Drinnen & Draußen

Alle Gewächshäuser seit Monaten dicht – trotz Corona-Test. © Rolf Hiller

Fieber!!! Selbst furchtlose Menschen schreckt in Zeiten der Pandemie, wenn sie sich plötzlich grippig fühlen. Ich fröstele, bin wacklig auf den Beinen, heiß ist der Kopf. Rasch ist ein Selbsttest beschafft, und wir studieren genauestens die Instruktionen. Natürlich kommt das Set aus China. Also das Wattestäbchen von „Gongdong“ vorschriftsmäßig benutzt, dann die Probe in die kleine Teststation – und warten. Wenn nach 15 Minuten zwei Striche zu sehen sind, könnte eine Infektion mit dem tückischen Virus vorliegen. Zum Glück ist nur ein Streifen zu sehen, aber ich lasse ein paar Tage später zur Sicherheit noch einen Schnelltest machen – auch negativ. Damit lässt sich etwas anfangen. Also buchen wir für den Abend ein Zeitfenster im Botanischen Garten Berlin; zuvor muss allerdings die Schlussredakteurin dieses Blogs noch einen Schnelltest machen. Unweit unserer Wohnung ist eines dieser Lounge-Test-Zentren, wo es avanti dilettanti zur Sache geht, und der Rubel rollt. Sinnigerweise fährt nach der allzu lockeren Prozedur ein auffälliger weißer BMW vor. Echt krass! Wer testest eigentlich die Test-Zentren?

Auf mit negativen Tests im Gepäck zum Spaziergang durch den Botanischen Garten. Ein frischer, grauer Frühlingstag, nur ein knappes Dutzend Besucher:innen ist auf dem weitläufigen Gelände unterwegs. Natürlich müssen die schönen, alten Gewächshäuser seit Monaten geschlossen bleiben, und es gibt einige Baustellen. Warum die sog. Bundesnotbremse nicht zwischen drinnen und draußen unterscheidet, warum jeder Park voller sein darf als Zoos oder Botanische Gärten, bringt die allherrschende Absurdität unseres Lebens derzeit auf den Punkt. Aber wir machen (fast) alle brav & schicksalsergeben mit, die Zahlen sinken, und diese Maßnahmen sind ja bis Ende Juni befristet. In die allgemeine Unübersichtlichkeit passt die Nachricht, dass Söder Markus als Erster in Bayern die Priorisierung bei den Impfungen aufgehoben hat. Das hat ihm wieder eine Schlagzeile gebracht, schafft aber nicht mehr Impfstoffe in die Praxen und Zentren.

Die Konsequenzen dieser Entscheidung, der schon Baden-Württemberg und Berlin gefolgt sind, hat die Neue Osnabrücker Zeitung beleuchtet: „Deutschland hat endlich den Impfturbo eingeschaltet, doch Tausende versuchen, sich vorzudrängeln. Es wird getrickst und gelogen, oder es werden gar Dokumente gefälscht, wie Behörden berichten. Dieser Kampf um den Impfstoff offenbart, wie wichtig die strenge Einhaltung der Priorisierung gewesen ist. Bitter, dass das Problem der Vordrängler kaum vollständig in den Griff zu bekommen ist. Denn oft lassen sich die Angaben über Beruf, Schwangerschaft der Schwester oder den Pflegebedarf der Oma nicht zweifelsfrei überprüfen. Lieber schnell impfen, lautet da die richtige Devise. Wer jedoch beim Betrügen erwischt wird, sollte dafür büßen.“ (12.05.21) Im Zweifel sind mir die Impf-Drängler noch lieber als die Impf-Verweigerer. Egoisten sind beide!

Freiheiten

Auf dem Todesstreifen entstand eine Kirschblütenallee. © Rolf Hiller

Auf zur japanischen Kirschblüte mitten in Berlin. Wo einst der Todesstreifen war, lassen sich im Frühjahr viele Menschen von einer ganz besonderen Allee verzaubern. Initiiert von einem japanischen TV-Sender fanden sich viele Spender:innen, um die Anpflanzung von japanischen Kirschbäumen auf dem Mauerstreifen zu ermöglichen. Unterhalb der S-Bahn-Station Bornholmer Straße beginnt der Weg unter den blühenden Bäumen, in deren Licht eine ganz besondere poetische Stimmung entsteht. Auf dem Weg dorthin durchschreiten wir gewissermaßen deutsche Geschichte. Eingelassen sind auf dem Bürgersteig die zentralen News des 9. November 1989, als plötzlich die Grenze zwischen der DDR und der BRD fiel und ein schier endloser Menschenstrom nach West-Berlin aufbrach. Zwar gibt es noch zwei weitere Kirschblütenalleen auf dem Mauerweg (in Teltow stehen über tausend Bäume), aber am sinnfälligsten ist für mich das Symbol der Freiheit an diesem Ort.

Heute sehnen sich alle Deutschen nach ihren gewohnten Grundrechten, deren Einschränkung – zumindest für Genesene und zweifach Geimpfte – juristisch nicht länger zu halten ist. Für diese Gruppen werden die Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen aufgehoben – was die Gesellschaft noch einmal vor große Herausforderungen stellt, wenn damit weitere Vorteile einhergehen, wenn etwa nur diese Gruppen in Restaurants, Kinos oder Theater dürfen. Die Süddeutsche bringt es treffend auf den Punkt: „Es wird verdammt bitter, wenn Hunderttausende junger Menschen abends allein in ihren Einzimmerbuden hocken müssen, während viele Ältere, geimpft und sicher, tun und lassen können, was sie wollen: Einkaufen ohne nerviges Geteste. Tanzen bis drei Uhr morgens im Partykeller. Wieder die Kreuzfahrtschiffe stürmen.“ (04.05.2021) Die sozialen Folgen dieser Pandemie sind noch nicht abzuschätzen. Anders als bei der längst vergessenen Hongkong-Grippe um 1960 stehen dieses Mal zum Glück Impfstoffe zur Verfügung, die zuletzt an junge Menschen mit guten Immunsystemen gehen. Sie schultern deshalb einen großen Teil der Corona-Folgen: Schul- und Kitaschließungen, kaum Kontakte zu Gleichaltrigen, Digital- statt Präsenzunterricht an den Unis, keine Auslandssemester.

Dass die Impfgegner und -verweigerer und die Corona-Leugner unverantwortlich handeln, steht nicht zur Diskussion. Erschüttert höre ich von einem Mann auf einer Intensiv-Station: Corona im Endstadium. Das Virus zerfrisst die Organe, in Auffangbeutel zerfließt ein Mensch, der ganze Organismus kollabiert. Die Ärzte sind machtlos. Jede:r, der sich nicht impfen lässt, nimmt solche Schicksale billigend in Kauf. In der aktuellen, medial völlig überhitzten Situation sollte man die Frage nach einer Impfpflicht in einer Pandemie tunlichst nicht stellen. Angesichts der enormen sozialen & ökonomischen Folgen von Corona gehört dieses Thema allerdings auf die Tagesordnung, wenn wieder die sog. Normalität zurückgekehrt ist. Zu dieser neuen und sicherlich anderen Normalität wird die jährliche Impfung gegen Corona gehören, denn das Vakzin schützt nur ein Jahr. Das muss dann eine neue Bundesregierung organisieren, womöglich unter Führung der Grünen, die laut ARD DeutschlandTrend klar vor der CDU liegen; ihre Kanzlerkandidatin führt ebenfalls deutlich. Annalena Baerbock muss sich derweil auch mit den Nebenwirkungen ihrer neuen Rolle zurechtfinden: sie steht unter Polizeischutz und wird in den (a)sozialen Netzwerken in übelster Weise verunglimpft.

Was kost‘ die Welt

2011 geriet schon einmal ein Virus außer Kontrolle: Szene mit der Schauspielerin Jennifer Ehle in dem bestürzend aktuellen Film „Contagion“ von Steven Soderbergh. © Warner Bros. Pictures

„Machst Du mir ein Geschenk?“ fragt mich die Romni, die immer vor dem sog. Wertstoffhof sitzt. Natürlich kann sie meinen alten Hometrainer haben, der rasch in einem Lieferwagen verstaut wird. Was an dem Ding kaputt ist, interessiert sie nicht. Was sie mit dem treuen Kettler vorhaben, auf dem ich tausende Kilometer gestrampelt habe, würde ich zu gerne wissen. Dass es verdammt teuer werden kann, wenn jemand gegen die Auflagen des Infektionsschutzgesetzes verstößt, ist uns aber jetzt bekannt. Eine junge Frau hatte zu ihrem 30. Geburtstag vier Gäste in der Wohnung und wurde von einem Nachbarn verpfiffen: Ordnungsstrafe pro Kopf 500 Euro. Da kamen fünf Kampftrinker in Offenbach noch günstig weg; sie hatten sich in einem Wasserhäuschen (Trinkhalle) verschanzt und wollten sich die Kante geben. Sie mussten den Schlüsseldienst und jeweils 200 Euro berappen. Vergleichsweise günstig kommt man:frau in Rheinland-Pfalz davon. In den Nachrichten heute Morgen in SWR 2 wurde vermeldet, dass eine solche Ordnungswidrigkeit 50 Euro kostet. Der Ermessensspielraum ist übrigens erschreckend groß: bis zu 25.000 Euro können verhängt werden!

Das sind natürlich Peanuts im Vergleich zum Big Money im Fußball. Mit Staunen haben wir diese Woche erfahren, dass selbst für Trainer Millionen gezahlt werden, damit sie vorzeitig aus einem Vertrag kommen. Den Vogel schossen natürlich wieder die Bayern ab: angeblich hat der RB Leipzig 20 Millionen dafür erhalten, dass ihr Trainer Julian Nagelsmann nächste Saison in München arbeitet. Mir san mir, und Corona scheint die Geschäfte nicht zu beeinträchtigen, obwohl diese Saison keine Zuschauer:innen in die Stadien dürfen. Andere Branchen stehen dagegen mit dem Rücken zur Wand und wären ohne die Corona-Hilfen des Bundes längst platt. 240 Milliarden (!) beträgt die Aufnahme neuer Schulden allein in diesem Super-Wahljahr. Zinsen werden keine fällig, die Rückzahlung wird den nächsten Generationen aufgebürdet. Die Babyboomer lassen es weiter krachen und leben munter auf Kosten der Zukunft. Das gilt natürlich auch für den Klimaschutz, wie das Bundesverfassungsgericht in einem spektakulären Urteil feststellte. Vielleicht wird ja Annalena Baerbock die erste echte Klimakanzlerin – anders als Angela Merkel.

Erstaunlich hellsichtig hat ein zehn Jahre alter Film unsere aktuelle Situation antizipiert: Steven Soderberghs „Contagion“. Uwe Bettenbühl befand damals: „Sollten Epidemien wie EHEC, H5N1, SARS oder neue, mutierte Erreger außer Kontrolle geraten, dann ist die Haut, in der man wohnt, kein sicherer Ort mehr.“ (FRIZZ Das Magazin für Frankfurt, 10/2011). Wir sind gebannt von diesem prominent besetzten und überhaupt nicht reißerisch inszenierten Film, als würde das erste Corona-Jahr wie ein Déjà-vu noch einmal ablaufen. Angst, Verunsicherung, Panik, Kollaps des Gesundheitssystems, Massenbegräbnisse – schließlich wird in kürzester Frist ein Impfstoff gefunden. Scheinbar haben damals „Contagion“ (Ansteckung) zu wenige Politiker:innen & Expert:innen gesehen. Sonst hätten wir vor einem Jahr zumindest genug Masken gehabt und nicht über deren Schutzfunktion debattieren müssen. Was Wunder, dass „Contagion“ bei den Streamingdiensten derzeit zu den am meisten aufgerufenen Filmen zählt.

Angebote

Kommt in den Medien nach der Nominierung gut rüber: Annalena Baerbock, die Kanzlerkandidatin der Partei Die Grünen. © gruene.de

Dürfen sich zwei geimpfte Haushalte à 2 Personen zum Kaffee treffen? Nein, aber wir dürfen nacheinander (!) so viele Personen einladen, wie wir möchten. Mit gesundem Menschenverstand entscheiden wir uns für den Regelverstoß und bitten die Gäste ungleichzeitig in unsere Wohnung. Ich habe Tischkarten mit den Namen aufgestellt, und mein Wett-Angebot, wer denn bei den Grünen das Rennen am nächsten Tag macht, wird freudig aufgenommen. Wer verliert, soll ein viergängiges grünes Menü kochen. Leider sind wir Politprofis und wetten alle auf Annalena – und werden jetzt zusammen etwas Grünes kochen, was auch nach der sog. Bundesnotbremse nicht zulässig ist.

Das neue Gesetz, das längstens bis zum 30. Juni gilt und rechtlich höchst umstritten ist, schert anhand der Inzidenzen das Leben in Deutschland über einen Kamm. Plötzlich müssen Schulen ab einem Wert von 165 schließen; ab 100 gelten zwischen 22 und 5 Uhr eine Ausgangssperre und generell ein Beherbergungsverbot. Während Urlaub hierzulande erst einmal flach fällt, sind Reisen ins Ausland möglich. Freunde von uns freuen sich wie Bolle, dass sie plötzlich doch nach Kreta fliegen dürfen; den Griechen hingegen ist das Reisen im eigenen Land untersagt. Diese womöglich notwendigen Widersprüche nehmen wir schicksalsergeben hin, aber sie lassen die Zustimmung zur Corona-Politik der Regierenden weiter sinken. Das Bundesland Hessen äußerte Bedenken zur Überarbeitung des Infektionsschutzgesetzes, konnte sich aber nicht durchsetzen. „Die vollständige Außerachtlassung weiterer Kriterien neben der Inzidenz (insbesondere Impfstatus, Hospitalisierungsrate/Intensivbettenauslastung, Reproduktionszahl, die Quote der Positiv-Testungen, Möglichkeiten der Kontaktnachverfolgung) stellen Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen in Frage.“ (zitiert nach Tagesspiegel, 16.04.21)

Durch die Aufregung über das „Einsperrgesetz“ (Nordwest-Zeitung/Oldenburg) ist der erbitterte Streit um den Kanzlerkandidaten der Unionsparteien schon wieder in den Hintergrund getreten. Verblasst sind die hämischen Attacken des Populisten aus Bayern gegen Armin Laschet, der die Angriffe seines „Freundes“ Söder mit bemerkenswerter Contenance aussaß. Vielleicht ist es an der Zeit, über die Fraktionsgemeinschaft der C-Parteien nachzudenken. Hochgerechnet auf Deutschland holte die CSU bei der Bundestagswahl 2017 6,2% der Stimmen; sie ist damit die kleinste Partei im Bundestag. Aus purem Machtinstinkt werden aber die Freunde erst einmal weitermachen, sonst lägen Die Grünen schon jetzt in den Umfragen vorne, und Annalena Baerbock hätte noch bessere Chancen auf die Kanzlerschaft. Nach ihrer Nominierung am Montagmorgen gab sie sich abends beim Wohlfühl-Interview in ProSieben sehr souverän. Auffällig oft möchte sie „ein Angebot machen“. Dass sie keine Regierungserfahrung hat, dafür aber Kitas und Schulen von innen kennt und noch weiß, was einkaufen bedeutet, ist kein Nachteil. Im Gegenteil!

Kaufen & Verkaufen

Warten vor dem Testzentrum. © Rolf Hiller

Nichts ist einfach in Zeiten der Pandemie; das gilt natürlich auch fürs Shoppen. Dabei wollte ich keinen ausgedehnten Bummel durch Geschäfte machen, sondern lediglich eine Sitzprobe. Nach fünfzehn Jahren sind die Lager meines Hometrainers, den ich zuletzt täglich genutzt habe, ausgeschlagen. Irgendeinen Murks hätte ich mir mit ein paar Clicks bestellen können, aber ich hatte mir ein ganz bestimmtes Modell ausgeguckt – und wollte zumindest einmal Probe sitzen. Auf zum Testzentrum umme Ecke, ohne Termin eine dreiviertel Stunde angestanden. Mit dem (negativen) Ergebnis am nächsten Morgen zum Laden auf den Ku’damm und vorher noch die Luca-App installiert. An einem kühlen Sonnabend war ich um die Mittagsstunde der einzige Kunde. Bevor ich reindurfte, musste ich meine Daten auf der App vervollständigen. Dann kann ich mich endlich auf den Hometrainer meiner Wahl setzen. Insgesamt bin ich gerade einmal zehn Minuten im Laden und kann den Ergometer doch erst zu Hause bestellen. So macht Shopping noch weniger Spaß als sonst.

Was sind solche Probleme gegen die der Christlich Demokratischen Union Deutschlands, die sich gerade selbst zerlegt und die Republik mit ihrer Kandidatensuche fürs Kanzleramt seit Wochen nervt. Dabei macht Angela Merkel überhaupt keine gute Figur. Nach Annegret Kramp-Karrenbauer hat sie zur besten Sendezeit nun auch den Vorsitzenden Armin Laschet demontiert. Der Söder Markus lacht sich derweil ins Fäustchen und lässt keine Gelegenheit aus, seinem „Freund“ Armin tüchtig einzuschenken. Die Umfragewerte scheinen für den bayrischen Ministerpräsidenten zu sprechen, der sich glänzend inszeniert und vor keinem PR-Gag zurückschreckt, und sei er noch so peinlich. Angela Merkel lud er zu einer Kutschfahrt ins Schloß Herrenchiemsee ein, und wenn’s passt, umarmt er schon mal Bäume und turtelt mit den Bienchen. Er gibt sich als Macher in der Pandemie, hat aber die Lage in Bayern nicht besser im Griff als Laschet in NRW.

Wäre Söder der bessere Kanzler, weil er sich besser verkauft? Zumindest kann er, der bis dato das historisch schlechteste Ergebnis für seine Partei eingefahren hat, von der Zustimmung seiner CSU-Ahnen bei einer Bundestagswahl nur träumen: Franz Josef Strauß erhielt 1980 für die CDU/CSU 44,5 Prozent der Stimmen, Edmund Stoiber holte 2002 immerhin noch 38,5% für die ungleichen Schwesterparteien. Beide Male reichte es nicht für einen CSU-Kanzler. Gewinnen Die Grünen dieses Amt im Herbst? Ihre Chancen stehen besser denn je, und ihr Spitzenpersonal agiert angenehm professionell und verkauft sich glänzend. Am Montag (19.04.) teilen sie ihre Entscheidung mit, wer ihr*e Spitzenkandidat*in sein wird; abends zur besten Sendezeit um 20.15h ist der- oder diejenige dann live im Fernsehen. Nicht in der ersten oder zweiten Reihe sondern bei ProSieben. Damit haben Die Grünen einen echten PR-Coup gelandet. Das dürfte sogar dem Söder Markus imponieren.

Impflinge

Steckt Boris Johnson hinter diesem Präsent für die Impflinge? © Rolf Hiller

Die Autos stauen sich in einer langen Schlange. Wir sind nicht die einzigen, die sich im Schmuddelwetter auf den Weg zum Corona-Impfzentrum im Flughafen Tempelhof gemacht haben. Im Stau warten dauert mir zu lange. Ich gehe bei Wind & Wetter einen Kilometer über die alte Rollbahn und komme gerade noch rechtzeitig an. Dann geht alles ganz schnell: in einer Viertelstunde sind die Formalitäten erledigt, und ich habe meine erste Impfung mit AstraZeneca erhalten. Bis zu 3.000 Impflinge können sie in Tempelhof täglich durchschleusen, erzählt mir ein Bundeswehrsoldat beim Check-In, heute seien es aber nur 2.500. Organisiert ist der Ablauf mit deutscher Gründlichkeit und viel Personal, das freundlich immer wieder den Weg weist. Am Ende müssen die Impflinge noch eine Viertelstunde in einer Halle warten, dann sind wir durch. Am Ausgang bekommen wir zur Belohnung drei Osterhasen mit der britischen Flagge geschenkt. Was mag diese Geste bedeuten? schießt es mir durch den Kopf.

Die Tage nach der Impfung bin ich etwas schlapp, bekomme allerdings weder Fieber noch fürchterliche Kopfschmerzen; das hätte ich aber in Kauf genommen. Hauptsache geimpft. Zumindest in Berlin geht es in unserer Alterskohorte voran – allein in dieser Woche kennen wir noch ein halbes Dutzend Kandidat*innen. Wenn die Meldungen stimmen, dann kommt jetzt wirklich Zug in die Impfkampagne. Das neue Werk von BionTech in Marburg ist am Start, Johnson & Johnson soll bald liefern, weitere Vakzine stehen vor der Zulassung. Was mag den glücklosen Gesundheitsminister Jens Spahn bewogen haben, mit Russland das Gespräch über die Beschaffung von Sputnik V zu suchen. Der Söder Markus aus Bayern machte gar einen Vorvertrag über 2,5 Mio. Impfdosen; andere Bundesländer folgen. Dabei soll es dem Robert-Koch-Institut zufolge keine Zulassung dieses Vakzins speziell in Deutschland geben. Zar Wladimir Putin dürfte sich ins Fäustchen lachen. Wieder einmal hat er einen Keil in die EU getrieben, wieder einmal hat er die Sanktionen lächerlich gemacht, die wegen der „Behandlung“ des Oppositionellen Alexej Nawalny verhängt wurden.

Jede Politik ist auch Symbolpolitik und manchmal eine blanke Katastrophe. „Haben“, empört sich der Berliner Tagesspiegel heute, „Wladimir Putins Agenten Markus Söder, Jens Spahn und Harry Glawe, dem Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, etwas ins Getränk gemischt? Sie fantasieren vom russischen Impfstoff Sputnik als Lösung der deutschen Corona-Probleme, wollen Vorverträge über Massenlieferungen abschließen und Steuergelder lockermachen – trotz größter Zweifel, ob das Vakzin jemals hier zugelassen wird.“ Glauben diese Politiker ernsthaft, dass sich jemand im Spätjahr mit Sputnik V impfen lassen wird – bei dem undurchsichtigen Gebaren der Lieferanten? Die Herren scheinen von allen guten Geistern verlassen und sich der Symbolik ihres Tuns nicht (mehr) bewusst. Das war sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sehr wohl – und Ursula von der Leyen und Charles Michel tappten bei ihrem Besuch prompt in seine Falle. Die EU-Kommissionspräsidentin „musste“ sich auf das Sofa setzen, der EU-Ratspräsident nahm neben dem türkischen Sultan auf dem Sessel Platz. Eine Demütigung Ursula von der Leyens, aller Frauen und der EU. Beschämend!

Freiwillige gesucht!

Wer durchkommt bei der Hotline, kriegt zur Belohnung den Stoff. © Roland Steinmann auf Pixabay

Ein Mann will ganz nach oben und ist (deshalb) nie um einen kernigen Spruch verlegen. „Wer will und wer es sich quasi traut, der soll auch die Möglichkeit haben“, äußerte sich der Söder Markus, noch amtierender bayerischer Ministerpräsident, in München über das umstrittene Vakzin von AstraZeneca. Wir trauen uns und lassen am Gründonnerstag geduldig die lange Ansage der Senatsverwaltung für Gesundheit in Berlin über uns ergehen – nun sollen nur noch die Ü 60 mit AstraZeneca geimpft werden, wenn sie sich trauen. Endlich kommen wir wenigstens bis zur Warteschleife und fliegen dann doch nach 33 Minuten raus; es habe technische Probleme gegeben, heißt es abends in den Nachrichten beim Inforadio. Oder doch zu viele Freiwillige? Am Good Friday, wie der Karfreitag im angelsächsischen Sprachraum heißt, haben wir mehr Glück. Nach ewigem Gedudel meldet sich plötzlich ein Mensch in der Leitung und ratzfatz vereinbaren wir unsere beiden Termin nach Ostern und im Juni.

Nun bin ich nicht besonders ängstlich, aber es ist schon ein gutes Gefühl, meine nächsten Fahrten im ICE oder im ÖPNV als Impfling zu unternehmen: der Abstand in den Zügen oder U-Bahnen lässt sich doch oft nicht einhalten. Das zumindest steht fest, während ansonsten die Verunsicherung & Verärgerung bei den Menschen draußen im Lande weiter zunimmt, nicht bloß wegen Mallorca. Nach Click & Collect und Click & Meet gilt jetzt in der Hauptstadt ein neues Modell: Test & Meet. Nur mit einem aktuellen Schnelltest auf dem Handy dürfen die Leute noch ein Geschäft betreten, das nicht der unmittelbaren Versorgung von Mensch und Tier dient. „Unter Aufsicht“ sind übrigens auch Selbsttests erlaubt. Mit solchen Anreizen, wenn sie denn welche sind, hoffen auch die Ministerpräsidenten von NRW und Saarland mehr positive Fälle festzustellen.

Dafür wurde der CDU-Vorsitzende und amtierende Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet von der Kanzlerin bei „Anne Will“ zur besten Sendezeit abgewatscht. Diese Schelte vor laufender Kamera wirft erneut die Frage nach den Führungsqualitäten von Angela Merkel auf; aus dem Mist von Helge Braun (Chef des Kanzleramts) stammt die Idee der sog. Osterruhe. Es spricht für den guten Menschen von Aachen, dass er sich bei „Markus Lanz“ im ZDF nicht zu Retourkutschen hinreißen ließ und sich ausdrücklich vor Angela Merkel stellte, die nach Einschätzung der Neuen Zürcher Zeitung „für die Unionsparteien längst zu einer Belastung im Wahlkampf geworden (ist)“ (NZZ, 25.03.21). Zwischen Ostern und Pfingsten, betonte Laschet noch einmal, fällt die Entscheidung, wer für die CDU als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf zieht. So viel wissen wir aber schon jetzt: es gab noch nie einen Kanzler von der CSU. Glück Auf!

Stoff vom Killer

Russland kann nicht nur Gas liefern. © Анатолий Жуков auf Pixabay

Auf den letzten Drücker erreichen wir das Testzentrum, müssen aber trotzdem an diesem kalten Sonnabendvormittag noch eine Weile warten. Viele wollen beim NEUSTART KULTUR in Berlin dabei sein; getestet werden soll bei diesem Projekt, wie in Zeiten der Pandemie Veranstaltungen mit (!) Publikum möglich sind. Erste Voraussetzung ist ein tagesaktueller negativer C-Test, für den die Fans sich gerne anstellen, schließlich winkt als Belohnung ein echter Theaterabend. Was denn heute Abend gespielt wird? „Das ist doch vollkommen egal“, gibt eine junge Frau frohgemut zurück. Hauptsache mal wieder Schauspieler*innen des Berliner Ensembles auf der Bühne erleben. Vor dem Theater am Schiffbauerdamm werden die glücklichen Gäste in zwei Reihen geteilt: Parkett und Rang betreten auf getrennten Wegen das Haus; vorher werden Ticket, Personalausweis und das Testergebnis auf dem Smartphone gecheckt. Wir sitzen sicher mit Masken im Rang, enger als gedacht, und erleben die Autobiografie „Panikherz“ von Benjamin Stuckrad-Barre in einer vom Intendanten Oliver Reese eingerichteten Bühnenfassung. Ein richtiges Theaterstück wäre mir lieber gewesen. Sei’s drum. Das Publikum dankt am Ende mit langem Applaus.

So könnte Theater wieder funktionieren, wenn wir demnächst genug Impfstoff bekommen; Impflinge und Getestete würden in zwei Gruppen geteilt. Und im Sommer reicht vielleicht schon der Impfpass… Bis dahin brauchen wir die viel beschworene Geduld und Nachsicht mit dem politischen Personal. Immerhin hat die Kanzlerin die „Osterruhe“ gleich wieder kassiert und um Verzeihung gebeten; solche Worte konnten wir von ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn bis dato nicht vernehmen. „So viel Demut an höchster Stelle im Staat ist selten“, kommentierte Hans-Jürgen Jacobs in seinem Handelsblatt Morning Briefing, „allerdings auch nicht so viel Versagen. Bei Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder wäre eine Politik nach dem Motto ‚Irren ist menschlich‘ undenkbar gewesen.“ (25.03.21) Gefragt sind derzeit pragmatische Lösungen und eine Hemdsärmeligkeit, wie sie den Bürgermeistern von Rostock und Tübingen (Claus Ruhe Madsen und Boris Palmer) eigen ist. Dort werden Tests mit Privilegien (Kino, Theater, Einkaufen) verknüpft – und diese Angebote werden rege genutzt. Warum nicht auch den Impfstoff Sputnik V beim „Killer“ (Joe Biden) bestellen, „wenn er die Voraussetzungen erfüllt.“ (Bayerns Ministerpräsident Söder im ZDF).

Aber vielleicht möchte dieses Vakzin dann doch niemand haben. Eine Freundin erzählte, sie sei mit BionTech erst im Mai dran, eine Impfung mit AstraZeneca wäre indes sofort zu einem beliebigen Termin möglich. Laut Tagesspiegel liegen in Berlin inzwischen „100 000 Dosen AstraZeneca auf Halde“ (25.03.21). Auch hier sind rasch pragmatische Lösungen gefragt: Aufhebung der Impfprioritäten bei diesem Vakzin, Freiwilligenlisten, Spontan-Impfungen abends etc. Was würden wohl Madsen und Palmer machen? „Impfen, impfen, impfen“ (Angela Merkel). Am Wochenende werden in Deutschland die Uhren vorgestellt. Das sollte klappen, und bald ist wieder Somma. Endlich!

Lahme Enten

Mit Rückenwind noch schneller: der Citroen 2 CV, immer noch ein Hingucker. © Günther Schneider auf Pixabay

Glück gehabt! Morgen dürfen wir wieder einmal in ein richtiges Theater gehen, in eine analoge Aufführung mit Publikum. Im Berliner Ensemble wird „Panikherz“ von Benjamin Stuckrad-Barre gegeben. Wir freuen uns wie Bolle, hätten aber alles genommen und hatten beim Ticket-Roulette Glück. Denn frau*man kann nicht einfach eine Bestplatz-Buchung vornehmen, sondern muss sich aus dem Saalplan einen Sitz raussuchen. Wenn jemand anders schneller war – Pech gehabt. So gingen wir beim Test-Konzert der Philharmoniker leer aus und konnten erst beim zweiten Theater-Abend am Sonnabend zuschlagen. Einfach hingehen, ist natürlich nicht in C-Zeiten. Morgen früh müssen wir zum Schnelltest, und wenn der positiv ausfällt, beginnt das übliche Procedere: PCR-Test und Selbstisolation. Spannender war Theater noch nie vor einer Aufführung.

Auf der großen Bühne der Politik gibt es derzeit vor allem eine Verliererin: die Christlich Demokratische Union. Im aktuellen ARD DeutschlandTrend stürzt die CDU auf 29% ab; es scheint sich zu rächen, dass Personalentscheidungen zu spät oder falsch fallen. In Amerika ist die Amtszeit des Präsidenten auf maximal zwei Amtsperioden begrenzt; deswegen werden die Inhaber (bis jetzt waren es nur Männer) nach einer Wiederwahl auch als Lame Duck bezeichnet. Nun ist Angela Merkel natürlich keine Lahme Ente, aber sie stellt sich bekanntlich im Herbst nicht mehr zur Wiederwahl – und hinterlässt so ein Machtvakuum. Wäre sie – Gründe hätten sich finden lassen – vor zwei Jahren zurückgetreten, hätte sich ein*e Nachfolger*in längst eingearbeitet und könnte vom sog. Amtsbonus zehren.

Genau vor einem Jahr hielt die Kanzlerin ihre beeindruckende Fernsehansprache anlässlich der COVID-19-Pandemie; seither ist viel passiert und schief gelaufen für die Menschen draußen im Lande. Kommunikation und Krisenmanagement lassen inzwischen sehr zu wünschen übrig, wie die Neue Osnabrücker Zeitung bilanziert: „Dass man die Briten oder Russen beneidet, wer hätte das vor einem Jahr gedacht? Die einen impften zuletzt unerschrocken weiter, die anderen hatten als Erste überhaupt einen ganz anderen Impfstoff registriert. Die Abweichungen der Ergebnisse waren am Ende gering, aber über alle machte halb Deutschland sich lustig. Oder die Amerikaner und Israelis: Als die Behörden in Europa noch prüften und prüften, waren die Genehmigungen dort längst erteilt. Aber die Impfstoffe für die EU, die sollten ja unbedingt am sichersten sein. Nun zeigt sich: Sie sind es nicht. Zumindest nicht in dem Maße, wie das Volk es hatte glauben sollen. Die Reaktion kann man hysterisch finden oder die Vorsicht richtig, es ändert nichts am katastrophalen Gesamtbild.“ Trösten wir uns mit den Worten des Fußball-Philosophen Jürgen Wegmann: „Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“

Wer die Wahl hat

Hurra! Bei meiner Wahl (per Brief) zur Frankfurter Stadtverordnetenversammlung hatte ich 93 Stimmen, die ich munter panaschieren oder kumulieren konnte. Klingt komplizierter, als es ist. Ich kann meine Stimmen auf alle Kandidat*innen auch aus verschiedenen Parteien verteilen, dann panaschiere ich. „Das Anhäufen von zwei oder drei Stimmen auf eine Kandidatin oder einen Kandidaten nennt man ‚Kumulieren‘.“ (Wahlanleitung). Wer es einfacher haben möchte, kreuzt oben auf dem Riesenwahlzettel nur eine Partei an. Trotz der Möglichkeiten, eine Wahl stärker zu personalisieren, ist das Interesse an der Kommunalwahl in Hessen gering – 52% gingen 2016 nicht zur Wahl. Da wird die Mobilisierung in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg besser gelingen – die ersten Landtagswahlen im Superwahljahr 2021 gelten als wichtiger Stimmungstest. Insbesondere die CDU dürfte dem Ausgang der Wahlen am Sonntag mit Bangen entgegensehen. Diese Woche traten zwei Abgeordnete aus der Fraktion aus; sie hatten nicht dem Volk gedient, sondern mit Provisionen bei sog. Maskengeschäften kräftig abgesahnt. Noch vor den beiden Wahlen sollen sich alle CDU/CSU-Abgeordneten erklären.

Erstaunlicherweise ist von der Causa Spahn in diesem Zusammenhang (noch) nicht die Rede. Der alerte Gesundheitsminister mit einem jährlichen Einkommen von 285.000 Euro (Focus Online) besitzt mit seinem Ehemann eine „Millionenvilla“ in Berlin-Dahlem und eine Wohnung in Schöneberg, deren Wert auch im siebenstelligen Bereich liegen soll. Wie geht dem? Um unklare Geschäfte zu klären, gilt immer die Devise: folge der Spur des Geldes. Warum beendet Jens Spahn nicht alle Spekulationen um seine Immobiliengeschäfte und erklärt sich unter Wahrung der Privatsphäre – aber der Gesundheitsminister hat natürlich alle Hände voll mit seinem Amt zu tun. Während America First im Mai durch ist mit den Impfungen, klemmt es hierzulande an allen Ecken und Enden. Was Wunder, dass die Stimmung noch schlechter ist als die Lage, wie Beobachter aus dem Ausland mit Staunen konstatieren.

Dabei gibt es ungeachtet der steigenden Inzidenzen (Dritte Welle) doch Grund zur Hoffnung. Die Museen dürfen wieder öffnen, in Berlin waren die Karten für ein Test-Konzert der Philharmoniker für 1.000 Besucher*innen mit aktuellem Schnelltest binnen vier Minuten weg, das Berliner Ensemble bietet nächste Woche einen analogen Theaterabend („Panikherz“) unter den gleichen Voraussetzungen. Zum guten Schluss steht Luca vor dem Durchbruch. Die vom Start-up Nexenio entwickelte App kann man als digitales Kontakttagebuch bezeichnen mit Hin-und Rück-Kanälen zu den Gesundheitsämtern, und sie wird die anachronistische Zettelwirtschaft ersetzen, wenn die Außengastronomie wieder öffnen darf. Bei der Entwicklung hat Smudo von den Fantastischen Vier mitgewirkt, der in einem erfrischenden Interview in SWR 2 äußerte, jeder könne einen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leisten. In Amerika wäre Smudo längst ein Nationalheld!