da der Herbst Einzug hält in Deutschland – und naturgemäß das Infektionsrisiko steigt, nicht bloß für Corona übrigens. Zumindest konnte man sich bei Nichteinhaltung der Maskenpflicht auf eine einheitliche Regelung verständigen. Einen Fuffi kostet es ohne, allerdings nicht in Sachsen-Anhalt. „Weil jemand ohne Maske bei uns gar nicht mitfahren darf, brauchen wir auch kein Bußgeld“, verkündet Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Noch Fragen?

Tests for Music

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Endlich dürfen sie wieder konzertieren: die Künstlerische Leiterin von Krzyżowa Music Viviane Hagner (Violine), Pablo Barragán (Klarinette), Anna Maria Wünsch (Viola) und Alexey Stadtler (Violoncello) spielen eines der letzten Werke von Penderecki. © Karl Grünkopf

Positiv gestimmt & negativ getestet machen wir uns auf den Weg nach Krzyżowa. Dass dieses bemerkenswerte Kammermusik-Festival im früheren Kreisau heuer überhaupt stattfinden kann, grenzt an ein Wunder. Alle Gäste aus dem Ausland haben vorher einen Corona-Test gemacht; das gleiche gilt für die Künstler & Techniker. Per Kurier werden unsere Proben am Montag nach Hamburg gebracht; am Mittwoch um 7.32h haben wir eine Mail von Centogene im Postfach. Gespannt im Netz das Ergebnis aufgerufen – wir dürfen fahren. Was so einfach klingt, ist mit hohem logistischen & kommunikativen Aufwand verbunden. Immer wieder tauchen Fragen auf, die zum guten Teil vom General Director von Krzyżowa Music, Matthias von Hülsen, persönlich zu klären sind.

Das Eröffnungskonzert findet in diesem Jahr auf der großen Wiese vor dem Schloss in Krzyżowa statt. Eigens wurde eine Bühne aufgebaut, und die Tontechniker haben ganze Arbeit geleistet: der Sound ist hervorragend. Das Publikum wird in zwei Gruppen geteilt –  die Getesteten und die Maskierten. Wir bekommen ein Testbändchen und suchen uns einen Platz; alle Stühle sind im Abstand von einem Meter gestellt. Ein herrlicher Sommerabend, die Vögel zwitschern, und die Spannung konzentriert sich jetzt ganz auf die Musik. Auf die wunderbare Cello-Sonate von Beethoven (op. 102) folgt ein zartes Klarinetten-Quartett des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki (1933 – 2020), eines seiner letzten Werke von 1993, das ganz behutsam mit dem letzten Satz „Abschied“ schließt.

Mit Brahms endet der erste Abend, und wir werden Reihe für Reihe zum Büffet geleitet – bunte Fähnchen trennen die beiden Gruppen. Alles ist nach Plan verlaufen, die Musiker*innen, die zum Teil das erste Mal seit März wieder vor Publikum gespielt haben, wirken wie befreit – allenthalben ist Erleichterung zu spüren. Aber unsere Gedanken & Gespräche kreisen auch schon wieder um die Pandemie, denn morgen steht der nächste Testlauf an. Im Gästehaus an der berühmten Friedenskirche von Świdnica, wo wir wieder untergekommen sind, teile ich noch Mundspatel aus, die ich in der Apotheke besorgt hatte. Wenn wir das nächste Test-Ergebnis von Centogene – übrigens ein ganz wichtiger Partner des Festivals – bekommen, sind wir vielleicht schon wieder in Deutschland. Mit positiven Erinnerungen an eine denkwürdige Reise zur sechsten Auflage von Krzyżowa Music.

Tote Stadt

 

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Krise in der Frankfurter City: neben Karstadt müssen auch andere Häuser schließen. © Rolf Hiller

Zum letzten Mal fahre ich in das Parkhaus von Karstadt. Das riesige Kaufhaus mit 38.000 qm Verkaufsfläche mitten auf der Zeil in der Frankfurter Innenstadt wird geschlossen. Der Ausverkauf läuft, doch der Andrang der Kund*innen hält sich in Grenzen – deprimierende Endzeitstimmung. Im Shopping-Center „My Zeil“ – ein paar Meter von Karstadt entfernt – stehen die Ladenflächen von AppelrathCüpper wohl zur Disposition; der Modehändler durchläuft gerade ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Beschlossene Sache ist dagegen das Ende von Esprit – das Modehaus macht seine vier Etagen auf der Zeil dicht. Doch damit nicht genug: Karstadt Sports an der Hauptwache macht auch zu, das Café Hauptwache in bester Citylage ist pleite. Ins traurige Bild passt, dass der Club Gibson auf der Zeil und die E-Kinos an der Hauptwache wegen Corona derzeit geschlossen sind.

Die Gründe für die Krise des Einzelhandels, die sich so dramatisch auf der umsatzstärksten Einkaufsstraße Deutschlands mit der höchsten Besucherfrequenz ausdrückt, sind bekannt. Gegen den Onlinehandel kommen die Dickschiffe nicht mehr an, es fehlen (nicht nur) in der Frankfurter Innenstadt (chinesische) Touristen, Messegäste und natürlich die Leute, die nicht mehr in den Büros in der City, sondern zu Hause arbeiten. Was ist zu tun? Den Optimismus von sog. Projektentwicklern teile ich nicht; die Experten empfehlen eine Mischung aus Wohnnutzung und kleineren Ladenkonzepten. Jede Krise ist eine Chance. Dieses Wort wird in der Pandemie gerne bemüht, und vielleicht bietet der kommerzielle Kahlschlag auf der Zeil eine unverhoffte Möglichkeit, das Zentrum in Frankfurt zu urbanisieren. Bekanntlich lassen sich Oper & Schauspiel nicht mehr sanieren – die Häuser müssen abgerissen und neu gebaut werden. Warum nicht auf der Zeil? Warum nicht ein architektonisch markantes Zeil-Theater für die beiden Sparten als Symbol für die Wiederbelebung der Innenstädte durch Kultur und für Menschen?

Der Ticket-Automat in der ersten Ebene des Parkhauses ist kaputt, und ich muss weiter hinauf. Im dritten Stock klappt es. Weder dort noch in der vierten oder fünften Etage parkt ein Auto! Keine Kunden nirgends. Ich denke an die Freunde von der SPD. Die Parteivorsitzende Saskia Esken bringt ein Linksbündnis ins Gespräch. Tags darauf präsentiert „die alte Tante“ Olaf Scholz als Kanzlerkandidaten; der Bundesfinanzminister wird dem rechten Flügel zugerechnet, macht derzeit einen guten Job und ist der beliebteste Politiker seiner Partei. Den Projektentwicklern der deutschen Sozialdemokratie ist indes schon lange das politische Gespür abhandengekommen. Wozu braucht diese 15%-Partei jetzt überhaupt schon einen Kanzlerkandidaten?

 

Dauerwelle

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Der berühmte Garten von Ada und Emil Nolde; das Wohn- und Atelierhaus wird renoviert. © Gitti Grünkopf

Ohne Anmeldung geht nichts in dieser Zeit. Also schreiben wir eine Mail nach Seebüll. Keine Stunde später ist die Antwort der Nolde Stiftung im Posteingang – wir können einfach kommen, es gebe nur kurze Wartezeiten. Möchte man/frau die wunderbaren Bilder von Emil Nolde nicht mehr so gerne sehen oder schreckt die Renovierung des Wohn- und Atelierhauses derzeit ab. Mit Tischtennisbällen kontrolliert das freundliche Personal, wie viele Personen sich gerade im Gebäude oder im berühmten Garten befinden. Leider hängen die Werke im Besucherforum schlecht; die Beleuchtung lässt auch sehr zu wünschen übrig. Erstaunlich, dass sich zu der Sanierung kein Hinweis auf der Homepage findet. Dennoch lohnt ein Blick auf das Werk dieses verschlossenen Mannes, der von seiner Kunst nicht weniger überzeugt war als von Adolf Hitler und sich nach dem Ende der Diktatur als Opfer stilisierte.

Weniger diszipliniert geht es derzeit bei Demos und im öffentlichen Verkehr zu. Warum es in Deutschland erschreckende Bilder von Corona-Verweigerern jedweder Couleur gibt, nicht aber in Frankreich, Spanien oder Italien, irritiert. Nicht weniger verwundert, warum das Versammlungsrecht nicht mit strikten Auflagen versehen & durchgesetzt wird. Jeder Spinner sollte hierzulande für seine Sache demonstrieren können – aber doch bitte mit Maske. Inzwischen werden Maskenverweigerer im ÖPNV (in einigen Bundesländern) nicht mehr nur ermahnt, sondern für ihr asoziales Tun sofort bestraft, sofern es genug Kontrollen gibt. Ich habe jedenfalls nicht die Courage, latent aggressive Maskenmuffel des sog. starken Geschlechts zur Rechenschaft zu ziehen; schon vor der Pandemie waren die U-Bahnen und Bahnsteige unter Tage nicht dazu angetan, auf zivile Regeln des Umgangs hinzuweisen. Leider!

Die Dauerwelle – diese treffende Formulierung hat der Bonner Virologe Hendrick Streeck geprägt –  wird unser Leben nachhaltig verändern und uns der WHO zu Folge noch Jahrzehnte beschäftigen. So sehen es erstaunlich viele in New York, das sich doch angeblich immer neu erfindet und wo jede*r sein Glück machen kann. „Zwischen März und Mai 2020 verließen 420.000 Menschen die Stadt, das sind 5 Prozent ihrer Bevölkerung“, schrieb Frauke Steffens in der FAZ (04.08.20). Auch „California Dreamin'“ bietet keine Hoffnung, wie mir ein Freund gestern aus Los Angeles schrieb: „Museen, Galerien, Kinos, Büchereien, Restaurants etc. sind in LA immer noch zu. Dafür darf man endlich wieder ohne Bestrafung an den Strand gehen. Welch eine Gnade.“ Aus Amerika war von Demos gegen die Coronamaßnahmen bis dato nichts zu hören. Incredible!

Kontrolle ist besser

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Wo Nordsee und Wattenmeer in Sylt aufeinander treffen: nördlicher geht‘s nicht in Deutschland. © Karl Grünkopf

Die Zahlen steigen. Die Urlaubszeit hat begonnen; Überdruss & Übermut steigen gleichermaßen. Wenn das so weitergeht, wird sich eine zweite Welle der Corona-Pandemie nicht mehr verhindern lassen. Die Nachrichten aus Amerika und Brasilien sind zudem höchst beunruhigend. Freilich hat es noch nie geholfen, bloß an die Vernunft zu appellieren. Wer sich nicht an die weiter geltenden AHA-Regeln (Abstand, Händewaschen, Alltagsmaske) hält, muss mit Sanktionen rechnen. Verscheuchten im März noch Ordnungshüter Spaziergänger*innen von Bänken in den Parks, gibt es mittlerweile so gut wie keine Kontrollen mehr. Insbesondere in den U- und S-Bahnen, in Straßenbahnen und Bussen müsste viel mehr kontrolliert und sanktioniert werden. Der Tagesspiegel brachte es auf den Punkt: „Eine Verordnung ohne Sanktion ist so wirkungslos wie eine Sanktion ohne Kontrolle.“ (15.07.2020)

Gute Freunde haben uns einige Tage auf eine Insel eingeladen, die noch immer polarisiert: die einen schwärmen von Sylt, für die anderen ist die „Insel der Reichen und Schönen“ eine No-Go-Area. Alle Vorurteile sind richtig, wenn man die teuren, vorzugsweise dunklen Karossen sieht, die edlen Shops in Kampen oder Keitum, die coolen und gut betuchten Menschen in den Strandbars an der Westküste. Alle Vorurteile sind falsch, wenn man  nach Morsum ganz in den Osten der Insel kommt. Dort hören wir nur den Wind, die Gänse, Möwen und Schafe. Dann und wann landet ein Flugzeug und bringt uns in die Jetztzeit zurück: das andere Sylt ist im Anflug. Da ich diese Zeilen schreibe, schaue ich auf Wiesen und sehe Kaninchen und Rehe – unendlich weit weg von Westerland mit dem monströsen Kurzentrum aus den 60er Jahren (das höchste der drei Hochhäuser hat 13 Stockwerke) und dem Gedränge in der Fußgängerzone, wo die Touris abends geduldig vor den Restaurants mit Masken Schlange stehen und ihre Personalien hinterlassen müssen. Gut so!

Von Krise ist (noch) nichts zu spüren auf der Insel der Gegensätze. Das „Seepferdchen“ am traumhaften Samoa-Strand ist bis Ende August ausgebucht; den letzten Slot der Sauna dort haben wir sofort gebucht. Business as usual, aber das Bruttoinlandsprodukt ist im 2. Quartal um 10,1 Prozent gesunken, die Krise, die größte Rezession der Bundesrepublik Deutschland ist längst da. Die Pleite des digitalen Vorzeige-Unternehmens Wirecard (es ist immer noch im DAX gelistet) ist nicht weniger irritierend. Der Finanzkonzern, der sein Geld u.a. mit der Abwicklung von Sex- und Glücksspielen machte, besteht aus 56 Companies. Warum davon nur eine geprüft wurde, verstehe, wer will. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Da hat Lenin einmal recht gehabt.

Dance or Die

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„Dirty Dancing“ als Kino-Erlebnis der ganz besonderen Art. © Rolf Hiller

Heute vor 10 Jahren endete die Love Parade in Duisburg in einer furchtbaren Katastrophe. Am Eingang kam es zu einem Gedränge, es entstand Panik in der Masse und 21 Menschen mussten sterben. Die Journalistin Jessica Westen war damals bei der Veranstaltung, hat den Prozess beobachtet, der in diesem Jahr wegen Verjährung (!) eingestellt wurde und mit Opfern und Angehörigen gesprochen.  Ihre Erlebnisse & Erfahrungen hat sie fiktionalisiert und in einem Roman aufgehoben. „Dance or Die“ ist im Emons Verlag erschienen, wurde heute medial sehr beachtet und hat bei einem sog. Versandhändler 23 Höchstbewertungen erhalten. Zitiert wurde in der Kulturpresseschau  in hr2 der Richter mit den Worten, es sei eine „Katastrophe ohne Bösewicht“ gewesen. Da hat er sicher recht. Dass aber niemand für diese Katastrophe zur Verantwortung gezogen werden konnte, ist ein ungeheuerlicher Skandal!

Dem aktuellen ARD-Deutschland-Trend zufolge sind 80% der Bürger*innen mit den derzeit geltenden Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie einverstanden. 20% scheinen um so mehr gefrustet zu sein und bilden ein Potenzial, das bereit ist zur Randale.  Am letzten Wochenende eskalierte die Situation auf dem Frankfurter Opernplatz. Polizisten wollten nach einer Schlägerei helfen – und wurden angegriffen. Alkohol, Frust und Testosteron wirken unheilvoll zusammen; es genügt ein Funke, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Diese diffuse Wut bekommen diejenigen ab, die unseren Staat repräsentieren: allen voran die Polizei, aber es gab & gibt ja auch immer wieder verstörende Angriffe auf Rettungsfahrzeuge und Feuerwehren. Der Kit unserer Gesellschaft beginnt zu bröckeln, obwohl (oder weil?) Deutschland bis jetzt so gut durch die C-Krise gekommen ist.

Aber es gibt keine Alternative. Wir müssen lernen mit diesem Virus zu leben – womöglich sogar noch längere Zeit. Noch vor einem Jahr gingen wir ins Freibad, wenn wir Lust hatten; heute müssen wir ein Zeitfenster buchen. Wir schauten uns Filme im Kino an und mussten keine Mücken vertreiben. Trotzdem war es klasse im Autokino: angenehmes Wetter, ein gut gelauntes Team und ein perfekter Service inkl. Frontscheiben-Reinigung. Nicht schöner hätten wir uns unseren ersten Besuch in einem Autokino vorstellen können. Zur Prime Time steht nur „Dirty Dancing“ auf dem Programm. Uns gefällt sogar diese Schmonzette, und wir kommen gerne wieder zu einem Kino-Erlebnis der ganz besonderen Art.

Zweierlei Maß

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Voller als in jedem Kino: unterwegs im ICE am letzten Sonntag.© Rolf Hiller

Einstieg am Berliner Gesundbrunnen. Wenn man mit der Bahn fährt, empfiehlt sich in diesen Zeiten, dort einzusteigen, wo der Zug eingesetzt wird. Schon ab Hauptbahnhof wird es voll, der ICE nach München via Frankfurt ist am Sonntagnachmittag sehr gut besetzt. Eigentlich ist alles wie immer, würden die Fahrgäste nicht alle Masken tragen (müssen). Warum im Staatsunternehmen Deutsche Bahn erlaubt ist, was in Kinos und Theatern verboten bleibt, kann man nicht nachvollziehen. Die Infektionsgefahr einer gut vierstündigen Fahrt mit immerhin sieben Zwischenstationen und entsprechend vielen Ein- und Ausstiegen wird offensichtlich anders bewertet als der Besuch eines Kinos, das wegen der strengen Abstandsregeln nur zu einem Viertel besetzt werden darf. Zum Ausgleich für das unbekannte Risiko der Fahrt muss ich mich in Frankfurt registrieren, ehe ich die kaum besetzte DB-Lounge betreten darf.

Mit Widersprüchen weiß der moderne Mensch zu leben, aber die Fragen werden drängender. „Muss es“, gab der Intendant der Komischen Oper kürzlich in einem Interview zu bedenken, „anderthalb Meter Abstand zwischen den Besuchern geben, oder reicht ein freier Sitz? Schließlich sind Züge und Flugzeuge ja auch voll. Nur ein Platz frei, dann aber mit Mundschutz – das würde uns schon enorm helfen!“ (FAZ, 02.07.20) Allenthalben wird eine machbare Perspektive angemahnt und fehlender Respekt beklagt. Bitter weist Marek Lieberberg, der Geschäftsführer von Live Nation und gewissermaßen das Aushängeschild der Veranstalterbranche, darauf hin, dass Markus Söder es bis dato nicht für nötig befand, ihm auf einen Brief aus dem Mai überhaupt zu antworten (FAZ, 15.07.20). „In Österreich (dort sind ab 01.09.20 wieder 10.000 Besucher in Stadien und 5.000 in Hallen erlaubt) gibt es bis ins Kanzleramt hinein mehr Verständnis und Bereitschaft, auf uns einzugehen, als in Deutschland.“

Aber König Markus von Herrenchiemsee treiben größere Dinge um. Im Stile französischer Präsidenten empfing er pompös die Kanzlerin und wird sich gewiss auch bei den Festspielen in Salzburg sehen lassen. Dort werden immerhin 80.000 Gäste erwartet – trotz Corona. Die ganze Welt ist gespannt, wie dieses Experiment ausgeht. Dagegen sind die Open-Air Clubkonzerte im Amphitheater Hanau 2020 eine sichere Sache, die Shooter Promotions nun doch noch veranstalten darf. Statt 1.400 dürfen nur 249 Plätze verkauft werden, aber viele Musiker machen trotzdem mit, allen voran Helge Schneider (25.08.), Konstantin Wecker (02.09.) und Willy Astor (04.09). Sie wollen endlich wieder auftreten, aber nicht „vor Autos“ ( Helge Schneider). Glück auf!

Prima Klima

 

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„It Wasn’t Us“ trifft auch auf die modular-monotone Einheitsarchitektur hinter dem Hamburger Bahnhof zu. Die Ausstellung von Katharina Grosse ist noch bis zum 10.01.21 zu sehen. © Rolf Hiller

Ein ganz normaler deutscher Sommer – bis jetzt. Keine Hitze- und Trockenperioden, dafür immer wieder Regen und angenehme Temperaturen. In Sachen globale Klimaerwärmung (in Sibirien wurden 38 Grad! gemessen) gibt dieses Wetter dennoch ebenso wenig Anlass zur Hoffnung wie der Rückgang der CO2-Emissionen in Folge der Corona-Pandemie. 1 Milliarde Tonnen wurden weniger ausgestoßen, der stärkste Rückgang seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Kehrseite der Medaille ist freilich die größte Wirtschaftskrise der letzten Jahrzehnte. Deutlich sichtbar wird das schon jetzt in der Reisebranche. Airlines müssen sich verkleinern und werden z.T. verstaatlicht, die Kalkulation der Flughäfen geht nicht mehr auf, und die Flugzeughersteller entlassen Tausende Mitarbeiter*innen.

Bei unserer Tour per Bahn und Rad haben wir Glück mit dem Wetter. Wir besuchen Freunde in einem kleinen Dorf in der Nähe von Rathenow. Sie entwickeln ihren Vierseithof immer mehr zu einem lebendigen Gesamtkunstwerk. Nach dem letzten heißen Sommer konnten sie dort so viele Weintrauben ernten wie noch nie. Wir machen uns mit 6 Gläsern Gelee auf die Heimreise; für die 86km brauchen wir bald zweieinhalb Stunden. Gleich am nächsten Morgen passieren wir schon wieder den Berliner Hauptbahnhof. Wir haben am Sonntagvormittag Karten für die Ausstellung „It Wasn’t Us“ von Katharina Grosse ergattert. Im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart, hat sie eine riesige Skulptur aus Styropor platziert und mit Farben besprüht. Katharina die Bunte hat draußen gleich weitergemacht und die Wände zu den Rieckhallen aufgepeppt. Das Publikum macht begeistert Selfies.

Da hat’s der Seehofer Horst schon schwerer. Immer wieder irritiert der Innenminister mit befremdlichen Einstellungen & Entscheidungen.  Eine Studie zum Racial Profiling bei der Polizei sei nicht nötig, weil es bei den „Freunden und Helfern“ überhaupt keinen Rassismus geben dürfe. Selbst der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Sebastian Fiedler, empörte sich darob – Seehofers Absage sei „peinlich“ und „schrappe am Intellekt“ (WDR). Dass Rechtsradikalismus und Rassismus einhergehen, will der Innenminister mit seinen erratischen Entscheidungen auch nicht wahrhaben. „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf!“ So endet das Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ von Christian Morgenstern. Hoffentlich hat der Seehofer Horst bald ganz viel Zeit, diese Verse zu lesen.

 

Das Spiel ist aus

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Mit „Faust“ eröffnet Die Dramatische Bühne das „Freilichtfestival“ in diesem Jahr. © Die Dramatische Bühne

Alle lieben die sogenannten Tante-Emma-Läden, aber keine*r geht hin. Nicht anders ist es mit der Liebe zu den Warenhäusern, und groß ist das Wehklagen, dass der Konzern Galeria Karstadt Kaufhof jedes zweite Geschäft schließen muss. Auf der Frankfurter Zeil wird die riesige Filiale im Zentrum der Fußgängerstraße dicht gemacht; es bleibt ja noch das Kaufhaus direkt an der Hauptwache. Aber auch andere Filialisten haben große Probleme, die durch die Corona-Pandemie noch forciert werden. Esprit wird jedes zweite Geschäft aufgeben (müssen), H&M schreibt rote Zahlen. Die Innenstädte werden öder, während der Online-Handel weiter floriert und natürlich auch von der sinnlosen Mehrwertsteuersenkung auf Zeit profitiert.

Derweil bereiten sich die Bühnen schon auf die neue Spielzeit vor – und stehen vor kniffligen logistischen Herausforderungen. Das Schauspiel Frankfurt kann von 800 Plätzen im Großen Haus nur 88 nutzen: für die Abonnenten und für den freien Verkauf. Die Komische Oper in Berlin kommt auf eine deutlich bessere Quote; man plant dort mit 344 Gästen statt 1.190 wie zu normalen Zeiten. Während diese Häuser dank öffentlicher Subventionen entspannt planen können, geht es bei den Veranstaltern längst um Leben und Tod. So musste der Cirque du Soleil Insolvenz anmelden und hat fast 3.500 Mitarbeiter*innen entlassen. Um so erfreulicher, dass Die Dramatische Bühne in diesem Jahr wieder im Frankfurter Grüneburgpark spielen darf; das „Freilichtfestival“ findet vom 17.07. – 30.08. statt. Hingehen und Theater erleben!

Beinahe wäre das Spiel für Schalke 04 zu Ende gewesen. Der Club mit dem dritthöchsten Umsatz der Bundesliga konnte nur durch eine Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gerettet werden und scheint wohl in diesem Bundesland systemrelevant zu sein. Der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies musste zurücktreten und kann sich jetzt ganz darauf konzentrieren, seinen Schweinestall auszumisten, sprich: den Arbeitern in seinen Fleischfabriken halbwegs anständige Verträge zu geben. Dabei wird ihm der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel nicht mehr mit Rat & Tat zur Seite stehen können. Sein üppig dotierter Vertrag, an dem es rechtlich nichts zu deuteln gibt,  wurde nach nur drei Monaten aufgelöst. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ (Bertolt Brecht).