Mangelwirtschaft

Mehl wird wieder rationiert im Supermarkt; das Foto entstand am 18. März gegen Mittag. © Rolf Hiller

Im Weingeschäft treffe ich meinen Jazzfreund aus der Nachbarschaft; Hamsterkäufe haben hier noch nicht stattgefunden. Wir sprechen über die bedrückende Lage und sind beide gegen eine Schließung des Luftraums über der Ukraine; zu groß wäre die Gefahr eines 3. Weltkriegs. Er zeigt mir ein dickes Buch, das er gerade gekauft hat: „Putins Netz“ von Catherine Belton, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Ihr 2020 – trotz „juristischer“ Anfeindungen – in England erschienenes Buch (Originaltitel: »Putin’s People«) wurde von The Economist, der Financial Times, The New Statesman und The Telegraph zum Buch des Jahres gekürt. Bin gespannt, was der Jazzfreund berichtet, wenn wir uns das nächste Mal uff de Gass‘ treffen.

Zwei Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hatte mich ein anderer Freund gefragt, wie lange der Krieg meiner Ansicht nach dauern würde. Drei Wochen höchstens, gab ich zurück, ohne dass ich diese Einschätzung hätte näher begründen können. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass sich Putin und seine Strategen gründlich verschätzt haben. Die Ukraine leistet gegen die überlegene russische Armee erbitterten Widerstand. Die Lage für die Bevölkerung in den umkämpften Städten wird immer verzweifelter. Während es dort für die Freiheit um Leben und Tod geht, beklagen wir hierzulande die ökonomischen Folgen des Krieges, wie es der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner Rede im Bundestag gestern anprangerte. Kein Wort des Kanzlers dazu, keine Aussprache, weiter ging es mit der Tagesordnung – „die deutsche Politik lieferte der Welt damit ein beschämendes Schauspiel“ (Tagesspiegel, 18.03.22). Vor der Brutalität des Krieges treten seine Konsequenzen für uns (noch) zurück. Täglich strömen Zehntausende Flüchtlinge nach Deutschland und werden in Berlin von vielen freiwilligen Helfer:innen empfangen & versorgt. Die Kosten für fossile Energie gehen durch die Decke; der Discounter Aldi hat die Preise für 400 Produkte erhöht. Grundnahrungsmittel wie Mehl oder Speiseöl werden knapp und dürfen nur einzeln gekauft werden. Russland hat übrigens einen Exportstopp für Weizen, Gerste und Roggen erlassen, und in der Ukraine dürfte heuer im März deutlich weniger Getreide ausgebracht werden.

Über der Weltlage mit den sich verschärfenden wirtschaftlichen Problemen (Rohstoffmangel, Teuerung, fehlende Produkte, stockende Logistik) ist die Pandemie in den Hintergrund getreten, obwohl das RKI täglich neue „Rekorde“ meldet: Inzidenz knapp über 1.700, fast 300.000 Neuinfektionen. Das Gesundheitssystem scheint nicht überlastet zu werden. Deshalb hat die Ampel-Koalition ein neues Infektionsschutzgesetz verabschiedet, das bis auf einen Basisschutz fast alle Beschränkungen bundesweit aufhebt. Nun obliegt es den Landesparlamenten, sogenannte Hotspots (Landkreise oder Städte) festzustellen, für die verschärfte Regeln erlassen werden können.Tunlichst informiere man sich vorher, wenn wieder einmal ein Ausflug nach Haßberge oder Rostock ansteht; beide Landkreise haben heute die höchsten Inzidenzen. Sechs von zehn Bundesbürgern sind übrigens gegen die Lockerungen. Ihnen dürfte nicht der Sinn nach einer Party zum Freedom-Day stehen wie Wolfgang Kubicki und seinen Kumpels in der FDP. Mir auch nicht. Ich werde beim Einkaufen weiter Maske tragen. Freiwillig.

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