Licht und Schatten

Welcome back: das Cosima zeigt wieder Filme. © Rolf Hiller

Seit Corona war das Kiez-Kino in Berlin-Friedenau geschlossen. Über ein Jahr lang wurde auf der Anzeigetafel versprochen: “Es geht bald wieder los”.  Nun ist das kleine Lichtspielhaus aus dem Jahr 1942 nach einer Renovierung und mit einem neuen Betreiber tatsächlich wieder geöffnet. Wir lieben diese alten Kinos, die nicht zu einer Kette gehören und deren Programm oft mit viel Herzblut gemacht wird. Kino ist dort noch ein Gemeinschaftserlebnis. Nach dem Vorprogramm und der Werbung geht der Vorhang zu, um sich sogleich wieder für den Hauptfilm zu öffnen – in einem richtigen Kino, nicht auf dem Smartphone. Zum Glück gibt es für diese Filmkultur noch immer genug Interessent:innen. Diese Zielgruppe hat auch das größte Publikumsfestival der Welt im Blick – die Reihe heißt “Berlinale goes Kiez”. 

Ob sie weiterläuft im nächsten Jahr, steht dahin – der Bund wird die Zuschüsse für die Berlinale im nächsten Jahr drastisch kürzen. Konnte das Festival im Jahr 2019 noch um die 400 Filme zeigen, wird das Geld im nächsten Jahr nur noch für 200 reichen. Einige Reihen werden ganz eingestampft, der Wettbewerb und sein ambitioniertes Pendant Encounters sollen aber ungerupft davonkommen. Dabei müsste es unabhängig von der Quantität endlich darum gehen, den Wettbewerb qualitativ zu verdichten. Es steht dem Festival nicht gut zu Gesicht, sich mit der Auswahl der zu vielen schwachen Filme zu blamieren. 2024 wird das letzte Jahr des Führungsduos Mariette Rissenbeek (Geschäftsführerin) und Carlo Chatrian (künstlerischer Leiter) sein. Sie leiten die Berlinale seit 2020, und ihre Amtszeit wurde vor allem durch Corona geprägt. Die Holländerin steht für einen neuen Vertrag nicht mehr zur Verfügung. 

Während wir trotz des Unwetters vor vierzehn Tagen bis jetzt einen relativ normalen deutschen Sommer erleben, erinnern heute viele Medien an die Flutkatastrophe im Ahrtal, die am 14. Juli 2021 begann. Der Wiederaufbau ist noch längst nicht abgeschlossen, der Lerneffekt gering. Viele Häuser werden genau dort wieder aufgebaut, wo sie vorher gestanden haben; die Landwirtschaft macht auf den Höhen so weiter wir vor der Katastrophe. Wir sind da keine Ausnahme. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt einen Vorrat an Essen und Trinken für 10 Tage. Doch wir betreiben weiter keine Vorratshaltung – bis zur nächsten Katastrophe. In Sizilien werden in den nächsten Tagen 48 Grad erwartet, in ganz Südeuropa wird das Wasser immer knapper. Dafür prophezeit die Wettervorhersage für Sylt Regen, Wind und Temperaturen um 17 Grad. Ist das ein Trost? 

Stadt Land See

Spektakuläre Performance am Müggelsee: „Kranetude“ von Florentina Holzinger © Rolf Hiller

In der Berliner Volksbühne haben wir die österreichische Choreografin und Performance-Künstlerin Florentina Holzinger verpasst, die derzeit bei Kritik & Publikum ganz hoch im Kurs ist. Ratzfatz waren die Tics für ihr neues Stück ”Kranetude – A musical composition for a crane, 4 drummers und 8 bodies on water” im Seebad Friedrichshagen ausverkauft. Bis 17 Uhr stand die Aufführung am zweiten und letzten Tag auf der Kippe – wegen des regnerischen Wetters. Mit einiger Verspätung gehen die nackten Frauen an ihre Schlagzeuge, infernalische Trommelschläge hallen über den Müggelsee, eine Dirigentin – auch sie nackt wie alle bei Holzinger – irrlichtert durch die Szene, am Kran streifen sich Perfomerinnen ihre Taucheranzüge über. Mit bloßem Auge können wir das Geschehen ganz gut sehen; das Opernglas haben wir wieder einmal vergessen. Der Kran zieht 8 (nun natürlich) nackte Nixen an einem runden Gestell aus dem Wasser, die dann bei knapp zwanzig Grad allerlei Formationen bilden – mich fröstelt es schon beim Zuschauen. 

Das sind spektakuläre, womöglich unvergessliche Bilder. Später cruisen zwei Performerinnen auf Flyboards über den See. Das Publikum ist genauso beeindruckt wie das Feuilleton, das uns tiefschürfende Fragen nachliefert. “Und wer sind diese riesigen weiblichen Wesen”, rätselt die TAZ (03.07.23), “die sich wie auf langen Wasserbeinen aus weiter Ferne langsam dem Strand nähern? Meeresgöttinnen? Amazonen? Außerirdische? Oder doch nur Frauen auf Flyboards?” Diese Vieldeutigkeit der Perfomances von Florentina Holzinger macht ihre Arbeiten derzeit zum Erfolg; jede:r kann darin etwas anderes sehen. Wer auf sich hält in der Berliner Kulturszene, muss ihr Erfolgsstück ”Ophelia’s Got Talent” an der Volksbühne erlebt haben. Im Herbst steht das Werk wieder auf dem Programm. 

„Stiller Protest“ am Schwarzen See. © Karl Grünkopf

Der Kontrast zwischen der hippen Performance am Müggelsee und einem ”stillen Protest” am Schwarzen See in Flecken Zechlin (Brandenburg) könnte nicht größer sein. Ich frage den Mann auf dem Grundstück, ob das von ihm sei und ich fotografieren dürfe. ”Dafür habe ich es ja gemacht.” Er dürfte Ende 60 sein, wählt bestimmt AfD, kommt nicht mit Parolen daher und wirkt eher ratlos. ”Der Russe lässt sich von den Amerikanern und der NATO nicht einschränken”, meint er und rechtfertigt so den Angriffskrieg auf die Ukraine. Das russische Narrativ von der unrechtmäßigen NATO-Osterweiterung in den 90er Jahren findet in Ostdeutschland breite Zustimmung und treibt der AfD die Wähler:innen in Scharen zu. Die Zukunft sieht er düster. Weil die Atomkraft hierzulande nicht mehr genutzt wird, müsse er wohl mit Holz heizen. Was tun? Wir müssen wieder lernen zuzuhören und versuchen, die anderen zu verstehen. Das gilt ganz besonders für die Pannen- Ampel, deren Performance schlechter denn je ist. “Das Fortschrittsprojekt namens Ampel hat es jedenfalls geschafft, einen neuen Tiefpunkt in Sachen politischer Kultur auszuloten. Der Gute-Laune-Kanzler Olaf Scholz wird aber auch das mit seinen gewohnt nichtssagenden Worten wegzumoderieren wissen.” (Cicero, 07.07.23)  

Change is coming

Die alten Doppelfenster konnten dem Schlagregen nicht mehr standhalten. © Rolf Hiller

Dräuend schwül ist es an diesem Tag. Später wird es immer dunkler, es beginnt zu regnen, immer stärker wird der Regen. Gut so, denke ich mir. Es war in den letzten Wochen viel zu trocken. Wind kommt auf und peitscht den Regen gegen die Fenster. Gebannt schaue ich erst einmal zu. Dann bemerke ich, dass sich das Wasser zwischen den Doppelfenstern sammelt. In einem Zimmer dringt es sogar durch die Fensterrahmen – im Nu bildet sich eine Lache auf dem Boden. Im Nachbarzimmer ist die Lage nicht so schlimm, aber ich muss auch dort die Fensterbänke trocknen. Zum Glück dauert der Schlagregen, den ich so noch nie in unserer Wohnung erlebt habe, nicht lange. Das Ungemach in den anderen Zimmern, die dem Sturmregen ausgesetzt waren, hält sich in Grenzen. 

Erst abends bemerken wir Wasserflecken an der Decke. Wahrscheinlich drang über den Balkon im dritten Stock Wasser ein, das sich seinen Weg über den zweiten nach unten suchte. Naturereignisse wie dieser Starkregen zeigen dem Menschen immer wieder seine Grenzen auf. Natürlich wäre es vermessen, jedes Extremwetter unmittelbar auf den Klimawandel zurückzuführen; aber wir müssen akzeptieren, dass der Einsatz fossiler Energien Folgen hat, die nun in zunehmender Geschwindigkeit deutlich werden. Leugnen gilt nicht! Am Tag vor dem Unwetter hatte ich mir einen Satz von Greta Thunberg notiert: “Change is coming whether you like it or not.” Dem hätte der italienische Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa (“Der Leopard”) wohl kaum widersprochen, obwohl sich seine Einsicht einer ganz anderen Zeit verdankt: “Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.” Ihn zitierte übrigens der kluge CDU-Politiker Wolfgang Schäuble kürzlich in einem Interview.

Nimmt man die AfD einmal aus – die Rechtspopulisten liegen im aktuellen ARD-DeutschlandTrend hinter der CDU/CSU auf dem zweiten Platz -, dann sind sich alle Parteien “irgendwie” einig, dass der Klimaschutz mehr Beachtung verdient. Die endlosen, interessegeleiten Querelen um das Gebäudeenergiegesetz (GEG) zeigen, wie unendlich schwer es ist, vernünftige Politik zu machen. Schon schielen Söder Markus & Co. auf die bayerischen Landtagwahlen am 8. Oktober; an diesem Tag wird gleichfalls in Hessen gewählt. 2024 stehen dann die Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen an. Anderthalb Jahre Dauerwahlkampf verheißen nichts Gutes für das (politische) Klima in deutschen Landen. Zum guten Schluss sei daher noch einmal an den Vorschlag von Ralf Dahrendorf erinnert, die Bundes- und Landtagswahlen auf einen Termin zu bündeln. Das täte zumindest dem politischen Klima gut. 

Aufgabe

Wagen geräumt. Heute kein gastronomisches Angebot. © Rolf Hiller

Regen bringt Segen. Es regnet gleichmäßig die ganze Nacht. Ich stelle mich irgendwann im Dunkeln ans Fenster, schaue zu und fahre in Gedanken noch einmal meine Tour durch Deutschland. Montag war ich in unserem Kasseler Büro, konnte aber von Berlin nur über Magdeburg direkt fahren. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt – sie verfügt normalerweise über keinen ICE-Anschluss – müssen wir halten. Oha! Einige Mitarbeiter:innen der Deutschen Bahn steigen aus und müssen einen Wagen überprüfen. Wir erreichen den Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe nur mit einer guten halben Stunde Verspätung. Glück gehabt. Es hätte schlimmer kommen können. Abends auf der Fahrt nach Frankfurt fügt sich eine Verspätung trefflich mit meinen Plänen. Der ICE ist fast leer, ich habe ein ganzes Abteil für mich – herrlich. Tags darauf im RE nach Zwingenberg die übliche Pendler-Demütigung. Der (zu kurze) Zug brechend voll, die Klimaanlage wieder einmal ausgefallen. 

Die Rückfahrt nach Berlin lässt sich anfangs gut an; der ICE fährt pünktlich in den Frankfurter Hauptbahnhof ein. Wir starten aber mit 20 Minuten Verspätung, der Speisewagen muss geräumt werden – in diesem Zug gibt es “heute kein gastronomisches Angebot”. Auch recht. Wir zuckeln los, müssen dann aber in Frankfurt Süd schon wieder stehen bleiben – auf der Toilette wurde geraucht. Wahrscheinlich ging irgendein Alarm an. Nach einer Stunde verlassen wir endlich Frankfurt. Vor Erfurt schreckt uns der Zugchef mit einer Durchsage auf: Weichenstörung! Ich rechne mit einer weiteren Stunde Verspätung, da kommt auch schon die frohe Kunde: das Problem ist behoben. Irgendwann hat der Zug noch eine Türstörung, und mit einer Stunde Verspätung erreichen wir unser Ziel. Vom Zugpersonal ließ sich während der ganzen Fahrt niemand blicken.

Die Deutsche Bahn ist abgerockt. Der Staatskonzern wurde jahrzehntelang auf Effizienz getrimmt, die Instandhaltung des Netzes und des Materials zugunsten eines höheren Profits vernachlässigt. Das rächt sich nun und wird sich so schnell nicht korrigieren lassen. Der für das Netz zuständige Vorstand der Deutschen Bahn, Berthold Huber, rechnet jedenfalls für die kommenden Monate mit starken Beeinträchtigungen für die Fahrgäste. Das verheißt nichts Gutes, zudem nun auch noch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) mit unbefristeten Streiks in der Urlaubszeit droht. Und im Herbst stehen die Tarifverhandlungen mit der streiklustigen GDL (Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer) an. Einen konstruktiven Vorschlag bietet die FAZ an: “Statt auf Rücksichtnahme der Gewerkschaften zu hoffen, sollte die Ampel endlich gesetzlich sicherstellen, dass bei Streik künftig wenigstens eine mobile Grundversorgung auf der Schiene gewährleistet ist.” (23.06.23) Gute Reise! 

Nichts bleibt, wie es ist

Durch den angeschwemmten Sand aus der Ostsee wird der Neubessin immer größer. © Karl Grünkopf

Wenn ich früher in den Urlaub gefahren bin, war ich weg. Irgendwann meldete ich mich bei den Eltern per Telefon, die Freunde bekamen Postkarten. Oft stand das genaue Ziel nicht einmal fest – irgendwo in der Toskana oder in Griechenland. Mit dem Beginn der Reise hörte die Arbeit auf, dann und wann meldete ich mich per Telefon im Büro oder bekam auch mal ein Fax. Der Job war ganz weit weg, und das war auch gut so. In unseren smarten Zeiten ist fast niemand mehr richtig verreist. Ständig sind wir auf dem letzten Stand, viele können nicht einmal beim Essen ihr Handy weglegen. Man isst & schweigt zusammen und starrt auf den Bildschirm. Stets wird der digitalen Kommunikation mehr Bedeutung beigemessen als der realen – ich hasse das! Längst ist bekannt, dass ständige Verfügbarkeit Stress bedeutet; allein, jede:r muss für sich das richtige Maß finden.

Es ist gar nicht so einfach, das Handy „nur“ zum Fotografieren mitzunehmen und nicht schnell einmal zu gucken, ob es neue Nachrichten gibt. Bei unserem traditionellen Spaziergang auf den Altbessin hatte ich meinen Alleskönner ganz bewusst mitgenommen, denn ich wollte die riesige Sandbank fotografieren, die sich zwischen Hiddensee und Rügen immer weiter vergrößert. So hatten wir den Neubessin noch nie gesehen; betreten darf man das Naturschutzgebiet natürlich nicht. Wir hatten den Eindruck, das Eiland sei seit dem letzten Besuch sehr viel größer geworden; aber dem ist wohl nicht so, wie uns eine Mitarbeiterin im Nationalparkhaus Hiddensee versichert. Der Blick auf diesen Wandel der Natur ist atemberaubend, zwei Halbinseln wachsen langsam zusammen. Die Fähren scheinen wie auf Sand zu fahren.

Nicht bloß die Natur ändert sich laufend, auch die Verhältnisse auf der Insel bleiben natürlich nicht gleich. Mit Staunen lesen wir von einer Weinprobe für schlappe 80 Euro, die ein Shop namens „Goldperle“ anbietet; das Zeltkino hat einen neuen Beamer (mit viel zu lautem Lüfter) bekommen und bietet eine „Männersache“ an: gezeigt wird „Fast & Furious 10“, zum Ticket für einen Zehner gibt’s Popcorn und ein Bier. Das ist so wenig unser Hiddensee wie die launigen Kapitänsabende am Hafen und spricht ein anderes Publikum an. Die Hafenerneuerung von Vitte ist da schon ein anderes Kaliber. Dass eine Sanierung notwendig ist, steht nicht zur Diskussion. Eine schicke Modernisierung aber passt nicht zur Insel und wird ihre Ressourcen überlasten. Deshalb machen wir gerne bei der Bürgerinitiative HAFEN VITTE mit – „Hafensanierung und Schutz müssen sein, Massentourismus NEIN“ ist ihre Parole. Wer wollte da widersprechen!

Weites Land

Noch gibt es genug Wasser für die Pferde auf der Insel Hiddensee. Eine Wasserstelle ist aber schon ausgetrocknet. © Karl Grünkopf

Fernsehen schauen wir fast nie, und Western sind erst recht nicht unser Ding. Warum eigentlich? In den besten Filmen des Genres werden die großen psycho-sozialen Themen unserer Gesellschaft verhandelt – Liebe, Eifersucht, Macht, Vater-Sohn-Konflikte. Bei ARTE steht ein abendfüllender, glänzend besetzter Western aus dem Jahr 1958 auf dem Programm. In fast drei Stunden erzählt der Regisseur William Wyler in „The Big Country“ (Weites Land) die Geschichte zweier verfeindeter Familien; beide haben große Viehherden, aber keinen Zugang zu Wasser. Während die alten Patriarchen den Konflikt wie gewohnt mit Waffen austragen, setzt ein smarter Reederei-Erbe aus dem Osten (gespielt von Gregory Peck) auf Verhandlungen und eine faire Lösung. Natürlich „bekommt“ er am Ende noch die richtige und kluge Frau (Jean Simmons), von der er zuvor Land das umstrittene Land mit einer Wasserstelle gekauft hat. Ganz großes Kino, ganz große Leidenschaften, ganz große Wahrheiten.

Wasser wird eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahrzehnte. Wie kann es fair verteilt werden, wieviel steht den Menschen noch zur Verfügung? Müssen Golfplätze und Pools in Südeuropa verboten werden? Viele Inseln haben kein eigenes oder zu wenig Grundwasser. Dieses Problem stellt sich mit der zunehmenden Klimaerwärmung immer drängender. Mallorca, Sylt oder Hiddensee leben vom Tourismus. Dieses Geschäftsmodell gerät immer stärker unter Druck. Wenn der Tourismus nicht eingeschränkt wird, werden die Ressourcen bald nicht mehr reichen.Vom sanften Tourismus geht die Rede. Auf Hiddensee kann man das gerade verfolgen. Soll der Hafen von Vitte „nur“ saniert oder ausgebaut werden. Wenn mehr Liegeplätze geschaffen werden, kommen mehr Boote, die Strom & Wasser brauchen. Zumindest auf der autofreien Insel gibt es bei vielen Einwohner:innen & Gästen einen Konsens – keine Steigerung des Tourismus. Der Bürgerinitiative Hafen Vitte – Nein zum Hafenausbau sind wir inzwischen beigetreten. Eine Premiere.

Es wird nicht mehr so weitergehen, wenn das so weitergeht. Das ist inzwischen (fast) allen klar, trotzdem machen wir alle so weiter. Darauf will „Die letzte Generation“ hinweisen, die mit ihren Klebe-Attacken viel Verdruss provoziert und kaum Verständnis findet. Inzwischen hat die Aktionsgruppe ihre Strategie geändert und nimmt jetzt Superreiche, also Super-CO2-Verbraucher in den Fokus. Auf Sylt wurden ein Privatjet und die Bar eines Luxushotels angesprüht. „Superreiche stoßen CO₂ aus, als gäb’s kein Morgen“, schreibt Samira El Ouassil in der Online-Ausgabe des „Spiegel“. „Die reichsten 10 Prozent in Deutschland waren im Jahr 2015 zusammen für mehr CO2-Ausstoß verantwortlich als die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung. Ebenso sind die reichsten 10 Prozent weltweit für 52 Prozent der CO2-Emissionen zwischen 1990 und 2015 verantwortlich. Der durchschnittliche CO2-Ausstoß von Milliardären hat im Jahr 2018 8190 Tonnen pro Kopf betragen. Raten Sie mal, was der Pro-Kopf-Ausstoß weltweit beträgt: 5 Tonnen.“ (08.06.23) Wir alle handeln wider besseres Wissen!

Inselverhältnisse

Wasserflugzeug am Strand von Hiddensee mit Margarete Hauptmann an Bord. © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Seit vielen Jahren fahren wir im Frühsommer auf die Insel Hiddensee, die man von Rügen aus sehen kann; trotzdem dauert die Überfahrt mit dem Schiff noch eine gute Stunde. Weil die EVG (die Eisenbahn Verkehrsgewerkschaft vertritt 180.000 Mitglieder) oft sehr kurzfristig zu Warnstreiks aufruft, sind wir dieses Mal mit dem Auto nach Schaprode gefahren, um der Gefahr zu entgehen, auf Hiddensee festgesetzt zu werden. Es gäbe gewiss Schlimmeres als einen Zwangsaufenthalt auf unserer Trauminsel, auf der wir noch jedes Mal neue Entdeckungen & Erfahrungen machen. Per Zufall wurde ich auf eine öffentliche Gemeinderatssitzung aufmerksam. Solch eine Zusammenkunft haben wir noch nie erlebt; also machen wir uns per Rad auf den Weg nach Neuendorf, dem südlichsten Ort der Insel, die fast so lang ist wie Manhattan. Die Sitzung findet im Feuerwehrhaus statt und beginnt pünktlich. Der Bürgermeister Thomas Gens leitet die Versammlung routiniert; sechs von acht Gemeinderatsmitgliedern sind anwesend; bis auf eine Ausnahme werden alle Anträge einstimmig angenommen.

Es geht um Eilbeschlüsse zu Bauanträgen, Befestigung von Wegen, Zäunen, Kehrmaschinen oder um die Kontrolle des Hundeverbots am Strand. Ich frage nach dem Stand der umstrittenen Hafensanierung in Vitte. Momentan liege diese Angelegenheit beim Hafenausschuss, in dem auch eine Bürgerinitiative vertreten ist. Unsere Reise nach Neuendorf bestätigt: in den Ausschüssen werden die Entscheidungen weitgehend ausgehandelt. Die Bürgerinitiative HAFEN VITTE erinnert in ihrem letzten Newsletter vom November 2022 daran, dass eine Hafensanierung einem schlüssigen Tourismuskonzept folgen müsse. Im vergangenen Jahr haben sie dazu eine Umfrage durchgeführt: „Eindeutig geht daraus hervor, dass auf Hiddensee lebende Menschen keine Steigerung des Tourismus möchten. Gäste stimmten zu 92,5 % der Aussage zu, dass die Insel sich zu einer ökologischen, nachhaltigen Insel für Menschen, die Ruhe und Einsamkeit jenseits von Touristenströmen suchen, entwickeln sollte.“

Bei einem „historischen Spaziergang“ durch Kloster erfahren wir von der Leiterin des Heimatmuseums Jana Leistner, dass die Bewohner:innen der Insel vor dem Tourismus ein karges Leben fristen mussten. Das änderte sich Anfang des letzten Jahrhunderts, als das Hotel Hitthim, das Wieseneck oder die Lietzenburg entstanden und Gerhart Hauptmann von der Gemeinde ein Haus kaufte und wenig stilsicher um einen Anbau erweiterte. Wenn der Weinkeller frisch gefüllt war, soll der Nobelpreisträger des Jahres 1912 wie ein König auf der Insel eingezogen sein. Ob er einmal sogar mit einem Wasserflugzeug auf die Insel reiste, ist nicht verbürgt. Tatsächlich gab es von 1928 -1936 eine Linienverbindung von Stralsund nach Kloster – nur 15 Minuten dauerte der Flug. Heute ist man auf dieser Strecke per Schiff fast zweieinhalb Stunden unterwegs und gewöhnt sich während der Fahrt an das langsame Leben in „dat söte Länneken“, wie die Einwohner:innen von Hiddensee ihr Paradies nennen. Es ist an uns allen, es trotz notwendiger Veränderungen zu bewahren!

Warten aufs Theater

Spektakel der ungesehenen Art: „Ophelia’s Got Talent“, eine Produktion der Volksbühne Berlin, von Florentina Holzinger © Nicole Marianna Wytyczak

Man hätte gewarnt sein können. „Nora. Ein Thriller von Sivan Ben Yishai, Henrik Ibsen, Gerhild Steinbuch und Ivna Žic“ steht auf dem Programm; Felicitas Brucker und ihr Team wollen den Stoff als „multiperspektivischen, mitreißenden Theaterthriller auf die Bühne bringen“. So verspricht es der Programmzettel des 60. Theatertreffens der Berliner Festspiele. „Mit 10 bemerkenswerten Inszenierungen, von einer Kritiker*innenjury aus 450 neuen Theaterproduktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgewählt, begeben wir uns auf auf eine vielschichtige, Spiel- und bildgewaltige Entdeckungsreise durch den deutschsprachigen Theaterraum.“ Vollmundige & wohlklingende Worte, denen bei der Probe aufs Exempel keine der vier von uns erlebten Aufführungen standhält. Nora als sogenannter Thriller beginnt mit einer Stunde Verspätung wegen technischer Probleme. Die von Ibsen vielschichtig angelegte Figur wird auf eine Frau reduziert, die weiß, was sie will und braucht. Eine Kennerin der Münchner Szene berichtet, die dortigen Kammerspiele hätten inzwischen Mühe, das Haus zu füllen.

Warum das Schauspielhaus Bochum gleich mit zwei „bemerkenswerten“ Produktionen beim Theatertreffen vertreten war, ist nicht nachvollziehbar. „Der Bus nach Dachau“ hätte ein sehr spannendes Projekt werden können. Die Niederlande waren der einzige Staat, der seine Bürger:innen nicht aus dem KZ Dachau abgeholt hat. Die Überlebenden mussten sich einen Bus mieten, um nach Hause zu kommen. Diese traurige Geschichte wollte einer von ihnen in einem Film erzählen; das Drehbuch hat er nicht fertig gestellt. „Ein 21st Century Erinnerungsstück“ sollte es werden, doch die Kooperation der Gruppe „De Warme Winkel und Ensemble“ mit dem Schauspielhaus Bochum wirft zwar wichtige Fragen auf, bleibt aber ästhetisch unentschlossen und dilettantisch. Das gilt nicht minder für den zweiten Beitrag aus Bochum, „Kinder der Sonne“ von Maxim Gorki. Ein naturalistisches Bühnenbild, Tür auf, Tür zu. Mir schwant nichts Gutes. Ohnesorg-Theater. Nicht annähernd vermittelt sich in der biederen Inszenierung der Slowenin Mateja Koležnik die Brisanz des Stoffes. Während unter dem Volk eine Cholera-Epidemie wütet, kultiviert das Bürgertum seine Ignoranz und Neurosen. 

Dabei hatte das 60. Theatertreffen mit einem langen und viel versprechenden Abend begonnen. Mit drei Pausen dauert „Das Vermächtnis“ von Matthew Lopez frei nach dem Roman „Howards End“ von E.M. Forster über sieben Stunden. Der Regisseur Philipp Stölzl (2021 beeindruckte seine „Schachnovelle“ im Kino) setzt in seiner sparsamen Inszenierung des Lebens der New Yorker Gay Community um 2015 ganz auf seine hervorragenden Schauspieler (Residenztheater München). Netflix fürs Theater befanden einige. Wir sind keine Binge-Watcher und seilten uns vor dem Ende dieses (allzu) langen Abends ab. Das große Ereignis dieses Theatertreffens haben wir indes verpasst: „Ophelia’s Got Talent“ von Florentina Holzinger. Die das „gigantische Spektakel“ erlebt haben, waren sich einig – so etwas hätten sie noch nie gesehen. Die Karten für die Aufführungen an der Berliner Volksbühne sind heiß begehrt. Da müssen wir hin! Und beim 61. Theatertreffen im nächsten Jahr sind wir auch wieder dabei. Die Hoffnung stirbt zuletzt. 

Was soll uns schon passieren?

Unter dem Begriff „Toxic Evolution“ faßt der Künstler Soler Arpa seine Kreaturen zusammen; die Teile hat er auf Mülldeponien gesammelt. © Rolf Hiller

Sie ist der Shooting Star des Jahres in Deutschland. Die gesamte Tour von Paula Hartmann war ausverkauft, schon lange gab es keine Tix mehr für ihr Konzert in Huxley’s Neue Welt in Berlin, wo die 1.600 Plätze im Nu weg waren. Mit ihren Songs trifft Paula Hartmann die Herzen & Nerven ihrer Generation. Sie ist gerade 22 Jahre alt geworden, studiert (noch) Jura in Hamburg, stand schon mit 5 Jahren vor der Kamera und hat bei einer ganzen Reihe von TV- und Filmproduktionen mitgewirkt. Diese Erfahrungen kommen ihr nun zugute. Sie hat eine enorme Bühnenpräsenz, wirkt aber in jedem Moment authentisch und positiv. Ihre teils düsteren Texte treffen die Stimmung ihrer Fans, deren Jugend und Perspektive apokalyptisch grundiert ist. Ganz am Anfang ihres umjubelten Konzerts ruft Paula auf, dass jede:r sich bei ihren Leuten melden soll, wenn er/sie sich unangenehm angemacht oder diskriminiert fühlt.

Begleitet und gehalten werden ihre Songs vom Live-DJ Friso – mehr Band braucht es heutzutage nicht mehr. Später kommen als Gäste die Rapper Luvre47 und Apsilon dazu, die meine Vorurteile gegen dieses Genre gründlich erschüttern. Von wegen dicke Hose, Grillz und Gangsterposen. Rap ist für die beiden eine Kunstform, um sich auszudrücken. Apsilons Großeltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei, er wuchs in Berlin-Moabit auf, machte sein Abi mit einem Schnitt von 1.2 und studiert an der Charité Medizin. Von Luvre47, der in der Gropiusstadt groß wurde, stammt der Titelsong von „Sonne und Beton“. Der Film von David Wnendt basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Felix Lobrecht. Die Uraufführung fand auf der diesjährigen Berlinale statt; über 1 Million Besucher:innen wollten „Sonne und Beton“ seither im Kino erleben.

Per Rad & S-Bahn dann zu einem Kunstprojekt, dessen PR geschickt mit dem Insiderwissen jongliert. Niemand der Auserwählten dürfe verraten, wo der „Himmel unter Berlin“ sich auftut. Ehe wir in die Katakomben hinabsteigen, erfahren wir noch, dass auf dem Gelände wesentliche Teile von Fritz Langs Film „Metropolis“ entstanden sind. Unten bekommen wir einen Schlüssel mit einer Nummer. Die Location ist großartig gestaltet. Vorbei an Bar und DJane gelangen wir zu einer Bücherwand der 70er Jahre; daneben steht ein Kleiderschrank. Endlich wird unsere Nummer angezeigt, das Mädel öffnet die Tür, wir schieben uns durch die Klamotten – und sind drin. Durch dunkle Gänge werden wir durch ein Labyrinth geführt; es ist ein ganz bisschen unheimlich, wenn man Phantasie hat. In den besten Momenten der Ausstellung taucht man ein in eine immersive, beklemmende Kunstwelt. Trotzdem beeindrucken mich die Kreaturen von Soler Arpa am meisten. Wir zerstören mit unserem Lifestyle systematisch Umwelt und Klima. Die Hälfte aller Seen verlieren Wasser. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) rechnet damit, dass die nächsten fünf Jahre die heißesten aller Zeiten werden können. Was soll uns schon passieren?

Unterwegs

„Ist der Mai kühl und nass, füllt‘s dem Bauern Scheun und Fass.“ (Bauernregel). In Südfrankreich muss Wasser rationiert werden. © Rolf Hiller

Plötzlich rennen alle los. Weil man bei der Deutschen Bahn auf jede Überraschung gefasst sein muss, beeile auch ich mich am Frankfurter Hauptbahnhof, durch eine Unterführung aufs nächste Gleis zu kommen. Herdentrieb. Die anderen Fahrgäste hatten wohl eine Nachricht aufs Handy bekommen oder den DB Navigator gecheckt. Für alle „Unwissenden“ kommt dann die Durchsage, dass der ICE heute auf einem anderen Gleis abfährt. Die Fahrt nach Kassel wird länger dauern als üblich, weil der Abschnitt zwischen Fulda und Kassel in einem Rutsch saniert wird. Es dauert also, und der Zug zuckelt teils sehr gemächlich durch Hessen, ohne WLAN. Einmal bleiben wir auf freier Strecke stehen, die Aussicht ist idyllisch. Ich habe ein ganzes Abteil für mich alleine und genieße diese Umleitung. Ab Sonntag ist erst einmal Schluss mit Idylle. Die EVG wird 50 Stunden streiken * – für höhere Löhne ihrer Mitarbeitenden und um sich gegen die Konkurrenten von der GDL (Gewerkschaft der Lokomotivführer) zu positionieren; die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft hat in den letzten Jahren gut ein Fünftel ihrer Mitglieder verloren.

Die Reputation der Deutschen Filmakademie steht gleichfalls auf dem Spiel. Sie vergibt jährlich die Lola genannten deutschen Filmpreise und hat mit ihren Nominierungen heuer allenthalben für Verwunderung gesorgt. Der bei der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnete Film „Roter Himmel“ von Thomas Petzold kam noch nicht einmal in die Vorauswahl für die Nominierung, Lars Kraumes „Der vermessene Mensch“ schaffte es nur mit einer „Wildcard“. Und hier geht es nicht nur um die Ehre. Schon die Nominierungen, vor allem dann aber die Preise sind mit nennenswerten Summen aus der öffentlichen Filmförderung verbunden. Es ist etwas faul im Subventionsstaat Deutschland. Das bringt Edward Berger, der mit seiner deutschen Netflix-Produktion „Im Westen nichts Neues“ als großer Lola-Favorit gilt, deutlich auf den Punkt: „Es ist einfach peinlich, wenn ein Film, der auf der Berlinale einen der Hauptpreise gewinnt, von der Filmakademie nicht einmal für die erste Stufe beim Nominierungsverfahren für würdig befunden wird.“ (Tagesspiegel, 11.05.23)

Nicht nur der Streik der EVG wird die nächste Woche bestimmen. Am Wochenende wird in der großen Türkei und im kleinen Bremen gewählt. Schafft es ein sehr heterogenes Bündnis, Erdogan abzuwählen? Würde der autokratisch auftretende Präsident seine Niederlage akzeptieren? Kann sich in Bremen die rot-grün-rote Koalition mit dem Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) halten? Bekommen Die Grünen in der fahrradfreundlichsten Großstadt der Republik einen Denkzettel wg. der Causa Graichen? Der Mai zeigt sich politisch alles andere als wonnig – Krisen & Probleme, wohin man schaut. Ob das Theater helfen kann? Parallel zur Verleihung der Deutschen Filmpreise heute Abend beginnt das 60. Berliner Theatertreffen mit der Inszenierung eines Romans von E.M.Forster. „In fast sieben Stunden entwerfen Philipp Stölzl und sein Ensemble ein temporeiches und vielschichtiges Gesellschafts- und Beziehungspanorama, das die New Yorker Gay Community porträtiert und Fragen nach Verantwortung und Respekt stellt“, verspricht das Programmheft. Und drei Pausen. Fürs perfekte Theaterglück.

* Am Samstagnachmittag haben sich die Deutsche Bahn und die EVG auf einen Vergleich geeinigt, so dass der Streik abgewendet werden konnte.