Hitzefehler

Wo bitte geht’s zum Wasser? © Rolf Hiller

Endlich mal wieder schwimmen! Ich packe alles zusammen und bin kurz vor acht am Freibad – geschlossen. Plötzlich fällt mir wieder ein, dass ich doch vorher noch im Netz nach den Öffnungszeiten geschaut hatte. Trotz der Hitzewelle macht das Sommerbad Wilmersdorf im Juni erst um 10h auf; das muss ich wohl in der Vorfreude sofort wieder verdrängt haben. Am nächsten Tag starte ich einen neuen Versuch. Vor der Kasse – 7 Euro kostet der Eintritt für Erwachsene – hat sich um kurz nach zehn eine lange Schlange gebildet. Niemand kommt in Berlin ins Freibad ohne Gepäckkontrolle und Vorlage eines gültigen Ausweises. Im letzten Jahr wurden rund 200 Straftaten registriert, darunter auch Körperverletzungen. An Kontrollen zur eigenen Sicherheit haben wir uns längst gewöhnt, vor Flügen oder großen Konzerten etwa. Um so erstaunlicher, dass jede:r in einen Zug der Deutschen Bahn einsteigen kann. In Spanien werden die Tics am Zugang gescannt; alle Gepäckstücke laufen durch einen Scanner.  Davon kann die Deutsche Bahn nur träumen.

Der Staatskonzern überraschte seine Kundschaft in dieser Woche gleich zweimal. Am späten Dienstagabend stand der komplette Bahnverkehr in Deutschland still, weil der Zugfunk GSMR ausfiel; beide Sicherungssysteme konnten nicht übernehmen. Wieder einmal war die Kommunikation des Konzerns eine blanke Katastrophe. Die Personenzüge mussten im nächsten Bahnhof halten, die Fahrgäste blieben lange Zeit im Unklaren. Ein Fernpendler nahm den Gau in einer Radio-Reportage gelassen: “Ich lebe täglich mit der Katastrophe”. Weil die Konzernführung ihrem Angebot selbst nicht mehr traut, entschied man sich zwei Tage später für eine bis dato unbekannte Warnung an die Kundschaft. Die Deutsche Bahn befürchtet wegen der aktuellen Hitzewelle “Störungen im Betriebsablauf”, rät von Reisen ab und bietet kostenlose Stornierungen an. Sicherheitshalber wurden sämtliche Züge nach Frankfurt heute in der App als ausgebucht angezeigt; nur Tics in der Ersten Klasse gab’s noch ab 365 Euro für eine einfache Fahrt. 

Nächste Woche werden die Temperaturen wieder fallen, die Hitze mit immer neuen Rekorden verschwindet aus den Schlagzeilen, und vom Klimawandel will niemand mehr etwas hören. Wer möchte, kann sich auf der Homepage des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung informieren und kommt vielleicht ins Nachdenken oder Schaudern. Denn der Klimawandel, den Populisten wie Trump schlicht leugnen, lässt sich nicht mehr stoppen. Was jetzt ist, kann allenfalls verlangsamt werden; man kann nur versuchen, sich anzupassen – Paris meldete gestern eine Mitternachtstemperatur von 36 Grad! „Die Zukunft, die Klimawandelforscher vorhergesagt haben”, heißt es im Tagesspiegel, “die Hitzeszenarien, sie sind längst Wirklichkeit. Zeitgleich verteilt die Bundesregierung fleißig Steuergeschenke auf fossile Emissionsträger, die genau zu dieser Erhitzung beitragen. Kaum endet zum Monatsende der Tankrabatt, sinkt Anfang Juli die Ticketsteuer im Flugverkehr. Diese Maßnahmen machen schmerzhaft deutlich, dass Deutschland die Augen vor der Realität verschließt.“ (26.06.26) Nach uns die Sintflut! Nicht zum ersten Mal schließe ich mit diesen Worten. 

Kunst im Bau

Das Dach des Schloss Bellevue hat der Künstler Christian Awe umgestaltet. © Rolf Hiller

Das Interesse ist riesig – viele möchten die Ausstellung “Freiraum Kunst – Akademie der Künste goes Bellevue” sehen. Innerhalb der ersten Stunden wollten sich eine halbe Million Menschen einen kostenlosen Slot buchen, und die Server brachen zusammen. Bekanntlich wird der Amtssitz des Bundespräsidenten acht Jahre lang aufwändig saniert. Die Idee für eine ästhetische Zwischennutzung des Schloss Bellevue hatten ein Journalist und einige Künstler. Frank-Walter Steinmeier nahm diese Initiative auf, und die Akademie der Künste stellte innerhalb kurzer Zeit eine Ausstellung zusammen, die derzeit der Renner in der Hauptstadt ist, nicht zuletzt, weil sie nur 14 Tage läuft und an einem spektakulären Ort stattfindet. Ästhetisch nimmt sich das mit heißer Nadel gestrickte Projekt weniger spannend aus. Man musste rasch vorhandene Arbeiten auftun, diese in den Räumen platzieren – von plakativen Werken einer Katharina Grosse bis zur Video-Installation “Geburtshaus Goebbels” von Gregor Schneider spannt die Ausstellung einen (allzu) weiten Rahmen. 

Dennoch kann man durchaus Entdeckungen machen im Schloss der Kunst auf Zeit. Gleich am Eingang verstört die knapp zwanzigminütige Video-Performance “Rufen bis zur Erschöpfung” von Jochen Gerz aus dem Jahr 1972. “Der Künstler ruft unablässig ‘Hallo’ ins Leere, bis ihm die Stimme versagt.” (Programmheft) Diese erstaunliche Arbeit nimmt die unendlichen Posts in die Leere und Weite der Sozialen Medien prophetisch voraus. Das “Hallo” bleibt ohne Antwort und wird immer verzweifelter. Ganz anders dagegen der Dokumentarfilm “Die Mauer” von Jürgen Böttcher, der die letzten Tage des “Bollwerks des Sozialismus” festhält. Zu sehen sind auch gespenstische Fahrten der S-Bahn durch geschlossene und verfallene Stationen wie den Potsdamer Platz, einst ein pulsierendes Zentrum im Berlin vor der Teilung. Im Eingang hängt übrigens “Die Bundespräsidentin”, ein Acrylbild von El Bocho aus diesem Jahr. Vielleicht zieht in acht Jahren eine Frau ins frisch renovierte Schloss Bellevue – es wäre an der Zeit für eine Bundespräsidentin. 

Mit aktueller Kunst kann der amerikanische Präsident bekanntlich nichts anfangen. Donald Trump liebt Protz & Prunk und feierte seinen 80. Geburtstag mit einem Käfigkampf wie im alten Rom. Seine Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit werden inzwischen selbst bei einflussreichen Republikanern kritisch gesehen; seine erwartbare Replik: er tut sie als “Dummköpfe” ab. Der völkerrechtswidrige Angriff auf die Mullah-Diktatur im Iran war ein kostspieliger und sinnloser Fehlschlag – das Regime in Teheran hat schnell die strategische Bedeutung der Straße von Hormus ausgemacht. “Denn der Iran geht”, resümiert die Rheinische Post aus Düsseldorf, “das ist die bittere Wahrheit, gestärkt aus diesem Konflikt hervor. Die Führung in Teheran hat den bislang massivsten Versuch der USA und Israels, das Regime zu Fall zu bringen, überstanden – trotz des Todes von Spitzenpolitikern wie Ajatollah Ali Chamenei zu Kriegsbeginn. Schlimmer noch: Teheran hat der Welt bewiesen, dass es die globale Wirtschaft durch die Blockade von Seewegen als Geisel nehmen kann.“ (19.06.2026) Die Bilanz könnte nicht schlechter sein. 

Visionen

Der Friedenspfosten in Kloster. © Rolf Hiller

Mit dem Gepäck im Handwagen laufe ich zum Hafen von Kloster; wir nehmen die erste Fähre von Hiddensee nach Stralsund. Am Friedhof vor der Kirche halte ich am Friedenspfosten inne, den die japanische Friedensgesellschaft gestiftet hat. Die KI ermittelt blitzschnell, dass die Rüstungsausgaben im Jahr 2025 laut aktuellen Daten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI weltweit rund 2,887 Billionen US‑Dollar betragen haben; eine Billion ist eine Zahl mit zwölf Nullen! Am Sonntag waren wir in der Inselkirche und hörten wieder eine bemerkenswerte Predigt des Pfarrers Konrad Glöckner, die an das Gebot der Bibel “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” gemahnte. Nicht bloß auf Hiddensee schwindet das Gemeinschaftsgefühl: die Entsolidarisierung der Gesellschaft ist weltweit auf dem Vormarsch – man liebt nur noch sich selbst und stellt das eigene Wohl, die eigene Nation über alles. Glöckner spricht offen die blaue Wende an, die bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt im Herbst möglich ist.
 
Vielleicht erleben wir sogar ein blaues Wunder, orakelt der Pfarrer. Eine Besucherin dankt ihm nach dem Gottesdienst für seine “ungewöhnliche Predigt”, die nicht nur bei ihr nachhallt. Würden die Evangelikalen, die in den USA sehr einflussreich sind, die Trump unterstützen und denen er nahesteht, die Predigt von Konrad Glöcker gutheißen? Wohl kaum, denn diese einflussreiche Glaubensrichtung vertritt sehr konservative Werte in der Familien- und Gesellschaftspolitik und heißt die “America First”-Politik von Donald Trump gut, von der in erster Linie die Eliten profitieren. Einer davon ist Elon Musk, der rechtsnationale Positionen vertritt und wahrscheinlich der erste Billionär der Geschichte wird. Sein Unternehmen SpaceX hat 2025 knapp 20 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht und geht jetzt an die Börse – mit einer Bewertung von 1.700 Milliarden US-Dollar. Musk beansprucht nach dem Börsengang die Mehrheit der Stimmrechte, möchte das Unternehmen führen, der Chefingenieur und der Vorsitzende des Aufsichtsrats sein. Mehr Personalunion geht nicht, mehr Risiko auch nicht.
 
Nicht minder irritierend sind die Details, die hierzulande über Großprojekte zirkulieren. Stuttgart 21 wird Stuttgart 31, die zweite Stammstrecke der Münchner S-Bahn soll 2037 fertig werden, nicht 2028, die Renovierung des Schloss Bellevue wird laut Planung von 2026 bis 2034 dauern. Man rechnet mit Kosten von 1 Milliarde Euro, darin enthalten 200 Millionen Euro für den Bau eines Ersatz-Gebäudes. Zuletzt wurde der Amtssitz des Bundespräsidenten in Teilen von 2004 bis 2005 renoviert. Den Vogel bei Infrastruktur-Projekten schießt derzeit der Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin ab. Die Sanierung soll 18 Jahre dauern! Ursprünglich waren einmal 15 Millionen Euro veranschlagt; jetzt rechnet man mit 250 Millionen. Was läuft da schief im Staate Deutschland? 

Dunkle Wolken

© Rolf Hiller

Die Rauchwolken über Sankt Petersburg, der Geburtsstadt des russischen Autokraten Wladimir Putin, zum Auftakt des Wirtschaftsforums werden in Erinnerung bleiben. Die Ukraine hatte mit Drohnen mehrere russische Öllager in Brand gesetzt und den Neo-Zaren vor der Weltöffentlichkeit blamiert. Wer hätte sich zu Beginn des russischen Überfalls auf die gesamte Ukraine am 24.02.22 ein solches Szenario vorstellen können. Inzwischen produziert das Land jährlich dezentral mehrere Millionen Drohnen und gilt mit ihrer Expertise zu den weltweit führenden Nationen in dieser Militärtechnologie. Das Know-how der Ukrainer sollte Verteidigungsminister Boris Pistorius interessieren, denn über das Beschaffungsamt der Bundeswehr kursieren wieder einmal schier unglaubliche Gerüchte. Ein Reparaturstau bei wichtigen Waffensystemen gefährdet die Einsatzfähigkeit der Truppe. Bei der bürokratischen Mammutbehörde in Koblenz gibt es 7.000 Beschäftigte; insgesamt sind diesem Amt 11.000 Mitarbeiter unterstellt. An der dringend notwendigen Reform des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hat sich bis jetzt noch jede:r Minister:in die Zähne ausgebissen.
 
Nicht bloß beim BAAINBw – schon der Name ist ein Ungetüm – sieht es düster aus. Im 80 km entfernten Bonn musste von jetzt auf nun die Rheinbrücke gesperrt werden – Risse im Beton und Korrosionsschäden. Eine Überraschung ist das nicht: 16.000 Brücken gelten in Deutschland als marode bzw. sanierungsbedürftig. Die immer noch drittgrößte Industrienation der Welt ist jahrzehntelang auf Verschleiß gefahren und muss jetzt die Zeche zahlen. Dagegen nimmt sich die dringend notwendige Hafensanierung in Vitte auf Hiddensee scheinbar belanglos aus. Während sich eine Bürgerinitiative für eine nachhaltige Erneuerung einsetzt, möchte ein Bündnis um den Bürgermeister Thomas Gens mit einer schicken Modernisierung mehr Touristen auf die Insel locken. Dagegen hat sich in der Bevölkerung Widerstand formiert; die Bürgerinitiative hat in einer Petition 6.000 Unterstützer:innen zusammengebracht. Hiddensee braucht Touristen, zu viele von ihnen gefährden aber den Reiz des “söken Lännekin”. “Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, stellte der Publizist Hans Magnus Enzensberger schon 1957 fest.
 
Wir sind in diesem Jahr oft im Hafen von Vitte, denn dort ist das Zeltkino mit einem sehr schönen Angebot. Normalerweise gehen wir nicht vier Mal in einer Woche ins Kino, hier setzen wir uns gerne auf die harten Stühle, stören uns nicht an der Lüftung des Beamers oder an der Zugluft. “Amrum” von Fatih Akin ist eine sehr beeindruckende Schilderung der Erlebnisse des jungen Hark Bohm am Ende des 2. Weltkriegs (er schrieb mit dem Regisseur zusammen das Drehbuch) – der Nationalsozialismus prägte das Leben und spaltete Familien. François Ozon erzählt in “Der Fremde” nach dem gleichnamigen Roman von Albert Camus die Geschichte eines jungen Mannes, dem Gefühle und Menschen so gleichgültig sind wie sein Leben oder eine junge Frau, die ihn heiraten möchte. Dass er wegen eines zufälligen Mordes an einem Araber zum Tod durch die Guillotine verurteilt wird, nimmt er ohne jede Regung hin. “Der Fremde” verstört, obwohl auch unsere Welt immer absurder wird.