Auf und nieder

Standing Ovations für Ioana Mallwitz und das Konzerthausorchester Berlin beim Antrittskonzert der neuen Chefdirigentin. © Rolf Hiller

Wir sind dabei. Das erste Konzert von Joana Mallwitz ist restlos ausverkauft. Sie ist die neue Chefdirigentin des Konzerthausorchester Berlin, das seine gesamte Kommunikation auf sie abgestellt hat. In der aufwändig gestalteten Saisonbroschüre ist sie auf dem Cover und wird ausführlich vorgestellt. Die Marketingabteilung hat ganze Arbeit geleistet, nun muss Joana Mallwitz (Jahrgang 1986) liefern. Sie hat erfolgreich in Erfurt und Nürnberg gearbeitet und wurde 2019 vom Fachmagazin “Opernwelt” zur Dirigentin des Jahres gewählt. Für ihr Antrittskonzert in der Hauptstadt hat sie sich drei erste Sinfonien ausgewählt von Prokofjew, Weill und Mahler. Noch nie haben wir solch ein expressives Dirigat erlebt. Joana Mallwitz braucht keine Noten und macht uns trotzdem jedes Detail der Partitur sichtbar. Keinen Moment kommt sie zur Ruhe, im Gegenteil: für sie dürfte das Podest locker doppelt so groß sein. Nach zwei Stunden ist die Ausdruckstänzerin vollkommen ausgepowert und glücklich. Standing Ovations. Berlins neuer Kultursenator Joe Chialo pfeift begeistert. Die kundige ARD-Kulturkorrespondentin Maria Ossowski bringt es in ihrer Kritik auf den Punkt: “Madonna statt Maestro”. 

Joana Mallwitz kommt authentisch rüber; das kann man von Hubert Aiwanger (Jahrgang 1971) nicht behaupten. Den stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten und Wirtschaftsminister im Freistaat holt gerade seine Vergangenheit ein. In seinem Schulranzen verwahrte er antisemitische Hetzschriften (seines Bruders) auf und irritierte seine Klassenkameraden gelegentlich mit dem Hitlergruß. Anstatt sich dazu zu bekennen und sich zu entschuldigen, laviert der Vorsitzende der Freien Wähler in Bayern wenig überzeugend herum. Ein Problem hat damit erst recht der Söder Markus (CSU), der mit den Freien Wählern in Bayern regiert und nach der Landtagswahl am 8. Oktober mit ihnen weitermachen möchte. Mit den Grünen will der bayerische Ministerpräsident, der einst Bäume umarmte, auf keinen Fall regieren. Das dürfte so wenig passen wie die Verbindung in Berlin, wo die Ampelparteien aktuell zusammen bei 36% Zustimmung liegen. Noch niederschmetternder: nur noch jeder Fünfte ist mit der Regierungsarbeit der Koalition zufrieden (infratest dimap). Die AfD steht bei 22% – der Rechtsradikalismus ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. 

Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren begann ich diesen Blog, den mir mein Freund Axel eingerichtet hatte. Erst als Tagebuch unserer Amerikareise, dann als wöchentliche Kolumne jeden Freitag, persönlich, aber nicht privat. Dieses Schreiben ist mir eine liebe Pflicht geworden, eine Reflexion der Zeit in der Spanne einer Woche. Das Innehalten, das Sortieren der Eindrücke, Einsichten & Erlebnisse möchte ich nicht mehr missen; es hat meine privaten “Notizen” fast ersetzt, leider. Denn diese Aufzeichnungen sind nicht für Leser:innen geschrieben. Gelegentlich lese ich alte Beiträge in “Wahn und Werk” und bin immer zufrieden, wenn sie heute noch bestehen können. Die Protokolle der Corona-Zeit überraschen mich dabei immer wieder. Ab September wird es einen neuen Impfstoff geben. Im Konzerthaus gestern und auf der Bahnreise diese Woche waren schon wieder Maskenträger:innen zu sehen. Das Virus wird weiter mutieren und niemals mehr verschwinden. Keine tröstliche Gewissheit. 

Peter, Paula und Olaf

Campus-Kino mit „Olaf Jagger“ in der Stasi-Zentrale. © Rolf Hiller

Glück gehabt! Wir erreichen gerade noch rechtzeitig die ehemalige Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg – nicht zum Verhör (diese Zeiten sind zum Glück vorbei!), sondern zum Filmabend. Im August gibt es dort die schöne Reihe “Campus-Kino. Filme in der Stasi-Zentrale“. Der Eintritt ist frei und der Zuspruch groß. Die Stühle stehen dicht an dicht; dafür gibt’s genug Platz für die Beine. Wir ergattern noch zwei Plätze in der Mitte, die Dämmerung setzt ein. Film ab. Zu sehen ist an diesem Abend “Olaf Jagger”, eine sogenannte Mockumentary, also ein fiktionaler Dokumentarfilm. Mit Olaf Schubert, dem Alter Ego des Dresdener Multitalents Michael Haubold, lassen wir uns auf eine skurril-witzige Spekulation ein. Was wäre, wenn seine Mutter, die beim legendären DDR-Jugendsender DT64 gearbeitet hat, beim ersten Konzert der Rolling-Stones 1965 in Münster auf Mick Jagger getroffen und der One-Night-Stand nicht ohne Folgen geblieben wäre?

Dass Paula Hartmann, der Shooting Star im deutschen Pop, als Vorgruppe zu Peter Fox gebucht wurde, war schon eine Sensation. Zum Abschluss ihrer durchweg ausverkauften Tour im Frühjahr rockte die 21-jährige Sängerin in Berlin Huxley’s Neue Welt. Sie kommt sehr gut an, hat eine tolle Bühnenpräsenz und wirkt authentisch. Freilich war die Waldbühne für sie noch ein paar Nummern zu groß. Paula Hartmann und ihr DJ Friso geben ihr Bestes. Aber das Publikum im beeindruckenden Rund der Waldbühne wartet vor allem auf den Hauptact. Kaum betritt Peter Fox endlich die Bühne, springen alle auf; die große Party beginnt. Mit seinem Album “Stadtaffe” (2008) sorgte der zweite Front-Mann von Seeed (neben Frank Delay) für Furore und füllte die Hallen. Die “Love Songs” aus diesem Jahr können da nicht mithalten, doch das tut der Stimmung an diesem Abend keinen Abbruch. Immer wieder ruft Pierre Baigorry alias Peter Fox das Keyword “Berlin”, das nicht nur in der Waldbühne trefflich funktioniert.

Mitten im Konzert erreicht uns die Eilmeldung, dass Jewgeni Prigoschin, der skrupellose Chef der Gruppe Wagner, bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe von Moskau ums Leben gekommen sei; auf den Tag zwei Monate nach dem versuchten Putsch gegen das Putin-Regime. Mit einem Zaren sollte man sich nicht anlegen, und einem Zaren die Wahrheit um die Ohren hauen erst recht nicht. Putin bezeichnete seinen einstigen Günstling in einer Kondolenzadresse als “fähigen Mann”, der aber “schwere Fehler” begangen habe, womit er sich trefflich selbst charakterisiert hat. “Kurz nach der Niederschlagung des Wagner-Aufstands“, spekuliert die türkische Zeitung Yeni Şafak, “sagte Putin, dass er alles verzeihe, Verrat aber niemals. Wenn man sich diese Worte in Erinnerung ruft, könnte man denken, dass der Befehl für den Abschuss aus Moskau kam.” (25.08.23) Prigoschins Präsenz nach dem Putsch muss für Putin eine einzige Provokation gewesen sein. Nicht bloß da verstehen Diktatoren keinen Spaß. 

Der Verlust

Nächtlicher Einsatz der Feuerwehr. © Rolf Hiller

War es nur ein Traum? Unterschwellig höre ich in der Nacht Geräusche einer Motorsäge, werde aber nicht richtig wach und schlafe erst einmal weiter. Kurz vor zwei Uhr stehen wir auf dem Balkon. Die Feuerwehr hat ihren Einsatz fast schon beendet. Die Straße ist wieder frei, nur der Stamm, der auf der Motorhaube eines BMW liegt, muss noch zersägt werden. Die Linde von gegenüber, die schon länger bedenklich schief stand, stürzte nach einem heftigen Gewitter um. Der Baum kippte über die Straße auf unsere Linde, für deren Pflanzung wir 2013 gesammelt hatten. Ganz schief habe sie gestanden, sich aber rasch wieder aufgerichtet, nachdem die Feuerwehrmänner den Baum von gegenüber zersägt hatten. Sicher hat auch der SUV die Wucht des Sturzes vermindert, sonst wäre wohl unsere Linde – und womglich nicht nur sie – zerschmettert worden.  

Unser Haus und der Vorgarten wurden nicht beschädigt; trotzdem werden unsere Rosen und die Magnolie das Ereignis vielleicht nicht überstehen. Die gewaltigen Äste des zersägten Baumes warfen die Feuerwerker in den Vorgarten – die Straße musste wieder freigemacht werden. Durften die das? Ja, mutmaßt eine Nachbarin. Für den Abtransport ist das Grünflächenamt zuständig. Telefonisch ist kein Durchkommen. Eine andere Nachbarin hatte das Amt vor Wochen schon auf die bedenklich schiefe Linde hingewiesen – keine Reaktion. In Berlin gibt es ungefähr 450.000 Straßenbäume. “Die bekommen beim Grünflächenamt keine Leute”, meinte der Einsatzleiter der Feuerwehr in der Nacht. Was ist ein Lindensturz, bei dem niemand zu Schaden kam, gegen die Katastrophenmeldungen in den Nachrichten heute: Starkregen in Süddeutschland, Waldbrände auf Teneriffa und schlimmer denn je in Kanada. Trotzdem ist Betroffenheit immer konkret. 

Plötzlich nimmt die Lage einen unerwarteten Verlauf. Ein Team vom Grünflächenamt unseres Bezirks erscheint schon am frühen Vormittag und prüft die Schäden; die Leiterin verspricht, dass binnen einer Stunde das Aufräumen beginnt. Sie gibt uns die kleine Schieferplatte zurück, die wir am Stamm befestigt hatten. Gewidmet haben die “Freunde der Jenaer Linde” den Baum Meier Spanier und seiner Frau Charlotte aus unserem Haus; sie waren 1942 vor der Deportation in den Tod geflohen. Nach der Expertise der Dame vom Grünflächenamt waren die Wurzeln der 2013 gepflanzten Linde in der Nacht abgerissen, eine Regeneration ausgeschlossen. Sie versprach, dass beide Bäume ersetzt würden. Dieser Einsatz und dieses Versprechen der vielgescholtenen Berliner Verwaltung stimmen zuversichtlich. Nicht alles läuft schlecht in dieser Stadt, in diesem Land. Mir geht das Chanson “Mein Freund, der Baum” von Alexandra (✝︎ 1969) den Kopf. 

The Good Times

Standing Ovations für Dee Dee Bridgewater und das NYO unter Sean Jones im Berliner Konzerthaus. © MUTESOUVENIR I Kai Bienert

Am Ende sind alle happy. Im Rahmen des Festivals ”Young Euro Classic” spielt das NYO, das National Youth Orchestra Jazz aus den USA, im ausverkauften Berliner Konzerthaus ein begeisterndes Konzert. Die jungen Musiker:innen überzeugen im Ensemble und mit feinen Soli. Nach der Pause können wir den lässigen Bandleader Sean Jones noch als Trompeter erleben; die Ansagen übernimmt nun die fabelhafte Sängerin Dee Dee Bridgewater. Sie beginnt mit ”Afro Blue” – so heißt übrigens ihr Debütalbum von 1974 – und beendet das Konzert mit “Let the good times roll” von Ray Charles. Referenzen erweisen die Musiker:innen zuvor noch Duke Ellington, Dizzy Gillespie, Louis Armstrong und Ella Fitzgerald, um nur einige Namen zu nennen. Dee Dee singt wie Louis und scatet wie Ella, Grenzen scheint es für das 73jährige Stimmwunder nicht zu geben. 

Standing Ovations der Silverager, die sich in bester Stimmung auf den Heimweg machen – ”let the good times roll”. Es braucht Momente wie diese, time out angesichts der vielen Krisen dieser Zeit. Dabei verweist schon die erste Strophe des Songs auf das Problem unserer Zivilisation – wir leben munter drauf los, als ob es kein Morgen gäbe. “Hey everybody / Let’s have some fun / You only live but once / And when you’re dead you’re done.” Nach mir die Sintflut im übertragenen und wörtlichen Sinne, wenn man an die immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen denkt. Letzte Woche war der Weltüberlastungstag. Bei unserem Verbrauch an Ressourcen benötigte Deutschland drei Welten, die Amerikaner sogar fünf! 

An die vorgeblich gute alte Zeit knüpft ein Film an, der nicht nur in diesem Sommer alle Rekorde bricht: ”Barbie” von Greta Gerwig. Wir erleben diesen grandios gemachten Film, der raffiniert mit Stil- und Zeitelementen jongliert, in den bequemen Sesseln der Astor Lounge. Mehr als 1 Milliarde US-Dollar hat der Film schon eingespielt, den man als Empowerment der Frauen und als cleveren Coup des Barbie-Herstellers Mattel sehen kann. Dass die einfältigen Manager sich wie Ken & seine Kumpel gebärden, ist so lustig wie unwahr. Noch haben die (alten weißen) Männer die Fäden in der Hand. Aber die Barbies kommen – hoffentlich nicht bloß als rosa Anziehpüppchen. Der Film mit Margot Robbie und Ryan Gosling in den Hauptrollen wird durchaus kontrovers rezipiert. Gut so. 

Aus für Deutschland

The Art of Banksy „Without Limits“ ist in Frankfurt noch bis zum 15.Oktober zu sehen. © Rolf Hiller

Vor einiger Zeit bin ich wieder auf meinen alten Aktenkoffer aufmerksam geworden. Allerdings war mir die Zahlenkombination entfallen, und so nahm ich das Angebot von Koffer Klein am Frankfurter Rossmarkt gerne an und brachte meine Blackbox dorthin. Da ich schon einmal in der City war, radelte ich weiter zur Hauptwache, wo im zweiten Stock eines alten Modekaufhauses die von FRIZZ Das Magazin präsentierte Ausstellung von Banksy gezeigt wird. Am frühen Nachmittag ist die Show bei trübem, regnerischem Wetter erstaunlich gut besucht. Banksy ist ein Phantom. Bis auf eine verschworene Gemeinschaft weiß niemand, wer sich hinter dem Streetart-Künstler aus Bristol verbirgt. Mit spektakulären Aktionen verblüfft er die Kunstwelt immer wieder, etwa indem er unbemerkt eine Felsmalerei ins British Museum schmuggelte. Solche Aktionen begeistern die Kunstwelt genauso wie jene Schredder-Aktion bei Sotheby’s, bei der ein eben ersteigertes Bild sich selbst zerstören sollte. 

Banksy ist der Robin Hood der Kunstszene, mit dem sich (fast) alle identifizieren können, mit dem sich glänzend Geld verdienen lässt; dabei macht der Künstler selbst seinen Schnitt. Als ich mir in der Multi-Media-Show das Mädchen anschaute, das langsam nach unten fliegt, war für die deutschen Mädels bei der WM noch alles drin. Plötzlich erscheint mir das Bild als Allegorie für Deutschland im Sommer 2023. Probleme, wohin man schaut. Zumindest mein Problem konnte die Dame bei Koffer Klein beheben – mit ihren routinierten Händen erspürte sie die Kombination meines Aktenkoffers. Nie wäre ich auf diese sechs Ziffern gekommen, die ich doch vor bald zwanzig Jahren mit Bedacht gewählt hatte. In meiner Black Box fand ich zwei FRIZZ-Ausgaben (noch mit dem alten Logo) von 2012, einen Programmzettel des Mousonturms, ein paar Unterlagen. Was mache ich jetzt mit dem Koffer, mit dem ich jahrelang in den Verlag gefahren bin und dabei auf einem Sony Discman CD’s hörte? Die Zahlenkombination werde ich bestimmt nie mehr vergessen. 

Nach den Männern, der U21 sind nun also auch die deutschen Frauen bei einem großen Turnier spektakulär gescheitert. Immer wieder haben Soziologen, etwa Norbert Seitz, über die erstaunliche Vermittlung von Fußball, Politik und Gesellschaft räsoniert. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds muss Deutschland als einzige der größten Volkswirtschaften der Welt mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr rechnen, im aktuellen ARD-DeutschlandTrend kommt die AfD auf 21%. Sollten die Rechtspopulisten im nächsten Jahr bei der Europawahl gut abschneiden und bei den drei Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen gar stärkste Partei werden, dürfte das für Deutschland massive Konsequenzen haben. Der Wirtschaftsstandort verliert dann an Attraktivität und die besten Köpfe haben Besseres zu tun, als sich in einem Land mit zunehmender Ausländerfeindlichkeit, überbordender Bürokratie und einer schwer zu erlernenden Sprache anzusiedeln. AfD lässt sich auch als Aus für Deutschland lesen. Zurück geht’s nie nach vorne.  

Ab ins All

Unsere Erde im Zeiss-Großplanetarium. Die beiden roten Punkte rechts stammen vom Laser-Pointer. © Rolf Hiller

Löwenjagd aufs Wildschwein war letzte Woche. Jetzt beherrschen Brände und eine nie dagewesene Hitzewelle in Südeuropa die Schlagzeilen, im holländischen Wattenmeer brennt ein Autofrachter, das Militär hat sich im Niger an die Macht geputscht. Dabei rutscht die Rezessionsgefahr in Deutschland in den Hintergrund; ebenso wie Meldungen immer neuer Angriffe Russlands auf die Ukraine. Wie viele Krisen können wir verkraften. Es gibt Menschen, die nur noch einmal am Tag Nachrichten hören – oder sich für eine Stunde ins Weltall beamen. “Falls es regnet”, erzählt die Schauspielerin Katharina Schüttler, “gehe ich ins Planetarium in der Prenzlauer Allee und schaue mir das Weltall an. Das beruhigt ungemein.” (Tagesspiegel/Ticket, 27.07.23) Im Laufschritt erreichen wir das Zeiss-Großplanetarium in Berlin und schon beginnt eine eindrucksvolle Bilderreise. Der launige Moderator lässt die Sonne untergehen, wir cruisen durch das Weltall und vergessen Raum & Zeit. 

Die neue Causa Merz verliert in Lichtgeschwindigkeit ihre Bedeutung. Bekanntlich hatte der (noch) starke Mann der CDU im ZDF-Sommerinterview eine Kooperation seiner Partei mit der AfD auf kommunaler Ebene nicht mehr ausgeschlossen. Merz, der mit seinem Programm “Alternativen für Deutschland” befremdet, Die Grünen als politischen Haupt-Gegner ausgemacht und sich abfällig über die gemeinsame Regierung dieser Partei mit der CDU in NRW geäußert hat, scheint die Kontrolle über sich und seine Kommunikation verloren zu haben. „Merz redet sich und seine CDU noch um Kopf und Kragen“, bilanziert die Nürnberger Zeitung. „Er muss einfach bei solchen Gelegenheiten sowohl glasklar sein als auch sachlich differenzieren. Das kann deshalb nicht heißen, mal eben eine Phrase rauszuhauen, die AfD-Demagogie bedient, und hinterher zurückzurudern. Damit lässt er selbst wohlwollende Wähler ratlos zurück.” Wird Friedrich Merz Kanzlerkandidat der CDU/CSU bei der Bundestagswahl 2025? Ich halte dagegen. 

Am Tag vor der Reise ins All wollten wir uns “Oppenheimer” von Christopher Nolan nicht entgehen lassen. Selbst in der Nachmittagsvorstellung um 16 Uhr waren alle guten Plätze im Zoo Palast ausverkauft; ein überwiegend junges Publikum wollte sich das opulent inszenierte Biopic über Leben & Scheitern des genialen Physikers Robert Oppenheimer nicht entgehen lassen. Mit Popcorn & more dürfte das Kino an diesem Tag mehr Geld verdient haben als mit den Tix. Erst nach dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki kommen Oppenheimer Zweifel an seiner Arbeit. Da ist der Freidenker schon längst in den Fokus der Kommunistenjäger in der McCarthy-Ära geraten. Die Entwicklung der nuklearen Waffen hätte er sicherlich nicht aufgehalten, aber er hätte nicht mitmachen müssen. Heute verfügt sogar Nordkorea über Wasserstoffbomben. “Durch Zündung einer Wasserstoffbombe über der Arktis würde die polare Eiskappe schmelzen und eine riesige Welle freisetzen, die zahlreiche Länder überfluten würde. Auch ließe sich durch die Detonation mehrerer Wasserstoffbomben vor der kalifornischen Küste eine Tsunami-Welle auslösen, die den Westen der USA bis zu den Rocky Mountains überschwemmen würde (Quellen: Chemglobe; Gerhard Piper).” https://www.atomwaffena-z.info/start Für die Erde eine unvorstellbare Katastrophe, kosmisch gesehen eine Randnotiz. Permanent entstehen und vergehen Planeten und Sterne. 

Ein weites Feld

Der Tower des Flughafens Tempelhof lädt zur Besichtigung ein. © Rolf Hiller

Mit dem Fahrrad zum Flughafen – das war bis 2008 in Berlin überhaupt kein Problem. So lange war der City-Airport Tempelhof noch in Betrieb. Maschinen der Luftfahrtgesellschaft meines Onkels, der LGW, starteten und landeten dort bis 2007. Eine Klage gegen die Schließung des Flughafens Tempelhof, ohne den die Luftbrücke der Alliierten zur Versorgung der Berliner Bevölkerung 1948-1949 nicht möglich gewesen wäre, hatte keinen Erfolg. Inzwischen wurde auch Tegel geschlossen, und der Pannenflughafen BER ist am Netz. Ein paar Interessierte treffen wir an diesem kühlen Sommertag im frisch renovierten Gebäudeteil des riesigen Komplexes, auf dessen Dachterrasse man den alten Tower besichtigen kann. Der Blick über das weite Tempelhofer Feld verknüpft die Zeiten; verlassen steht noch ein sog. Rosinenbomber vor dem Hangar.  

© Entwurf THF, Stefan Braunfels

In einer Ausstellung im Stockwerk darunter erfährt man einiges über das städtebauliche Dilemma dieses historischen Ortes. Erbittert wurde um eine Randbebauung gestritten, die schließlich per Volksabstimmung verhindert wurde. Phantastisch die Idee, dort einen Berg zu errichten, pragmatischer der Vorschlag, das Feld in einen Wald zu verwandeln und mit Hochhäusern zu säumen. Diese Idee sollte unbedingt wieder aufgenommen werden. Wohnraum ist knapper denn je, und eine Metropole kann sich eine weitgehend ungenutzte Freifläche in zentraler Lage nicht leisten. Nichts bleibt, wie es ist. Das Tempelhofer Feld ist so wenig eine heilige Kuh wie die riesigen Schrebergartenanlagen in der Stadt. Beide Themen sind ganz heiße Eisen, an denen sich die Parteien der Mitte nicht die Finger verbrennen wollen; es könnte Wählerstimmen kosten. Mit den Laubenpiepern will sich die Politik ebenso wenig anlegen wie mit den urbanen Eliten.  

Im Moment interessieren sich aber (fast) alle nur für eine Löwin, die irgendwo im Berliner Süden unterwegs sein soll. Das Tier sei in Kleinmachnow entlaufen, werde aber bisher von niemandem (!) vermisst. Ein Autofahrer hat die Löwin nachts gefilmt und einen polizeilichen Großeinsatz ausgelöst. Die Bewohner:innen sind aufgefordert, möglichst zu Hause zu bleiben und keinesfalls in den Wald zu gehen. Eine meinte abgeklärt im rbb24Inforadio, nach dem (angeblichen) Verzehr eines Wildschweins dürfte die Löwin erst einmal gesättigt sein. Das Thema beschäftigt inzwischen auch die überregionalen Medien und ist erst recht ein gefundenes Fressen in den Sozialen Medien; 38.500 mehr oder minder launige Tweets finden sich bei Twitter. Wir halten übrigens auch eine Löwin. Sie ist vollkommen harmlos, bewacht auf einem Sims unseren Sekretär, misst keine 6 cm in der Höhe und überlebt ohne Essen & Trinken. Das Tier hört auf den Namen Schleich und muss behördlich nicht registriert werden.  

P.S. Kurz nach Veröffentlichung des Blogs stellte die Polizei die Suche nach der Löwin, die kein Wildschwein verschlang sondern selber eins ist, ein. Irren ist menschlich!

Licht und Schatten

Welcome back: das Cosima zeigt wieder Filme. © Rolf Hiller

Seit Corona war das Kiez-Kino in Berlin-Friedenau geschlossen. Über ein Jahr lang wurde auf der Anzeigetafel versprochen: “Es geht bald wieder los”.  Nun ist das kleine Lichtspielhaus aus dem Jahr 1942 nach einer Renovierung und mit einem neuen Betreiber tatsächlich wieder geöffnet. Wir lieben diese alten Kinos, die nicht zu einer Kette gehören und deren Programm oft mit viel Herzblut gemacht wird. Kino ist dort noch ein Gemeinschaftserlebnis. Nach dem Vorprogramm und der Werbung geht der Vorhang zu, um sich sogleich wieder für den Hauptfilm zu öffnen – in einem richtigen Kino, nicht auf dem Smartphone. Zum Glück gibt es für diese Filmkultur noch immer genug Interessent:innen. Diese Zielgruppe hat auch das größte Publikumsfestival der Welt im Blick – die Reihe heißt “Berlinale goes Kiez”. 

Ob sie weiterläuft im nächsten Jahr, steht dahin – der Bund wird die Zuschüsse für die Berlinale im nächsten Jahr drastisch kürzen. Konnte das Festival im Jahr 2019 noch um die 400 Filme zeigen, wird das Geld im nächsten Jahr nur noch für 200 reichen. Einige Reihen werden ganz eingestampft, der Wettbewerb und sein ambitioniertes Pendant Encounters sollen aber ungerupft davonkommen. Dabei müsste es unabhängig von der Quantität endlich darum gehen, den Wettbewerb qualitativ zu verdichten. Es steht dem Festival nicht gut zu Gesicht, sich mit der Auswahl der zu vielen schwachen Filme zu blamieren. 2024 wird das letzte Jahr des Führungsduos Mariette Rissenbeek (Geschäftsführerin) und Carlo Chatrian (künstlerischer Leiter) sein. Sie leiten die Berlinale seit 2020, und ihre Amtszeit wurde vor allem durch Corona geprägt. Die Holländerin steht für einen neuen Vertrag nicht mehr zur Verfügung. 

Während wir trotz des Unwetters vor vierzehn Tagen bis jetzt einen relativ normalen deutschen Sommer erleben, erinnern heute viele Medien an die Flutkatastrophe im Ahrtal, die am 14. Juli 2021 begann. Der Wiederaufbau ist noch längst nicht abgeschlossen, der Lerneffekt gering. Viele Häuser werden genau dort wieder aufgebaut, wo sie vorher gestanden haben; die Landwirtschaft macht auf den Höhen so weiter wir vor der Katastrophe. Wir sind da keine Ausnahme. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt einen Vorrat an Essen und Trinken für 10 Tage. Doch wir betreiben weiter keine Vorratshaltung – bis zur nächsten Katastrophe. In Sizilien werden in den nächsten Tagen 48 Grad erwartet, in ganz Südeuropa wird das Wasser immer knapper. Dafür prophezeit die Wettervorhersage für Sylt Regen, Wind und Temperaturen um 17 Grad. Ist das ein Trost? 

Stadt Land See

Spektakuläre Performance am Müggelsee: „Kranetude“ von Florentina Holzinger © Rolf Hiller

In der Berliner Volksbühne haben wir die österreichische Choreografin und Performance-Künstlerin Florentina Holzinger verpasst, die derzeit bei Kritik & Publikum ganz hoch im Kurs ist. Ratzfatz waren die Tics für ihr neues Stück ”Kranetude – A musical composition for a crane, 4 drummers und 8 bodies on water” im Seebad Friedrichshagen ausverkauft. Bis 17 Uhr stand die Aufführung am zweiten und letzten Tag auf der Kippe – wegen des regnerischen Wetters. Mit einiger Verspätung gehen die nackten Frauen an ihre Schlagzeuge, infernalische Trommelschläge hallen über den Müggelsee, eine Dirigentin – auch sie nackt wie alle bei Holzinger – irrlichtert durch die Szene, am Kran streifen sich Perfomerinnen ihre Taucheranzüge über. Mit bloßem Auge können wir das Geschehen ganz gut sehen; das Opernglas haben wir wieder einmal vergessen. Der Kran zieht 8 (nun natürlich) nackte Nixen an einem runden Gestell aus dem Wasser, die dann bei knapp zwanzig Grad allerlei Formationen bilden – mich fröstelt es schon beim Zuschauen. 

Das sind spektakuläre, womöglich unvergessliche Bilder. Später cruisen zwei Performerinnen auf Flyboards über den See. Das Publikum ist genauso beeindruckt wie das Feuilleton, das uns tiefschürfende Fragen nachliefert. “Und wer sind diese riesigen weiblichen Wesen”, rätselt die TAZ (03.07.23), “die sich wie auf langen Wasserbeinen aus weiter Ferne langsam dem Strand nähern? Meeresgöttinnen? Amazonen? Außerirdische? Oder doch nur Frauen auf Flyboards?” Diese Vieldeutigkeit der Perfomances von Florentina Holzinger macht ihre Arbeiten derzeit zum Erfolg; jede:r kann darin etwas anderes sehen. Wer auf sich hält in der Berliner Kulturszene, muss ihr Erfolgsstück ”Ophelia’s Got Talent” an der Volksbühne erlebt haben. Im Herbst steht das Werk wieder auf dem Programm. 

„Stiller Protest“ am Schwarzen See. © Karl Grünkopf

Der Kontrast zwischen der hippen Performance am Müggelsee und einem ”stillen Protest” am Schwarzen See in Flecken Zechlin (Brandenburg) könnte nicht größer sein. Ich frage den Mann auf dem Grundstück, ob das von ihm sei und ich fotografieren dürfe. ”Dafür habe ich es ja gemacht.” Er dürfte Ende 60 sein, wählt bestimmt AfD, kommt nicht mit Parolen daher und wirkt eher ratlos. ”Der Russe lässt sich von den Amerikanern und der NATO nicht einschränken”, meint er und rechtfertigt so den Angriffskrieg auf die Ukraine. Das russische Narrativ von der unrechtmäßigen NATO-Osterweiterung in den 90er Jahren findet in Ostdeutschland breite Zustimmung und treibt der AfD die Wähler:innen in Scharen zu. Die Zukunft sieht er düster. Weil die Atomkraft hierzulande nicht mehr genutzt wird, müsse er wohl mit Holz heizen. Was tun? Wir müssen wieder lernen zuzuhören und versuchen, die anderen zu verstehen. Das gilt ganz besonders für die Pannen- Ampel, deren Performance schlechter denn je ist. “Das Fortschrittsprojekt namens Ampel hat es jedenfalls geschafft, einen neuen Tiefpunkt in Sachen politischer Kultur auszuloten. Der Gute-Laune-Kanzler Olaf Scholz wird aber auch das mit seinen gewohnt nichtssagenden Worten wegzumoderieren wissen.” (Cicero, 07.07.23)  

Change is coming

Die alten Doppelfenster konnten dem Schlagregen nicht mehr standhalten. © Rolf Hiller

Dräuend schwül ist es an diesem Tag. Später wird es immer dunkler, es beginnt zu regnen, immer stärker wird der Regen. Gut so, denke ich mir. Es war in den letzten Wochen viel zu trocken. Wind kommt auf und peitscht den Regen gegen die Fenster. Gebannt schaue ich erst einmal zu. Dann bemerke ich, dass sich das Wasser zwischen den Doppelfenstern sammelt. In einem Zimmer dringt es sogar durch die Fensterrahmen – im Nu bildet sich eine Lache auf dem Boden. Im Nachbarzimmer ist die Lage nicht so schlimm, aber ich muss auch dort die Fensterbänke trocknen. Zum Glück dauert der Schlagregen, den ich so noch nie in unserer Wohnung erlebt habe, nicht lange. Das Ungemach in den anderen Zimmern, die dem Sturmregen ausgesetzt waren, hält sich in Grenzen. 

Erst abends bemerken wir Wasserflecken an der Decke. Wahrscheinlich drang über den Balkon im dritten Stock Wasser ein, das sich seinen Weg über den zweiten nach unten suchte. Naturereignisse wie dieser Starkregen zeigen dem Menschen immer wieder seine Grenzen auf. Natürlich wäre es vermessen, jedes Extremwetter unmittelbar auf den Klimawandel zurückzuführen; aber wir müssen akzeptieren, dass der Einsatz fossiler Energien Folgen hat, die nun in zunehmender Geschwindigkeit deutlich werden. Leugnen gilt nicht! Am Tag vor dem Unwetter hatte ich mir einen Satz von Greta Thunberg notiert: “Change is coming whether you like it or not.” Dem hätte der italienische Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa (“Der Leopard”) wohl kaum widersprochen, obwohl sich seine Einsicht einer ganz anderen Zeit verdankt: “Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.” Ihn zitierte übrigens der kluge CDU-Politiker Wolfgang Schäuble kürzlich in einem Interview.

Nimmt man die AfD einmal aus – die Rechtspopulisten liegen im aktuellen ARD-DeutschlandTrend hinter der CDU/CSU auf dem zweiten Platz -, dann sind sich alle Parteien “irgendwie” einig, dass der Klimaschutz mehr Beachtung verdient. Die endlosen, interessegeleiten Querelen um das Gebäudeenergiegesetz (GEG) zeigen, wie unendlich schwer es ist, vernünftige Politik zu machen. Schon schielen Söder Markus & Co. auf die bayerischen Landtagwahlen am 8. Oktober; an diesem Tag wird gleichfalls in Hessen gewählt. 2024 stehen dann die Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen an. Anderthalb Jahre Dauerwahlkampf verheißen nichts Gutes für das (politische) Klima in deutschen Landen. Zum guten Schluss sei daher noch einmal an den Vorschlag von Ralf Dahrendorf erinnert, die Bundes- und Landtagswahlen auf einen Termin zu bündeln. Das täte zumindest dem politischen Klima gut.