Eine Quote für die Note

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Back to the Roots: das Gard Nilssen Trio live & ohne Noten im Auster Club. © Karl Grünkopf

Am letzten Abend des JazzFest Berlin schließt sich der Kreis. Wie zu Beginn im Gropius-Bau steht wieder der ewige Avantgardist Anthony Braxton auf der Bühne. Mit einer verschworenen Gemeinschaft, die seine geheimnisvollen, graphisch-bunten Notierungen lesen & spielen können, entwickelt er seine rätselhaft-beliebigen Klangwelten und erreicht das Publikum so wenig wie das KIM Collective mit seiner„Fungus Opera“. Auch die anderen „Deutschlandpremieren“ überzeugen nicht, etwa Eve Rissers schlichte Spielereien auf einem präparierten Klavier inkl. Rhythmusmaschine. Sie war zuletzt 2016 beim JazzFest, ein Jahr später schon einmal der Trompeter Ambrose Akinmusire, dessen aktuelles Projekt „Origami Harvest“ man schnell vergessen wird. Warum wurde statt dessen nicht an die quicklebendige New-Jazz-Szene in der DDR erinnert, 30 Jahre nach dem Mauerfall. Cony Bauer, Ernst-Ludwig Petrowsky, Joe Sachse oder Günter „Baby“ Sommer sind Meister der freien Improvisation. Noten brauchen solche Jazzer nicht!

Dass große Formationen und Bigbands nicht ohne Noten auskommen, versteht sich natürlich von selbst. Aber das Festival setzt heuer zu sehr auf „akademischen“ Jazz, wie er an den Hochschulen gelehrt wird. Was die Absolventen dort nicht oder zu wenig lernen, ist, was den Jazz erst ausmacht: Improvisation und ein eigener Personalstil. Charlie Parker, John Coltrane oder Ornette Coleman sind und bleiben einzigartig, während die Notenspieler mit klassischem Ernst musizieren – und oft nur langweilen wie etwa das Australian Art Orchestra. Insofern fordere ich eine Quote im nächsten Jahr: nur die Hälfte der Musiker*innen darf vom Blatt spielen, die anderen können zeigen, was sie als Jazzer draufhaben.

Trotz Noten überzeugt der Schlagzeuger Christian Lillinger mit seinem bereits in Donaueschingen aufgeführten Projekt „Open Form For Society“, aber den herzlichsten Applaus heimst „Melodic Ornette“ von Joachim Kühn mit der wunderbaren hr-Bigband ein. Wegen Sanierungsarbeiten am Haus der Berliner Festspiele könnte dem JazzFest im nächsten Jahr ein Umzug in das ehemalige Weddinger Krematorium „Silent Green“ drohen. Eine gute Gelegenheit, sich von allzu vielen Performances, Premieren, Projekten – und Noten zu verabschieden. Back to the Roots, back to Jazz! Also gleich zwei Tage später in den Kreuzberger Auster Club zum kurzen Auftritt des Trios um den großartigen norwegischen Schlagzeuger Gard Nilssen. Nadine Deventer ist im Publikum. Ob sie auch so emotional berührt wird wie von Anthony Braxton und dem KIM Collective,  ist nicht auszumachen; die Kuratorin des JazzFest ist mit ihrem Smartphone beschäftigt. Dabei sein ist alles.

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