Zweierlei Maß

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Voller als in jedem Kino: unterwegs im ICE am letzten Sonntag.© Rolf Hiller

Einstieg am Berliner Gesundbrunnen. Wenn man mit der Bahn fährt, empfiehlt sich in diesen Zeiten, dort einzusteigen, wo der Zug eingesetzt wird. Schon ab Hauptbahnhof wird es voll, der ICE nach München via Frankfurt ist am Sonntagnachmittag sehr gut besetzt. Eigentlich ist alles wie immer, würden die Fahrgäste nicht alle Masken tragen (müssen). Warum im Staatsunternehmen Deutsche Bahn erlaubt ist, was in Kinos und Theatern verboten bleibt, kann man nicht nachvollziehen. Die Infektionsgefahr einer gut vierstündigen Fahrt mit immerhin sieben Zwischenstationen und entsprechend vielen Ein- und Ausstiegen wird offensichtlich anders bewertet als der Besuch eines Kinos, das wegen der strengen Abstandsregeln nur zu einem Viertel besetzt werden darf. Zum Ausgleich für das unbekannte Risiko der Fahrt muss ich mich in Frankfurt registrieren, ehe ich die kaum besetzte DB-Lounge betreten darf.

Mit Widersprüchen weiß der moderne Mensch zu leben, aber die Fragen werden drängender. „Muss es“, gab der Intendant der Komischen Oper kürzlich in einem Interview zu bedenken, „anderthalb Meter Abstand zwischen den Besuchern geben, oder reicht ein freier Sitz? Schließlich sind Züge und Flugzeuge ja auch voll. Nur ein Platz frei, dann aber mit Mundschutz – das würde uns schon enorm helfen!“ (FAZ, 02.07.20) Allenthalben wird eine machbare Perspektive angemahnt und fehlender Respekt beklagt. Bitter weist Marek Lieberberg, der Geschäftsführer von Live Nation und gewissermaßen das Aushängeschild der Veranstalterbranche, darauf hin, dass Markus Söder es bis dato nicht für nötig befand, ihm auf einen Brief aus dem Mai überhaupt zu antworten (FAZ, 15.07.20). „In Österreich (dort sind ab 01.09.20 wieder 10.000 Besucher in Stadien und 5.000 in Hallen erlaubt) gibt es bis ins Kanzleramt hinein mehr Verständnis und Bereitschaft, auf uns einzugehen, als in Deutschland.“

Aber König Markus von Herrenchiemsee treiben größere Dinge um. Im Stile französischer Präsidenten empfing er pompös die Kanzlerin und wird sich gewiss auch bei den Festspielen in Salzburg sehen lassen. Dort werden immerhin 80.000 Gäste erwartet – trotz Corona. Die ganze Welt ist gespannt, wie dieses Experiment ausgeht. Dagegen sind die Open-Air Clubkonzerte im Amphitheater Hanau 2020 eine sichere Sache, die Shooter Promotions nun doch noch veranstalten darf. Statt 1.400 dürfen nur 249 Plätze verkauft werden, aber viele Musiker machen trotzdem mit, allen voran Helge Schneider (25.08.), Konstantin Wecker (02.09.) und Willy Astor (04.09). Sie wollen endlich wieder auftreten, aber nicht „vor Autos“ ( Helge Schneider). Glück auf!

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