Irgendwann hört der Spaß auf

Die 5 glorreichen Sieben in der Bar jeder Vernunft
Schräg & überdreht: Katharina Thalbach läßt es richtig krachen. © Barbara Braun / BAR JEDER VERNUNFT

Wieder mal in die „Bar jeder Vernunft“. Eine Premiere steht auf dem Programm: „Die 5 glorreichen Sieben“, eine trashige Western-Show von fünf Frauen. Sie wollen es krachen lassen wie die Kerle und sich einen Herzenswunsch erfüllen. Die sog. Story, über die man getrost hinweggehen kann, beginnt schwerfällig, die Überleitungen zwischen den Songs kommen hölzern und krampfhaft witzig daher – bald sitze ich in einem Karl-May-Film. Dabei gibt es durchaus ein paar tolle Momente, etwa wenn Katharina Thalbach „I was born“ herrlich schräg & überdreht anstimmt; Anna Mateur und Meret Becker können neben dem alten Zirkuspferd durchaus bestehen. Nach der Pause hat das Quintett aber einen kompletten Blackout. Anders lässt sich die Szene im Bordell voller Zoten im Klartext nicht erklären. Plötzlich sind wir im falschen Film, und es läuft eine sog. Sexkomödie von Alois Brummer. Zum Glück geht’s bald wieder mit Karl May weiter – bis zum umjubelten Finale. Es genügt, wenn’s vergnügt. Die Show läuft noch bis zum 17. November und ist restlos ausverkauft. I’m amazed!

Leicht kann aus Spaß blutiger Ernst werden, wenn ewige Demütigungen & Erniedrigungen plötzlich in Gewalt umschlagen. Das Indianerspiel in einer Seouler Luxusvilla endet tödlich für den Besitzer, aber der Film „Parasite“ – heuer ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes – verheißt den Underdogs aus der Unterstadt dennoch keinerlei Hoffnung. „Der Aufstieg ist ausgeschlossen, das ist reines Phantasma“, befindet der Regisseur Bomg Joon-ho über die zementierten Klassenverhältnisse in Südkorea; seine Diagnose scheint auf spätkapitalistische Gesellschaften insgesamt zu passen. Auch „Joker“ (sensationell gespielt von Joaquín Phoenix) besitzt von Anfang an keine Chance. Die durch ihn inspirierte Revolte der Clowns hat keine Perspektive. Der Joker sitzt am Ende wieder in der Psychiatrie und lacht irrwitzig. Womöglich ist das die letzte Geste des Widerstands. Wir alle leben weiter, über unsere Verhältnisse und auf Kosten der Zukunft.

Trotzdem können wir uns noch immer freuen, etwa wenn der Entertainer Rick Maverick als Elvis-Double eine Hochzeitsgesellschaft aufmischt, alldieweil in Berlin das JazzFest 2019 spektakulär im Martin-Gropius-Bau von Anthony Braxton eröffnet wird. Ich habe meinen Jazzfreund Werner van Treeck gebeten, seine Eindrücke dieses Events wiederzugeben. Er hat vor einiger Zeit „Dummheit – Eine unendliche Geschichte“ im Reclam Verlag veröffentlicht und ist ein profunder Musikkenner. „Anthony Braxton gehört zur ersten (Gründungs-)Generation der Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) in Chicago. Erste Aufnahmen gab es 1967/68 (bei Delmark), und 1969 (mit Gunter Hampel und Willem Breuker bei Birth Records); seitdem eine fünfzigjährige, nicht mehr überschaubare Produktivität in einer eigenwilligen Personalstil-Entwicklung im Rahmen vorwiegend frei improvisierter Musik, auf der Grundlage von rund 500 Kompositionen. Eine Art Synthese dieser Musik stellt das ‚Sonic Genome‘ dar, das in rund 6 Stunden mit etwa 60 MusikerInnen im Gropius Bau aufgeführt wurde: Eine hybride Konstruktion, gespielt zunächst vom gesamten Orchester, dann in wechselnden Konstellationen und Besetzungen im gleichen Atrium oder in verschiedenen Räumen, zwischen diesen wandernd, sich neu zusammensetzend, nach groben Verabredungen, doch frei entschieden von MusikerInnen… und Zuhörern, die ebenfalls zwischen Gruppen und Räumen sich frei bewegen und zwischendurch auch zum wieder vereinigten Gesamtorchester zurückkehren. Was für den Komponisten und seine MusikerInnen eine enorme Herausforderung ist, ist dies erst recht für das Auditorium: Wer überblickt 500 Kompositionen oder auch nur Teile davon, stiftet Beziehungen zwischen ihnen, vermag so etwas wie eine Synthese über die ganze Spielzeit nachzuvollziehen? So faszinierend das Projekt ist, so zufällig und willkürlich erscheinen die ausgewählten und erwanderten Klangerlebnisse. Vielleicht muß man sich von traditionellen Werkvorstellungen lösen, vielleicht ist dies ein Vorgriff auf eine musica perennis.“ Alles ist möglich, aber ein Ziel gibt es nicht. Da gratulieren wir noch rasch der alten Dame FAZ, die heute ihren 70. Geburtstag feiert. Zumindest dieses Ziel wurde erreicht.

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