Trugschlüsse

Ganz großes Fernsehen: der ARD-Dreiteiler „Das Geheimnis des Totenwaldes“. © NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch

Überraschung! Natürlich nicht – das Wort des Jahres heißt „Corona Pandemie“. Acht der zehn vorgeschlagenen „Wörter des Jahres“ haben mit dem Virus zu tun, das unser aller Leben bestimmt und langfristig ändern wird. Früher, also noch vor einem Jahr, gingen wir einkaufen, wann wir wollten, oder spontan mal ins Kino oder in eine Ausstellung. Heute planen wir unsere Einkäufe, gehen möglichst in Zeiten mit wenig Kunden, und sind spontan nur noch bei der Auswahl der abendlichen Unterhaltung. Lieb gewordene Routinen im Job & Alltag gibt es nicht mehr; alles ist schwieriger und aufwändiger geworden. Das Leben in Pandemie ist anstrengend. Nach dem Flop mit der Corona-App ruhen jetzt alle Hoffnungen auf dem Impfstoff. Wenn 70% sich impfen lassen würden, hätten wir eine Herdenimmunität, und das Leben ginge weiter wie vor der Pandemie. Pustekuchen! „Ausrotten lässt sich das Virus global auf keinen Fall“, befindet der Infektionsbiologe Stefan H.E. Kaufmann, „denn es ist ein zoonotischer Erreger mit versteckten Tierreservoirs. Wir werden mit Sars-CoV-2 leben müssen, aber wir werden es kontrollieren können.“ (FAZ, 25.11.20)

Derzeit gelingt die Kontrolle jedenfalls nicht: der Teil-Lockdown hat bisher nur zu einem Stillstand bei der Zahl der Neuinfektionen geführt. Längst ist keine klare Linie der politisch Verantwortlichen mehr zu erkennen. Weihnachten zu planen ist genauso schwierig wie Silvester, in Baden-Württemberg gibt es im Moment faktisch eine Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr, hier und da dürfen Hotels über Weihnachten für Privatgäste öffnen, und am Ende entscheidet jede Kommune über Silvesterparties. Derweil rächen sich die Versäumnisse des Sommers: es wurden keine Konzepte für die Pflege- und Altenheime, die Schulen oder die geplanten Impfzentren entwickelt. Deutschland erlebt „einen politischen Schlingerkurs“ (Rhein-Neckar-Zeitung) durch die Pandemie, aber zumindest scheint es einigen Verantwortlichen zu dämmern, dass man Fixkosten ausgleichen, aber doch nicht ausgefallene Umsätze zu 75% erstatten kann.

Durch die „Kulturmedienschau“ in SWR 2 wurden wir auf „Das Geheimnis des Totenwaldes“ (Regie: Sven Bohse; Buch: Stefan Kolditz) aufmerksam. Der packende Dreiteiler erzählt „frei nach wahren Begebenheiten“ vielschichtig und über drei Jahrzehnte hinweg vom Schicksal einer Frau, die plötzlich verschwand. Es entspinnt sich in einer niedersächsischen Kleinstadt ein Geflecht von Geschichten. Im Stile von „true crime“ erzählt, erhalten wir Einblick in bizarre Biographien und seltsame Motive dieser Menschen, in Pseudo-Idyllen und in einen provinziellen Ermittler-Apparat. Gewissheiten gibt es keine in dieser Trilogie der Extraklasse, die ganz hervorragende Schauspieler*innen prägen, allen voran Matthias Brandt als Hamburger LKA-Chef, der privat in einen Albtraum verstrickt wird. Wir fiebern schon den nächsten Folgen (05.12., 09.12. oder ARD-Mediathek) dieser unheimlichen Geschichte entgegen. Wann hat es das zuletzt bei einer TV-Produktion gegeben!

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