
Wir haben uns nach reiflicher Überlegung entschieden, mit dem Flugzeug in die Bretagne zu reisen; immerhin sind es bis Rochefort-en-Terre 1.600 km. Auf dem Hinweg sparen wir im Vergleich zum Zug nicht viel, denn wir haben in Frankfurt 4 Stunden Umsteigezeit, aber auf dem Rückweg geht es deutlich schneller mit dem Flieger. Ich schätze diese Art des Reisens nicht besonders und empfinde mich meistens als Stückgut. Nach der Landung in Nantes steigen wir in einen Mietwagen und fahren an unser Ziel – dicke Rauchwolken sind zu sehen. Dieser Brand erinnert uns an die Waldbrände in der Gironde, etwa 400 km weiter südlich von Rochefort-en-Terre. Das Feuer an unserer Strecke scheint aber zum Glück lokal begrenzt zu sein. Im Vergleich zu Berlin oder Frankfurt sind die Temperaturen in einem der “schönsten Dörfer Frankreichs” (Wikipedia) sehr angenehm. Nachts kühlt es noch richtig herunter, und die Hochzeitsgesellschaft war gut beraten, Jacken und Pullover eingepackt zu haben.
Es war eine traumhafte Hochzeit, die nach der Trauung bei idealem Wetter in einem herrlichen Garten unter Schatten spendenden Bäumen gefeiert wird. Der Vater des Bräutigams kochte einst mit einem Freund in Paris, und die beiden überraschten die Festgesellschaft mit einem mehrgängigen Menü vom Allerfeinsten. Da das Fest über mehrere Tage ging, blieb genügend Zeit für Gespräche und Kennenlernen, kurzum: alle haben sich in den Tagen von Rochefort-en-Terre sehr wohl gefühlt. Das Dorf ist entzückend – für Touristen. Entlang der Grand Rue gibt es viele Restaurants und Cafés, man kann Seifen, Kerzen, Postkarten, Andenken und Nippes kaufen; aber Wasser, Nudeln oder einen Salat findet man nicht (mehr). Damit teilt das Dorf, in dem knapp 700 Einwohner:innen leben, das Schicksal anderer touristischer Hotspots. Erst kürzlich habe ich wieder einmal auf die prophetische Diagnose von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 1957 hingewiesen: “Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.”
Dieser Dialektik des Tourismus entkommt niemand, aber man sollte sich darüber zumindest im Klaren sein. Längst kann (eigentlich) niemand mehr die Folgen des Klimawandels ignorieren. Mallorca meldet heute eine Wassertemperatur von 33,02 Grad Celsius, im Herbst drohen heftige Stürme und starke Regenfälle, die man sich in sanfterer Form hierzulande schon jetzt wünscht, denn von den Flüssen werden historisch niedrige Pegelstände gemeldet. “Mitte Juli wählte Carsten Schneider (SPD) große Worte, um auf ein großes Problem aufmerksam zu machen. ‘Wasser ist unsere wertvollste Ressource’, sagte der Bundesumweltminister bei einer Veranstaltung in Berlin. Doch diese Ressource wird zunehmend rar. Laut einer Auswertung aus Schneiders Ministerium hat Deutschland in den vergangenen 25 Jahren 60 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren. Das klingt nach viel, ist aber bei genauerem Hinsehen noch mehr. Nämlich grob das Wasservolumen des Bodensees, des Starnberger Sees, des Ammersees, des Chiemsees und der Müritz zusammen.” (Tagesspiegel, 03.08.26) Vor diesem Hintergrund mutet es erstaunlich, um nicht zu sagen unverantwortlich an, dass die ehemalige Braunkohle-Tagebaulandschaft zum sogenannten Lausitzer Seenland rekultiviert wurde.
