
Die Rauchwolken über Sankt Petersburg, der Geburtsstadt des russischen Autokraten Wladimir Putin, zum Auftakt des Wirtschaftsforums werden in Erinnerung bleiben. Die Ukraine hatte mit Drohnen mehrere russische Öllager in Brand gesetzt und den Neo-Zaren vor der Weltöffentlichkeit blamiert. Wer hätte sich zu Beginn des russischen Überfalls auf die gesamte Ukraine am 24.02.22 ein solches Szenario vorstellen können. Inzwischen produziert das Land jährlich dezentral mehrere Millionen Drohnen und gilt mit ihrer Expertise zu den weltweit führenden Nationen in dieser Militärtechnologie. Das Know-how der Ukrainer sollte Verteidigungsminister Boris Pistorius interessieren, denn über das Beschaffungsamt der Bundeswehr kursieren wieder einmal schier unglaubliche Gerüchte. Ein Reparaturstau bei wichtigen Waffensystemen gefährdet die Einsatzfähigkeit der Truppe. Bei der bürokratischen Mammutbehörde in Koblenz gibt es 7.000 Beschäftigte; insgesamt sind diesem Amt 11.000 Mitarbeiter unterstellt. An der dringend notwendigen Reform des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hat sich bis jetzt noch jede:r Minister:in die Zähne ausgebissen.
Nicht bloß beim BAAINBw – schon der Name ist ein Ungetüm – sieht es düster aus. Im 80 km entfernten Bonn musste von jetzt auf nun die Rheinbrücke gesperrt werden – Risse im Beton und Korrosionsschäden. Eine Überraschung ist das nicht: 16.000 Brücken gelten in Deutschland als marode bzw. sanierungsbedürftig. Die immer noch drittgrößte Industrienation der Welt ist jahrzehntelang auf Verschleiß gefahren und muss jetzt die Zeche zahlen. Dagegen nimmt sich die dringend notwendige Hafensanierung in Vitte auf Hiddensee scheinbar belanglos aus. Während sich eine Bürgerinitiative für eine nachhaltige Erneuerung einsetzt, möchte ein Bündnis um den Bürgermeister Thomas Gens mit einer schicken Modernisierung mehr Touristen auf die Insel locken. Dagegen hat sich in der Bevölkerung Widerstand formiert; die Bürgerinitiative hat in einer Petition 6.000 Unterstützer:innen zusammengebracht. Hiddensee braucht Touristen, zu viele von ihnen gefährden aber den Reiz des “söken Lännekin”. “Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, stellte der Publizist Hans Magnus Enzensberger schon 1957 fest.
Wir sind in diesem Jahr oft im Hafen von Vitte, denn dort ist das Zeltkino mit einem sehr schönen Angebot. Normalerweise gehen wir nicht vier Mal in einer Woche ins Kino, hier setzen wir uns gerne auf die harten Stühle, stören uns nicht an der Lüftung des Beamers oder an der Zugluft. “Amrum” von Fatih Akin ist eine sehr beeindruckende Schilderung der Erlebnisse des jungen Hark Bohm am Ende des 2. Weltkriegs (er schrieb mit dem Regisseur zusammen das Drehbuch) – der Nationalsozialismus prägte das Leben und spaltete Familien. François Ozon erzählt in “Der Fremde” nach dem gleichnamigen Roman von Albert Camus die Geschichte eines jungen Mannes, dem Gefühle und Menschen so gleichgültig sind wie sein Leben oder eine junge Frau, die ihn heiraten möchte. Dass er wegen eines zufälligen Mordes an einem Araber zum Tod durch die Guillotine verurteilt wird, nimmt er ohne jede Regung hin. “Der Fremde” verstört, obwohl auch unsere Welt immer absurder wird.

Vielen Dank für Ihren nachdenklichen Beitrag.
Besonders gelungen finde ich die Verknüpfung scheinbar unterschiedlicher Themen – vom Krieg in der Ukraine über die deutsche Infrastruktur bis hin zur Zukunft Hiddensees. Der rote Faden scheint die Frage zu sein, wie Gesellschaften mit langfristigen Herausforderungen umgehen und welche Folgen politisches und wirtschaftliches Handeln oder Nichthandeln haben.
Dennoch möchte ich einige Punkte kritisch hinterfragen.
Die Beschreibung des Drohnenangriffs auf Sankt Petersburg als „Blamage“ Putins mag aus ukrainischer Sicht nachvollziehbar erscheinen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, militärische Ereignisse vor allem unter dem Gesichtspunkt symbolischer Erfolge zu betrachten. Hinter jeder Eskalation stehen menschliche Schicksale auf beiden Seiten. Auch wenn Russland den Krieg begonnen hat und die Verantwortung für den Angriffskrieg trägt, sollte die Hoffnung letztlich nicht auf immer effizientere Kriegstechnologien gerichtet sein, sondern auf Wege zu einem gerechten und dauerhaften Frieden.
Ihre Kritik an den strukturellen Problemen Deutschlands teile ich weitgehend. Der Zustand vieler Brücken, Verkehrswege und öffentlicher Einrichtungen zeigt, dass notwendige Investitionen über Jahrzehnte aufgeschoben wurden. Allerdings wäre zu fragen, ob die Ursachen tatsächlich nur in bürokratischen Hemmnissen liegen. Ebenso spielen politische Prioritätensetzungen, Schuldenregeln, Privatisierungsstrategien und gesellschaftliche Erwartungen eine Rolle. Die Verantwortung verteilt sich auf viele Schultern.
Besonders interessant fand ich Ihre Ausführungen zu Hiddensee. Die Spannung zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und dem Erhalt von Natur- und Kulturräumen begegnet uns heute an vielen Orten. Dabei stellt sich die Frage, ob „mehr Tourismus“ tatsächlich langfristig Wohlstand schafft oder ob dadurch gerade jene Besonderheiten verloren gehen, die Besucher anziehen. Das von Ihnen zitierte Wort Enzensbergers hat deshalb nichts von seiner Aktualität verloren.
Die abschließenden Gedanken zu den Filmen wirken auf mich wie eine Erweiterung des gesamten Textes: Nationalismus, Entfremdung, Gleichgültigkeit und gesellschaftliche Verwerfungen sind nicht nur Themen der Kunst, sondern prägen auch unsere Gegenwart. Gerade deshalb erscheint es wichtig, politische und gesellschaftliche Entwicklungen nicht nur zu beobachten, sondern immer wieder kritisch zu hinterfragen – unabhängig davon, ob sie aus Moskau, Berlin oder aus der eigenen Gemeinde kommen.
Vielen Dank für die anregenden Gedanken.
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