I did it my Way

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Die Glocke auf dem Friedhof von Reutlingen-Betzingen.

Von Reutlingen weiß ich fast nichts. Ich kenne aus den Pressestimmen im Dlf den „Generalanzeiger“, und ich weiß, dass Axel dort seine Jugend verbracht hat. „Reutlingens Einwohnerzahl überschritt 1989 die Grenze von 100.000“, verzeichnet Wikipedia. „Mit rund 115.600 Einwohnern ist es heute (nach Ulm) die zweitgrößte Stadt des Regierungsbezirkes Tübingen sowie kleinste der insgesamt neun Großstädte Baden-Württembergs, als einzige unter ihnen nicht kreisfrei. In der Agglomeration Reutlingen leben etwa 316.000 Einwohner. 17,5 Prozent der Gemarkung Reutlingens gehören zum Biosphärengebiet Schwäbische Alb, weshalb sich die Stadt auch als das ‚Tor zur Schwäbischen Alb‘ bezeichnet.“ Derart gerüstet, mache ich mich auf den Weg nach Reutlingen, aber ich möchte gar nicht die Stadt entdecken, sondern Abschied nehmen von Axel, der auf dem Friedhof in Betzingen seine letzte Ruhe finden wird.

Wir kommen pünktlich an, und ich kaufe mir sofort den „Reutlinger Generalanzeiger“ und zwei Semmeln; weiter geht‘s nach Betzingen, wo schon einige Trauergäste warten. Begrüßungen, Small Talk, doch letztlich ist jeder mit sich selbst beschäftigt. Wir wollen Abschied nehmen von Axel und nehmen in der Trauerhalle Platz. Von hinten erklingt das Requiem von Fouré, eindrucksvoll gesungen von Kai-Li Hsin. Dann erinnert der Trauerredner Gunther Göppele in klaren, eindringlichen Worten an Momente in Axels Leben und lässt dabei den Menschen aufscheinen, der nur mehr Asche in einer Urne ist. „I did it my Way“ von Frank Sinatra hören wir, und ich hätte mir keinen stimmigeren Song in diesem Augenblick vorstellen können. Axel ist immer seinen Weg gegangen, hat einen ganz eigenen Weg gefunden in seinem Leben.

Zuletzt wurde dieses Leben immer reduzierter, bei jedem Besuch in Bad Camberg konnte er  weniger – und wurde immer verzweifelter. „Alles ist vergänglich und deshalb leidvoll.“ Mit diesem Wort von Buddha erinnert gestern eine Familie in der FAZ an ihren Sohn, der nur 21 Jahre alt wurde. Die Holzurne senkt sich in den Rasen, ein letzter Blick, der nicht begreifen kann, welchen Weg Axel hinter sich und vielleicht sogar vor sich hat. Im Mysterium des Todes werden wir stumm und demütig. Kurz vor der Beisetzung tönt die Glocke auf dem Friedhof. Sie wird sicher läuten, wenn ich einst wiederkomme. Und sicher wird dann auch ein Interregio-Express nach Tübingen vorbei rauschen. Saß Axel im Zug, schaute er aus dem Fenster. Auf dem Rasenfriedhof liegt sein Vater – seit neun Jahren bald.

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