Misswende

Wagners „Ring“: An der Deutschen Oper Berlin steht jetzt „Die Walküre“, der zweite Teil der Tetralogie, in der Regie von Stephan Herheim auf dem Programm. © Deutsche Oper Berlin

Wagnerianer wissen natürlich sofort Bescheid. „Misswende folgt mir, wohin ich fliehe“, beklagt Siegmund im Bühnenweihespiel „Die Walküre“ sein Schicksal. Die Welt ist aus den Fugen, die Tetralogie von Richard Wagner ist es auch. Im Juni gab es eine halbszenische Preview des „Rheingold“ auf dem Parkdeck der Deutschen Oper Berlin (die richtige Premiere ist am 12.06.21), jetzt folgte vor 770 Besucher*innen drinnen der erste Tag des Opus Magnum, an dem Wagner fast 25 Jahre gearbeitet hat. Nicht die Inszenierung von Stephan Herheim ist ein Wunder – dass die Aufführung überhaupt fünfmal auf die Bühne kam, ist ein Wunder. Denn alle Beteiligten wurden jeden Morgen getestet, und wäre nur eine*r positiv gewesen, hätte das gesamte Projekt abgesagt werden müssen. No risk, no fun. Und den hatte das Publikum auf jeden Fall, wenn es am Ende auch einige Buhs gab – den Wagner-Fans war es doch zu wenig weihevoll.

Natürlich „rechnet“ sich ein Opernabend erst recht nicht, wenn nur ein Drittel der Plätze belegt werden dürfen. Dafür habe ich noch nie so gut gesessen – genau in der Mitte des zweiten Parketts mit Maske, rechts, links und vor mir jeweils drei Plätze frei wg Corona. Die beiden langen Pausen waren genau geplant – wir mussten vorher im Bistro bestellen und einen Mindestumsatz garantieren. Spontan ist nichts mehr in Zeiten der Pandemie! Zum Glück können wir noch Karten für „The World To Come. Eine Berliner Festmesse nach Ludwig van Beethovens“ ‚Missa Solemnis'“ ergattern – das von Tilman Hecker erdachte Projekt klingt viel versprechend. Die Besucher*innen schreiten einen abgesteckten Parcours im Vollgutlager und im angrenzenden SchwuZ ab, laufen gewissermaßen durch den Berliner Rundfunkchor und können auf ihrem vierzigminütigen Weg auch Beethoven erleben, wenn wir denn gerade eine Passage erwischen und nicht von den Ordnern weitergescheucht werden. Schnell ist der Reiz der ungewohnten Location verflogen, schnell macht sich Unmut breit über diese läppische Rosstäuscherei.

Wie lange werden solche Events in Zeiten der Pandemie noch möglich sein, da die Zahl der Neuinfektionen einen neuen Höchststand erreicht hat. Natürlich wird jetzt mehr getestet als im Frühjahr, aber die Pandemie, die nie weg war, ist mit voller Macht zurück. Was tun? Gebetsmühlenhaft die AHA-Regeln beschwören, Auflagen verschärfen, kontrollieren – und Bußgeldbescheide auch vollstrecken. Dass ein Beherbergungsverbot für Touristen (nicht aber für Geschäftsleute!) weder epidemiologisch noch politisch sinnvoll ist, hat inzwischen auch der wendige König Markus aus Bayern erkannt. Dem ARD Deutschlandtrend zu Folge wollen zwei von drei Deutschen einheitliche und nachvollziehbare Regeln für den Umgang mit der Pandemie – da möchten die Bürger*innen abgeholt und mitgenommen werden, um mal den Sprech der Politik zu bemühen. Das Jugendwort des Jahres 2020 heißt übrigens „Lost“. Noch Fragen an die Menschen draußen im Lande?

Coromany

Nicht mal ein Dutzend Besucher*innen wollten im „Orfeo“ sehen, wie grandios Oliver Masucci das „Enfant Terrible“ Rainer Werner Fassbinder spielt. © Bavaria Filmproduktion

Was kost‘ das Virus. Das werden Volkswirtschaftler genau ausrechnen, im Moment wissen wir nur, was es kostet, wenn man/frau beim Besuch eines Restaurants falsche Angaben zur Person macht. Da im Sonderland Sachsen-Anhalt dazu keine Verpflichtung besteht, kostet es natürlich nichts, in Schleswig-Holstein sind 1.000 € fällig, in NRW 250 € und in allen anderen Bundesländern 50 € (alle Angaben ohne Gewähr). Nun sind Regeln erlassen und ihre Durchsetzung zwei paar Schuh‘. Inzwischen gelten in Corona-Risikogebieten wie Berlin und Frankfurt nächtliche Sperrstunden. Schon signalisieren Polizei und Ordnungsämter, sie können diese Regelung nur stichprobenhaft kontrollieren; allenthalben ist zu hören, dass Bussgeldbescheide gar nicht vollstreckt werden. So wird das nichts. Noch hat Deutschland weniger Fälle als beispielsweise die Niederlande oder Tschechien, aber die Zahlen der täglich gemeldeten Neuerkankungen steigen mit jedem Tag und werden weiter steigen.

Derweil beginnt die dunkle Jahreszeit mit Regen und Stürmen – „Herbst ist der Fachbegriff dafür“, so der Moderator Alexander Schmidt-Hirschfelder im Inforadio. An einem solchen Tag treffe ich mit einem ICE-Sprinter in Frankfurt ein. Noch darf ich reisen – aus geschäftlichen oder familiären Gründen ist das (noch) erlaubt. Für Touristen wird es nun aber auch in Deutschland schwierig; die Bundesländer erklären nach Gutdünken Städte oder zum Teil sogar Bezirke von Berlin zum Risikogebiet. Wer von dort kommt und beispielsweise in Schleswig-Holstein einen Urlaub gebucht hat, muss einen aktuellen C-Test vorweisen oder in Quarantäne. Geht’s noch ein bisschen kleinkarierter? Eine Mutter fragt sich allen Ernstes, ob ihre Tochter von Berlin-Mitte noch in den Bezirk Steglitz zur Schule fahren darf…

Ich betrete unser Bürohaus, in dem immerhin neun Firmen und Organisationen arbeiten, kurz nach 14 Uhr – keiner da nirgends. Ein merkwürdiges Gefühl. Früher war das Haus voll, immer trafen sich Leute in der großen Lichthalle auf einen Kaffee und ein Schwätzchen. Abends gehe ich umme Ecke ins „Orfeo“. Das Restaurant ist spärlich besetzt, nicht mal ein Dutzend Besucher*innen werden auf die 72 Plätze im angeschlossenen Kino verteilt. Dabei ist „Enfant Terrible“ von Oskar Roehler doch erst gestartet, seine Hommage an den größten deutschen Filmemacher durchaus sehenswert, auch wenn sie über das Klischee des pöbelnden, koksenden & saufenden Kotzbrockens nicht hinauskommt. Nach dem Kino ist das Restaurant schon leer – kurz vor 22 Uhr, als würde schon die Sperrstunde in Frankfurt gelten.

Gewissheiten

Allegorie der Irritation: Der Schiefe Turm von Pisa. © Gitti Grünkopf

Der Schiefe Turm von Pisa steht seit 1372. In Corona-Zeiten bekommen wir in der Altstadt unweit des Denkmals einen Parkplatz und steigen um 13 Uhr hinauf. Alle Besucher*innen müssen Masken und einen Abstandspiepser tragen. Kein Mensch weiß, wie und ob das Ding funktioniert; manchmal piepst es, meistens aber nicht. Der Aufstieg stellt alle lebenspraktischen Gewissheiten in Frage. Manchmal schwanke ich nach außen, dann wieder nach innen. An welcher Seite des Turmes bin ich gerade? Diese Irritation ist genauso faszinierend wie der herrliche Blick vom Glockenturm über Pisa. Was ist normal in der Pandemie? Was ist für uns schon neue Normalität geworden. Der Schiefe Turm hebt Erfahrungen auf und ist damit eine wunderbare Allegorie für das Ende von Gewissheiten.

Plötzlich stehen Geschäftsmodelle in Frage, gelten hybride Formen des Arbeitens als selbstverständlich, sind die Menschen weniger mobil und die Innenstädte leer. Viele dieser Änderungen werden bleiben, sind „normal“ geworden, ohne dass sich schon eine neue Normalität entwickelt hätte. Die AHA-Regeln wird es noch lange geben, und sie werden in Italien übrigens vorbildlich und ohne bizarre Demos sog. Querdenker umgesetzt. In den Supermärkten etwa trägt auch das Personal ganz selbstverständlich eine Mund-Nasen-Bedeckung. Die bitteren Erfahrungen des Frühjahrs haben sich in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben – die Regeln in Zeiten der Pandemie gelten und werden klaglos befolgt. Anders als in Deutschland, wo die Angabe falscher Personalien beim Besuch eines Restaurants oder einer Gaststätte jetzt unter Strafe steht. Gut so! Besser noch, wenn diese Vorschrift auch strikt kontrolliert wird. Dieses Bußgeld wird übrigens in Sachsen-Anhalt wieder nicht fällig – ein Hoch auf den deutschen Föderalismus!

Gewissheiten hat der noch amtierende amerikanische Präsident in einer Weise geschliffen, die ich vor vier Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Warum den Deal Maker in eigener Sache, dessen politische Bilanz einem Scherbenhaufen gleicht, überhaupt noch jemand wählt, verstehe, wer will. Jahrelang hat der Multimilliardär von Bankers Gnaden, der gerade in Corona-Quarantäne gegangen ist, 750 Dollar Steuern gezahlt – pro Jahr. Nicht bloß die Süddeutsche Zeitung ist konsterniert: „Donald Trump ist das öffentliche Wohl völlig egal. Die Allgemeinheit, der Staat, die Gesellschaft, all das schert ihn einen Dreck. Für ihn ist wichtig, dass er seinen Schnitt macht. Die Rechnung bezahlen am Ende die ‚kleinen Leute‘.“ (29.09.20) Am 3. November wird in Amerika gewählt. Vor vier Jahren hatte Hillary Clinton übrigens fast drei Millionen Stimmen mehr als Donald Trump, für den aber deutlich mehr Wahlleute votierten. Das Wahlsystem ist einfach kompliziert.

Die Siebengescheiten

Ein Menetekel nicht nur für Frankfurt: Das Grandhotel „Hessischer Hof“ und „Jimmys Bar“ müssen dichtmachen. © Anja Weigand-Döring

Die Langeweile hat bereits am ersten Spieltag begonnen. Der FC Bayern München fegte Schalke 04 mit 8 : 0 vom Platz; das Ergebnis hätte sogar leicht zweistellig ausfallen können. Interessant in der Bundesliga ist nur noch, wer absteigen muss, und da sind die Schalker, die durch Landesbürgschaft von NRW vor der Pleite gerettet wurden, allererste Wahl. Zuschauer waren in München, wo man/frau derzeit auch auf einigen öffentlichen Plätzen Masken tragen muss, nicht zugelassen. Die Großkopferten des Vereins verfolgten bräsig allein das Spiel – ohne Masken, obwohl man direkt nebeneinander saß. Gelegentlich ist immer noch von der Vorbildfunktion des Sports die Rede, aber das scheint nicht für die Führung der Bayern zu gelten. Peinlich!

Nicht weniger peinlich und ohne jeden Instinkt ist das schamlose Taktieren von ver.di. Sage & schreibe 4,8% mehr Lohn fordert die Gewerkschaft in einer Zeit, da die Krise immer konkreter zu spüren ist. Die Lufthansa will dauerhaft 150 Maschinen am Boden lassen, aus der Automobilindustrie sind bedrohliche Meldungen zu vernehmen, der Zulieferer Conti schließt ganze (rentable) Werke, kurzum viele Menschen bangen um Job & Zukunft. Niemand macht den vielbeschworenen Helden*innen des Frühjahrs, die etwa in Kitas, Krankenhäusern und Pflegeheimen schuften, eine Gehaltserhöhung streitig, aber im Öffentlichen Dienst arbeiten fast fünf Millionen Menschen, oft sehr kommod und kündigungssicher. Durch Warnstreiks die Gesellschaft ohne eigenes Risiko in Geiselhaft zu nehmen, ist in Corona-Zeiten besonders perfide, aber das ficht den selbstgerechten ver.di-Boss Frank Wernecke nicht an.

Vielleicht ist er ja schon einmal im „Hessischen Hof“ abgestiegen, als er in Frankfurt war. Das Grandhotel mit langer Tradition und in bester Lage unmittelbar an der Messe muss schließen. Wie ein Menetekel liest sich diese Meldung – wer braucht noch Hotels, wenn Touristen und Messebesucher ausbleiben. Diese Gäste sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in einer Stadt wie Frankfurt: sie besuchen natürlich auch Restaurants, kaufen ein und gehen in Konzerte. Bereits jetzt klagen viele Geschäfte & Lokale in der Innenstadt über spürbar weniger Frequenz, bereits jetzt mussten viele kleine Shops schließen. Die Folgen der Pandemie sind immer deutlicher zu spüren und werden sich in den Wintermonaten noch verstärken. Die Warnstreiks von ver.di deuten eine bedenkliche Entsolidarisierung der Gesellschaft an. Die Zukunft des „Corona-Wunderlands“ (Die Welt) Deutschland steht auf dem Spiel.

Gewinner

Eine Ausstellung der Boros Foundation mit ganz aktueller Kunst findet ab September im Berghain statt, dem berühmtesten Club der Welt. Das Banner stammt von dem thailändischen Künstler Rirkrit Tiravanija. © Karl Grünkopf

Das Berghain in Berlin ist ein Gesamtkunstwerk und gilt als der bekannteste Club der Welt. Natürlich bleibt auch diese Location in Zeiten der Pandemie für Party-People geschlossen, aber womöglich entwickelt sich aus einem Kunst-Projekt ein ganz neues Geschäftsmodell. Derzeit zeigt die Boros Foundation in dem alten Heizkraftwerk ganz aktuelle Kunst von Künstler*innen, die in der Hauptstadt leben und arbeiten. Die ersten Tix gehen weg wie warme Semmeln und wir sind froh, überhaupt noch einen Slot zu bekommen. Wann kommt ein „normaler“ Mensch schon ins Berghain? Der riesige Bunker mit seinen verschlungenen Treppen & Räumen und den Hinweisen auf seine einstige Funktion in der DDR fasziniert auch ohne Kunst. Womöglich wird der Club nach der Pandemie tagsüber als Baudenkmal öffnen, ehe nachts dann die Parties abgehen. Für Unmut in der Berliner Kunstszene sorgte die finanzielle Unterstützung dieses Projekts durch den Senat, der schlappe 250.000 Euro springen ließ.

Gewinnen möchte jede*r, und das Ritual nach Wahlen ist sattsam bekannt. Die Kommunalwahl in NRW am letzten Wochenende haben Die Grünen gewonnen, aber auch der Kandidat für den CDU-Vorsitz Armin Laschet erklärte sich rasch zum Sieger, obwohl seine Partei 3,2% im Vergleich zur letzten Wahl verlor. Dass sich auch die SPD durch ihren Ko-Vorsitzenden Nobert Walter-Borjans zum Gewinner (minus 7,1%) erklärte, grenzt an Realitätsverleugnung oder ist pure Verzweiflung. Einst holten die Genossen in Nordrhein-Westfalen satte Mehrheiten; heute freuen sie sich über 24,3% – eine Verbesserung im Vergleich zu den Europawahlen. Vom Kandidaten-Wumms eines Olaf Scholz – derzeit der beliebteste SPD-Politiker – war an Rhein und Ruhr gar nichts zu spüren.

Zumindest Zeit gewonnen hat die Stadt Frankfurt: auf der Zeil soll Karstadt erst Ende 2024 endgültig dicht gemacht werden (mehr dazu im Blog „Tote Stadt“ vom 14.08.20). Sollte es allerdings stimmen, dass der Eigentümer Signa dafür am Opernplatz höher bauen darf, macht die Stadt ein ganz schlechtes Geschäft. Das Hochhaus wird stehen, und die Probleme auf der Zeil bleiben. Eine Reurbanisierung dieser öden Einkaufsmeile durch die Städtischen Bühnen, wie es jetzt allenthalben angeregt wird, wäre eine echte Chance für Frankfurt. Markus Fein, der neue Intendant der Alten Oper für Frankfurt – so nennt sich das Konzerthaus neuerdings – ist jedenfalls voller Optimismus: „Ich glaube, der Gewinner der Krise wird nicht das Internet sein mit seinen digitalen Ersatzangeboten, sondern das Live-Konzert.“ Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Back to Live

Furioses Finale einer erfolgreichen Tour: viel Beifall für die Junge Deutsche Philharmonie in der Kulturkirche St. Elisabeth. © Gitti Grünkopf

Was für eine Begeisterung & Erleichterung am Ende einer kurzen Tour! Alles war gut gegangen auf der Reise durch Deutschland, und die Junge Deutsche Philharmonie aus Frankfurt spielt ein furioses Finale in der Kulturkirche St. Elisabeth in Berlin Mitte. Anfangs ist freilich keine Musik zu hören – das „Zukunftsorchester“ nähert sich der 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven nicht musikalisch. Wir erleben eine „Sinfonie der Stille“ und bekommen sogar Ohrstöpsel, um uns ganz auf Action Painting, Physical Theatre und Videos einzulassen. Spannend & unerhört. Nach der Stille geht das Orchester unter dem englischen Dirigenten Joolz Game furios zur Sache. Schneller haben wir die Siebte noch nie gehört, und besonders im Allegretto fehlen die abgründigen Nuancen. Lang anhaltender Applaus für die Musiker*innen, die das Werk auswändig und stehend gespielt haben.

Back to Live. Explizit unter diesem Fanal stand das Konzert von Helge Schneider tags zuvor. Der Veranstalter machte alles richtig: strikte Kontrollen am Eingang inkl. Scanner, Masken-Pflicht auf dem Weg zu den durchnummerierten Plätzen, kein Alkohol auf dem Gelände, nur 25% der 22.000 Plätze der Berliner Waldbühne durfen verkauft werden. So viele bekommt der Entertainer mit den dadaistisch-skurrilen Ansagen, der mit dem Gitarristen Henrik Freischlader und seinem 10-jährigen Sohn Charles am Schlagzeug unterwegs ist, aber nicht voll. Die Stimmung ist gut, aber nicht ausgelassen; das liegt sicherlich zum guten Teil an der zu großen Freilichtbühne. Der Weg zur Normalität ist noch weit, und die Veranstalter beklagen immer wieder zu Recht, dass die Politik ihnen keine Perspektiven aufzeigt und sie mit Desinteresse straft.

Am Mittwoch gab es in Berlin eine Großdemo der Veranstaltungsbranche; eigenen Angaben zu Folge macht sie 130 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, ist damit der sechstgrößte Player im Markt und hat rund 1 Million Menschen in Lohn und Brot. Während die TUI schon wieder ein Milliardendarlehen vom Staat bekommen hat, stehen die Veranstalter mit leeren Händen da – und weiterhin ohne Zukunftsperspektive, was noch viel bitterer ist. Um so hoffnungsfroher stimmt, dass der Frankfurter Jazzkeller wieder für 34 Gäste geöffnet hat. Der ewig optimistische Inhaber Eugen Hahn hat in ein Luftfiltergerät und Schutzwände aus Plexiglas investiert; der Laden war voll am letzten Wochenende. Das Frankfurter Schauspiel eröffnet heute Abend die neue Spielzeit: sinnigerweise steht „Wie es euch gefällt“ von Shakespeare auf dem Programm. 160 der insgesamt 700 Plätze dürfen derzeit besetzt werden. In NRW wären es mit der Schachbrett-Belegung 350. Dort wird am Sonntag gewählt; eigentlich nur Kommunalwahlen, aber es werden die ersten Corona-Wahlen sein.

Schach der Pandemie

Ein glanzvoller Auftakt in eine ungewisse Saison: die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko müssen vor dreiviertel leeren Rängen spielen. © Rolf Hiller

Endlich dürfen sie wieder spielen, aber alles ist anders in Zeiten der Pandemie. Wir können erst eine halbe Stunde vor dem Konzert in die Berliner Philharmonie und werden mit einem neuen Farbleitsystem zu unserem Block geführt. Bevor wir an unsere Plätze gebracht werden, bekommen wir noch ein Blatt zur Angabe unserer Personalien; selbstverständlich sind alle maskiert. Erst wenn die Musiker*innen die Bühne betreten haben, darf das Publikum die Masken ablegen. Es gibt keine Pause und keinen gastronomischen Service. Und wir haben Platz: nur ein Viertel der 2.250 Plätze darf belegt werden.

Dann endlich beginnt das langersehnte Konzert. Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko eröffnen diese ganz besondere Saison mit „Verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg in der Fassung für Streichorchester. Im Anschluss dann gleich Johannes Brahms‘ 4. Symphonie. Selten haben wir so ein konzentriertes Publikum erlebt – kein Mucks ist zu hören, wie gebannt verfolgen wir die traumschöne, vielschichtig nuancierte Musik, die man wahrer nicht spielen. Am Ende kommt noch einmal der Dirigent allein auf die Bühne; Krill Petrenko wirkt sichtlich gelöst und verbeugt sich nach allen Seiten. Ein verheißungsvoller Auftakt, der indes nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Konzerte mit so wenig zugelassenem Publikum sich nie & nimmer rechnen. Die Verluste wären kleiner, wenn die Gäste im Abstand von einem Meter in der sog. Schachbrettplatzierung sitzen dürfen. Das ist in Nordrhein-Westfalen erlaubt und wurde soeben mit Bravour bei den Salzburger Festspielen erprobt.

Wir werden mit dieser Pandemie leben müssen, und wir lernen jeden Tag dazu. Vor zwei Tagen zitierte „Bild“ den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei einem Auftritt in Bocholt mit den Worten: „Man würde mit dem Wissen von heute, das kann ich ihnen sagen, keine Friseure mehr schließen und keinen Einzelhandel mehr schließen. Das wird nicht noch einmal passieren.“ Es bleibt zu hoffen, dass die Hygiene- und Sicherheitskonzepte der Veranstalter von der Politik endlich anerkannt & unterstützt werden. Jede Bahnfahrt ist riskanter als jeder Besuch eines gesetzten Konzerts oder Theaterstücks! Derzeit erhitzt die Gemüter aber mehr ein anderes Thema: die Vergiftung des russischen Regimekritikers Nawalny. Zar Wladimir gilt übrigens als exzellenter Schachspieler. Warum hat er einer Verlegung von Alexei Nawalny nach Deutschland zugestimmt? Eine bewusste Provokation? Oder kannte Putin nicht die Details? Beunruhigend ist das allemal.

Bahn statt Bühne

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So ist’s recht. „Menschen und Gepäck“ heißt das Werk von Gerald Matzner im Skulpturengarten AVK. © Rolf Hiller

Anruf am Montag um 19h vom Chef von Shooter Promotions; er müsse eine schlechte Nachricht überbringen. Die Stadt Hanau habe die Corona-Maßnahmen verschärft: statt 250 Besucher*innen sind stante pede nur noch 100 (!) im Amphitheater zugelassen. Alle geplanten Konzerte müssen deshalb abgesagt werden. Normalerweise passen 1.400 Gäste sitzend unter das Zeltdach der Location, die aber nach den Seiten offen ist. Ursprünglich waren die von FRIZZ Das Magazin seit Jahren präsentierten Konzerte untersagt worden. Dann die überraschende Wende im Juli – die sog. Open-Air-Clubkonzerte dürften nun doch unter strengen Auflagen stattfinden. Pustekuchen. Das mit großem Engagement in kürzester Frist entwickelte Konzept wurde kurzerhand wieder kassiert. Wie man als Veranstalter in Corona-Zeiten überhaupt noch arbeiten & überleben soll, scheint die Politik überhaupt nicht zu interessieren. Gleichzeitig sind in Berlin noch Familienfeiern drinnen mit bis zu 500 (!) Gästen erlaubt.

Da kommt Freude auf, denn die Maßnahmen sind oft nicht mehr nachzuvollziehen und wechseln nach Lust & Laune, wie’s scheint, von Bundesland zu Bundesland. Nun soll hier keinem „Einheitsbrei“ (FAZ) das Wort geredet werden, aber eine „Corona-Kakophonie“ (Der Tagesspiegel) ist erst recht nicht zielführend (Testpflicht bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten). Als Kunde der Deutschen Bahn kann man über die Absage in Hanau nur ungläubig den Kopf schütteln. Neulich war ich von Köln nach Berlin unterwegs. Nach Wolfsburg zuckelte der ICE wie eine Schneckenpost durch die Lande und mir schwante nichts Gutes. Plötzlich bleiben wir auf freier Strecke stehen, alles muss heruntergefahren werden, natürlich auch die Klima-Anlage. Dann geht’s gemächlich weiter bis Stendal, wo die Passagiere des defekten Zugteils in den anderen „evakuiert“ (O-Ton) werden müssen. Abstandsregeln gelten ohnehin nicht bei der Deutschen Bahn, die nicht einmal ihre eigenen Fahrgäste personalisieren kann. Der Schaffner ermahnt uns aber beim Ausstieg im Berliner Hauptbahnhof, den wir mit über zwei Stunden Verspätung erreichen, die Abstandsregeln einzuhalten. Der Bursche hat Humor.

Es wird eben mit zweierlei Maß gemessen – als DB-Kunde wird mir selbstverständlich ein höheres C-Risiko zugemutet als im Theater, Kino oder Konzertsaal. Gestern bei der Runde der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin ging die Kakophonie munter weiter, da der Herbst Einzug hält in Deutschland – und naturgemäß das Infektionsrisiko steigt, nicht bloß für Corona übrigens. Zumindest konnte man sich bei Nichteinhaltung der Maskenpflicht auf eine einheitliche Regelung verständigen. Einen Fuffi kostet es ohne, allerdings nicht in Sachsen-Anhalt. „Weil jemand ohne Maske bei uns gar nicht mitfahren darf, brauchen wir auch kein Bußgeld“, verkündet Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Noch Fragen?

Tests for Music

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Endlich dürfen sie wieder konzertieren: die Künstlerische Leiterin von Krzyżowa Music Viviane Hagner (Violine), Pablo Barragán (Klarinette), Anna Maria Wünsch (Viola) und Alexey Stadtler (Violoncello) spielen eines der letzten Werke von Penderecki. © Karl Grünkopf

Positiv gestimmt & negativ getestet machen wir uns auf den Weg nach Krzyżowa. Dass dieses bemerkenswerte Kammermusik-Festival im früheren Kreisau heuer überhaupt stattfinden kann, grenzt an ein Wunder. Alle Gäste aus dem Ausland haben vorher einen Corona-Test gemacht; das gleiche gilt für die Künstler & Techniker. Per Kurier werden unsere Proben am Montag nach Hamburg gebracht; am Mittwoch um 7.32h haben wir eine Mail von Centogene im Postfach. Gespannt im Netz das Ergebnis aufgerufen – wir dürfen fahren. Was so einfach klingt, ist mit hohem logistischen & kommunikativen Aufwand verbunden. Immer wieder tauchen Fragen auf, die zum guten Teil vom General Director von Krzyżowa Music, Matthias von Hülsen, persönlich zu klären sind.

Das Eröffnungskonzert findet in diesem Jahr auf der großen Wiese vor dem Schloss in Krzyżowa statt. Eigens wurde eine Bühne aufgebaut, und die Tontechniker haben ganze Arbeit geleistet: der Sound ist hervorragend. Das Publikum wird in zwei Gruppen geteilt –  die Getesteten und die Maskierten. Wir bekommen ein Testbändchen und suchen uns einen Platz; alle Stühle sind im Abstand von einem Meter gestellt. Ein herrlicher Sommerabend, die Vögel zwitschern, und die Spannung konzentriert sich jetzt ganz auf die Musik. Auf die wunderbare Cello-Sonate von Beethoven (op. 102) folgt ein zartes Klarinetten-Quartett des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki (1933 – 2020), eines seiner letzten Werke von 1993, das ganz behutsam mit dem letzten Satz „Abschied“ schließt.

Mit Brahms endet der erste Abend, und wir werden Reihe für Reihe zum Büffet geleitet – bunte Fähnchen trennen die beiden Gruppen. Alles ist nach Plan verlaufen, die Musiker*innen, die zum Teil das erste Mal seit März wieder vor Publikum gespielt haben, wirken wie befreit – allenthalben ist Erleichterung zu spüren. Aber unsere Gedanken & Gespräche kreisen auch schon wieder um die Pandemie, denn morgen steht der nächste Testlauf an. Im Gästehaus an der berühmten Friedenskirche von Świdnica, wo wir wieder untergekommen sind, teile ich noch Mundspatel aus, die ich in der Apotheke besorgt hatte. Wenn wir das nächste Test-Ergebnis von Centogene – übrigens ein ganz wichtiger Partner des Festivals – bekommen, sind wir vielleicht schon wieder in Deutschland. Mit positiven Erinnerungen an eine denkwürdige Reise zur sechsten Auflage von Krzyżowa Music.

Tote Stadt

 

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Krise in der Frankfurter City: neben Karstadt müssen auch andere Häuser schließen. © Rolf Hiller

Zum letzten Mal fahre ich in das Parkhaus von Karstadt. Das riesige Kaufhaus mit 38.000 qm Verkaufsfläche mitten auf der Zeil in der Frankfurter Innenstadt wird geschlossen. Der Ausverkauf läuft, doch der Andrang der Kund*innen hält sich in Grenzen – deprimierende Endzeitstimmung. Im Shopping-Center „My Zeil“ – ein paar Meter von Karstadt entfernt – stehen die Ladenflächen von AppelrathCüpper wohl zur Disposition; der Modehändler durchläuft gerade ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Beschlossene Sache ist dagegen das Ende von Esprit – das Modehaus macht seine vier Etagen auf der Zeil dicht. Doch damit nicht genug: Karstadt Sports an der Hauptwache macht auch zu, das Café Hauptwache in bester Citylage ist pleite. Ins traurige Bild passt, dass der Club Gibson auf der Zeil und die E-Kinos an der Hauptwache wegen Corona derzeit geschlossen sind.

Die Gründe für die Krise des Einzelhandels, die sich so dramatisch auf der umsatzstärksten Einkaufsstraße Deutschlands mit der höchsten Besucherfrequenz ausdrückt, sind bekannt. Gegen den Onlinehandel kommen die Dickschiffe nicht mehr an, es fehlen (nicht nur) in der Frankfurter Innenstadt (chinesische) Touristen, Messegäste und natürlich die Leute, die nicht mehr in den Büros in der City, sondern zu Hause arbeiten. Was ist zu tun? Den Optimismus von sog. Projektentwicklern teile ich nicht; die Experten empfehlen eine Mischung aus Wohnnutzung und kleineren Ladenkonzepten. Jede Krise ist eine Chance. Dieses Wort wird in der Pandemie gerne bemüht, und vielleicht bietet der kommerzielle Kahlschlag auf der Zeil eine unverhoffte Möglichkeit, das Zentrum in Frankfurt zu urbanisieren. Bekanntlich lassen sich Oper & Schauspiel nicht mehr sanieren – die Häuser müssen abgerissen und neu gebaut werden. Warum nicht auf der Zeil? Warum nicht ein architektonisch markantes Zeil-Theater für die beiden Sparten als Symbol für die Wiederbelebung der Innenstädte durch Kultur und für Menschen?

Der Ticket-Automat in der ersten Ebene des Parkhauses ist kaputt, und ich muss weiter hinauf. Im dritten Stock klappt es. Weder dort noch in der vierten oder fünften Etage parkt ein Auto! Keine Kunden nirgends. Ich denke an die Freunde von der SPD. Die Parteivorsitzende Saskia Esken bringt ein Linksbündnis ins Gespräch. Tags darauf präsentiert „die alte Tante“ Olaf Scholz als Kanzlerkandidaten; der Bundesfinanzminister wird dem rechten Flügel zugerechnet, macht derzeit einen guten Job und ist der beliebteste Politiker seiner Partei. Den Projektentwicklern der deutschen Sozialdemokratie ist indes schon lange das politische Gespür abhandengekommen. Wozu braucht diese 15%-Partei jetzt überhaupt schon einen Kanzlerkandidaten?