Wer bin ich?

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Versöhnung ausgeschlossen: Der großartige Bariton Günter Papendell (links) steht für das Apollinische und Dionysus Sean Panikkar. © Monika Rittershaus

Wieder eine spektakuläre Premiere in der Komischen Oper Berlin. Nach „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg 2015 haben sich Barrie Kosky (Regie) und Vladimir Jurowski (musikalische Leitung) nun mit einem ähnlich komplexen Werk beschäftigt: Hans Werner Henzes 1966 entstandene Oper „The Bassarids“. Das selten gespielte Werk ist das Ereignis der noch jungen Saison! Nur ein Teil des Orchesters sitzt im Graben, einige Musiker spielen in den Rängen, die anderen teilen sich die Bühne mit dem Chor. Das Licht im Saal bleibt während der Aufführung an, wir erleben „The Bassarids“ (gesungen wird auf Englisch) als Zuschauer und als Beteiligte. Vordergründig geht es um den ewigen Konflikt zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen, doch in der griechischen Mythologie ist nichts eindeutig, trägt noch jeder eine geheime Schuld oder ein unbekanntes Schicksal. Ganz am Ende geht das Licht doch aus. Auf einem über die ersten Reihen gelegten Steg steht Dionysus (grandios der Tenor Sean Panikkar) ringt mit den Händen, verdreht die Augen und atmet nur noch. Dieser Sieger ist auch ein Besiegter seines Schicksals. Wir sind gebannt, als das Licht wieder angeht. Begeisterter Applaus für alle Mitwirkenden dieser Aufführung der Extraklasse!

Zwei Tage später treffe ich in Mainz meinen Freund Elektro-Putzi. Wir kennen uns seit fünfzig (!) Jahren, aber diesen Namen habe ich noch nie gehört. Das Gespräch sprudelt und springt durch die Jahre – wir erinnern & vergewissern uns miteinander. Das Restaurant „Como Lario“, in dem wir wieder hocken, wurde als erstes ausländisches Restaurant in Mainz 1962 eröffnet; hier bei Bruno futterte einst Ministerpräsident Helmut Kohl Pasta, und hier haben wir manche große Pizza verzehrt. Noch einen Wein in der Altstadt, und die Wege der Freunde & Nomaden trennen sich wieder. Elektro-Putzi. Herrliches Kinderwort. So nannte er sich, wenn irgend etwas automatisch aufging.

Wer bin ich? fragt sich auch Amphitryon im gleichnamigen Stück von Molière, das wir in einer Inszenierung von Herbert Fritsch an der Berliner Schaubühne erleben. Aus einem „raffinierten, bitterbösen Spiel um Schein und Sein“ (Monatsprogramm) wird da allemal ein harmlos bunter Theaterabend, der ohne Nachhall bleibt, was keinesfalls gegen die Schauspieler*innen gemünzt ist. Sie gehören teils schon lange zur lustigen Fritsch-Schar, in die sich Joachim Meyerhoff – er ist neu an der Schaubühne – trefflich einreiht. Während es in der Komischen Oper um Leben und Tod geht, wird die Identitätsfrage am Ku’damm verjuxt. Bitterernst geht es dagegen morgen im britischen Unterhaus zu. wenn es zum Schwur über den Brexit kommt. Hätte Shakespeare solch ein Stück schreiben können?

 

 

 

 

2 Kommentare zu „Wer bin ich?

  1. Ja, das Como Lario! Eine gastrokulturelle Institution, die ich auch schon seit fünfzig Jahren kenne – was ich aber nicht mehr so laut sage (Lebensjahre und Lautstärke bei der Verkündigung derselben verhalten sich umgekehrt proportional, zumindest bei mir). Das Como Lario oder „Da Bruno“ war die Bühne nächtlicher Gelage, die wir von unserem Taschengeld bezahlen konnten, ich lernte einen Wein namens Lambrusco kennen, der süss genug war, um meinen damaligen Geschmack zu treffen und rätselte mit Freunden über die satanische Schwangerschaft in „Rosemary’s Baby“: Wahr oder Wahn? Mit unserem siebzehnjährigen Horizont dachten wir noch gern in eindeutigen Kategorien und kamen überein, dass die Teufelsbegattung eine Halluzination sei und Rosemary einen Vogel habe. Basta! Danke für die Erinnerung, Erk!

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  2. Geh doch auch mal ins Gorki-Theater – da wird Politik sehr aktuell verhandelt, und sehr gut – jedenfalls immer, wenn ich dort war… Heuet Abend : JEDEM DAS SEINE von Marta Gornicka…toll! Produktion aus München, Kammerspiele LG Bettina

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