Impflinge

Steckt Boris Johnson hinter diesem Präsent für die Impflinge? © Rolf Hiller

Die Autos stauen sich in einer langen Schlange. Wir sind nicht die einzigen, die sich im Schmuddelwetter auf den Weg zum Corona-Impfzentrum im Flughafen Tempelhof gemacht haben. Im Stau warten dauert mir zu lange. Ich gehe bei Wind & Wetter einen Kilometer über die alte Rollbahn und komme gerade noch rechtzeitig an. Dann geht alles ganz schnell: in einer Viertelstunde sind die Formalitäten erledigt, und ich habe meine erste Impfung mit AstraZeneca erhalten. Bis zu 3.000 Impflinge können sie in Tempelhof täglich durchschleusen, erzählt mir ein Bundeswehrsoldat beim Check-In, heute seien es aber nur 2.500. Organisiert ist der Ablauf mit deutscher Gründlichkeit und viel Personal, das freundlich immer wieder den Weg weist. Am Ende müssen die Impflinge noch eine Viertelstunde in einer Halle warten, dann sind wir durch. Am Ausgang bekommen wir zur Belohnung drei Osterhasen mit der britischen Flagge geschenkt. Was mag diese Geste bedeuten? schießt es mir durch den Kopf.

Die Tage nach der Impfung bin ich etwas schlapp, bekomme allerdings weder Fieber noch fürchterliche Kopfschmerzen; das hätte ich aber in Kauf genommen. Hauptsache geimpft. Zumindest in Berlin geht es in unserer Alterskohorte voran – allein in dieser Woche kennen wir noch ein halbes Dutzend Kandidat*innen. Wenn die Meldungen stimmen, dann kommt jetzt wirklich Zug in die Impfkampagne. Das neue Werk von BionTech in Marburg ist am Start, Johnson & Johnson soll bald liefern, weitere Vakzine stehen vor der Zulassung. Was mag den glücklosen Gesundheitsminister Jens Spahn bewogen haben, mit Russland das Gespräch über die Beschaffung von Sputnik V zu suchen. Der Söder Markus aus Bayern machte gar einen Vorvertrag über 2,5 Mio. Impfdosen; andere Bundesländer folgen. Dabei soll es dem Robert-Koch-Institut zufolge keine Zulassung dieses Vakzins speziell in Deutschland geben. Zar Wladimir Putin dürfte sich ins Fäustchen lachen. Wieder einmal hat er einen Keil in die EU getrieben, wieder einmal hat er die Sanktionen lächerlich gemacht, die wegen der „Behandlung“ des Oppositionellen Alexej Nawalny verhängt wurden.

Jede Politik ist auch Symbolpolitik und manchmal eine blanke Katastrophe. „Haben“, empört sich der Berliner Tagesspiegel heute, „Wladimir Putins Agenten Markus Söder, Jens Spahn und Harry Glawe, dem Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, etwas ins Getränk gemischt? Sie fantasieren vom russischen Impfstoff Sputnik als Lösung der deutschen Corona-Probleme, wollen Vorverträge über Massenlieferungen abschließen und Steuergelder lockermachen – trotz größter Zweifel, ob das Vakzin jemals hier zugelassen wird.“ Glauben diese Politiker ernsthaft, dass sich jemand im Spätjahr mit Sputnik V impfen lassen wird – bei dem undurchsichtigen Gebaren der Lieferanten? Die Herren scheinen von allen guten Geistern verlassen und sich der Symbolik ihres Tuns nicht (mehr) bewusst. Das war sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sehr wohl – und Ursula von der Leyen und Charles Michel tappten bei ihrem Besuch prompt in seine Falle. Die EU-Kommissionspräsidentin „musste“ sich auf das Sofa setzen, der EU-Ratspräsident nahm neben dem türkischen Sultan auf dem Sessel Platz. Eine Demütigung Ursula von der Leyens, aller Frauen und der EU. Beschämend!

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