Lebbe geht weider

Joachim Meyerhoff in „Das Leben des Vernon Subutex 1“ von Virginie Despentes in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier an der schaubühne. © Thomas Aurin

Was haben Corona und Fußball gemein? Jede:r hat eine Meinung dazu, jede:r kann dazu eine Geschichte erzählen; allerdings gibt die Pandemie derzeit natürlich mehr her. Letzte Woche waren wir zu einer Geburtstagsfeier in Brandenburg eingeladen, bei der schon wieder 70 Personen erlaubt waren! Wie früher üblich streckt mir ein Gast seine Hand entgegen – und ich schüttele sie, wie das eben immer so war. Seit über einem Jahr habe ich das nicht mehr getan und wollte es mir ganz abgewöhnen. Die anderen Hände der munteren Runde erwidere ich mit einer leichten Verbeugung. Zwar sinken die Inzidenzen derzeit erfreulich, aber die Pandemie ist noch längst nicht vorüber; das Virus und seine tückischen Varianten werden nie wieder verschwinden. Aber bald brauchen wir keine Testzentren mehr, mit denen sich einige eine goldene Nase verdient haben. Einer hat in Offenbach seine vier gut laufenden Restaurants endgültig dicht gemacht, Stationen für Schnelltests eröffnet; angeblich ist er jetzt Millionär.

So wendig ist Vernon Subutex nicht. Er muss seinen Plattenladen in Paris aufgeben, verliert seine Wohnung und laviert sich irgendwie durch. Joachim Meyerhoff, in seiner ersten großen Rolle an der schaubühne, spielt diesen Absteiger erstaunlich zurückhaltend und gelassen; sein Schicksal wird ausgestellt, berührt aber nicht einen Moment. Der Regisseur Thomas Ostermeier hat diesen französischen Romanbestseller von Virginie Despentes aus dem Jahr 2015 auf die Bühne gebracht und verliert sich oft in dessen Verzweigungen. Wir erleben in vier langen, allzu langen Stunden die schonungslose Bestandsaufnahme einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich zynisch eingerichtet hat im Job wie im Leben, in der Drogen genauso dazugehören wie Pornographie. Im Theater fügt sich dieses düstere Panoptikum nicht zu einem Reigen; die Szenen, häufig unterbrochen von Live-Musik, stehen für sich. Womöglich ist dieser Ansatz sogar schlüssig: es gibt keinen Zusammenhalt, keine Hoffnung mehr. Dem Publikum (aktueller Schnelltest, Schachbrett-Platzierung im Saal, Maskenpflicht) ist’s gerade recht. Vor dem geordneten „Auslass“ gibt es für dieses Kaleidoskop herzlichen Beifall.

Nach der Heimkehr vom ersten Theaterabend des Jahres schauen wir sofort nach unserer Amsel vor dem Küchenfenster. Selma „kennt“ uns inzwischen und brütet seelenruhig weiter. Am Montag dann schlüpft das erste Amselchen – ein vollkommen hilfloses, kleines Tierlein mit riesigen Augen, die wohl nicht mehr wachsen, und sichtbaren Herzschlägen. Wunder der Natur! Tags drauf ist das nächste winzige Vöglein da, dann ist das fünfte Ei verschwunden, und am Mittwoch hat Selma schon drei Küken zu versorgen. Plötzlich fehlt der Nachzügler, das vierte Ei liegt noch immer im perfekt getarnten Nest. Vielleicht bringen Selma und ihr schwarz gefiederter Gatte Selmo immerhin zwei Küken durch, die erst nach 18 Tagen fliegen können und insgesamt nur eine Chance von 30% haben, das erste Jahr zu überleben. Wenn es nicht klappt, legt sie wieder Eier (bis zu drei Mal im Jahr). „Lebbe geht weider“, sagte der Frankfurter Fußballphilosoph Dragoslav „Stepi“ Stepanović einmal, als seine Eintracht knapp den Titel verfehlte. Wer wollte ihm da widersprechen?

Ein Kommentar zu „Lebbe geht weider

  1. Dass Ihr merkwürdige unverständliche Kulturereignisse besucht, interessiert mich nur am Rande. Vielmehr bewegt mich Selmas Leben und ich bitte Euch dringend, uns auf dem Laufenden zu halten, wie ihr Blumenkasten-Familienleben weiter geht. Eine wunderbare Geschichte!

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