Stille Nacht

In Memoriam Eugen Hahn. Der langjährige Pächter des Frankfurter Jazzkellers starb diese Woche. © Rolf Hiller

Weihnachten im harten Lockdown werden wir nicht vergessen. Drei Tage sind heuer wirklich alle Geschäfte geschlossen, aber diese logistische Herausforderung ist nichts gegen die Beantwortung der Frage: Wie verhalte ich mich in Zeiten der Pandemie zu Weihnachten? Fährt man/frau zu Verwandten? Ist das Risiko zu hoch? Wie soll man/frau dieses Risiko einschätzen und begrenzen. Wir hören von einer jungen Familie, die sich komplett testen ließ und dann noch in freiwillige Quarantäne begab, um guten Gewissens zu den Großeltern zu reisen. Erstaunlich viele Menschen haben ganz auf Reisen und Besuche in diesem Jahr verzichtet und bleiben allein. Nicht weil sie den Verordnungen der Politiker*innen folgen, sondern aus reiner Vernunft. Das Risiko einer Ansteckung ist ihnen zu hoch, denn inzwischen wissen (fast) alle, dass gerade in der Familie, bei privaten Feiern die Ansteckung mit dem C-Virus droht.

Wir lassen Weihnachten für uns immer eine Gans in einem nahe gelegenen Kiez-Restaurant zubereiten und haben ein befreundetes Ehepaar aus der Nachbarschaft eingeladen. Ein schöner, immer wieder nachdenklicher Abend, unter Einhaltung der C-Regeln versteht sich. Ein erster Moment der Besinnung nach Tagen im Hamsterrad im sog. Home-Office. Der Job ist schwieriger geworden in diesem Jahr, Routinen waren aufgehoben, Abstimmungen sind mühseliger geworden; zudem sind die Umsatzrückgänge gravierend. Wir haben uns an das Leben in der Pandemie gewöhnt. Während beim Shutdown im März das ganze Land in eine Schockstarre verfiel, läuft das Leben seit dem 16. Dezember routiniert weiter. Viele Geschäfte & Restaurants bieten einen Bestell- und Abholservice, in Berlin dürfen sogar Buchhandlungen, Papiergeschäfte und Copyshops geöffnet bleiben.

Doch wir vermissen „Kultur und Freizeit“, uns fehlen reale Eindrücke und Erlebnisse. Keine Lust auf Streaming! In diesem Jahr war ich nicht einmal im Frankfurter Jazzkeller, bin nicht einmal die steile Treppe in den Club hinuntergestiegen. Wenn ich das nächste Mal komme, wird er nicht mehr da sein: Eugen Hahn. Am Dienstag starb der langjährige Pächter des legendären Clubs im Alter von 79 Jahren. Wir kannten uns seit 1986, als Eugen mit seiner damaligen Partnerin Regine Dobberschütz am 1. Mai den Keller übernahm – und dann eigentlich immer da war, mit seiner nie nachlassenden Begeisterung für die improvisierte Musik. Immer war er Feuer und Flamme, stets musste er mir etwas erzählen. Einmal schenkte er mir eine CD-Compilation, die er selbst zusammengestellt und gestaltet hatte. Da ich zum Ende dieses Blogs komme, laufen wieder seine „afn berlin. Swingin‘ Memories“. Bei unserer ersten Begegnung hatte mir Eugen – wir waren sofort per Du – in die Feder diktiert: „Alle wollen, dass so’n Laden nicht totgeht.“ Seine Familie möchte den Jazzkeller weiter betreiben. Zumindest das ist eine gute Nachricht.

Back to Control

Das neue Berliner Stadtschloss aka Hufo: drei Seiten barock, eine funktional. © Rolf Hiller

Sechsmal werden wir noch… Heuer werden wir besonders stille, nachdenkliche Weihnachten feiern. Danach sollen dann auch bei uns die Impfungen gegen Corona beginnen, und am 31.12. werden die Briten endgültig die EU verlassen – und den harten oder weichen Brexit vollziehen. Angeblich soll nur noch bis Sonntag verhandelt werden. Wer’s glaubt! Dann hat der Gambler Boris Johnson wieder die Kontrolle über das United Kingdom. Congratulation! Der Prime Minister träumt von einer Freihandelszone ohne Regelung des Wettbewerbs und will die eigenen Fischfanggebiete von der britischen Marine schützen lassen. So wird das nichts, Mr. Johnson, und doch ist der Brexit jammerschade; nicht bloß weil Großbritannien der zweitgrößte Nettozahler der EU war und einen Platz im Weltsicherheitsrat hat.

Back to Control. Das wünschen sich sicher auch die Freund*innen des Humboldt Forums, das nach angeblich Corona bedingten Verzögerungen am Mittwoch eröffnet wurde, erst einmal nur digital. Der Neubau des Stadtschlosses in der Mitte Berlins mit 750 Metern neuer Barockfassade erhitzt weiter die Gemüter. Das „größte Kulturprojekt Europas“ hat sich dem interkulturellen Dialog verschrieben und schmückt sich mit Raubkunst, deren Provenienz gar nicht mehr geklärt werden muss. Die Kuppel der Rekonstruktion ziert ein Kreuz mit der Inschrift: „Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ Pünktlich zur Eröffnung hat Nigeria seine Forderung erneuert, dass die berühmten Benin-Bronzen zurückgegeben werden müssen. Das Projekt Hufo, wie es der Satiriker Jan Böhmermann schon zu nennen pflegt, überzeugt weder architektonisch noch konzeptionell und hat den Steuersäckel 700 Millionen Euro gekostet.

Die Berliner*innen werden sich an das neue & alte Stadtschloss in Mitte gewöhnen (müssen); einige Neugierige pirschten schon am letzten Wochenende vor der Eröffnung um das riesige Gebäude. Wir treffen ein Ehepaar in gesetzten Jahren, er jovialer Typ mit Zigarre wünscht uns schöne Feiertage. „Wir brauchen dieses Mal nicht zur Familie“, feixt er vergnügt. Der harte Lockdown kennt also nicht nur Verlierer, doch ansonsten richten sich alle Hoffnungen auf die Impfungen, derweil die Bereitschaft mitzumachen sinkt. Warum also nicht die belohnen, die sich freiwillig (!) impfen lassen. Die Stuttgarter Zeitung hat schon einmal weitergedacht: „Wir steuern auf eine pandemische Zwei-Klassen-Gesellschaft zu: Könnte der Impfstatus über den Zugang zu öffentlichen Einrichtungen und privaten Dienstleistungen entscheiden? Was ist, wenn etwa Fluggesellschaften, Hotels oder Fitnessclubs künftig Einblick in den Impfpass verlangen, um riskante Kundschaft fernzuhalten?“ (18.12.20) Wir machen auf jeden Fall mit!

Härte

Die Zahl der Neuinfektionen erreicht in Deutschland einen neuen Höchststand.

Nachtreten gilt nicht! Nun sind Kultur & Freizeit seit sechs Wochen dicht, aber die Zahlen gehen nicht runter. Wo breitet sich das C-Virus aber aus? Beim Einkaufen, in den Bussen und Schulen, beim Glühwein uff‘ de Gass‘ oder in den Familien? Wir wissen es nicht und werden es mit unserer Corona-App auch nie erfahren, wie „Die Welt“ moniert. „Die Software, die Warn-Apps, die ganze digitale Infrastruktur muss jetzt endlich dem Kampf gegen das Virus dienen . . . Kontaktverfolgung und Datenschutz nach deutscher Art passen nicht zusammen.“ (07.12.20) Nun also vor oder nach Weihnachten ein harter Lockdown, wie wir ihn schon im Frühling erlebt – und wieder vergessen haben, womöglich sogar mit Ausgangssperren und ohne Böllerei an Silvester. Ist das ein zu großes Opfer? Wem ist denn derzeit schon nach Feiern zumute.

Inzwischen richten sich alle Hoffnungen auf den Impfstoff – allerdings müssten 70% aller Deutschen mitmachen. Logistisch dürfte das eine ungeheure Herausforderung werden, denn das Vakzin von Biontech/Pfizer kann bekanntlich nur bei – 70º gelagert werden. Müssen die geplanten Impfzentren rund um die Uhr bewacht werden, entsteht ein Schwarzmarkt, bekommen die Geimpften als Belohnung Privilegien, wie werden z.B. die Risikopatienten ermittelt? Fragen über Fragen. Die schier unverwüstliche Queen Elisabeth (94) und ihr Gemahl Prinz Philipp (99) wollen sich jedenfalls impfen lassen. Bravo! Solche Briten loben wir uns, nicht Gambler wie Boris Johnson. Das letzte Kapitel der never ending Story Brexit soll am Sonntag geschrieben werden. Good Luck!

Wird sich auch das Bundeskabinett impfen lassen, möglichst vor laufenden Kameras? Allen voran die Kanzlerin, die im Bundestag wie eine „alte Löwin“ (Tagesspiegel) für einen sofortigen härteren Lockdown kämpfte. Müssen wir überhaupt auf diese neuen Maßnahmen der Politik warten, weiß denn nicht jede*r, was zu tun ist bei 29.875 heute gemeldeten Neuinfektionen? Wir werden uns jedenfalls nicht in das am Wochenende drohende Power-Shopping stürzen, um noch irgendwelche Geschenke zusammenzuraffen. Es genügt der gesunde Menschenverstand, um die AHA-Regeln als alternativlos zu beherzigen. Den Freunden von der TAZ gebührt deshalb heute das Schlusswort: „Corona ist solchermaßen auch eine Übung in Selbstverantwortung, in Selbststeuerung. Gut so. Denn bei einem Mensch-zu-Mensch-Infektionsgeschehen ergibt es keinen Sinn, die Verhaltenssteuerung ganz allein an die Politik abzugeben.“ (08.12.20)

Trugschlüsse

Ganz großes Fernsehen: der ARD-Dreiteiler „Das Geheimnis des Totenwaldes“. © NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch

Überraschung! Natürlich nicht – das Wort des Jahres heißt „Corona Pandemie“. Acht der zehn vorgeschlagenen „Wörter des Jahres“ haben mit dem Virus zu tun, das unser aller Leben bestimmt und langfristig ändern wird. Früher, also noch vor einem Jahr, gingen wir einkaufen, wann wir wollten, oder spontan mal ins Kino oder in eine Ausstellung. Heute planen wir unsere Einkäufe, gehen möglichst in Zeiten mit wenig Kunden, und sind spontan nur noch bei der Auswahl der abendlichen Unterhaltung. Lieb gewordene Routinen im Job & Alltag gibt es nicht mehr; alles ist schwieriger und aufwändiger geworden. Das Leben in Pandemie ist anstrengend. Nach dem Flop mit der Corona-App ruhen jetzt alle Hoffnungen auf dem Impfstoff. Wenn 70% sich impfen lassen würden, hätten wir eine Herdenimmunität, und das Leben ginge weiter wie vor der Pandemie. Pustekuchen! „Ausrotten lässt sich das Virus global auf keinen Fall“, befindet der Infektionsbiologe Stefan H.E. Kaufmann, „denn es ist ein zoonotischer Erreger mit versteckten Tierreservoirs. Wir werden mit Sars-CoV-2 leben müssen, aber wir werden es kontrollieren können.“ (FAZ, 25.11.20)

Derzeit gelingt die Kontrolle jedenfalls nicht: der Teil-Lockdown hat bisher nur zu einem Stillstand bei der Zahl der Neuinfektionen geführt. Längst ist keine klare Linie der politisch Verantwortlichen mehr zu erkennen. Weihnachten zu planen ist genauso schwierig wie Silvester, in Baden-Württemberg gibt es im Moment faktisch eine Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr, hier und da dürfen Hotels über Weihnachten für Privatgäste öffnen, und am Ende entscheidet jede Kommune über Silvesterparties. Derweil rächen sich die Versäumnisse des Sommers: es wurden keine Konzepte für die Pflege- und Altenheime, die Schulen oder die geplanten Impfzentren entwickelt. Deutschland erlebt „einen politischen Schlingerkurs“ (Rhein-Neckar-Zeitung) durch die Pandemie, aber zumindest scheint es einigen Verantwortlichen zu dämmern, dass man Fixkosten ausgleichen, aber doch nicht ausgefallene Umsätze zu 75% erstatten kann.

Durch die „Kulturmedienschau“ in SWR 2 wurden wir auf „Das Geheimnis des Totenwaldes“ (Regie: Sven Bohse; Buch: Stefan Kolditz) aufmerksam. Der packende Dreiteiler erzählt „frei nach wahren Begebenheiten“ vielschichtig und über drei Jahrzehnte hinweg vom Schicksal einer Frau, die plötzlich verschwand. Es entspinnt sich in einer niedersächsischen Kleinstadt ein Geflecht von Geschichten. Im Stile von „true crime“ erzählt, erhalten wir Einblick in bizarre Biographien und seltsame Motive dieser Menschen, in Pseudo-Idyllen und in einen provinziellen Ermittler-Apparat. Gewissheiten gibt es keine in dieser Trilogie der Extraklasse, die ganz hervorragende Schauspieler*innen prägen, allen voran Matthias Brandt als Hamburger LKA-Chef, der privat in einen Albtraum verstrickt wird. Wir fiebern schon den nächsten Folgen (05.12., 09.12. oder ARD-Mediathek) dieser unheimlichen Geschichte entgegen. Wann hat es das zuletzt bei einer TV-Produktion gegeben!

Weiter

10.000 wollten den Live-Stream „Der Zauberberg“ nach Thomas Mann aus dem Deutschen Theater Berlin erleben. © Arno Declair

Mit Spannung haben wir auf diesen Mittwoch gewartet. Wieder haben sich die Kanzlerin und die Ministerpräsident*innen per Video-Konferenz verabredet und stundenlang um neue Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gerungen. Die sind bitter nötig, denn am 27. November wurden insgesamt 15.000 Tote und 1 Mio. Infizierte gemeldet. Der sog. Teil-Lockdown hat bisher nicht so viel gebracht, wie wir alle gehofft haben. Die Zahlen stagnieren auf einem bedenklich hohen Niveau, alldieweil die neuen Maßnahmen wenig überzeugen können. Aber wir machen natürlich trotzdem mit, tragen jetzt auf den Parkplätzen vor den Supermärkten eine Maske und auf den großen Einkaufsstraßen. Neulich per Rad und ohne Maske zur Tauentzienstraße in der Berliner City West, dann kurz vor einem Geschäft gewartet, kaum jemand uff‘ de Gass‘. Da hält ein Polizeiwagen, und ich werde freundlich an die Maske erinnert. Bald weiß keiner mehr genau, was erlaubt ist.

Regeln sollten klar, einfach und nachvollziehbar sein. Weihnachten dürfen sich in Deutschland 10 Personen aus verschiedenen Haushalten treffen, in Berlin sind es nur 5 aus 2 Haushalten. Überprüfen wird das sowieso niemand, genauso wenig wie die Böllerei an Silvester, die einigen Politiker*innen wichtiger ist als eine klare Perspektive für 2021. Bleiben im Januar die Kultur und Freizeiteinrichtungen dicht, oder dürfen sie wieder öffnen. Unstrittig scheint nur, dass der Bund nicht allein die Umsatzausfälle übernehmen kann. Bei dieser großspurigen Zusage für November und Dezember stehen redlichen Kaufleuten ohnehin die Haare zu Berge. Ein Restaurant, das geschlossen bleiben muss, braucht keine Ware einzukaufen, keine Werbung und hat für das Personal sicher Kurzarbeit beantragt. Ebenso wie die überflüssige Senkung der Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr ist der Ausgleich der Umsätze kostspielig und wenig durchdacht.

Letztlich stochern wir alle im Nebel. 70% aller Infektionen lassen sich nicht nachverfolgen, die Gesundheitsämter kommen nicht mehr nach. Was Wunder, dass die Theater einen Roman von Thomas Mann aus dem Regal ziehen. „Der Zauberberg“ spielt bekanntlich in einem Lungensanatorium und thematisiert die großen Fragen der menschlichen Existenz. Der Regisseur Sebastian Hartmann beschränkt sich in seiner Bearbeitung nach Thomas Mann auf das Ende des Romans: den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In seiner spektakulär gefilmten, postnarrativen Apokalypse taumeln die Figuren über die Bühne – ohne Halt und ohne Hoffnung. Die Live-Stream-Premiere, die nur einmal zu sehen war, verfolgten 10.000 Zuschauer*innen. Was hätte wohl Thomas Mann zu diesem Theaterabend ohne Publikum gesagt, fragen wir uns? Nicht bloß diese Frage bleibt offen.

Trautes Heim

Auf der Suche nach der Funktion: das Humboldt Forum, hier West- und Südfassade. © SHF / GIULIANI | VON GIESE

Die Bahnen sind deutlich leerer, die Bahnhöfe auch. Die steigenden Zahlen der Neu-Infektionen mit dem C-Virus und die Appelle zeigen Wirkung. Entspannt die Situation im ICE auf der Fahrt in den Verlag nach Frankfurt. Am Dienstag verlieren sich auf der Rückreise nicht einmal 10 Fahrgäste im schönen, älteren Waggon mit Ledersitzen und Holztischen. Das Staatsunternehmen Deutsche Bahn wird im zweiten sog. Teil-Lockdown wieder saftige Verluste einfahren, für die der Steuerzahler dann einstehen muss. Solch ein Netz haben Stadtmagazine natürlich nicht und müssen sich mühsam durchschlagen – die Dezember-Ausgabe von FRIZZ Das Magazin muss später erscheinen, wieder ohne Veranstaltungskalender. Schwierige Zeiten nicht bloß für Verleger; die Verunsicherung im Einzelhandel und in der Gastronomie ist groß, nicht zu reden von der Veranstaltungsbranche, für die 1 Million Menschen tätig sind.

Für Verunsicherung in der Bevölkerung sorgen auch befremdliche Signale aus dem Kanzleramt. Man solle sich nur noch mit einem bestimmten anderen Haushalt verabreden, Kinder und Jugendliche nur noch mit einem Freund oder einer Freundin. Damit kam Angela Merkel in der Runde mit den Ministerpräsident*innen nicht durch; es blieb zum Glück bei Empfehlungen. Dunkel sprach die Kanzlerin danach von einem „Zwischenrecht“, das man habe schaffen wollen. Erst nächste Woche ist mit neuen Entscheidungen zu rechnen; das überarbeitete Infektionsschutzgesetz schafft eine ausreichende Legitimation dafür. Immer verstörender werden die Demonstrationen der sog. Querdenker, die längst von Rechtsradikalen gekapert worden sind, die alles tun, um die Institutionen der Bundesrepublik auszuhöhlen und lächerlich zu machen. Wehret den Anfängen!

Wir bleiben also zu Hause, kämpfen uns im Home-Office durch die Arbeit – und freuen uns natürlich auf den 17. Dezember. Eine Woche vor Weihnachten gibt es eine schöne Bescherung: das Humboldt Forum im Berliner Stadtschloss feiert seine erste Teileröffnung. In der Hauptstadt gibt es einen Mainstream gegen Veränderung und für Restauration. Dieser Stimmung ist der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses geschuldet, an dem die gleichen Fehler wie beim BER gemacht wurden. Man hat begonnen und dann erst die Funktionen festgelegt. Genüßlich listet die SZ (19.11.20) eine aktuell doch erstaunliche Liste von Fehlern auf: große Exponate passen nicht durch die Türen des Riesenschlosses, die Klimaanlage funktioniert noch immer nicht, Sprinkleranlagen sind out of control. Quintessenz: das Stadtschloss sei ein „Bau, der seiner Funktion für immer im Weg stehen wird.“ Weniger geht nicht.

Streaming Isolation

Wahrzeichen im Terminal 1 des BER: Fiegender Teppich von Pae White. © Rolf Hiller

Knapp zwei Wochen des sog. Teil-Lockdowns liegen hinter uns, das RKI meldet wieder einen Rekord bei den Neu-Infektionen, die Intensivstationen füllen sich rasch mit Corona-Patienten. Wir arbeiten wieder mehr im Home-Office und bleiben abends zu Hause. Die Streaming-Angebote haben Hochkonjunktur; es lohnt auch ein Blick in die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen. Dort sehen wir „Soul Kitchen“ von Fatih Akin; der Soundtrack der munteren Komödie war überaus erfolgreich. Mit dabei auch der phantastische Avantgarde Sänger Leon Thomas, dessen Markenzeichen eine ureigene Jodeltechnik war. 1970 konnte man ihn bei den Berliner Jazztagen erleben, die heute als Jazzfest Berlin laufen und heuer ohne Publikum stattfinden mussten. Das Programm der Kuratorin Nadine Deventer kultiviere eine „Orthodoxie des Unorthodoxen“, so Gregor Dotzauer im Tagesspiegel (09.11.20). Was darunter zu verstehen sein könnte, kann jede*r selbst überprüfen – das Jazzfest Berlin 2020 ist ein Jahr lang on demand. Einen Leon Thomas habe ich nicht entdeckt!

Nach dem Hardcore-Streaming bietet sich ein Ausflug zum neuen BER an, der Willy-Brandt-Flughafen ist mit neunjähriger Verspätung tatsächlich ans Netz gegangen. Schön ist er geworden, elegant und funktional. Am Sonntagmorgen sind mindestens genauso viele Besucher wie Fluggäste in der weitläufigen Halle – mit den AHA-Regeln ist das C-Risiko minimal. Wir kennen uns schon aus, denn vor drei Jahren besichtigten wir schon einmal den BER und machten danach eine Radtour über das Gelände. Warum nicht auf der Baustelle gearbeitet werde, wollte ich damals wissen. Am Wochenende würde nie gearbeitet. Gut Ding will Weile haben. Auf der Besucherterrasse können wir einen (!) Start beobachten; der Hauptstadtflughafen wird im nächsten Jahr mindestens eine halbe Milliarde zusätzliche Mittel benötigen. Gute Reise.

Sicher wird der noch amtierende amerikanische Twitter-Präsident Donald Trump in seiner Amtszeit nicht mehr den BER anfliegen – und der Kanzlerin Angela Merkel den Händedruck verweigern. Mit allen juristischen Mitteln will er klären lassen, dass die Demokraten ihm seine Wahl gestohlen hätten. Diese fast schon pathologische Insistenz kann man indes verstehen. Laut New York Times laufen 30 Ermittlungsverfahren gegen ihn, und er bürgt persönlich für 300 Millionen Dollar. Deutschland, „der weltbeste Trittbrettfahrer“ (Wolfgang Ischinger), wird sich unter seinem Nachfolger warm anziehen müssen. Joe Biden wird als Präsident in erster Linie amerikanische Interessen verfolgen und den Deutschen ihre NATO-Verpflichtung und ihren umstrittenen Gas-Deal Nord Stream 2 mit Russland vorhalten. Nicht nur das Wetter wird ungemütlicher.

Vorhang zu!

Das war’s dann erst einmal: Im November gibt es keine Kulturveranstaltungen mehr.© Gitti Grünkopf

„Wir würden uns freuen, wenn Sie bald wiederkommen.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich ein junger Mitarbeiter des Delphi Filmpalast in Berlin. Versprochen! Wir lieben das Kino im Kino und schauen gebannt den FRIZZ-Film des Monats: „Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz. Erzählt wird das politische Coming of Age einer jungen Baronin, die Jura studiert und es ernst meint mit ihrem Engagement gegen die Bedrohung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung durch Neonazis. Der dicht und quasi dokumentarisch erzählte Film sympathisiert mit der antifaschistischen Gruppe P31, der sich Luisa (Mala Emde) anschließt, thematisiert aber auch die Widersprüche ihrer Aktionen und Anführer. „Und morgen die ganze Welt“ wurde aus Deutschland für den Auslands-Oscar nominiert – eine sehr gute Wahl.

Bis Ende des Monats bleiben die Bühnen, Kinos, Musikclubs und Konzerthäuser geschlossen, obwohl sich Ansteckungen mit dem Virus dort nicht nachweisen lassen; in 70% aller Fälle tappen wir und die Gesundheitsämter im Dunkeln. Nicht weniger beunruhigend, dass niemand genau weiß, wie viele Mitarbeiter*innen diese vollkommen überlasteten Ämter überhaupt haben. Nicht besser sieht es in den Labors aus, die am Limit arbeiten: über 100.000 Tests sind noch nicht ausgewertet. Die nächsten Monate dürften still und ungemütlich werden, denn heute meldet das RKI wieder einen neuen Rekord; zudem füllen sich die Intensivstationen rasant mit C-Patienten. Was tun, wenn die Welle nicht gebrochen wird? Was passiert, wenn der Teil-Lockdown verlängert wird? Gibt es über die Jahre eine Ausgangssperre, um ein Super-Spreader-Silvester zu verhindern?

Die Welt ist aus den Fugen, ganz besonders in Amerika, wo Donald Trump sich zum Wahlsieger ausruft und vorzeitig die Auszählung aller (!) Stimmen mit allen Mitteln verhindern will: mit dreisten Lügen, auf juristischem Wege und am Ende womöglich noch mit den sog. Proud Boys (in den USA gibt es mehr Waffen als Einwohner). Fast die Hälfte der Amerikaner*innen haben diesen Mann gewählt, der das Land führt wie seinen maroden Konzern. Die Sehnsucht nach einem starken Mann und einfachen Lösungen irritiert und muss dennoch sehr ernst genommen werden, ganz besonders in der globalen Bubble. Denn wohlmeinende Ratschläge vom Alten Kontinent sind fehl am Platze – was den Amis ihr Trump, ist der EU Johnson, Le Pen, Salvini, Orbán und Kaczyński. God bless America!

Stillstand

Das Kinderkarussell steht schon still, derweil sich die Gäste in den Restaurants auf dem Frankfurter Opernplatz noch bestens amüsieren. © Rolf Hiller

An diesem Abend sind die Restaurants in der Frankfurter Fressgass‘ und auf dem Opernplatz noch gut besucht, nur das Kinderkarussell steht schon still. Nachmittags hatten die Kanzlerin & die Ministerpräsident*innen der Bundesländer beschlossen, das Leben im Lande wieder stillzulegen. Konzerthäuser, Theater, Museen müssen am Montag schließen, mögen die Hygiene-Konzepte auch noch so penibel sein, mögen die Veranstalter auch noch so stark betonen, niemand habe sich bis dato nachweislich bei ihnen angesteckt. 70% aller Neuinfektionen lassen sich nicht nachvollziehen, aber es musste etwas passieren; wieder hat es die Kultur erwischt. Ich schaue mir auf dem Opernplatz die Litfaßsäulen mit den Konzerten an, die im nächsten Monat alle nicht mehr stattfinden dürfen.

Drinnen wird das 51. Deutsche Jazzfestival eröffnet – mit nur einem (!) Konzert vor Publikum. Ich sitze bestens im Parkett, die Reihen haben einen größeren Abstand als sonst. Links neben mir sind neun Plätze frei, rechts vier – die Stimmung im Großen Saal ist gedämpft. Und Stimmung will auch während des einstündigen Auftritts des Trios von Django Bates mit der hr Bigband nicht aufkommen. Das Geburtstagsständchen für den genialen Altsaxophonisten Charlie Parker, der am 29. August 1920 geboren wurde, kann nie an dessen hypnotische Improvisationen anknüpfen. Ernsthaft möchte niemand noch mehr lauwarmen Kaffee haben – das Publikum verlässt rasch den Saal. Draußen ist das Kinderkarussell bereits eingepackt.

Tags drauf besuche ich die erste Messe in Frankfurt seit dem Ausbruch der Pandemie – und sicher die letzte in diesem Jahr. Die Macher*innen der discovery art fair haben wahnsinniges Glück gehabt mit ihrer sehenswerten Präsentation aktueller & bezahlbarer Kunst, die noch bis zum 1. November geht. Am nächsten Tag beginnt der Lockdown, der dieses Mal den Einzelhandel, Schulen und Kitas verschont. Die administrativ verfügten Maßnahmen werden kontrovers aufgenommen und diskutiert. „Warum“, fragt sich die SZ vom Tage, “muss eine Gaststätte mit einem Hygienekonzept schließen, der Friseursalon aber darf offen bleiben? Der FC Bayern darf Fußball spielen, die Amateure auf dem Dorf aber dürfen ihren Platz nicht mehr betreten? Und wieso ist ein geschlossenes Theater die Kompensation dafür, dass eine Schule offen bleibt?“ Und dann geht am 31. Oktober auch noch das Fernsehballett nach 58 Jahren in den Ruhestand. Zum Trost eröffnet am gleichen Tag der neue Berliner Großflughafen mit neunjähriger Verspätung. Dass der BER schon wieder frische Mittel braucht, überrascht niemanden mehr. Gute Reise durch die November-Tristesse!

Deutschland sieht rot!

Monatelang herrschte eine trügerische Ruhe im Lande. Die viel gelobte Corona Warn-App zeigte immer Grün. Diese Woche tat sich plötzlich etwas: 1 Begegnung mit niedrigem Risiko. Was meint diese Nachricht? Müssen wir etwas tun? Diese Fragen passen zur allgemeinen Irritation im Lande, da die Neuinfektionen einen neuen Rekord erreichen. Zwar wird diese App gut angenommen (über 19 Millionen Downloads), aber nur 60% der User laden einen positiven Befund auch hoch – zu wenig. Das Tool spiele in der Arbeit der zunehmend überlasteten Gesundheitsämter „so gut wie keine Rolle“, gab Ute Teichert (die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst) der Funke Medien Gruppe zu Protokoll. Man habe entschieden, „den Datenschutz über den Patientenschutz zu stellen“. Darüber müssen wir nachdenken, wie ich bereits am 10. April angeregt habe: In digitalen Zeiten mutet auch die analoge Arbeit der Gesundheitsämter seltsam anachronistisch an. Warum nicht dem Ethikrat einen Datenrat zur Seite stellen, der sicherstellt, dass der Zugriff auf Handy-Daten (Tracking) unter bestimmten Bedingungen in der C-Krise möglich und verpflichtend ist.

Derweil färben sich immer mehr Landkreise rot, und natürlich schreckt das Virus auch vor dem Kabinett nicht zurück: ausgerechnet Gesundheitsminister Jens Spahn ist positiv getestet und nun in Quarantäne. Warum sich seine Kolleg*innen nicht auch umgehend testen ließen und bis zur Vorlage des Ergebnisses in Quarantäne gingen, dürfte den wenigsten Menschen draußen im Lande nachvollziehbar sein. „Wer immer wieder die Bevölkerung zur Vorsicht und Disziplin aufruft“, empört sich der Kölner Stadtanzeiger“, „muss mit positivem Beispiel vorangehen. In einer Phase, in der die Infektionszahlen explodieren, hat die Bundesregierung schlicht versagt.“ Es schadet nicht, wenn sich die C-Parteien gelegentlich an die Bibel erinnern – „An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen!“ (1. Johannes 2,1-6)

Ehe die Politik der Kultur das Leben noch schwerer macht, ohne dass es Belege für ein erhöhtes Infektionsrisiko etwa in Konzerthäusern oder Theatern gibt, schnell mal wieder ins Kino. Ich liebe die kleinen Berliner Kiez-Institutionen mit so herrlichen Namen wie Eva Lichtspiele. Dort werden nicht nur Filme gezeigt, die Macher*innen konzipieren Reihen und feiern Premieren mit besonderen Gästen. Am nächsten Montag steht „Winterreise“ auf dem Programm, der letzte Film mit Bruno Ganz. Zum Bundesstart gibt es noch ein Publikumsgespräch mit dem dänischen Regisseur Anders Ostergaard. Womöglich ist das der Königsweg für kleine Kinos gegen die Übermacht der sog. Streaming-Dienste: Programme mit Herz & Leidenschaft. Erlebnisse, um nicht das abgenutzte Wort Events zu verwenden.