Déjà-vu

Das berühmte Luf-Boot aus der Südsee ist jetzt im Humboldt Forum zu sehen. © Rolf Hiller

Wer hätte das gedacht! Am 11.12.20 hatten wir 29.875 Neuinfektionen an einem Tag; alle warteten wir vor einem Jahr sehnsüchtig auf den Impfstoff. Heute haben wir hierzulande das Vakzin in Hülle & Fülle, und die Corona-Warn-App verzeichnet gestern 37.120 Neuinfektionen und eine 7-Tage-Inzidenz von knapp 170 – Tendenz steigend. Was reitet Politiker:innen jedweder Couleur, die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ zum 25. November auslaufen zu lassen. Angesichts der sich zuspitzenden Situation auf den Intensivstationen ist diese Haltung fahrlässig, mehr noch: verantwortungslos. Gleichzeitig wird jetzt hektisch die Reaktivierung der Impfzentren und eine Kampagne für Booster-Impfungen gefordert. Für alle? Nur für über 70-Jährige (STIKO)? Nur für über 60-Jährige? In Italien wurden in Latium – dort liegt die Hauptstadt Rom – alle über 60-Jährigen bereits schriftlich zur Booster-Impfung eingeladen. „Dass die Antikörper“, konstatiert die Neue Zürcher Zeitung, „etwa sechs Monate nach der zweiten Impfung schwinden, war hingegen schon länger bekannt. Allein aus diesem Grund hätten Bund und Länder frühzeitig eine Booster-Kampagne organisieren müssen. Ihr Zaudern folgt einem Muster, das sich seit Beginn der Pandemie durchzieht: Deutschland ist fast immer zu spät dran.“ (04.11.21)

Wenn’s um die Begrenzung der Klimaerwärmung geht, gilt das für fast alle Länder dieser Welt, mögen die Beteuerungen & Versprechungen auf der Weltklimakonferenz in Glasgow noch so viel Optimismus suggerieren. Wir sind zu spät dran und tun zu wenig. Noch immer werden in Deutschland Diesel und Dienstwagen steuerlich subventioniert, während in anderen Teilen unserer Welt Inseln im Meer versinken. Daran muss ich denken, als ich im Humboldt Forum das berühmte Luf-Boot anschaue, das ich schon einmal in Dahlem gesehen hatte. Einst beuteten die Kolonialmächte die Welt aus und stellten ihre ‚Schätze‘ in Museen zur Schau, heute sind wir für den Untergang ganzer Inselstaaten verantwortlich. Surangel Whipps, dem Präsidenten von Palau, bleibt in Glasgow nur noch der Zynismus der Verzweiflung: „Die sengende Sonne beschert uns unerträgliche Hitze. Das sich erwärmende Meer dringt in unser Land. Unsere Ressourcen verschwinden vor unseren Augen. Und wir werden unserer Zukunft beraubt. Offen gesagt: Der langsame Tod hat keine Würde. Dann bombardieren Sie doch unsere Inseln, anstatt uns leiden zu lassen, nur damit wir unseren langsamen, verhängnisvollen Niedergang miterleben.“ (Tagesschau, 03.11.21)

Was ist dagegen ein Schirm, der mir bei Regen und böigen Winden fast aus der Hand gerissen wird. Ich bin bei diesem Wetter unterwegs zum Pierre-Boulez-Saal, um endlich einmal Bobo Stenson zu erleben. Von dem schwedischen Pianisten habe ich noch seine erste Schallplatte bei ECM von 1971 – das wunderbare Album „underwear“. Mit seinem Trio schreibt der 77-Jährige seine Musik meisterlich fort, die trefflich in den schönsten Kammermusiksaal von Berlin passt. Zum Glück sitze ich ‚richtig‘, die Bühne ist nämlich in der Mitte des Saales. Vor mir spielen Stenson und Anders Jormin (Bass), hinter ihnen der Drummer Jon Fält. Wer ihn direkt vor sich hat, hört vor allem Schlagzeug. Noch deutlicher wird das beim Vijay Iyer Trio, das einen viel versprechenden ersten Tag beim JazzFest Berlin beschließt. Weiter geht es heute im Silent Green, einem ehemaligen Krematorium. Passt doch irgendwie zur allgemeinen Lage.

3 Kommentare zu „Déjà-vu

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