Mission Impossible

Am Nationalfeiertag noch einmal zu sehen: die offizielle Fahne Afghanistans.

Diese Bilder werden sich ins kollektive Gedächtnis einschreiben. Ein Hubschrauber schwebt über der amerikanischen Botschaft in Kabul wie 1975 über Saigon, verzweifelte Menschen klammern sich ans Fahrwerk von startenden Maschinen auf dem Flughafen. Es gibt nichts zu beschönigen: der Rückzug der NATO aus Afghanistan ist eine Kapitulation. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borell spricht von einer Niederlage, einer „Katastrophe für die Glaubwürdigkeit des Westens“, der bayerische Ministerpräsident und Nicht-Kanzlerkandidat Markus Söder von einem „Debakel“. Allen Warnungen zum Trotz haben das Außen- und das Verteidigungsministerium sowie das Kanzleramt die Lage in Afghanistan vollkommen falsch eingeschätzt. Die von der Bundeswehr ausgebildete einheimische Armee mit immerhin 300.000 Mann konnte oder wollte dem Vormarsch der Taliban nichts entgegensetzen; der gewählte Präsident Aschraf Ghani machte sich noch schnell die Taschen randvoll und ging ins Exil. Einstweilen geben sich die Taliban noch erstaunlich moderat, aber die Uhren in ihrem Gottesstaat werden zurückgedreht und Mädchen & Frauen wieder vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Da und dort schwenkten Furchtlose am gestrigen Nationalfeiertag noch einmal die afghanische Fahne. Ein letzter Aufschrei.

Dass die verantwortlichen Minister:innen Heiko Maas und Annegret Kramp-Karrenbauer nicht einmal ihren Rücktritt anbieten, zeugt von einem bedenklichen Verfall der politischen Kultur hierzulande. Dass der glücklose Kanzlerkandidat Armin Laschet in dieser Lage warnt, „2015 darf sich nicht wiederholen“, ist eine Schande. Immerhin haben viele Menschen in Afghanistan auf den Westen gesetzt und müssen nun um Leib und Leben fürchten. Sein durchsichtiges Taktieren verfängt indes nicht. Laut ARD DeutschlandTrend würden sich nur 16% für ihn entscheiden, wenn der Kanzler direkt gewählt werden könnte. Ganz klar vorne liegt im Moment Olaf Scholz (SPD) mit 41%, die Kandidatin der Grünen kommt nur auf 12%. Offensichtlich haben CDU/CSU und Die Grünen aufs falsche Pferd gesetzt; beide Parteien verlieren kontinuierlich an Zuspruch. Die Beliebtheit des „Scholzomaten“ überrascht mich aber schon – immerhin ist der amtierende Finanzminister politisch verantwortlich für den größten deutschen Wirtschaftsskandal (Wirecard). Womöglich zieht ihn aber noch die Causa Maas herunter – für viele der schlechteste deutsche Außenminister seit 1949!

Es bleibt zu hoffen, dass der Wahlkampf in der nun wohl (endlich) beginnenden heißen Phase auch von der Klima- und Corona-Politik geprägt wird. In Hessen dürfen wieder die Clubs und Discos öffnen – mit einer 3G-plus-Regel sozusagen. Entweder die Besucher:innen sind geimpft oder genesen oder sie können einen negativen PCR-Test vorweisen, der zwischen 50 und 120 € kostet. Ob das angenommen wird, steht dahin. Nicht genehmigt bekam jedenfalls BigCityBeats den WORLD CLUB DOME in der Deutsche Bank Arena. „Leider wurden uns Auflagen gemacht“, konstatiert Bernd Breiter, Geschäftsführer des Veranstalters, „die es nicht mal im Ansatz erlauben, den WORLD CLUB DOME praktikabel und realistisch durchzuführen. Diese Auflagen wurden uns an einem Tag gemacht, an dem 25.000 Besucher für den Fußball zugelassen werden. Das können wir einfach nicht nachvollziehen.“ Nicht zum ersten Mal drängt sich der Verdacht auf, dass mit vielerlei Maß gemessen wird. Heute Abend haben „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus in Berlin in einer Inszenierung von Paulus Manker Premiere. Vor drei Jahren wurde dieses siebenstündige Theaterereignis in Wien gezeigt. Die Kritik überkugelte sich vor Begeisterung.

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