Trügerisch

Am Montag war die Welt für Annalena Baerbock noch in Ordnung.

Stell‘ dir vor, es ist Wahlkampf und alle sind lieb miteinander. Dieser Eindruck vermittelte sich bei einem Polit-Talk diese Woche, zu dem das rbb Inforadio und die Süddeutsche Zeitung Annalena Baerbock (Die Grünen) und Olaf Scholz (SPD) eingeladen hatten. Der Talk plätscherte gemütlich vor sich, als wolle man:frau schon einmal das gemeinsame Miteinander nach der Wahl üben. Im großen und ganzen waren sich Baerbock und Scholz, die beide um ein Direktmandat in Potsdam kämpfen, einig. Sicher hätten Angela Ulrich (Inforadio) und Stefan Braun (SZ) entschiedener nachgefasst, wären zwei News dieser Woche schon am Montag bekannt gewesen. Franziska Giffey (SPD), die ihren umstrittenen Doktortitel seit einiger Zeit schon nicht mehr trägt, ist als Familienministerin (endlich) zurückgetreten; Annalena Baerbock steht wegen verspätet an den Bundestag gemeldeter Sonderzahlungen plötzlich ganz erheblich unter Druck.

Zum Markenkern der Grünen zählen besonders hohe moralische Ansprüche an sich und andere. In der Sache ist das „blöde Versäumnis“ (Baerbock), dass sie erhaltene Sonderzahlungen inkl. Erfolgsboni erst Ende März gemeldet hat, eine Lappalie. Aber im Wahlkampf bleibt von solchen Fehlern immer etwas hängen und wird sich sicher negativ bei den nächsten Umfragen auswirken. Noch spannender ist die Frage, wie Die Grünen mit diesem „blöden Versäumnis“, das die Partei beim Kampf um die Macht zurückwirft, umgehen wird. Wusste Robert Habeck davon, als er Annalena Baerbock vor vier Wochen den Vortritt ließ und sie die erste Kanzlerkandidatin der Grünen wurde. Hätte er womöglich die besseren Chancen? Wie wird die Basis der Partei reagieren? Häme & Spott werden über sie in den sog. sozialen Netzwerken verbreitet; es rollt eine Kampagne gegen Baerbock, die sie erst einmal durchstehen muss. Ausführlich beschäftigte sich etwa der Leitartikel der FAZ vor zwei Tagen mit der beruflichen Vita der Kandidatin, um ihr nonchalant Provinzialität zu bescheinigen.

Vor dieser allherrschenden Aufgeregtheit gerät in den Hintergrund, dass die Inzidenzen in Deutschland weiter sinken und die Impfzahlen erfreulich steigen. Friede, Freude, Eierkuchen, bald ist Somma und Herdenimmunität. Schön wär’s! „Wenn Christian Drosten recht hat – und das hat er ziemlich oft -„, schreibt der Tagesspiegel, „werden sich fast alle, die sich nicht impfen lassen, infizieren.“ (19.05.21) Was tun? Da ein Impfzwang politisch nicht durchsetzbar ist und eine vierte Welle der Pandemie im Herbst niemand ausschließen kann, bleibt nur die Hoffnung, dass (fast) alle doch noch mitmachen. Längst ist es im ÖPNV und in den Fernzügen üblich, eine Maske zu tragen, und das Personal macht zum Glück kein Fass auf, wenn jemand nur mit einer medizinischen auf den langen Fahrten unterwegs ist. Nach meiner Ankunft am Berliner Südkreuz machen wir rasch noch einen PCR-Test. Morgen eröffnet in Venedig die Architekturbiennale als richtige Veranstaltung unter dem Motto: How will we live together? Sicherlich eine der Fragen des Jahres.

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