Die ultimative Lektüreempfehlung zum Neuen Jahr und zu Neujahr

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So kann nur ein Österreicher schreiben.

Wer wir sind, wissen wir nicht. Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.
Als ich aufwache, geht es mir so elend, dass ich mit keinem der drei etwas zu tun haben will. Ich bin zu Hause. Im Fernseher läuft das Neujahrskonzert. (…) Neben mit liegt eine Frau. Ich kenne sie. Sie heißt Ina. Ich frage mich bloß, was sie da macht. Immerhin hebt und senkt sich ihr Brustkorb. (…)
Mir ist dieses Jahr schon jetzt nicht ganz geheuer.
Als ich meinen Körper nach Anzeichen von Gewalt absuchen will, läutet es an der Tür. Eine Sekunde Pause, dann wird wieder geläutet. Und das dritte Läuten hört gar nicht mehr auf. Es läutet. Es läutet. Es läutet. Es läutet. Es läutet. Es läutet.
Vor der Tür steht entweder
a) der Wahnsinn oder
b) die Polizei.
Panisch suche ich nach meinen Koksvorräten. Dass ich keine finde, beruhigt und ärgert mich gleichermaßen. Dann hört das Läuten auf. Also war es die Polizei. Der Wahnsinn hört nämlich nie auf. (…)
Überhaupt interpretieren manche Menschen in den 1. Januar zu viel hinein. Sie sagen, so wie der erste Tag wird das ganze Jahr. Als ob der Rest des Jahres etwas für den Anfang könnte. (…) Es liegt etwas in der Luft, schon seit einigen Jahren, das sich nun mehr und mehr verdichtet. Die Neunziger waren hell, und da, wo sie dunkel waren, waren sie prickelnd dunkel. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts ging es mit uns bergab. Wir wollten es noch nicht wahrhaben, wir hatten noch Restlicht von früher. In diesem Jahrzehnt sind wir nun angekommen, wo wir hingehören. Die Dunkelheit ist da.

So kann nur ein Österreicher schreiben, changierend zwischen Tiefsinn, Lakonie und abgründigem Humor. So eröffnet der Österreicher Thomas Glavinic seinen stilistisch wie kompositorisch und in der Detailfülle großartigen und nie langweiligen Roman Der Jonas-Komplex, ein gut 700 Seiten starkes Werk, das ein Kalenderjahr, das Jahr 2015, aus drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Aus der Perspektive eines drogensüchtigen Schriftstellers, aus der eines verwahrlost aufwachsenden Jungen und aus jener von Jonas, der bereits bekannten Hauptfigur aus Glavinic‘ Roman Das größereWunder.  Die Geschichten dieser drei Figuren werden im Laufe des Buches immer weiter miteinander verschränkt, so dass sie auch als zeitlich versetzte Fragmente eines Ich analysiert werden können. Jonas-Komplex ist zugleich auch ein Fachbegriff aus der Psychologie und bedeutet im Rekurs auf die biblische Figur des Jona so viel wie Davonlaufen vor einer eigentlich lösbaren Aufgabe mangels Selbstbewusstsein – nicht jedoch mangels Talent. Aber so wie Jona, der auf der Flucht vom Wal verschluckt und wieder am Ausgangsort ausgespuckt und damit (von Gott) gezwungen wird, sich der ursprünglichen Aufgabe zu stellen, so führen auch die Eskapismen der Protagonisten bei Glavinic immer wieder zurück zum Ausgangspunkt, jener Frage nach der schicksalhaften Verstrickung des Ich in Gesellschaft, Raum und Zeit. Sein Jonas flieht bis auf den Gipfel des Mount Everest aus Angst vor seinen eigenen Gefühlen gegenüber seiner Geliebten. Immer wieder die Grenzen des Ich auslotend bis in die Nahtoderfahrung, die Suche nach dem Daseinsgrund, ohne je Antworten zu finden, vielleicht echte Liebe, jenes größere Wunder, ausgenommen – das ist das zentrale Thema in Glavinic‘ Werk. Wer bin ich und wenn ja wie viele, diese von Richard David Precht philosophisch nur gestellte Frage, beantwortet Glavinic auf die einzig mögliche Weise: nämlich literarisch in ständigen Stil-, Perspektiv- und Ortswechseln: Wien – Tokio – Hamburg – Weststeiermark – Schwarzau am Steinfeld – Podgorica – Zuhause – Rom – Lissabon – Carlisle – London – Chanty-Mansijsk –  Boston – New York City – Warren, Vermont – Tirol – Graz – Santiago de Chile – Punta Arenas – Antarktis – Maria Loretto – Triest – Krk – Miami – Harrisburg – Mexico City – Guadalajara – nicht zu vergessen die vielen mit einem Fragezeichen versehenen namenlosen Orte. Die Welt ist nicht groß genug für eine Antwort. Überhaupt werden „Antworten überschätzt“, lässt Glavinic eine seiner Figuren sagen.

Der Jonas-Komplex endet mit den Zeilen:

Man gibt sich selbst zur Pacht. Man kriegt sich zur Miete. Man leiht sich von seinem späteren Ich aus. Ich grüße den, der ich in zehn Jahren sein werde. Ich werde mich bemühen, auf ihn aufzupassen. Soweit das eben möglich ist.
Das Kind kichert.
Mir fallen die Augen zu.
Das Kind lacht.
Der Nachbar schreit, er will die Sonne ficken.
Das finde ich irgendwie gut.

Ich auch!

Pong

Thomas Glavinic, Der Jonas-Komplex, erschienen im Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2016; derselbe, Das größere Wunder, erschienen im Hanser Verlag, München 2013

 

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