Ruhe bewahren!

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Ruhe bewahren! Spektakuläres Video von Juul Kraijer in der Ausstellung „Zweiheit“ im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg. © Karl Grünkopf

Das ist gerade noch einmal gut gegangen. Während die ITB und die Leipziger Buchmesse abgesagt wurden und die Frankfurter Musikmesse verschoben worden ist, konnte die 70. Berlinale noch stattfinden – trotz der allherrschenden Verunsicherung wegen Corona. Das hätte den Start der neuen Doppelspitze aus Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) und Carlo Chatrian (Künstlerischer Leiter) noch holpriger werden lassen. Sponsoren sagten ab, das Berlinale-Kino im Sony-Center machte dicht und der erste Leiter dieses A-Festivals Alfred Bauer wurde als Nazi geoutet, was indes keine echte Überraschung mehr war. Ansonsten nichts Neues von der Berlinale: rund 330.000 verkaufte Tickets, ein mäßiger Wettbewerb und der Goldene Bär für „There is No Evil“, ein politischer Film aus dem Iran. Die Entscheidung Chatrians, noch einen zweiten Wettbewerb namens „Encounters“ zu installieren, konnte beim Debüt nicht überzeugen – die Festivals in Cannes und Venedig spielen weiter in einer anderen Liga.

Bei der Eröffnung der sehenswerten Ausstellung „Zweiheit“ der niederländischen Künstlerin Juul Kraijer im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg begrüße ich das Team dort mit einer kleinen Verbeugung – und nicht mehr per Handschlag. Mich beeindrucken die Arbeiten sehr, insbesondere die Video-Performance im ersten Stock. Auf drei Leinwänden sieht man die gleiche Frau in gleicher, doch zeitlich versetzter Perspektive: stoisch erträgt diese lebende Medusa, wie sich Schlangen über ihr Gesicht bewegen. Juul Kraijer schafft ein Amalgam aus Mensch, Tier oder Materie von großer Eindringlichkeit – nie gesehene Bilder und Skulpturen. Nach der Vernissage kommt das Gespräch immer wieder auf Corona, wie könnte es auch anders sein. Von panischen Hamsterkäufen (Nudeln, Reis, Toipa) wird berichtet; einige horten ihre Beute in Wohnwagen, deren Standort wahrscheinlich absolut geheim ist. German Angst.

Wir haben ein Doppelzimmer inkl. Behandlung im Elisabeth-Krankenhaus gebucht und sind natürlich gespannt. German Angst auch hier. Desinfektionsmittel werden von Patienten und Passanten geklaut, Atemschutzmasken sind begehrt und unter Verschluss. Die wunderbare Chefärztin gibt zu bedenken, dass es auch andere hochinfektiöse Patienten gibt, die man versorgen müsse. Knapp ist auch jeglicher Impfstoff, obwohl es noch keinen gegen Corona gibt und man sich sinnvollerweise nur  im Herbst impfen lassen sollte. Ein Pfleger raunt einem Kollegen zu, die Klinik halte 700 Masken unter Verschluss: 19.000 €. Und er beneidet einen „pfiffigen“ Berliner Scherzartikel-Händler, der Anfang Januar in China 500.000 Masken bestellt habe und diese nun für 25 € pro Stück vertickt. Womöglich hat die German Angst aber doch ein Gutes, und wir lernen die Tugend des Verzichts neu. Weniger Kapitalismus im Gesundheitssystem, weniger lange Lieferketten, weniger Globalisierung insgesamt. Satelliten zeigen plötzlich einen sauberen Himmel über China. Im Inforadio hören wir, dass Sender in Australien Toipa für ihre Hörer*innen verlosen. Kein Scherz!

 

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