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10.000 wollten den Live-Stream „Der Zauberberg“ nach Thomas Mann aus dem Deutschen Theater Berlin erleben. © Arno Declair

Mit Spannung haben wir auf diesen Mittwoch gewartet. Wieder haben sich die Kanzlerin und die Ministerpräsident*innen per Video-Konferenz verabredet und stundenlang um neue Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gerungen. Die sind bitter nötig, denn am 27. November wurden insgesamt 15.000 Tote und 1 Mio. Infizierte gemeldet. Der sog. Teil-Lockdown hat bisher nicht so viel gebracht, wie wir alle gehofft haben. Die Zahlen stagnieren auf einem bedenklich hohen Niveau, alldieweil die neuen Maßnahmen wenig überzeugen können. Aber wir machen natürlich trotzdem mit, tragen jetzt auf den Parkplätzen vor den Supermärkten eine Maske und auf den großen Einkaufsstraßen. Neulich per Rad und ohne Maske zur Tauentzienstraße in der Berliner City West, dann kurz vor einem Geschäft gewartet, kaum jemand uff‘ de Gass‘. Da hält ein Polizeiwagen, und ich werde freundlich an die Maske erinnert. Bald weiß keiner mehr genau, was erlaubt ist.

Regeln sollten klar, einfach und nachvollziehbar sein. Weihnachten dürfen sich in Deutschland 10 Personen aus verschiedenen Haushalten treffen, in Berlin sind es nur 5 aus 2 Haushalten. Überprüfen wird das sowieso niemand, genauso wenig wie die Böllerei an Silvester, die einigen Politiker*innen wichtiger ist als eine klare Perspektive für 2021. Bleiben im Januar die Kultur und Freizeiteinrichtungen dicht, oder dürfen sie wieder öffnen. Unstrittig scheint nur, dass der Bund nicht allein die Umsatzausfälle übernehmen kann. Bei dieser großspurigen Zusage für November und Dezember stehen redlichen Kaufleuten ohnehin die Haare zu Berge. Ein Restaurant, das geschlossen bleiben muss, braucht keine Ware einzukaufen, keine Werbung und hat für das Personal sicher Kurzarbeit beantragt. Ebenso wie die überflüssige Senkung der Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr ist der Ausgleich der Umsätze kostspielig und wenig durchdacht.

Letztlich stochern wir alle im Nebel. 70% aller Infektionen lassen sich nicht nachverfolgen, die Gesundheitsämter kommen nicht mehr nach. Was Wunder, dass die Theater einen Roman von Thomas Mann aus dem Regal ziehen. „Der Zauberberg“ spielt bekanntlich in einem Lungensanatorium und thematisiert die großen Fragen der menschlichen Existenz. Der Regisseur Sebastian Hartmann beschränkt sich in seiner Bearbeitung nach Thomas Mann auf das Ende des Romans: den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In seiner spektakulär gefilmten, postnarrativen Apokalypse taumeln die Figuren über die Bühne – ohne Halt und ohne Hoffnung. Die Live-Stream-Premiere, die nur einmal zu sehen war, verfolgten 10.000 Zuschauer*innen. Was hätte wohl Thomas Mann zu diesem Theaterabend ohne Publikum gesagt, fragen wir uns? Nicht bloß diese Frage bleibt offen.

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