Wie es uns gefällt

Aki Takase mit ihrer Band Japanic beim JazzFest Berlin 2021 in der Silent Green Betonhalle. © Camille Blake / Berliner Festspiele

Nie werden wir diese Fahrt 1976 zu den Berliner Jazztagen vergessen. Wir fuhren mit einem Käfer auf der Interzonenautobahn, nahmen die Abfahrt „Berlin. Hauptstadt der DDR“ und waren plötzlich Richtung Frankfurt/Oder unterwegs – ein Transitvergehen. Die Scheinwerfer mit der 6-Volt-Anlage schwach, die Angst groß. Was tun? Kein Fahrzeug weit und breit. Es gab keine Mittelleitplanken. Also drehten wir kurzerhand über den Grünstreifen zwischen den Fahrspuren und waren wieder auf dem richtigen Weg nach „Westberlin“. Dort waren die Verhältnisse beim Jazz übersichtlich: es gab die Berliner Jazztage in der Philharmonie und als Alternative das Total Music Meeting der Avantgarde. Einerlei welcher Strömung man anhing: es gab ein Festivalerlebnis. Das ist beim JazzFest Berlin heute anders. Es gibt diverse Spielorte in der Stadt, Konzerte finden parallel und als Live-Stream oder Video statt. So erlebte der Kritiker des Tagesspiegel ein völlig anderes Programm als wir.

Für uns war es das beste JazzFest seit Jahren, kein Konzert hätten wir verpassen wollen. Nach dem vielversprechenden Auftakt im Pierre-Boulez-Saal mit drei Gruppen wurde am nächsten Tag die Pianistin Aki Takase (endlich) mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis geehrt. Was diese 73-jährige Musikerin auszeichnet, sind ihre Neugier und Offenheit; Routine und Wiederholung scheinen ihr ein Gräuel. Ihre Band Japanic besteht aus vier jungen Männern, und sie spielten ein grandioses Konzert, das die Zuschauer:innen gebannt verfolgten und das jeder on Demand noch einmal hören kann. Während Takase ihren ersten Auftritt in Europa und bei den Berliner Jazztagen am 05.11.81 hatte, wurde der wichtige Musiker Hannes Zerbe noch nie eingeladen! Dieses unverständliche Versäumnis machte ein Konzert der sog. Radio-Edition jetzt endlich gut – das Hannes Zerbe Jazz Orchester spielte wie entfesselt im Kleinen Sendesaal des RBB und gab liebend gerne drei Zugaben. Den Abschluss im Kuppelsaal des Silent Green machte für uns Sylvie Courvoisier Trio. So darf’s gerne weitergehen im nächsten Jahr.

Eine Erinnerung ans JazzFest Berlin erreichte mich heute Nacht von der Corona-Warn-App. Am 5. November gab es eine Begegnung mit erhöhtem Risiko. Das kann nur beim Konzert von Aki Takases Japanic passiert sein. Die Betonhalle im Silent Green war voll besetzt. Dass dieser Spielort früher ein Krematorium war, mutet angesichts der dramatisch steigenden Inzidenzen makaber an. Was läuft in Deutschland, in Mitteleuropa derzeit bei der Eindämmung der Pandemie schief? Politiker:innen sollten sich mit Prognosen, Versprechungen (keine Impfpflicht) und Statements zurückhalten, um die allenthalben beklagte Kakophonie zu beenden. Darüber hinaus gibt es hierzulande eine schlecht funktionierende Bürokratie. Um einen Termin für eine Booster-Impfung (in unserer Praxis nur donnerstags!) zu bekommen, sollen wir das europäische Impfzertifikat faxen; eine Übermittlung per Mail ginge auf keinen Fall. Also bringe ich die Dokumente in Kopie persönlich hin. Die freundliche Sprechstundenhilfe möchte sofort Scans davon machen. Den Termin konnte ich schon abstimmen – wir werden aber noch einmal angerufen. So geht Boostern im 21. Jahrhundert in Deutschland. Noch Fragen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s