Platz ist knapp

Nachts im Leipziger Hauptbahnhof: Martina Gedeck in „Die stillen Trabanten“. © 2022 Sommerhaus Filmproduktion / Warner Bros. Entertainment GmbH

Glück gehabt! Anders als erwartet, ergattern wir die letzten beiden Plätze in der Nachmittagsvorstellung. Very best agers (Maskenanteil ungefähr 10%) wollen sich „Die stillen Trabanten“ anschauen, der am Wochenende gestartet ist. Der Episodenfilm ist glänzend besetzt, aber Martina Gedeck, Nastassja Kinski oder Albrecht Schuch können die Geschichten nicht mit Leben füllen. Niemals erreicht die neue Kooperation von Thomas Stuber (Regie) und Clemens Meyer (Buch) die Dichte und Wucht, die „In den Gängen“ von 2018 auszeichnete. „Die stillen Trabanten“ werden lang und immer länger, die Episoden breit ausgewalzt: eine lesbische Annäherung, die heimlichen Begegnungen einer zum Islam konvertierten, jungen Frau mit einem Grillbudenbesitzer, die Treffen eines Security-Mitarbeiters mit einem jungen Mädchen aus der Ukraine. Keine Geschichte überzeugt, „Die stillen Trabanten“ sind zu gut für diese Welt. „Sozialkitsch“, meint eine Besucherin beim Verlassen des Kinos.

Die brutale Kälte findet gerade in den Kinderkliniken statt, die eine enorme Infektionswelle mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) nicht mehr bewältigen können. Erschütternd stellt Michael Sasse, Leitender Oberarzt der Kinderintensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, fest: „Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können.“ Wohin ein kapitalistisch ausgerichtetes Gesundheitssystem geführt hat, ist nicht nur dem Fachminister Karl Lauterbach klar. Neulich erzählte mir ein Bekannter, dessen Frau als Ärztin arbeitet, in ihrer Klinik habe man an einem todgeweihten Patienten noch eine OP durchgeführt und ihn weitere 48 Stunden am Leben gehalten – um diese „Leistung“ abrechnen zu können. Dass die Fallpauschale fallen muss, liegt auf der Hand; dass es dauern wird in deutschen Landen, dürfte niemanden überraschen. Denn für die Krankenhausversorgung sind die Länder zuständig.

Der deutsche Föderalismus feierte gerade bei der Corona-Pandemie, die ja noch längst nicht vorbei ist, wieder einmal fröhliche Urständ‘. Sachsen-Anhalt hat die FFP2-Maskenpflicht im Nahverkehr bereits abgeschafft, morgen folgt Bayern, wo einst der Söder Markus den entschiedenen Corona-Hardliner gab. Dafür besteht im Fernverkehr der Deutschen Bahn weiter „eine gesetzliche Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske“, wie regelmäßig durchgesagt wird. Und das ist auch gut so. Bei meiner letzten Fahrt in dieser Woche war der ICE rappelvoll; viele Fahrgäste mussten stehen oder hockten auf dem Boden. Ein Vorgeschmack auf das Deutschland-Ticket für 49 Euro, das irgendwann im nächsten Jahr eingeführt wird. Das Netz muss dringend saniert werden, und mehr Züge wird es auch nicht geben. Gute Reise!

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