Streaming Isolation

Wahrzeichen im Terminal 1 des BER: Fiegender Teppich von Pae White. © Rolf Hiller

Knapp zwei Wochen des sog. Teil-Lockdowns liegen hinter uns, das RKI meldet wieder einen Rekord bei den Neu-Infektionen, die Intensivstationen füllen sich rasch mit Corona-Patienten. Wir arbeiten wieder mehr im Home-Office und bleiben abends zu Hause. Die Streaming-Angebote haben Hochkonjunktur; es lohnt auch ein Blick in die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen. Dort sehen wir „Soul Kitchen“ von Fatih Akin; der Soundtrack der munteren Komödie war überaus erfolgreich. Mit dabei auch der phantastische Avantgarde Sänger Leon Thomas, dessen Markenzeichen eine ureigene Jodeltechnik war. 1970 konnte man ihn bei den Berliner Jazztagen erleben, die heute als Jazzfest Berlin laufen und heuer ohne Publikum stattfinden mussten. Das Programm der Kuratorin Nadine Deventer kultiviere eine „Orthodoxie des Unorthodoxen“, so Gregor Dotzauer im Tagesspiegel (09.11.20). Was darunter zu verstehen sein könnte, kann jede*r selbst überprüfen – das Jazzfest Berlin 2020 ist ein Jahr lang on demand. Einen Leon Thomas habe ich nicht entdeckt!

Nach dem Hardcore-Streaming bietet sich ein Ausflug zum neuen BER an, der Willy-Brandt-Flughafen ist mit neunjähriger Verspätung tatsächlich ans Netz gegangen. Schön ist er geworden, elegant und funktional. Am Sonntagmorgen sind mindestens genauso viele Besucher wie Fluggäste in der weitläufigen Halle – mit den AHA-Regeln ist das C-Risiko minimal. Wir kennen uns schon aus, denn vor drei Jahren besichtigten wir schon einmal den BER und machten danach eine Radtour über das Gelände. Warum nicht auf der Baustelle gearbeitet werde, wollte ich damals wissen. Am Wochenende würde nie gearbeitet. Gut Ding will Weile haben. Auf der Besucherterrasse können wir einen (!) Start beobachten; der Hauptstadtflughafen wird im nächsten Jahr mindestens eine halbe Milliarde zusätzliche Mittel benötigen. Gute Reise.

Sicher wird der noch amtierende amerikanische Twitter-Präsident Donald Trump in seiner Amtszeit nicht mehr den BER anfliegen – und der Kanzlerin Angela Merkel den Händedruck verweigern. Mit allen juristischen Mitteln will er klären lassen, dass die Demokraten ihm seine Wahl gestohlen hätten. Diese fast schon pathologische Insistenz kann man indes verstehen. Laut New York Times laufen 30 Ermittlungsverfahren gegen ihn, und er bürgt persönlich für 300 Millionen Dollar. Deutschland, „der weltbeste Trittbrettfahrer“ (Wolfgang Ischinger), wird sich unter seinem Nachfolger warm anziehen müssen. Joe Biden wird als Präsident in erster Linie amerikanische Interessen verfolgen und den Deutschen ihre NATO-Verpflichtung und ihren umstrittenen Gas-Deal Nord Stream 2 mit Russland vorhalten. Nicht nur das Wetter wird ungemütlicher.

Vorhang zu!

Das war’s dann erst einmal: Im November gibt es keine Kulturveranstaltungen mehr.© Gitti Grünkopf

„Wir würden uns freuen, wenn Sie bald wiederkommen.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich ein junger Mitarbeiter des Delphi Filmpalast in Berlin. Versprochen! Wir lieben das Kino im Kino und schauen gebannt den FRIZZ-Film des Monats: „Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz. Erzählt wird das politische Coming of Age einer jungen Baronin, die Jura studiert und es ernst meint mit ihrem Engagement gegen die Bedrohung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung durch Neonazis. Der dicht und quasi dokumentarisch erzählte Film sympathisiert mit der antifaschistischen Gruppe P31, der sich Luisa (Mala Emde) anschließt, thematisiert aber auch die Widersprüche ihrer Aktionen und Anführer. „Und morgen die ganze Welt“ wurde aus Deutschland für den Auslands-Oscar nominiert – eine sehr gute Wahl.

Bis Ende des Monats bleiben die Bühnen, Kinos, Musikclubs und Konzerthäuser geschlossen, obwohl sich Ansteckungen mit dem Virus dort nicht nachweisen lassen; in 70% aller Fälle tappen wir und die Gesundheitsämter im Dunkeln. Nicht weniger beunruhigend, dass niemand genau weiß, wie viele Mitarbeiter*innen diese vollkommen überlasteten Ämter überhaupt haben. Nicht besser sieht es in den Labors aus, die am Limit arbeiten: über 100.000 Tests sind noch nicht ausgewertet. Die nächsten Monate dürften still und ungemütlich werden, denn heute meldet das RKI wieder einen neuen Rekord; zudem füllen sich die Intensivstationen rasant mit C-Patienten. Was tun, wenn die Welle nicht gebrochen wird? Was passiert, wenn der Teil-Lockdown verlängert wird? Gibt es über die Jahre eine Ausgangssperre, um ein Super-Spreader-Silvester zu verhindern?

Die Welt ist aus den Fugen, ganz besonders in Amerika, wo Donald Trump sich zum Wahlsieger ausruft und vorzeitig die Auszählung aller (!) Stimmen mit allen Mitteln verhindern will: mit dreisten Lügen, auf juristischem Wege und am Ende womöglich noch mit den sog. Proud Boys (in den USA gibt es mehr Waffen als Einwohner). Fast die Hälfte der Amerikaner*innen haben diesen Mann gewählt, der das Land führt wie seinen maroden Konzern. Die Sehnsucht nach einem starken Mann und einfachen Lösungen irritiert und muss dennoch sehr ernst genommen werden, ganz besonders in der globalen Bubble. Denn wohlmeinende Ratschläge vom Alten Kontinent sind fehl am Platze – was den Amis ihr Trump, ist der EU Johnson, Le Pen, Salvini, Orbán und Kaczyński. God bless America!

Stillstand

Das Kinderkarussell steht schon still, derweil sich die Gäste in den Restaurants auf dem Frankfurter Opernplatz noch bestens amüsieren. © Rolf Hiller

An diesem Abend sind die Restaurants in der Frankfurter Fressgass‘ und auf dem Opernplatz noch gut besucht, nur das Kinderkarussell steht schon still. Nachmittags hatten die Kanzlerin & die Ministerpräsident*innen der Bundesländer beschlossen, das Leben im Lande wieder stillzulegen. Konzerthäuser, Theater, Museen müssen am Montag schließen, mögen die Hygiene-Konzepte auch noch so penibel sein, mögen die Veranstalter auch noch so stark betonen, niemand habe sich bis dato nachweislich bei ihnen angesteckt. 70% aller Neuinfektionen lassen sich nicht nachvollziehen, aber es musste etwas passieren; wieder hat es die Kultur erwischt. Ich schaue mir auf dem Opernplatz die Litfaßsäulen mit den Konzerten an, die im nächsten Monat alle nicht mehr stattfinden dürfen.

Drinnen wird das 51. Deutsche Jazzfestival eröffnet – mit nur einem (!) Konzert vor Publikum. Ich sitze bestens im Parkett, die Reihen haben einen größeren Abstand als sonst. Links neben mir sind neun Plätze frei, rechts vier – die Stimmung im Großen Saal ist gedämpft. Und Stimmung will auch während des einstündigen Auftritts des Trios von Django Bates mit der hr Bigband nicht aufkommen. Das Geburtstagsständchen für den genialen Altsaxophonisten Charlie Parker, der am 29. August 1920 geboren wurde, kann nie an dessen hypnotische Improvisationen anknüpfen. Ernsthaft möchte niemand noch mehr lauwarmen Kaffee haben – das Publikum verlässt rasch den Saal. Draußen ist das Kinderkarussell bereits eingepackt.

Tags drauf besuche ich die erste Messe in Frankfurt seit dem Ausbruch der Pandemie – und sicher die letzte in diesem Jahr. Die Macher*innen der discovery art fair haben wahnsinniges Glück gehabt mit ihrer sehenswerten Präsentation aktueller & bezahlbarer Kunst, die noch bis zum 1. November geht. Am nächsten Tag beginnt der Lockdown, der dieses Mal den Einzelhandel, Schulen und Kitas verschont. Die administrativ verfügten Maßnahmen werden kontrovers aufgenommen und diskutiert. „Warum“, fragt sich die SZ vom Tage, “muss eine Gaststätte mit einem Hygienekonzept schließen, der Friseursalon aber darf offen bleiben? Der FC Bayern darf Fußball spielen, die Amateure auf dem Dorf aber dürfen ihren Platz nicht mehr betreten? Und wieso ist ein geschlossenes Theater die Kompensation dafür, dass eine Schule offen bleibt?“ Und dann geht am 31. Oktober auch noch das Fernsehballett nach 58 Jahren in den Ruhestand. Zum Trost eröffnet am gleichen Tag der neue Berliner Großflughafen mit neunjähriger Verspätung. Dass der BER schon wieder frische Mittel braucht, überrascht niemanden mehr. Gute Reise durch die November-Tristesse!

Deutschland sieht rot!

Monatelang herrschte eine trügerische Ruhe im Lande. Die viel gelobte Corona Warn-App zeigte immer Grün. Diese Woche tat sich plötzlich etwas: 1 Begegnung mit niedrigem Risiko. Was meint diese Nachricht? Müssen wir etwas tun? Diese Fragen passen zur allgemeinen Irritation im Lande, da die Neuinfektionen einen neuen Rekord erreichen. Zwar wird diese App gut angenommen (über 19 Millionen Downloads), aber nur 60% der User laden einen positiven Befund auch hoch – zu wenig. Das Tool spiele in der Arbeit der zunehmend überlasteten Gesundheitsämter „so gut wie keine Rolle“, gab Ute Teichert (die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst) der Funke Medien Gruppe zu Protokoll. Man habe entschieden, „den Datenschutz über den Patientenschutz zu stellen“. Darüber müssen wir nachdenken, wie ich bereits am 10. April angeregt habe: In digitalen Zeiten mutet auch die analoge Arbeit der Gesundheitsämter seltsam anachronistisch an. Warum nicht dem Ethikrat einen Datenrat zur Seite stellen, der sicherstellt, dass der Zugriff auf Handy-Daten (Tracking) unter bestimmten Bedingungen in der C-Krise möglich und verpflichtend ist.

Derweil färben sich immer mehr Landkreise rot, und natürlich schreckt das Virus auch vor dem Kabinett nicht zurück: ausgerechnet Gesundheitsminister Jens Spahn ist positiv getestet und nun in Quarantäne. Warum sich seine Kolleg*innen nicht auch umgehend testen ließen und bis zur Vorlage des Ergebnisses in Quarantäne gingen, dürfte den wenigsten Menschen draußen im Lande nachvollziehbar sein. „Wer immer wieder die Bevölkerung zur Vorsicht und Disziplin aufruft“, empört sich der Kölner Stadtanzeiger“, „muss mit positivem Beispiel vorangehen. In einer Phase, in der die Infektionszahlen explodieren, hat die Bundesregierung schlicht versagt.“ Es schadet nicht, wenn sich die C-Parteien gelegentlich an die Bibel erinnern – „An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen!“ (1. Johannes 2,1-6)

Ehe die Politik der Kultur das Leben noch schwerer macht, ohne dass es Belege für ein erhöhtes Infektionsrisiko etwa in Konzerthäusern oder Theatern gibt, schnell mal wieder ins Kino. Ich liebe die kleinen Berliner Kiez-Institutionen mit so herrlichen Namen wie Eva Lichtspiele. Dort werden nicht nur Filme gezeigt, die Macher*innen konzipieren Reihen und feiern Premieren mit besonderen Gästen. Am nächsten Montag steht „Winterreise“ auf dem Programm, der letzte Film mit Bruno Ganz. Zum Bundesstart gibt es noch ein Publikumsgespräch mit dem dänischen Regisseur Anders Ostergaard. Womöglich ist das der Königsweg für kleine Kinos gegen die Übermacht der sog. Streaming-Dienste: Programme mit Herz & Leidenschaft. Erlebnisse, um nicht das abgenutzte Wort Events zu verwenden.

Misswende

Wagners „Ring“: An der Deutschen Oper Berlin steht jetzt „Die Walküre“, der zweite Teil der Tetralogie, in der Regie von Stephan Herheim auf dem Programm. © Deutsche Oper Berlin

Wagnerianer wissen natürlich sofort Bescheid. „Misswende folgt mir, wohin ich fliehe“, beklagt Siegmund im Bühnenweihespiel „Die Walküre“ sein Schicksal. Die Welt ist aus den Fugen, die Tetralogie von Richard Wagner ist es auch. Im Juni gab es eine halbszenische Preview des „Rheingold“ auf dem Parkdeck der Deutschen Oper Berlin (die richtige Premiere ist am 12.06.21), jetzt folgte vor 770 Besucher*innen drinnen der erste Tag des Opus Magnum, an dem Wagner fast 25 Jahre gearbeitet hat. Nicht die Inszenierung von Stephan Herheim ist ein Wunder – dass die Aufführung überhaupt fünfmal auf die Bühne kam, ist ein Wunder. Denn alle Beteiligten wurden jeden Morgen getestet, und wäre nur eine*r positiv gewesen, hätte das gesamte Projekt abgesagt werden müssen. No risk, no fun. Und den hatte das Publikum auf jeden Fall, wenn es am Ende auch einige Buhs gab – den Wagner-Fans war es doch zu wenig weihevoll.

Natürlich „rechnet“ sich ein Opernabend erst recht nicht, wenn nur ein Drittel der Plätze belegt werden dürfen. Dafür habe ich noch nie so gut gesessen – genau in der Mitte des zweiten Parketts mit Maske, rechts, links und vor mir jeweils drei Plätze frei wg Corona. Die beiden langen Pausen waren genau geplant – wir mussten vorher im Bistro bestellen und einen Mindestumsatz garantieren. Spontan ist nichts mehr in Zeiten der Pandemie! Zum Glück können wir noch Karten für „The World To Come. Eine Berliner Festmesse nach Ludwig van Beethovens“ ‚Missa Solemnis'“ ergattern – das von Tilman Hecker erdachte Projekt klingt viel versprechend. Die Besucher*innen schreiten einen abgesteckten Parcours im Vollgutlager und im angrenzenden SchwuZ ab, laufen gewissermaßen durch den Berliner Rundfunkchor und können auf ihrem vierzigminütigen Weg auch Beethoven erleben, wenn wir denn gerade eine Passage erwischen und nicht von den Ordnern weitergescheucht werden. Schnell ist der Reiz der ungewohnten Location verflogen, schnell macht sich Unmut breit über diese läppische Rosstäuscherei.

Wie lange werden solche Events in Zeiten der Pandemie noch möglich sein, da die Zahl der Neuinfektionen einen neuen Höchststand erreicht hat. Natürlich wird jetzt mehr getestet als im Frühjahr, aber die Pandemie, die nie weg war, ist mit voller Macht zurück. Was tun? Gebetsmühlenhaft die AHA-Regeln beschwören, Auflagen verschärfen, kontrollieren – und Bußgeldbescheide auch vollstrecken. Dass ein Beherbergungsverbot für Touristen (nicht aber für Geschäftsleute!) weder epidemiologisch noch politisch sinnvoll ist, hat inzwischen auch der wendige König Markus aus Bayern erkannt. Dem ARD Deutschlandtrend zu Folge wollen zwei von drei Deutschen einheitliche und nachvollziehbare Regeln für den Umgang mit der Pandemie – da möchten die Bürger*innen abgeholt und mitgenommen werden, um mal den Sprech der Politik zu bemühen. Das Jugendwort des Jahres 2020 heißt übrigens „Lost“. Noch Fragen an die Menschen draußen im Lande?

Coromany

Nicht mal ein Dutzend Besucher*innen wollten im „Orfeo“ sehen, wie grandios Oliver Masucci das „Enfant Terrible“ Rainer Werner Fassbinder spielt. © Bavaria Filmproduktion

Was kost‘ das Virus. Das werden Volkswirtschaftler genau ausrechnen, im Moment wissen wir nur, was es kostet, wenn man/frau beim Besuch eines Restaurants falsche Angaben zur Person macht. Da im Sonderland Sachsen-Anhalt dazu keine Verpflichtung besteht, kostet es natürlich nichts, in Schleswig-Holstein sind 1.000 € fällig, in NRW 250 € und in allen anderen Bundesländern 50 € (alle Angaben ohne Gewähr). Nun sind Regeln erlassen und ihre Durchsetzung zwei paar Schuh‘. Inzwischen gelten in Corona-Risikogebieten wie Berlin und Frankfurt nächtliche Sperrstunden. Schon signalisieren Polizei und Ordnungsämter, sie können diese Regelung nur stichprobenhaft kontrollieren; allenthalben ist zu hören, dass Bussgeldbescheide gar nicht vollstreckt werden. So wird das nichts. Noch hat Deutschland weniger Fälle als beispielsweise die Niederlande oder Tschechien, aber die Zahlen der täglich gemeldeten Neuerkankungen steigen mit jedem Tag und werden weiter steigen.

Derweil beginnt die dunkle Jahreszeit mit Regen und Stürmen – „Herbst ist der Fachbegriff dafür“, so der Moderator Alexander Schmidt-Hirschfelder im Inforadio. An einem solchen Tag treffe ich mit einem ICE-Sprinter in Frankfurt ein. Noch darf ich reisen – aus geschäftlichen oder familiären Gründen ist das (noch) erlaubt. Für Touristen wird es nun aber auch in Deutschland schwierig; die Bundesländer erklären nach Gutdünken Städte oder zum Teil sogar Bezirke von Berlin zum Risikogebiet. Wer von dort kommt und beispielsweise in Schleswig-Holstein einen Urlaub gebucht hat, muss einen aktuellen C-Test vorweisen oder in Quarantäne. Geht’s noch ein bisschen kleinkarierter? Eine Mutter fragt sich allen Ernstes, ob ihre Tochter von Berlin-Mitte noch in den Bezirk Steglitz zur Schule fahren darf…

Ich betrete unser Bürohaus, in dem immerhin neun Firmen und Organisationen arbeiten, kurz nach 14 Uhr – keiner da nirgends. Ein merkwürdiges Gefühl. Früher war das Haus voll, immer trafen sich Leute in der großen Lichthalle auf einen Kaffee und ein Schwätzchen. Abends gehe ich umme Ecke ins „Orfeo“. Das Restaurant ist spärlich besetzt, nicht mal ein Dutzend Besucher*innen werden auf die 72 Plätze im angeschlossenen Kino verteilt. Dabei ist „Enfant Terrible“ von Oskar Roehler doch erst gestartet, seine Hommage an den größten deutschen Filmemacher durchaus sehenswert, auch wenn sie über das Klischee des pöbelnden, koksenden & saufenden Kotzbrockens nicht hinauskommt. Nach dem Kino ist das Restaurant schon leer – kurz vor 22 Uhr, als würde schon die Sperrstunde in Frankfurt gelten.

Gewissheiten

Allegorie der Irritation: Der Schiefe Turm von Pisa. © Gitti Grünkopf

Der Schiefe Turm von Pisa steht seit 1372. In Corona-Zeiten bekommen wir in der Altstadt unweit des Denkmals einen Parkplatz und steigen um 13 Uhr hinauf. Alle Besucher*innen müssen Masken und einen Abstandspiepser tragen. Kein Mensch weiß, wie und ob das Ding funktioniert; manchmal piepst es, meistens aber nicht. Der Aufstieg stellt alle lebenspraktischen Gewissheiten in Frage. Manchmal schwanke ich nach außen, dann wieder nach innen. An welcher Seite des Turmes bin ich gerade? Diese Irritation ist genauso faszinierend wie der herrliche Blick vom Glockenturm über Pisa. Was ist normal in der Pandemie? Was ist für uns schon neue Normalität geworden. Der Schiefe Turm hebt Erfahrungen auf und ist damit eine wunderbare Allegorie für das Ende von Gewissheiten.

Plötzlich stehen Geschäftsmodelle in Frage, gelten hybride Formen des Arbeitens als selbstverständlich, sind die Menschen weniger mobil und die Innenstädte leer. Viele dieser Änderungen werden bleiben, sind „normal“ geworden, ohne dass sich schon eine neue Normalität entwickelt hätte. Die AHA-Regeln wird es noch lange geben, und sie werden in Italien übrigens vorbildlich und ohne bizarre Demos sog. Querdenker umgesetzt. In den Supermärkten etwa trägt auch das Personal ganz selbstverständlich eine Mund-Nasen-Bedeckung. Die bitteren Erfahrungen des Frühjahrs haben sich in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben – die Regeln in Zeiten der Pandemie gelten und werden klaglos befolgt. Anders als in Deutschland, wo die Angabe falscher Personalien beim Besuch eines Restaurants oder einer Gaststätte jetzt unter Strafe steht. Gut so! Besser noch, wenn diese Vorschrift auch strikt kontrolliert wird. Dieses Bußgeld wird übrigens in Sachsen-Anhalt wieder nicht fällig – ein Hoch auf den deutschen Föderalismus!

Gewissheiten hat der noch amtierende amerikanische Präsident in einer Weise geschliffen, die ich vor vier Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Warum den Deal Maker in eigener Sache, dessen politische Bilanz einem Scherbenhaufen gleicht, überhaupt noch jemand wählt, verstehe, wer will. Jahrelang hat der Multimilliardär von Bankers Gnaden, der gerade in Corona-Quarantäne gegangen ist, 750 Dollar Steuern gezahlt – pro Jahr. Nicht bloß die Süddeutsche Zeitung ist konsterniert: „Donald Trump ist das öffentliche Wohl völlig egal. Die Allgemeinheit, der Staat, die Gesellschaft, all das schert ihn einen Dreck. Für ihn ist wichtig, dass er seinen Schnitt macht. Die Rechnung bezahlen am Ende die ‚kleinen Leute‘.“ (29.09.20) Am 3. November wird in Amerika gewählt. Vor vier Jahren hatte Hillary Clinton übrigens fast drei Millionen Stimmen mehr als Donald Trump, für den aber deutlich mehr Wahlleute votierten. Das Wahlsystem ist einfach kompliziert.

Die Siebengescheiten

Ein Menetekel nicht nur für Frankfurt: Das Grandhotel „Hessischer Hof“ und „Jimmys Bar“ müssen dichtmachen. © Anja Weigand-Döring

Die Langeweile hat bereits am ersten Spieltag begonnen. Der FC Bayern München fegte Schalke 04 mit 8 : 0 vom Platz; das Ergebnis hätte sogar leicht zweistellig ausfallen können. Interessant in der Bundesliga ist nur noch, wer absteigen muss, und da sind die Schalker, die durch Landesbürgschaft von NRW vor der Pleite gerettet wurden, allererste Wahl. Zuschauer waren in München, wo man/frau derzeit auch auf einigen öffentlichen Plätzen Masken tragen muss, nicht zugelassen. Die Großkopferten des Vereins verfolgten bräsig allein das Spiel – ohne Masken, obwohl man direkt nebeneinander saß. Gelegentlich ist immer noch von der Vorbildfunktion des Sports die Rede, aber das scheint nicht für die Führung der Bayern zu gelten. Peinlich!

Nicht weniger peinlich und ohne jeden Instinkt ist das schamlose Taktieren von ver.di. Sage & schreibe 4,8% mehr Lohn fordert die Gewerkschaft in einer Zeit, da die Krise immer konkreter zu spüren ist. Die Lufthansa will dauerhaft 150 Maschinen am Boden lassen, aus der Automobilindustrie sind bedrohliche Meldungen zu vernehmen, der Zulieferer Conti schließt ganze (rentable) Werke, kurzum viele Menschen bangen um Job & Zukunft. Niemand macht den vielbeschworenen Helden*innen des Frühjahrs, die etwa in Kitas, Krankenhäusern und Pflegeheimen schuften, eine Gehaltserhöhung streitig, aber im Öffentlichen Dienst arbeiten fast fünf Millionen Menschen, oft sehr kommod und kündigungssicher. Durch Warnstreiks die Gesellschaft ohne eigenes Risiko in Geiselhaft zu nehmen, ist in Corona-Zeiten besonders perfide, aber das ficht den selbstgerechten ver.di-Boss Frank Wernecke nicht an.

Vielleicht ist er ja schon einmal im „Hessischen Hof“ abgestiegen, als er in Frankfurt war. Das Grandhotel mit langer Tradition und in bester Lage unmittelbar an der Messe muss schließen. Wie ein Menetekel liest sich diese Meldung – wer braucht noch Hotels, wenn Touristen und Messebesucher ausbleiben. Diese Gäste sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in einer Stadt wie Frankfurt: sie besuchen natürlich auch Restaurants, kaufen ein und gehen in Konzerte. Bereits jetzt klagen viele Geschäfte & Lokale in der Innenstadt über spürbar weniger Frequenz, bereits jetzt mussten viele kleine Shops schließen. Die Folgen der Pandemie sind immer deutlicher zu spüren und werden sich in den Wintermonaten noch verstärken. Die Warnstreiks von ver.di deuten eine bedenkliche Entsolidarisierung der Gesellschaft an. Die Zukunft des „Corona-Wunderlands“ (Die Welt) Deutschland steht auf dem Spiel.

Gewinner

Eine Ausstellung der Boros Foundation mit ganz aktueller Kunst findet ab September im Berghain statt, dem berühmtesten Club der Welt. Das Banner stammt von dem thailändischen Künstler Rirkrit Tiravanija. © Karl Grünkopf

Das Berghain in Berlin ist ein Gesamtkunstwerk und gilt als der bekannteste Club der Welt. Natürlich bleibt auch diese Location in Zeiten der Pandemie für Party-People geschlossen, aber womöglich entwickelt sich aus einem Kunst-Projekt ein ganz neues Geschäftsmodell. Derzeit zeigt die Boros Foundation in dem alten Heizkraftwerk ganz aktuelle Kunst von Künstler*innen, die in der Hauptstadt leben und arbeiten. Die ersten Tix gehen weg wie warme Semmeln und wir sind froh, überhaupt noch einen Slot zu bekommen. Wann kommt ein „normaler“ Mensch schon ins Berghain? Der riesige Bunker mit seinen verschlungenen Treppen & Räumen und den Hinweisen auf seine einstige Funktion in der DDR fasziniert auch ohne Kunst. Womöglich wird der Club nach der Pandemie tagsüber als Baudenkmal öffnen, ehe nachts dann die Parties abgehen. Für Unmut in der Berliner Kunstszene sorgte die finanzielle Unterstützung dieses Projekts durch den Senat, der schlappe 250.000 Euro springen ließ.

Gewinnen möchte jede*r, und das Ritual nach Wahlen ist sattsam bekannt. Die Kommunalwahl in NRW am letzten Wochenende haben Die Grünen gewonnen, aber auch der Kandidat für den CDU-Vorsitz Armin Laschet erklärte sich rasch zum Sieger, obwohl seine Partei 3,2% im Vergleich zur letzten Wahl verlor. Dass sich auch die SPD durch ihren Ko-Vorsitzenden Nobert Walter-Borjans zum Gewinner (minus 7,1%) erklärte, grenzt an Realitätsverleugnung oder ist pure Verzweiflung. Einst holten die Genossen in Nordrhein-Westfalen satte Mehrheiten; heute freuen sie sich über 24,3% – eine Verbesserung im Vergleich zu den Europawahlen. Vom Kandidaten-Wumms eines Olaf Scholz – derzeit der beliebteste SPD-Politiker – war an Rhein und Ruhr gar nichts zu spüren.

Zumindest Zeit gewonnen hat die Stadt Frankfurt: auf der Zeil soll Karstadt erst Ende 2024 endgültig dicht gemacht werden (mehr dazu im Blog „Tote Stadt“ vom 14.08.20). Sollte es allerdings stimmen, dass der Eigentümer Signa dafür am Opernplatz höher bauen darf, macht die Stadt ein ganz schlechtes Geschäft. Das Hochhaus wird stehen, und die Probleme auf der Zeil bleiben. Eine Reurbanisierung dieser öden Einkaufsmeile durch die Städtischen Bühnen, wie es jetzt allenthalben angeregt wird, wäre eine echte Chance für Frankfurt. Markus Fein, der neue Intendant der Alten Oper für Frankfurt – so nennt sich das Konzerthaus neuerdings – ist jedenfalls voller Optimismus: „Ich glaube, der Gewinner der Krise wird nicht das Internet sein mit seinen digitalen Ersatzangeboten, sondern das Live-Konzert.“ Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Back to Live

Furioses Finale einer erfolgreichen Tour: viel Beifall für die Junge Deutsche Philharmonie in der Kulturkirche St. Elisabeth. © Gitti Grünkopf

Was für eine Begeisterung & Erleichterung am Ende einer kurzen Tour! Alles war gut gegangen auf der Reise durch Deutschland, und die Junge Deutsche Philharmonie aus Frankfurt spielt ein furioses Finale in der Kulturkirche St. Elisabeth in Berlin Mitte. Anfangs ist freilich keine Musik zu hören – das „Zukunftsorchester“ nähert sich der 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven nicht musikalisch. Wir erleben eine „Sinfonie der Stille“ und bekommen sogar Ohrstöpsel, um uns ganz auf Action Painting, Physical Theatre und Videos einzulassen. Spannend & unerhört. Nach der Stille geht das Orchester unter dem englischen Dirigenten Joolz Game furios zur Sache. Schneller haben wir die Siebte noch nie gehört, und besonders im Allegretto fehlen die abgründigen Nuancen. Lang anhaltender Applaus für die Musiker*innen, die das Werk auswändig und stehend gespielt haben.

Back to Live. Explizit unter diesem Fanal stand das Konzert von Helge Schneider tags zuvor. Der Veranstalter machte alles richtig: strikte Kontrollen am Eingang inkl. Scanner, Masken-Pflicht auf dem Weg zu den durchnummerierten Plätzen, kein Alkohol auf dem Gelände, nur 25% der 22.000 Plätze der Berliner Waldbühne durfen verkauft werden. So viele bekommt der Entertainer mit den dadaistisch-skurrilen Ansagen, der mit dem Gitarristen Henrik Freischlader und seinem 10-jährigen Sohn Charles am Schlagzeug unterwegs ist, aber nicht voll. Die Stimmung ist gut, aber nicht ausgelassen; das liegt sicherlich zum guten Teil an der zu großen Freilichtbühne. Der Weg zur Normalität ist noch weit, und die Veranstalter beklagen immer wieder zu Recht, dass die Politik ihnen keine Perspektiven aufzeigt und sie mit Desinteresse straft.

Am Mittwoch gab es in Berlin eine Großdemo der Veranstaltungsbranche; eigenen Angaben zu Folge macht sie 130 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, ist damit der sechstgrößte Player im Markt und hat rund 1 Million Menschen in Lohn und Brot. Während die TUI schon wieder ein Milliardendarlehen vom Staat bekommen hat, stehen die Veranstalter mit leeren Händen da – und weiterhin ohne Zukunftsperspektive, was noch viel bitterer ist. Um so hoffnungsfroher stimmt, dass der Frankfurter Jazzkeller wieder für 34 Gäste geöffnet hat. Der ewig optimistische Inhaber Eugen Hahn hat in ein Luftfiltergerät und Schutzwände aus Plexiglas investiert; der Laden war voll am letzten Wochenende. Das Frankfurter Schauspiel eröffnet heute Abend die neue Spielzeit: sinnigerweise steht „Wie es euch gefällt“ von Shakespeare auf dem Programm. 160 der insgesamt 700 Plätze dürfen derzeit besetzt werden. In NRW wären es mit der Schachbrett-Belegung 350. Dort wird am Sonntag gewählt; eigentlich nur Kommunalwahlen, aber es werden die ersten Corona-Wahlen sein.