
“Ich lebe im Theater”, stellt Mephisto einmal in dem gleichnamigen Stück der Münchner Kammerspiele fest. “Roman einer Karriere” hat Klaus Mann sein Werk genannt, das er bereits 1936 geschrieben hat, in dem er das Leben von Hendrik Höfgen erzählt. Dieser Schauspieler, nach dem Vorbild Gustav Gründgens gezeichnet, laviert sich durch die NS-Diktatur. Jette Steckels Inszenierung an den Münchner Kammerspielen spielt geschickt mit dem Theater im Theater und bricht und unterbricht immer wieder die Erzählperspektiven. Nur verflacht sie durch unnötige Aktualisierungen den brandaktuellen Gehalt des Romans. Thomas Schmauser gibt den Mephisto allzu oft als charakterschwachen Hanswurst, der einknickt, wenn es gilt, für seine Überzeugungen einzustehen. Für seine Rolle erhielt er die Auszeichnung “Schauspieler des Jahres” (Theater heute) und einige Preise; uns kann er allerdings nicht überzeugen. Gründgens war charismatisch – ein kalter Opportunist, der bis zuletzt an die Kunstfreiheit zu glauben schien. Seine Frau im Theaterstück geht nach Amsterdam in den Widerstand, ein Kollege ist nicht bereit, seine Überzeugungen zu verraten. Standing Ovations.
Für das Berliner Theatertreffen wählte eine siebenköpfige Jury die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der letzten Spielzeit aus – aus insgesamt über 700 Produktionen! Auffällig bei dieser Ausgabe, dass nur zwei originäre Theaterstücke auf dem Spielplan zu finden sind. Auch Fräulein Else basiert auf einer Erzählung von Arthur Schnitzler und wird hier von der Regisseurin Leonie Böhm mit Julia Riedler auf die Bühne gebracht. Meisterhaft hat der österreichische Schriftsteller in einem inneren Monolog Elses Ringen um einen Ausweg geschildert. Sie soll sich für Geld vor einem reichen Kunsthändler ausziehen, um so ihren verschuldeten Vater vor dem Gefängnis zu bewahren. Julia Riedler sucht sich erst einmal einen Platz im Zuschauerraum und plaudert mit Besucher:innen. Später auf der Bühne nimmt sie schlagfertig ihr Publikum immer wieder mit – der innere Monolog wird zu einer kollektiven Auseinandersetzung. Am Ende gelingt es Leonie Böhm und Julia Riedler Elses Ambivalenzen zu unseren zu machen; selbst der alte Lüstling bekommt Zweifel und stellt seinen Chauvinismus in Frage. Fräulein Else als weibliches Empowerment. Begeisterter Applaus.
Diese beiden Produktionen sind mit ihrem Ansatz auf der Höhe der Zeit. Überall sind national-autoritäre Kräfte auf dem Vormarsch, die den gesellschaftlichen Fortschritt zurückdrehen wollen. Es wird auf jede und jeden ankommen, Haltung und Rückgrat zu beweisen, nicht nur im Theater. Der aktuelle ARD-DeutschlandTREND fällt alarmierend aus: aktuell würden 27% die AfD wählen, die CDU käme auf 24%, die SPD auf 12%. Und nun geraten auch noch die öffentlichen Finanzen weiter unter Druck: allein für 2026 sollen die Einnahmen für Bund, Länder und Gemeinden um 17,8 Milliarden Euro einbrechen. Noch alarmierender sind die letzten Umfragen aus Sachsen-Anhalt. Dort liegt die AfD mit 41% vor der CDU mit 26%, Linke 12%, SPD 7%. Im Programm für die Landtagswahl am 06.09.26 fordert die rechtsextreme Partei mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund u.a. die Streichung der Klimaziele und die Abschaffung aller Russland‑Sanktionen, die Remigration und eine mögliche Aufhebung der Schulpflicht. Die Fragen aus “Mephisto” stellen sich bitterernst in der Wirklichkeit.
