Müdigkeit in Zeiten der Pandemie

Erst wägen, dann wagen. Im Film „Ich bin Dein Mensch“ kann eine Wissenschaftlerin (Maren Eggert) dem humanoiden Roboter Tom auf Dauer nicht widerstehen; für Ihre Rolle erhielt die Schauspielerin einen Silbernen Bären. © letterbox Filmproduktion

Überraschung! Per Zufall stoße ich in der Zeitung auf den Hinweis, dass die legendäre Corona-Warn-App nun auch auf älteren I-Phones läuft. Meines ist schon zehn Jahre alt und funktioniert noch tadellos; nur einmal habe ich die Batterie wechseln lassen. Rasch ist die App heruntergeladen, und nun nutze ich sie und schaue mir die aktuellen Zahlen an, die aber auch dauernd im Radio durchgegeben werden. Niemand hört mehr genau hin, die meisten haben die App schon fast vergessen. Heute meldet sie immerhin 1.280 „Warnende Personen“; meine letzten Einkäufe waren aber ungefährlich, obwohl in den Supermärkten die Abstandsregeln notorisch verletzt werden. Noch immer wissen wir in 75% aller Fälle nicht, wo die Infektion stattgefunden hat, und die wackeren Mitarbeiter*innen in den Gesundheitsämtern hecheln dem Geschehen telefonisch hinterher.

Das bereitet zunehmend Frust & Verdruss, sodass der Berliner Tagesspiegel befand: „‚Pandemie-Müdigkeit ist das Wort der Stunde.“ (04.03.21). Zur schlechten Stimmung im Lande trägt zu einem guten Teil die miserable Kommunikation bei. Der Inzidenzwert von 35, zuletzt das Goldene Kalb der Politik, wurde sang- und klanglos kassiert. Dafür erfahren die Apotheker*innen aus dem Radio, dass sie ab Montag Schnelltests anbieten können. Haben sie dafür überhaupt Platz & Personal, wie wird diese Leistung vergütet und abgerechnet, wie kann ein Test-Hopping verhindert werden? Fragen über Fragen. Als es im Dezember plötzlich kostenlose FFP2-Masken gab, kamen die Leute von weither, um sich in den Apotheken unseres Viertels einzudecken. Zum Glück bietet Aldi ab morgen Selbsttests an – das wird den umtriebigen Gesundheitsminister Jens Spahn und seinen glücklosen Kollegen aus dem Wirtschaftsressort Peter Altmaier freuen, die beide im letzten ARD-DeutschlandTrend kräftig abgewatscht wurden.

Sang- und klanglos ging der erste Teil der 71. Berlinale zu Ende, der ausschließlich für Insider aus der Branche und für Journalisten*innen zugänglich war. Die Preise wurden digital verkündet, die feierliche Verleihung folgt im Juni beim zweiten Teil mit Publikum. Den Goldenen Bären gewann der rumänische Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“, eine drastisch-plakative Satire über Doppelmoral, den Silbernen Bären für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle gewann Maren Eggert in der Romantic Comedy „Ich bin Dein Mensch“ von Maria Schrader, die von der Kritik freundlich bewertet wurde und hoffentlich bald in den Kinos gezeigt werden darf. Schon vor der Pandemie hatte sich der englische Posaunist Chris Barber von der Bühne zurückgezogen; jetzt ist er im Alter von 90 Jahren gestorben. Er hat als weißer (!) Musiker dem Jazz in seiner Heimat zum Durchbruch verholfen. Zum Glück ist die dogmatische Identitätspolitik noch nicht darauf verfallen, den Jazz ausschließlich für die afroamerikanische Kultur zu reklamieren. Zuzutrauen wäre es ihren Hardlinern allemal.

Wildes Gekläffe

Da darf schon lange niemand mehr hinein. © Rolf Hiller

Erst nachdenken, dann noch einmal nachdenken und dann den Mund halten. Das war einer der halb ironischen Sprüche meines Kunstlehrers auf dem Mainzer Gutenberg-Gymnasium. Gründlich nachdenken und dann erst verkünden schadet indes nie, wie es wieder einmal Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in dieser Woche erfahren musste. Vollmundig hatte er versprochen, dass sich jede*r ab dem 1. März kostenlos testen lassen könne, u.a. in Apotheken, die sich dazu überhaupt nicht in der Lage fühlen. Wer wollte es dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) verdenken, dass ihm auf einer internen Veranstaltung seiner Partei der Geduldsfaden riss. Er erwarte beim nächsten Bund-Länder-Treffen am kommenden Mittwoch ein „furchtbares Durcheinander, ein wildes Gekläffe – vom Kanzleramt bis nach Bayern und zurück, und am Ende Herr Drosten und Herr Wieler und die Leute werden wahnsinnig“. Bravo! Solche Worte hätten wir von einem Merkel-Vertrauten beileibe nicht erwartet. Bouffier hat den weit verbreiteten Frust im Lande auf den Punkt gebracht – alles scheint bei uns langsamer zu gehen: Impfen, Testen, Öffnen und Digitalisieren.

Je genauer man hinschaut, um so mehr irritiert das Durcheinander. Millionen Dosen des Impfstoffs von AstraZeneca liegen irgendwo in Kühlschränken herum, weil über dieses Vakzin (unwahre) Vorurteile kursieren. In Israel stellen sich die Leute abends vor den Zentren an – und werden dann mit dem am Tage nicht gebrauchen Stoff geimpft. Das wäre hierzulande undenkbar. Wenn die C-Krise eines lehrt, dann ist es, flexibel auf neue Situationen zu reagieren. Dass Schüler*innen im Wechselunterricht vormittags getrennt werden und dann nachmittags im Hort miteinander herumtollen, vermag niemand nachzuvollziehen. Oder doch? Schulen sind Ländersache, Horte unterstehen den Kommunen. Dabei treibt der Föderalismus in den Zeiten der Pandemie allein schon seltsame Blüten. In Sachsen findet trotz hoher Inzidenzen in den Klassen ein normaler Unterricht ohne Masken statt, in Meck Pom machen am 1. März – also zwei Tage vor dem nächsten Corona-Gipfel – die Gartenmärkte wieder auf und die Kosmetiksalons. Wer behält bei diesem „furchtbaren Durcheinander“ noch den Überblick?

Derweil plant das Rheingau Musik Festival vom 26.06. – 05.09. die nächste Saison mit 192 Konzerten, unbeeindruckt von der pandemischen Kakophonie. Großartig! Und auch die Berlinale lässt sich nicht unterkriegen. Heuer zerfällt das „größte Kulturereignis Berlins, wenn nicht Deutschlands“ (Tagesspiegel) in zwei Teile. Vom 1. bis 5. März wird eine digitale Plattform für die Branche angeboten, zu der ansonsten nur Kritiker*innen zugelassen sind; es gibt den Wettbewerb und einige Reihen. Das Publikumsfestival – ganz wichtig bei der Berlinale – soll dann vom 9. bis 20. Juni stattfinden. Erstmals wird in diesem Jahr ein genderneutraler Preis für die beste schauspielerische Leistung vergeben. Es gibt also nur einen Silbernen Bären für die beste Schauspielerin oder den besten Schauspieler. Da kommt noch mehr Vorfreude auf!

Mona Lisa beim Frisör

Würde auf dem Kopf reicht nicht. Photo by Yaroslav Danylchenko on Pexels.com

Den 1. März wollen wir uns rot anstreichen im Kalender: die Frisöre dürfen uns dann unsere Würde wiedergeben und jede*r darf sich kostenlos testen lassen. Erst zum Barbier und dann zum Test oder umgekehrt. Während das Procedere im Salon klar ist, wird die Sache mit dem Testen unklarer, je genauer man hinschaut. Dürfen ängstliche Menschen jeden Tag gehen? Was passiert, wenn mein Test positiv ist? Muss ich das Ergebnis dem Gesundheitsamt melden und begebe mich in Selbstisolation? Wie komme ich zu einem PCR-Test, der ein verlässliches Ergebnis bietet? Dass wir eine Erkrankung keineswegs unterschätzen dürfen, belegt das Schicksal eines Ehepaares um die 60 in der Nachbarschaft, die sich bald nach Ausbruch der Pandemie infizierten. Ihre physische Konstitution schwankt extrem; mal fit wie einst, mal wacklig wie nach einer schweren Grippe. Er klagt seit langem über neurologische Ausfälle. Beide gehen jetzt in eine auf solche C-Spätfolgen spezialisierte Klinik.

„Die Friseuse rückt mir ja viel näher auf die Pelle als die Mona Lisa oder die Schuhverkäuferin“, gibt der Moderator im Inforadio dem Risiko-Ethiker Julian Nida-Rümelin im Interview eine Steilvorlage. Dass seine Würde auf die Haartracht reduziert werde und riesige Museen leer stünden, erzürnt den Philosophen und ehemaligen Kulturstaatsminister, wie erwartet. Am Ende des erhellenden Gesprächs problematisiert Nida-Rümelin die „fetischartige Fixierung auf Inzidenzen“. Es fehlten noch immer Kohortenstudien, und der Inzidenzwert sei de facto sicherlich dreimal so hoch, weil sich viel mehr Menschen angesteckt hätten als bekannt. Der Risiko-Ethiker schlägt stattdessen vor, sich bei der Bekämpfung der Pandemie an schweren Verläufen in Krankenhäusern und an den Todeszahlen zu orientieren. Die würden dramatisch sinken, wenn die Risikogruppen vollständig geimpft seien. Das ficht die Physikerin Viola Priesemann nicht an – sie berät die Kanzlerin und empfiehlt als Wert für sog. Lockerungen einen Inzidenzwert von 10 pro Woche, also 10 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

Nicht nur der neue CDU-Vorsitzende Armin Laschet möchte deshalb von der „Fixierung auf Inzidenzen“ abrücken und hat damit untrüglich eine Stimmung im Lande aufgenommen, man dürfe nicht immer neue Grenzwerte „erfinden, um zu verhindern, dass Leben wieder stattfindet.“ Dass diese Werte im Infektionsschutzgesetz festgelegt sind, schien er in diesem Moment genauso vergessen zu haben wie seine Einwilligung zur Verlängerung des Shutdown bei der letzten Bund-Länder-Runde. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Gerade Politiker müssen sich an ihren Worten messen lassen, insbesondere wenn sie Kanzler werden wollen, egal mit welcher Fasson.

Winterreise

Keine Zeit für analoge Fahrten. © Rolf Hiller

Flockdown im Norden Deutschlands, eisige Temperaturen. Tunlichst meidet man bei solcher Wetterlage die Autobahnen und Intercity-Verbindungen der Deutschen Bahn. Ich habe keine Lust auf eine Winterreise mit ungewissem Ausgang und verschiebe die geplante Fahrt zum Verlag nach Frankfurt; es geht ja fast alles digital inzwischen. Die Meetings per Teams oder Zoom sind längst Routine geworden, das vernetzte Arbeiten auf unterschiedlichen Plattformen auch. Manchmal telefoniere ich sogar noch und weiß den direkten Austausch durchaus zu schätzen; so lassen sich überflüssige never ending Mail-Orgien vermeiden. Beim Telefonat hört man die Stimme des Gegenübers, kann sensibler aufeinander eingehen und schnell eine Position relativieren, die in einer Mail zementiert würde.

Diese Woche dann wieder das inzwischen sattsam bekannte Ritual der Bund-Länder-Gespräche zur Corona-Lage. Kakophonie vorher, Kakophonie nachher. Peter Altmaier tat schon am letzten Wochenende per Interview kund, die Beschränkungen könnten noch bis Ostern währen. Solch einen Optimismus wünschen wir uns von einem Wirtschaftsminister, der sein Amt nicht im Griff hat. Ansonsten: Kanzlerin Merkel konnte sich mit ihrem Vorschlag zur Verlängerung der Einschränkungen bis Mitte März nicht durchsetzen; dafür erhalten die Bürger*innen am 1. März ihre „Würde“ (Söder) zurück: die Friseursalons dürfen zur allgemeinen Überraschung wieder öffnen. Und wir haben plötzlich eine neue Benchmark. „Was eben noch 50 war, ist jetzt 35″, bilanziert die Neue Osnabrücker Zeitung. „Tatsächlich bleibt ärgerlich, dass Bund und Länder die Zielwerte für ihre Lockdown-Lockerungen fortlaufend ändern. Mal das Gesundheitssystem, dann die Nachverfolgung, dann der eine Inzidenzwert, dann der andere.“ (12.02.21) 

„Never let a good crisis go to waste“, hat Winston Churchill einmal gesagt. Zunehmend entwickeln die Bühnen hierzulande neue Angebote – Live-Streams sind das Format der Stunde. Im Schauspiel Frankfurt etwa konnte das Publikum in aller Welt Franz Schuberts „Die Winterreise“ in einer „komponierten Interpretation“ von Hans Zender erleben, mit dem wunderbaren Tenor Julian Prégardien und dem Ensemble Modern. Immerhin 250 Interessierte besorgen sich ein Ticket und erleben die Premiere am 6. Februar; selbst das Inforadio in Berlin bringt eine Premierenkritik des geschickt orchestrierten Liederzyklus. Und alle Sender melden heute, dass Chick Corea, einer der bedeutendsten Pianisten des Jazz, diese Woche gestorben ist. Ich höre das erste Album, das ich mir 1972 von ihm gekauft habe: „Return to Forever“.

Durchhalten!

Am 22. Oktober bin ich das letzte Mal bei der Meisterin im Yoga gewesen; meine heilige Stunde möchte ich analog erleben und nicht per Stream. Der letzte Kino-Besuch war am letzten Oktobertag, also vor gut drei Monaten. Die Tage seither sind gleichförmig geworden. Home-Office, Kontakte nur nach Vorschrift, Einkäufe vermummt, Reisen nur noch zweimal im Monat in den Verlag nach Frankfurt, für jeweils 24 Stunden. Nach dem Tagwerk steige ich immer auf den Hometrainer, danach Abendessen – und dann öffnet sich die Welt der Mediatheken, wo sich immer etwas findet, wenn man etwa auf die zweite Folge der spannenden & hochgelobten Serie „Bodyguard“ (ZDF) warten muss, die erst in der nächsten Woche verfügbar ist. Vor 22 Uhr müssen sich die Zuschauer*innen übrigens anmelden, mit der Nummer des Personalausweises!

Die brauchen wir natürlich (noch) nicht, wenn wir ein Interview mit der Kanzlerin in der ARD verfolgen. „Farbe bekennen“ heißt das Format, und Angela Merkel gibt sich mit der Arbeit ihres Kabinetts sichtlich zufrieden, was einige Kommentatoren in der Presse aber ganz anders sehen. „Und die Politiker“, wettert der Münchner Merkur, „denen seit einem Jahr nichts Besseres einfällt, als die Bürger in immer neue Lockdowns zu zwingen, wollten mit ihren Prügeln für die Unternehmen davon ablenken, dass sie, anders als die Asiaten, bis heute jede Langfriststrategie schuldig geblieben sind: kein rechtzeitiger Schutz der Heime, kein Digitalunterricht, keine funktionierende Handy-App zur wirkungsvollen Nachverfolgung von Corona-Risikokontakten. Und nun sind wir auch noch beim Impfen das Schlusslicht der entwickelten Welt.“ (02.02.21)

Im Interview hat sich die stets vorsichtige Kanzlerin festgelegt: bis zum Ende des Sommers haben alle ein sog. Impfangebot zur Erstimpfung erhalten. Vor uns liegen also im besten Falle noch siebeneinhalb lange Monate der Pandemie. Dann aber müssen die Einschränkungen ein Ende haben. Spätestens dann möchte ich wieder meine Grundrechte ausüben können und ins Kino, Theater oder in die Oper gehen, mit anderen Geimpften versteht sich. Wir werden uns daran gewöhnen, dass wir mit jedem Ticket, ob für Veranstaltungen oder Flugreisen, den Impfpass vorlegen. Sicher aber nicht bei der Bundestagswahl, die am 26. September stattfindet. Ohne die Kanzlerin, die nicht mehr antritt. Respekt!

Ende der Illusionen

Photo by cottonbro on Pexels.com

Alle tragen Masken in der S-Bahn. In Berlin-Südkreuz steige ich aus und fahre mit der Rolltreppe hinunter zum ICE-Bahnsteig. Ich suche mir einen verstohlenen Winkel und nehme kurz den FFP2-Schutz herunter, um meine beschlagene Brille zu trocknen. So geht Reisen heute, und es wird im Sommer nicht besser, denke ich. Die Fahrten im ICE nach Frankfurt werden jetzt immer so sein – immer mit so einer Maske im Gesicht, immer diesen Geruch in der Nase. Warum eine labberige OP-Maske gleichfalls (noch) zulässig ist, ist mir nicht nachvollziehbar. Die WHO, die in der C-Pandemie keineswegs überzeugend agierte, verbreitet, Stoffmasken würden genauso gut schützen wie die blauen Dinger für den OP. Was denn nun? Es sind diese widersprüchlichen Aussagen, die irritieren und erheblich zur „Pandemie-Müdigkeit“ – diese Wortschöpfung verdanken wir der WHO – beitragen.

Derzeit herrscht vor allem eine Pandemie-Stagnation. Zwar geht hierzulande die Zahl der Neuinfektionen (nicht aber der Toten!) zurück, aber ansonsten herrscht Frust auf ganzer Linie. Es fehlt an Impfstoff, vertraglich zugesicherte Lieferungen können plötzlich nicht eingehalten werden, es tobt eine heftige Auseinandersetzung zwischen der EU-Kommission und dem britisch-schwedischen Konzern AstraZeneca. Dieser hatte bekanntlich von der EU 338 Millionen Euro erhalten, um einen Impfstoff zu entwickeln. Weil die Engländer ihren Vertrag früher mit dem Konzern abgeschlossen haben und zudem eine Notfallzulassung erteilten, bekamen sie ihren Stoff eher; die plötzlichen Lieferprobleme sollen allein zu Lasten der EU gehen. Das alles trägt zum Frust bei und ist Wasser auf die Mühlen der Impfgegner, zumal das Vakzin von AstraZeneca in Deutschland einstweilen nur für Impflinge unter 65 Jahren empfohlen wird.

Dass der Einkauf der Impfmittel über die EU und nicht von deren Mitgliedern selbstständig erfolgte, setzte übrigens die Kanzlerin durch und pfiff ihren forschen Gesundheitsminister Jens Spahn zurück. Von ihrer Richtlinienkompetenz hätte Angela Merkel auch bei der Forcierung des digitalen Umbaus der Republik Gebrauch machen sollen. „Sie beklagt, dass nichts so recht vorangeht, bürokratisch ist und es große Defizite bei der Digitalisierung gibt – ja, wer hat denn die vergangenen 15 Jahre regiert? Schon wird gefragt, was wohl Helmut Schmidt gemacht hätte. Das sagt alles.“ (Tagesspiegel, 29.01.21) Nicht bloß Barack Obama verblüffte die mächtigste Frau der Welt & promovierte Physikerin vor knapp acht Jahren mit dem Geständnis: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Dessen Geschichte begann Wikipedia zu Folge am 29. Oktober 1969. Noch Fragen?

Abschiede

In Memoriam Eugen Hahn: Tony Lakatos (ts), Martin Sasse (p), Thomas Heidepriem (b) und Andreas Neubauer (dr) spielen im Friedwald Dietzenbach.

Über 100 Jazzfans aus aller Welt wollten bei der Trauerfeier für Eugen Hahn am letzten Freitag digital teilnehmen. Der Macher des ältesten Jazzclubs in Deutschland war kurz vor Weihnachten gestorben; fast 35 Jahre lang hat er den Frankfurter Jazzkeller geleitet und mit seiner jovialen Berliner Art geprägt. Für Momente konnte ich die Stimmung im Friedwald von Dietzenbach an diesem Nachmittag spüren – mehr ist mit einem Stream auf YouTube nicht möglich. Es fehlt die Präsenz im Augenblick, die sich am Notebook nicht einstellen kann, und bestätigt meine Skepsis gegen das Streaming. Einige Tage später sind wir auf einer Trauerfeier für eine Freundin; wir sind ganz da und nicht bloß dabei. Streaming ist ein guter Ersatz, ein Notbehelf, wird aber für mich nie eine Alternative zum realen Erlebnis sein.

Stell Dir vor, es ist Pandemie, und niemand weiß, wo wir uns anstecken (können). Verabschieden müssen wir uns von der Illusion, wir könnten eines Tages das mutationsfreudige Virus endgültig kontrollieren. Und so geht es von Lockdown zu Lockdown, inklusive verfrühter Diskussionen über eine Impfpflicht für medizinisches Personal und eine europäische Impfbescheinigung, die Privilegien verspricht. Der Alltag sieht derzeit schnöder und widersprüchlicher aus, in den Worten der Koblenzer Rheinzeitung: „Viele denken an die peniblen Hygienevorkehrungen beim Friseur, der nicht arbeiten darf, während sich die Menschen an der Supermarktkasse drängeln. Viele denken an das griechische Restaurant mit Plexiglastrennwänden zwischen dezimierten Tischen, die nicht genutzt werden dürfen, während sich die Menschen in Busse und Bahnen quetschen.“ (20.01.21)

Neues Spiel, neues Glück. Keine Zukunft haben in der CDU Friedrich Merz und Norbert Röttgen mehr, wiewohl der durch Merz repräsentierte Wirtschaftsflügel die Partei weiter beschäftigen wird. Womöglich richtet es ja der unterschätzte Armin Laschet; auch Helmut Kohl und die amtierende Kanzlerin wurden lange von den Parteigranden nicht ernst genommen. Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wird sich die K-Frage klären, dann erst erfahren wir, ob es der Söder Markus wirklich (schon) wissen will. Seine Zukunft hinter sich hat hoffentlich auch der Ex-Präsident Twitter, der natürlich nicht der verheißungsvollen Inauguration seines Nachfolgers Joe Biden beiwohnte. Donald Trump blieb sich treu und das macht ihn weiter so gefährlich.

Zu Hause

Zu Hause am See. Andy (Charly Hübner) mit der Heimkehrerin Berit (Karoline Schuch) in der packenden Miniserie „Für immer Sommer 90“. © ARD Degeto/Manju Sawhney

Bleiben Sie zu Hause und machen Sie von dort Ihren Job. Auf diesen Satz dürften sich das Kanzleramt und die Ministerpräsident*innen noch verständigen, aber ansonsten herrscht die sattsam bekannte Kakophonie aus deutschen Landen. 15 km weg von zu Hause für Freizeitaktivitäten, nur noch 1 Gast pro Haushalt inkl. Kinder (Ausnahme Alleinerziehende), Schulen auf, Kitas zu… Wer blickt da noch durch? Passend zur allherrschenden Verwirrung, dass immer wieder Interna aus dem Kanzleramt an die Bildzeitung durchgestochen werden – womöglich sogar mit Absicht. Trotz aller Maßnahmen: die Zahlen der Neu-Infektionen und Corona-Toten sind & bleiben hoch. Die Warn-App mit Segen der Datenschützer bringt überhaupt nichts, alle Beschränkungen & Verschärfungen können die Ausbreitung des Virus nicht stoppen, zumal die Mutanten deutlich ansteckender sind.

Also treffen wir (fast) niemanden mehr und bleiben zu Hause. Erstmals seit Menschengedenken schauen wir in der Tageszeitung nach dem TV-Programm und sind überrascht, was die viel gescholtenen Öffentlich-Rechtlichen in ihren Mediatheken anbieten, etwa in der ARD die Mini-Serie „Für immer Sommer 90“ (4 x 22 Minuten). Der Film entstand bereits im letzten Jahr unter Corona-Bedingungen und erzählt authentisch & frisch im Stile eines Road-Movies die Geschichte eines Investment-Bankers (Charly Hübner), der mit dem Vorwurf einer Vergewaltigung während einer Fete vor dreißig Jahren in Meck Pom konfrontiert wird und zur Klärung in die alte Heimat fährt. Dass Geld die Welt regiert, aber nicht alles ist, fängt er langsam an zu begreifen. „Du verstehst die Leute. Die Leute verstehen Dich“, erklärt eine Freundin, die wieder nach Hause zurück gegangen ist. Am Ende des Films geht er spontan schwimmen – an der Lieblingsstelle seiner Jugend.

Nach quälend langen Wochen & Monaten wählt die Mitgliederversammlung der CDU endlich einen neuen Vorsitzenden, natürlich von zu Hause aus. Die Aussetzung der Entscheidung hat nichts gebracht, und selbst Insider haben keinen heißen Favoriten. Armin Laschet, hinter dem der CDU-Landesverband in NRW steht, der neokonservative Friedrich Merz, oder macht das Rennen doch der besonnene Außenpolitiker Norbert Röttgen. Kann einer von ihnen gar Kanzler oder werfen doch noch Jens Spahn und der Söder Markus ihren Hut in den Ring. Beide gelten dem Tagesspiegel als „Typus des Körperpolitikers, der allein mit Präsenz und Selbstbewusstsein viele Menschen beeindruckt“ (06.01.21) Der neue CDU-Vorsitzende kommt jedenfalls aus NRW, ist männlich und katholisch. Glück auf!!!

Zoff um Stoff

Das Vakzin, aus dem die Hoffnungen kommen. © BioNTech SE 2020, all rights reserved

Nach einer halben Stunde ziehe ich mir den Mantel wieder an, es ist doch frisch hier. Ich sitze im Wartezimmer einer Praxis; das Fenster steht sperrangelweit offen. So dürfte es vielen Schülern & Schülerinnen ergehen, wenn sie im Präsenzunterricht in den Schulen sitzen, so er denn überhaupt stattfinden darf und sich die Fenster öffnen lassen. Natürlich kann ich mir C-Fragen an den Onkel Doktor nicht verkneifen: Würden Sie sich impfen lassen? Wie erklären Sie sich die geringe Impfbereitschaft beim medizinischen Personal in Thüringen? Als HNO-Arzt sei er natürlich sofort bereit, die Ablehnung des Vakzins kann er sich auch nicht erklären. Am Dienstag hatte Ministerpräsident Bodo Ramelow in einem bemerkenswerten Interview im Deutschlandfunk berichtet, dass sich in seinem Bundesland nicht einmal 35% des medizinischen Personals impfen lassen wollen.

Diese Zurückhaltung irritiert. Da und dort war zu hören, man sei doch kein Versuchskaninchen, der Impfstoff nicht ausreichend getestet. Während andernorts das Serum knapp ist und scharfe Kritik an der Kanzlerin und ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn wegen ihrer Einkaufspolitik geübt wird, gibt es in den thüringischen Krankenhäusern beim Personal zu wenig Impflinge. Eine weitere Irritation in der schier unendlichen Corona-Pandemie. Längst wirken die Krisenmanager ausgelaugt wie wir alle, wirkt ihre Politik immer erratischer. Die Regeln sehen vor, dass wir unser Haus nur mit triftigem Grund verlassen dürfen. Was aber ist triftig? In Berlin darf ein 2-Personen-Haushalt eine alleinstehende Freund*in noch (!) einladen, sie umgekehrt aber nicht besuchen. Die neuen Regeln erscheinen willkürlich und nicht durchdacht – und mindern die Akzeptanz der neuen Einschränkungen, ganz zu schweigen von der Kontrolle.

Alldieweil verzeichnet der DAX einen neuen Höchststand – also scheint es Hoffnung zu geben, denn die Investoren setzen auf die Zukunft. Trotz der bedrückenden Zahlen des RKI gibt es auch gute Nachrichten. Ein neuer Impfstoff wurde in der EU zugelassen, BioNTech wird ab Februar in Marburg einen neuen Produktionsstandort eröffnen und Donald Trump wird seine Präsidentschaft geordnet an seinen Nachfolger Joe Biden übergeben. Wer hätte das angesichts der schockierenden Bilder vom Capitol vor zwei Tagen gedacht. Doch es bleiben Fragen: Warum wurde das Symbol der amerikanischen Demokratie nicht besser geschützt? Warum glauben 30 Millionen Amerikaner Trumps Behauptung von der gestohlenen Wahl? Es ist einiges faul in den Vereinigten Staaten von Amerika. Good Luck, Joe!

Hoffnungen

Neues Jahr. Neues Glück. © Rolf Hiller

Fondue mit zwei Töpfen und Abstand – Silvester in Zeiten der Pandemie. Wir verbringen den letzten Abend eines denkwürdigen Jahres mit einer Freundin und sind um Mitternacht überrascht, wie viel doch geböllert wird. Die Leute haben das Zeug wohl gebunkert oder sich die Kracher in Polen auf den grenznahen Märkten besorgt. Nachts bleibt es ruhig; irgendjemand muss es aber noch um 4 Uhr in der Frühe krachen lassen. Grund zur Vorfreude auf das Neue Jahr besteht allemal, denn auch in Deutschland haben (endlich) die Impfungen begonnen – und damit lebhafte, teils erbitterte Diskussionen, ob und wann den Geimpften ihre Persönlichkeitsrechte wieder in vollem Umfang zustehen. Warum sollen nicht im Frühsommer Gastronomen oder Veranstalter eine Corona-Impfung verlangen? Das regelt die Vertragsfreiheit; wir kommen schließlich auch nur ins „Berghain“, wenn dort aktuelle Kunst (Gewinner) gezeigt wird.

Alle haben sich mit dem Leben in der Pandemie arrangiert. Corona-Leugner gehen nicht nur auf die Straße, sondern fahren munter Ski oder lassen es sich auf den Kanaren gut gehen. Man gönnt sich ja sonst nichts! Den Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Welle bringt „Der Standard“ aus Wien knapp auf den Begriff: „Geklatscht wird schon lange nicht mehr.“ Dabei stößt das deutsche Gesundheitssystem bald an seine Grenzen: es fehlt überall Personal, in einigen Regionen gibt es nicht mehr genügend Intensivplätze für Beatmungspatienten, die Triage droht. Um so dringender brauchen wir das Vakzin, den Impfstoff, der uns aus der Krise bringt, nachdem sich die Corona-App als „Flop mit Ansage“ (Harald Martenstein) herausgestellt hat.

Auf jeden Fall wird die Bewältigung der Pandemie teurer, sehr teuer, viel teurer als gedacht. Schwindelerregende Zahlen kursieren: die Neuverschuldung soll im nächsten Jahr um 180 Milliarden € steigen, wenn’s denn reicht, und die EU hat gar ein Rettungspaket über 750 Milliarden € verabschiedet. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, und deshalb ist es an der Zeit, über eine Vermögensabgabe nachzudenken. Im Bundestag hat Kanzlerin Angela Merkel diese einmalige Abgabe für Spitzenverdiener und Wohlhabende strikt abgelehnt, obwohl viele von ihnen zu den Corona-Gewinnern zählen. Warum eigentlich? Weil 2021 sechs Landtagswahlen und die Bundestagswahl anstehen. Geben ist eben seliger als nehmen.