Unsicherheit

Ein Konzertraum mit einer ganz besonderen Atmosphäre: der Piano Salon Christophori in Berlin. © Rolf Hiller

Es dauert eine Weile, bis wir alle drin sind. Die Impfnachweise werden wie gewohnt digital auf den Smartphones kontrolliert, Namen und Adresse schreibe ich dann aber analog auf einen Notizzettel. Im Piano Salon Christophori ist vieles anders als an anderen Orten, wo Konzerte mit Kammermusik und gelegentlich Jazz stattfinden. In einer Fabrikhalle findet sich ein Sammelsurium unterschiedlicher Dinge, die nach einem geheimen Plan geordnet sind: Gehäuse und Teile von alten Flügeln, Bilder, Schallplatten und Fundstücke aller Art, die eine einzigartige Atmosphäre in diesem nüchternen Funktionsbau schaffen. Miriam Helms Åliens (Violine), Alexey Stadler am Cello und der Pianist Robert Neumann spielen Mendelssohns Klaviertrio Nr. 1 und nach der Pause das zweite Klaviertrio von Schostakovich. Dieses Werk entstand 1944 und ist (auch) ein schmerzhaftes Andenken an einen Freund, der mit 41 Jahren überraschend starb. Das Trio, das sich übrigens beim Festival Krzyżowa Music kennengelernt hat, spielt überwältigend.

Noch immer gebannt verlassen wir den Piano Salon – zurück in unsere allherrschende Unsicherheit.über den Stand & Fortgang der Pandemie. Die täglichen Zahlen sind bedrückend, die politische Bewältigung der Krise ist es nicht minder. Ist die Ampel-Koalition wirklich erst einen Monat im Amt? Längst ist die Aufbruchstimmung verflogen. Das leidige Thema Impfpflicht irritiert und nervt gleichermaßen. Der Gesundheitsminister Karl Lauterbach ist natürlich dafür, verhält sich aber „neutral“; das scheint auch die Position von Olaf Scholz zu sein. Beide scheuen eine eigene Gesetzesvorlage – weil es dafür keine Kanzlermehrheit gibt. Bekanntlich ist mit der FDP, die in der Regierung derzeit den Ton angibt, eine Impfpflicht nicht zu haben. Die FAZ diagnostiziert ein „Kuddelmuddel“: „Der wahre Grund, die Abstimmung innerhalb der Fraktionen ‚freizugeben‘, sind weder Gewissensfragen noch Orientierungsschwierigkeiten. Der Kanzler hat in der Sache einfach keine eigene Mehrheit. Die FDP lief ihm von der Fahne. Christian Lindner machte keine Anstalten, die Reihen im Sinne von Scholz zu schließen.“ (13.01.22)

Ob ein bisschen Poesie aus dem Parlament helfen würde? Plötzlich macht ein befremdlicher Vorschlag die Runde: der deutsche Bundestag solle einen Verseschmied oder eine Verseschmiedin bestellen. Die stellvertretende Vizepräsidentin des Parlaments, Katrin Göring-Eckhardt, hat diese Schnapsidee begeistert aufgenommen. Nun dräut ein neues Ampel-Biedermeier, inspiriert sicher von der amerikanischen Lyrikerin Amanda Gorman, die zur Amtseinführung von Joe Biden pathetische Worte deklamierte – zum Glück auf Englisch. Vielleicht hätte der oder die hiesige Politpoet:in in der aktuellen Verunsicherung einen Filmtitel von Alexander Kluge moduliert: In Gefahr und größter Not bringt die Laviererei den Tod. Apropos Kino. Die Berlinale, das größte Publikumsfestival der Welt, soll in diesem Jahr im Zeichen von Omikron wieder stattfinden. Mit Masken- und Testpflicht nach aktuellem Stand und noch mehr Geld vom Bund. Wir haben es ja (noch).

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