Nosferatu

Das Grauen kommt nach Wismar. © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Die Vorhersage im Handy sieht gruselig aus – dunkle Wolken mit einer Regenwahrscheinlichkeit von 80% am Abend. Eigentlich das passende Wetter, um sich „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ anzuschauen. Der Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnau feiert 100. Geburtstag und wird im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern am Hafen von Wismar gezeigt. Live sollen das Michael Wollny Trio und Mitglieder des Norwegian Wood Ensembles zu den Bildern improvisieren. Ein spannendes Projekt, zu dem uns Freunde eingeladen haben. Der Veranstalter teilt mir lapidar mit: „Leider wird es keine Überdachung für das Publikum geben“. Auf nach Wismar also in dicken Anoraks mit Schirm, Schal und Mützen. Wir fahren mit dem Zug durch düstere Wolken, lassen aber den Mut nicht sinken. Während des Essens im „Pfau“ (sehr zu empfehlen) regnet es noch, doch als wir am Hafen ankommen, sind die Sitze zwar nass, aber die Luft bleibt trocken.

Das Konzert ist sehr gut besucht. Viele haben mit Kissen und Decken vorgesorgt, andere sind härter gesotten als wir. Ich stehe hinten in der Mitte vor dem Zelt mit der Technik und kann Film und Konzert gleichermaßen erleben. Die fabelhaft eingestimmten Musiker:innen verfolgen Murnaus Klassiker, der zum Teil in Wismar gedreht wurde, auf Monitoren und improvisieren dazu. Sie untermalen nicht den Film, sondern finden unerhörte Töne und Klänge. Es entsteht keine Programmmusik, diese kollektive Improvisation fasziniert mit den düsteren Bildern – aber auch ganz ohne. Wie der schier allgegenwärtige Michael Wollny, der Ende September mit diesem Trio ein neues Album veröffentlicht, das alles schafft, ist mir ein Rätsel. Nach dem Konzert in Wismar ging’s gleich wieder zur Wolfgang Haffner-Woche nach Elmau, drei Tage später eröffnete „der vollkommene Klaviermeister“ (FAZ) mit seiner Jazz-Residenz die Spielzeit der Alten Oper Frankfurt mit dem Projekt „Bau.Haus.Klang – Eine Harmonielehre“, das er vor drei Jahren zum Festival 100 Jahre Bauhaus in Berlin entwickelt hat.

Während des Konzerts in Wismar dachte ich an den Nosferatu unserer Tage, den russischen ‚Zaren‘ Wladimir Putin, dessen Überfall auf die Ukraine eine Spur des Grauens hinterlässt und alle & jeden in diesem Winter direkt treffen wird. Im Moment scheint sich das Blatt für die Ukraine zu wenden, einige Kommentatoren spekulieren schon über einen „möglichen Kipp-Punkt“ (Tagesspiegel) des Krieges; angeblich fordern Lokalpolitiker in Russland Putins Rücktritt. Die Lage ist unübersichtlicher denn je und wird sich durch ein selbstloses Opfer wie im Film nicht beenden lassen. Es ist nicht ausgemacht, dass mit einem Sturz Putins der Krieg in der Ukraine zu Ende ginge. Möglicherweise scheut Kanzler Olaf Scholz diese Konsequenz sogar und mauert bzw. merkelt bei der Lieferung von Marder-Panzern weiter. Ob dieser Attentismus klug oder feige ist, wird sich weisen. Es wird langsam frisch in Deutschland.

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