Sei Dir selbst genug

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Lars Eidinger in „Peer Gynt“, einer aberwitzigen Solo-Performance an der schaubühne in einer Inszenierung von John Bock. © Benjakon

Am letzten Sonntag war die Welt noch in Ordnung – scheinbar. Wir erreichen die Berliner schaubühne auf den allerletzten Drücker und sitzen mittig im Parkett. „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen steht auf dem Programm, aber eigentlich wird ein „Taten-Drang-Drama“ von John Bock (Regie, Bühne und Kostüme) und Lars Eidinger gegeben, eine aberwitzige Solo-Performance des Schauspielers. Ab und zu hören wir etwas von Ibsen, aber ansonsten bastelt & bosselt Eidinger vor sich hin, verliert sich in Obsessionen und Größenwahn. Einmal zählt er seine großen Rollen an der Schaubühne auf: im „Hamlet“ und „Richard III“ (beide immer ausverkauft!) stand er schon hunderte Male auf der Bühne. Nun schreibt er seine Erfolgsgeschichte als Schauspieler & Sänger mit  „Peer Gynt“ fort. Was mag noch kommen für diesen Kraftmeier mit unendlichen Energien? Eine Peter Pan Performance? Und dann nur noch LARS, ein unendliches Multimedia-Spektakel?

„Sei Dir selbst genug“, gibt uns Eidinger am Ende mit. Diese Worte haben seit Sonntag eine neue Bedeutung gewonnen. Allenthalben wird geraten, zu Hause zu bleiben und soziale Kontakte zu reduzieren. Plötzlich wird der Besuch einer Premiere im Chamäleon zur moralischen Frage. Dürfen wir allen Empfehlungen & Warnungen zum Trotz das neue Programm einer australischen Gruppe erleben, die uns vor drei Jahren mit der Zirkus-Party „Scotch & Soda“ von den Stühlen riss? Die neue Show hat etwas weniger Tempo, ist aber unbedingt zu empfehlen, denn diese Artisten sind keine Marionetten oder Maschinen, sondern echte Typen, die uns mit „Le Coup“ bestens unterhalten. Dieses Mal hat sich Chelsea McGuffin, künstlerischer Kopf der Gruppe, von australischen Boxring-Shows aus den 30er Jahren inspirieren lassen…

Sie wollen bis zum 16. August im Chamäleon auftreten – eine kaum vorstellbar lange Zeitspanne, da auch uns italienische Verhältnisse drohen, also quasi ein Ausgangsverbot; nur Apotheken & Supermärkte dürfen noch öffnen. Da ich diese Zeilen schreibe, hat das Volkstheater in Frankfurt bis Mitte April alle Vorstellungen abgesagt, und das XJAZZ-Festival in Berlin findet 2020 gar nicht statt. Die Börsenkurse rutschen immer mehr in den Keller, die Zukunft ist offener denn je. Die Ausbreitung von Corona muss verlangsamt werden. Das Gesundheitssystem darf nicht zusammenbrechen. Trotzdem müssen wir alle irgendwie weitermachen. In unserem Verlag laufen derzeit mehrere Produktionen gleichzeitig, deren Planung ständig überdacht und angepasst werden muss. Nerven behalten! Jede Krise ist auch eine Chance. Hoffentlich.

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