Gewissheiten

Allegorie der Irritation: Der Schiefe Turm von Pisa. © Gitti Grünkopf

Der Schiefe Turm von Pisa steht seit 1372. In Corona-Zeiten bekommen wir in der Altstadt unweit des Denkmals einen Parkplatz und steigen um 13 Uhr hinauf. Alle Besucher*innen müssen Masken und einen Abstandspiepser tragen. Kein Mensch weiß, wie und ob das Ding funktioniert; manchmal piepst es, meistens aber nicht. Der Aufstieg stellt alle lebenspraktischen Gewissheiten in Frage. Manchmal schwanke ich nach außen, dann wieder nach innen. An welcher Seite des Turmes bin ich gerade? Diese Irritation ist genauso faszinierend wie der herrliche Blick vom Glockenturm über Pisa. Was ist normal in der Pandemie? Was ist für uns schon neue Normalität geworden. Der Schiefe Turm hebt Erfahrungen auf und ist damit eine wunderbare Allegorie für das Ende von Gewissheiten.

Plötzlich stehen Geschäftsmodelle in Frage, gelten hybride Formen des Arbeitens als selbstverständlich, sind die Menschen weniger mobil und die Innenstädte leer. Viele dieser Änderungen werden bleiben, sind „normal“ geworden, ohne dass sich schon eine neue Normalität entwickelt hätte. Die AHA-Regeln wird es noch lange geben, und sie werden in Italien übrigens vorbildlich und ohne bizarre Demos sog. Querdenker umgesetzt. In den Supermärkten etwa trägt auch das Personal ganz selbstverständlich eine Mund-Nasen-Bedeckung. Die bitteren Erfahrungen des Frühjahrs haben sich in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben – die Regeln in Zeiten der Pandemie gelten und werden klaglos befolgt. Anders als in Deutschland, wo die Angabe falscher Personalien beim Besuch eines Restaurants oder einer Gaststätte jetzt unter Strafe steht. Gut so! Besser noch, wenn diese Vorschrift auch strikt kontrolliert wird. Dieses Bußgeld wird übrigens in Sachsen-Anhalt wieder nicht fällig – ein Hoch auf den deutschen Föderalismus!

Gewissheiten hat der noch amtierende amerikanische Präsident in einer Weise geschliffen, die ich vor vier Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Warum den Deal Maker in eigener Sache, dessen politische Bilanz einem Scherbenhaufen gleicht, überhaupt noch jemand wählt, verstehe, wer will. Jahrelang hat der Multimilliardär von Bankers Gnaden, der gerade in Corona-Quarantäne gegangen ist, 750 Dollar Steuern gezahlt – pro Jahr. Nicht bloß die Süddeutsche Zeitung ist konsterniert: „Donald Trump ist das öffentliche Wohl völlig egal. Die Allgemeinheit, der Staat, die Gesellschaft, all das schert ihn einen Dreck. Für ihn ist wichtig, dass er seinen Schnitt macht. Die Rechnung bezahlen am Ende die ‚kleinen Leute‘.“ (29.09.20) Am 3. November wird in Amerika gewählt. Vor vier Jahren hatte Hillary Clinton übrigens fast drei Millionen Stimmen mehr als Donald Trump, für den aber deutlich mehr Wahlleute votierten. Das Wahlsystem ist einfach kompliziert.

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