So nah, so fern

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Wo bitte geht‘s zur Kunst? Der Maler Torsten Schlüter weist hier auf seine Ausstellungen hin. © Karl Grünkopf

„Der Sommer auf der Insel Hiddensee war für viele aus der Hippie-, Künstler- und Jugendszene der Inbegriff der Freiheit. (…) Die Republikflucht auf Zeit hatte begonnen.“ Voller Freude stoße ich auf diese Sätze in meiner Urlaubslektüre „Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ (Suhrkamp) von Steffen Mau. Der Soziologe an der Berliner Humboldt-Universität analysiert  in seinem lesenswerten Buch die „gesellschaftlichen Frakturen“ Ostdeutschlands und unterfüttert seine Erkenntnisse mit persönlichen Erfahrungen. Mau wuchs in der Plattenbausiedlung Lütten Klein in Rostock auf, streut aber keine persönlichen Anekdoten über Hiddensee ein. Noch immer zehrt „dat söke Länneken“ vom alten Mythos, noch immer lebt die Insel von ihrer Geschichte als Künstlerkolonie. Gerhart Hauptmann hatte hier seinen Sommersitz, Asta Nielsen und Ringelnatz zieren Postkarten, Maler*innen wie Henni Lehmann sind vom Licht fasziniert; Torsten Schlüter öffnet seinen 34. Kunstgarten übrigens am 30. Juni.

Entschleunigung ist auf Hiddensee keine Marketingfloskel, kaum sind wir auf der Fähre wird die Reise gemächlicher. Auf der Insel sind wir dann nur zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Heuer ziehen die Tage noch ruhiger dahin, denn es gibt wg Corona kaum Veranstaltungen. Immerhin kommen wir das erste Mal seit der Berlinale überhaupt ins Kino. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Von den vielen geplanten Filmen sind zwei geblieben: „Fisherman‘s Friends“ und „Das perfekte Geheimnis“. Das Zeltkino bietet nur noch 30 Plätze, der Ablauf (Personalien angeben) ist genau geregelt und wird zur Eröffnung vom ehrenamtlichen Bürgermeister Thomas Gens überwacht, der tagsüber auf seinem Kutter Fischbrötchen verkauft. Er wurde im letzten Jahr mit 55% der Stimmen wiedergewählt; Vorwürfe gegen ihn wegen einer vermeintlichen Stasi-Vergangenheit konnten nicht abschließend geklärt werden.

Obwohl es nur ein paar Kilometer bis zum Festland sind, wirkt das Leben auf der Insel seltsam entrückt. Wir erleben keinen Ansturm von Touristen über Pfingsten. Zwar werden die Verhaltensregeln wg der Corona-Pandemie hier genauestens befolgt, aber ansonsten bekommen wir nicht viel mit von der Welt. Alles scheint weiter entfernt, obwohl wir natürlich die Nachrichten hören und die FAZ und den Tagesspiegel bekommen. Ähnlich muss es den Menschen einst auf dieser Insel gegangen sein – sie hatten ihr Leben hier und die Nachrichten waren schon überholt, als sie eintrafen. Das gilt heute natürlich so nicht mehr, aber doch scheint alles weiter weg zu sein: das Chaos in Amerika, die Wirtschaftskrise, das Konjunktur-Paket. Heute morgen dann eine Meldung von hohem Symbolgehalt: die Lufthansa wird im DAX von der Deutsche Wohnen ersetzt. Draußen zwitschern die Vögel.

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