Reise in Vergangenheiten

Das Spielwarengeschäft Polenz gibt es immer noch. © Karl Grünkopf

Immer wieder komme ich nach Einbeck. Dieses Mal habe ich einem Lebensfreund eine Überraschungsreise in meine Geburtsstadt geschenkt; wir kennen uns seit über sechzig Jahren und waren nur einmal auf der Durchreise gemeinsam dort. Das Hotel FreiGeist erweist sich als gute Wahl und unterscheidet sich von anderen Quartieren durch eine urbane Lässigkeit, die wir in einem Städtchen mit knapp 30.000 Einwohnern so nicht erwarten – coole Einrichtung, Gym, Working Space, Roof Top Terrasse mit Beach-Area, chillige Sounds. In unmittelbarer Nähe ist der PS.Speicher, Europas größtes Oldtimer- & Erlebnismuseum. An 5 Standorten in der Stadt kann man über 2.500 historische Fahrzeuge und 8.000 Modellfahrzeuge besichtigen. Autos begeistern mich heute schon lange nicht mehr, aber die Modelle unserer Kindheit faszinieren nach wie vor. Unsere Väter fuhren Citroën. Für mich ist die DS, vorgestellt auf dem Pariser Autosalon 1955, noch immer die schönste Limousine überhaupt. Wenn ich einen dieser Oldtimer sehe, geht mir das Herz auf. 

Urlaubsträume mit dem Modell Berlin aus dem VEB Industriewerk Ludwigsfelde (IWL). © Karl Grünkopf

Nach der Ankunft laufen wir erst einmal in die Stadt, und ich bin hoch erfreut, dass es das Spielwarengeschäft Polenz noch immer gibt. Wir reservieren abends natürlich im Brodhaus; das beliebte Lokal trägt seinen Namen seit 1444. Den Abend lassen wir freigeistig auf der Dachterrasse ausklingen – und stoßen mit einem ganz besonderen & hervorragenden Rotwein an, den uns ein Klassenfreund nach dem Treffen zum 50. Abitur-Jubiläum vor zwei Jahren geschenkt hat. Am nächsten Morgen besuchen wir den PS.Speicher. Das Museum verdankt sich der Initiative des Unternehmers & Sammlers Karl-Heinz Rehkopf, der sein Geld mit einem Discounter für Heimtextilien und Renovierungsbedarf verdient hat und laut Wikipedia 2009 40 Millionen Euro der Kulturstiftung Kornhaus zur Verfügung gestellt hat. Vor zwölf Jahren ging daraus die Stiftung P.S.Speicher hervor. Das didaktisch ausgezeichnete Museum ist eine Bereicherung für die Stadt Einbeck und wird von Enthusiasten und an der (Sozial-)Geschichte der Autos und Zweiräder Interessierten sehr gut angenommen.  

Danach geht’s weiter zur Stadtführung, bei der ich als gebürtiger Einbecker noch viel erfahren konnte. Durch eine Brandstiftung wurde die Stadt am 25. Juli 1540 in Schutt und Asche gelegt, und es dauerte lange, sie wieder aufzubauen. Neu war mir auch, dass im Mittelalter 720 Vollbürger das Braurecht in Einbeck hatten; vermarktet wurde es aber immer unter einem Label. Das Bier galt als Luxusartikel, wurde bis ins Baltikum verkauft und ließ die Stadt prosperieren. Martin Luther zählte zu seinen Liebhabern und lobte es 1521 auf dem Reichstag zu Worms in den höchsten Tönen: „Der beste Trank, den einer kennt, der wird Einbecker Bier genennt!“. Den langen, anregenden Tag voller Eindrücke und Gespräche beschließen wir mit dem Rest des Roten auf der Terrasse und fallen dann im Zimmer lachend & plaudernd in den Schlaf. Auf der Heimfahrt hören wir den Einbecker Wilhelm Bendow (“Ja, wo laufen sie denn”) und den ganz schrägen Kabarettisten Heino Jaeger. Gerne wieder einmal in neue Vergangenheiten nach Ainpöck, wie es die Alten nennen. 

Beobachten

Marina Abramović „Nude with Skeleton“ © Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Fortune hat Friedrich Merz nicht. Sein holpriger Start als Parteivorsitzender, seine Wahl zum Kanzler im zweiten Anlauf, seine vielen vollmundigen Behauptungen (AfD halbieren) und unbedachten Äußerungen (Stadtbild) haben seinem Ansehen sehr geschadet. Nur 14% der deutschen Bevölkerung sind mit seiner Arbeit zufrieden (ARD-DeutschlandTREND August 2026). Das muss man erst einmal wegstecken, und deshalb sei Friedrich Merz jeder Tag Urlaub gegönnt. Aber darf der zweite Mann der Republik einfach ganz abtauchen? Der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille findet für sein Verschwinden diese Worte: „Der Kanzler beobachtet immer, egal wo er sich aufhält, was in Deutschland, in Europa und der Welt passiert.“ Nicht nur der Kölner Stadtanzeiger ist irritiert: “Stell dir vor, es ist Krise – und keiner schaut hin. Wer die Nachrichten verfolgt, wird kaum bestreiten, dass Hitze und Dürre, Niedrigwasser und Waldbrände uns plagen wie nie zuvor. (…)  Aber Krisensitzungen des Kabinetts? Ministerpräsidentenkonferenzen mit Kanzler und Liveticker? Wenigstens Vor-Ort-Besuche durch Spitzenpolitiker der Bundes-CDU? Pustekuchen.” (17.08.26) 

Vom Self Marketing einer Marina Abramović sollten sich der Kanzler und seine Regierung inspirieren lassen. Die Performance-Künstlerin, die am 30. November 80 Jahre alt wird, ist so aktiv wie eh und je und versteht sich glänzend zu präsentieren. Ihre Ausstellung “Balkan Erotic Epic” (noch bis zum 30.08. im Berliner Gropius Bau) ist ein Publikumsmagnet. In ihren frühen Jahren arbeitet sie mit vollem Körpereinsatz, schneidet sich mit einer Rasierklinge, legt sich dann auf Eis, isst 1 kg Honig und trinkt 1 Liter Wein. Dann wieder schockt sie mit Beziehungen von Tod und Erotik oder der drastischen Verbindung von männlicher Sexualität und Destruktion. Diese Performances faszinieren und stoßen gleichermaßen ab, weisen aber nicht über sich hinaus. Abramović eben. Ihre Arbeiten wirken im Moment – aber nicht nach. Zum 75. Jubiläum der Berliner Festspiele gibt es im Oktober eine neue mehrstündige Bühnenproduktion “Balkan Erotic Epic. The Stage Version”, die Marina Abramović als Höhepunkt ihrer Karriere begreift: “Es ist ein Stück mit 120 Mitwirkenden und das erste Mal, dass ich Langzeitperformance-Künstlerinnen und -Künstler gemeinsam mit Tänzerinnen und Tänzern auftreten lasse.” (Tagespiegel. 11.04.26) 

Eben habe ich noch einmal mit Interesse “Die Causa Merz” gelesen, die Martin Bergelt vor knapp acht Jahren auf diesem Kanal verfasst hat. Nun hat er sich wieder mit einem interessanten Kommentar gemeldet: “Noch ein Wort zu Lilienthal: für mich ist er der geborene Marketing Manager – und das ist aus meinem Mund ein vergiftetes Lob. Schon sein Start in München an den Kammerspielen ging mit einem Marketing Coup einher, dem Aufstellen von Bedarfshütten für Obdachlose an prominenten Münchner Plätzen. Diese teils obskuren Unterkünfte wurden natürlich nicht von Obdachlosen bevölkert, sondern von der schicken jungen Linken, die dort Ihre Happenings veranstalteten. Dazu kam dann, dass die zur Errichtung der Hütten eingeladenen Künstler nicht oder nur marginal entlohnt wurden. Jetzt also ein Volksbad in Berlin. Wieder ein Marketing Coup, wie – das nur en passant – die Bindung von Holzinger ans Haus. Ich habe den Eindruck, dass es Matthias – wir kennen uns aus dem Studium in Berlin – in erster Linie um Selbstdarstellung und Aufmerksamkeit geht, ihm die Schwimmkultur und die Menschen letztlich, welcher Hautfarbe auch immer, egal sind.” Wir beobachten weiter, nicht nur den Kanzler. 

Ein Theater lässt baden

Das Volksbad der Berliner Volksbühne wird durch einen Bretterzaun geschützt. © Rolf Hiller

Ein Theatercoup ist dem neuen Intendanten Matthias Lilienthal der Berliner Volksbühne bereits vor der Saisoneröffnung mit dem Volksbad gelungen. Vor dem Haus ließ er einen 25 Meter langen und 1,30 Meter tiefen Pool aufbauen, in dem alle kostenlos schwimmen können. Gekostet hat dieser Theaterspaß 300.000 Euro; viele hätten diese öffentlichen Gelder gerne in Kulturprojekte gesteckt. Das ficht den leidenschaftlichen Schwimmer Lilienthal, der von 2015 bis 2020 die Münchner Kammerspiele geleitet hatte, nicht an. ”Mein Kulturbegriff ist ein sehr erweiterter, und Schwimmen ist Kultur“, erzählt er fröhlich dem Berliner Tagesspiegel (09.08.26. Am Sonntag, Montag und Feiertagen ist sein Schwimmbad übrigens immer geschlossen, Mitte dieser Woche konnte man dann wegen kaputter Duschen nicht öffnen. Dass Bäder zu bestimmten Zeiten von Vereinen genutzt werden, ist allgemein bekannt. Das Volksbad sollte an diesem Freitag nur dem Verein EOTO zur Verfügung stehen, der sich um schwarze Kinder und Jugendliche kümmert. 

Ein Shitstorm ohnegleichen brach über die Volksbühne herein, ausgelöst durch ein Reel (“Ich darf nicht ins Freibad, weil ich weiß bin”) von Aileen Weibeler; sie ist CDU-Bezirksverordnete in Berlin-Pankow. Natürlich wurde diese “Diskriminierung” sofort von Medien aus dem Springer Verlag und von der AfD aufgenommen und instrumentalisiert. Hätten das nicht Lilienthal und sein Bade-Team vorhersehen müssen? Es wurde bei der Präsentation des Volksbades nicht darauf hingewiesen, dass es an einigen Tagen für Stunden nur Vereinen zur Verfügung stehen würde. Möglicherweise wäre Kritik laut geworden, aber es hätte wohl keine empört interessierte Kampagne gegeben. Die Volksbühne musste reagieren und veröffentlichte auf ihrer Homepage diese Stellungnahme: ”Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und der Verein Each One Teach One (EOTO) sagen die für Freitag, 14. August, geplante Veranstaltung VOLKSBAD x EOTO ab. Grund dafür sind Sicherheitsbedenken, nachdem das Schwimmen für Schwarze Kinder und Jugendliche zum Ziel rechter und rassistischer Hetze geworden ist.”

Die Idee war richtig, diesem Verein das Volksbad als “safer space” für ein paar Stunden zu überlassen. Appeasement hat noch nie genutzt. Mehr denn je gilt es, für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Als Anleitung dafür empfehle ich “Über Tyrannen. Zwanzig Anleitungen für den Widerstand” von Timothy Snyder mit Illustrationen von Nora Krug (C.H. Beck). Kein dicker Theoriewälzer des amerikanischen Historikers, sondern ein Handbuch im besten Sinne des Wortes. Eben habe ich noch einmal die 9. Lektion “Sei freundlich zu unserer Sprache” gelesen, kurz und prägnant wie alle anderen:  “Vermeide die Phrasen und Schlagworte, die jeder andere verwendet. Erfinde Deine eigene Sprechweise, selbst wenn du nur das vermitteln willst, was in deinen Augen jeder sagt. Bemühe dich, dich vom Internet fernzuhalten. Lies Bücher.” Erschienen ist das Buch von Timothy Snyder im Original 2017. Sicherlich würde er heute dazu raten, Social Media mit größter Vorsicht zu nutzen. Die sozialen Medien haben sich als Fluch erwiesen, der nicht den Zusammenhalt der Gesellschaft stärkt, sondern ihre Spaltung vorantreibt. 

Wenn jemand eine Reise tut

Tagsüber ist die Hauptstraße von Rochefort-en-Terre für Autos gesperrt. © Karl Grünkopf

Wir haben uns nach reiflicher Überlegung entschieden, mit dem Flugzeug in die Bretagne zu reisen; immerhin sind es bis Rochefort-en-Terre 1.600 km. Auf dem Hinweg sparen wir im Vergleich zum Zug nicht viel, denn wir haben in Frankfurt 4 Stunden Umsteigezeit, aber auf dem Rückweg geht es deutlich schneller mit dem Flieger. Ich schätze diese Art des Reisens nicht besonders und empfinde mich meistens als Stückgut. Nach der Landung in Nantes steigen wir in einen Mietwagen und fahren an unser Ziel – dicke Rauchwolken sind zu sehen. Dieser Brand erinnert uns an die Waldbrände in der Gironde, etwa 400 km weiter südlich von Rochefort-en-Terre. Das Feuer an unserer Strecke scheint aber zum Glück lokal begrenzt zu sein. Im Vergleich zu Berlin oder Frankfurt sind die Temperaturen in einem der “schönsten Dörfer Frankreichs” (Wikipedia) sehr angenehm. Nachts kühlt es noch richtig herunter, und die Hochzeitsgesellschaft war gut beraten, Jacken und Pullover eingepackt zu haben. 

Es war eine traumhafte Hochzeit, die nach der Trauung bei idealem Wetter in einem herrlichen Garten unter Schatten spendenden Bäumen gefeiert wird. Der Vater des Bräutigams kochte einst mit einem Freund in Paris, und die beiden überraschten die Festgesellschaft mit einem mehrgängigen Menü vom Allerfeinsten. Da das Fest über mehrere Tage ging, blieb genügend Zeit für Gespräche und Kennenlernen, kurzum: alle haben sich in den Tagen von Rochefort-en-Terre sehr wohl gefühlt. Das Dorf ist entzückend – für Touristen. Entlang der Grand Rue gibt es viele Restaurants und Cafés, man kann Seifen, Kerzen, Postkarten, Andenken und Nippes kaufen; aber Wasser, Nudeln oder einen Salat findet man nicht (mehr). Damit teilt das Dorf, in dem knapp 700 Einwohner:innen leben, das Schicksal anderer touristischer Hotspots. Erst kürzlich habe ich wieder einmal auf die prophetische Diagnose von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 1957 hingewiesen: “Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.”

Dieser Dialektik des Tourismus entkommt niemand, aber man sollte sich darüber zumindest im Klaren sein.  Längst kann (eigentlich) niemand mehr die Folgen des Klimawandels ignorieren. Mallorca meldet heute eine Wassertemperatur von 33,02 Grad Celsius, im Herbst drohen heftige Stürme und starke Regenfälle, die man sich in sanfterer Form hierzulande schon jetzt wünscht, denn von den Flüssen werden historisch niedrige Pegelstände gemeldet. “Mitte Juli wählte Carsten Schneider (SPD) große Worte, um auf ein großes Problem aufmerksam zu machen. ‘Wasser ist unsere wertvollste Ressource’, sagte der Bundesumweltminister bei einer Veranstaltung in Berlin. Doch diese Ressource wird zunehmend rar. Laut einer Auswertung aus Schneiders Ministerium hat Deutschland in den vergangenen 25 Jahren 60 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren. Das klingt nach viel, ist aber bei genauerem Hinsehen noch mehr. Nämlich grob das Wasservolumen des Bodensees, des Starnberger Sees, des Ammersees, des Chiemsees und der Müritz zusammen.” (Tagesspiegel, 03.08.26) Vor diesem Hintergrund mutet es erstaunlich, um nicht zu sagen unverantwortlich an, dass die ehemalige Braunkohle-Tagebaulandschaft zum sogenannten Lausitzer Seenland rekultiviert wurde.