Leipziger Vielerlei

Dark Romance auf der Leipziger Buchmesse. © Rolf Hiller

Mein letzter Besuch bei der Leipziger Buchmesse liegt schon einige Jahre zurück. Als ich damals mit der Straßenbahn zum Messegelände fuhr, wähnte ich mich auf einer Fahrt zu einem skurrilen Maskenball. Viele Fahrgäste steckten in phantasievollen Kostümen und fieberten in bester Laune ihrem Auftritt auf der Messe entgegen. Damals wusste ich nicht, dass parallel zur Buchmesse die Manga-Comic-Con stattfindet, ein grandioser Clash der Kulturen. War’s bloß die erste Faszination damals oder in diesem Jahr wirklich routinierter im schlechten Sinne des Wortes. Die Cosplayer sind zum Glück nicht bloß in ihren Hallen unterwegs; man trifft sie überall auf der Messe, die so einen eigentümlich spielerischen Charakter bekommt. Das ist Leipzig, aber die Probleme dieser Doppelveranstaltung sind nicht zu übersehen. 

Der langjährige Messedirektor Oliver Zille ist zurückgetreten, nun liegt die Verantwortung in den Händen von Astrid Böhmisch, die aus dem Marketing kommt. Die Hallen sind luftiger geworden, es sind deutlich weniger Stände, es gibt viele freie Flächen und erstaunlich viele gastromische Angebote. Wie sollen Verlage, die nur ein paar Bücher im Programm haben und deren Namen nicht einmal Insidern bekannt sind, ihre (viel zu) großen Standflächen bezahlen. Eine Dame des Schweizer Gemeinschaftsstandes berichtet von deutlich höheren Mieten in diesem Jahr und gibt zu bedenken, ob sich dieses Messegeschäft für viele Verlage überhaupt noch lohnt. Auf die Freunde aus der Fantasy-Welt trifft das definitiv nicht zu. Bei “Black Edition. Dein Verlag für Dark Romance” oder LYX stehen die Mädels Schlange; die Bücher verkaufen sich wie geschnitten Brot. Probleme, ihre Romane loszuwerden, kennt die Amazon-Bestseller-Autorin Dagmar Winter (“Die Hüterin der vier Elemente”) ebenfalls nicht; sie empfiehlt die Promotion über BookTok. 

Mit solchen Eindrücken & Erlebnissen im Gepäck geht’s zurück in die Welt der sog. Hochkultur. Mit viel Glück konnten wir noch zwei Tix für ein Gastspiel der hochgelobten Hamlet-Aufführung des Schauspielhauses Bochum in Leipzig ergattern. Vor Jahren gab es Johann Simons Inszenierung mit Sandra Hüller in der Hauptrolle als digitales Angebot – aber was ist ein Stream gegen ein Erlebnis. Der Regisseur reduziert seinen Hamlet auf das Minimum und erzielt ein Maximum an Wirkung. Es gibt kein Bühnenbild (einzige Requisiten eine Lichtkugel und eine Metallwand), keine drastische Action. Die Schauspieler:innen betreten nur dann die Bühne, wenn sie etwas zu sagen haben, und setzen sich dann wieder in den Zuschauerraum. Durch diese Reduzierung werden die einzelnen Auftritte um so nachdrücklicher. Insbesondere Sanda Hüllers Hamlet bannt das Publikum, wenn der Dänenkönig wie aus dem Nichts in den Wahnsinn stürzt. Übrigens wurde schon 1741 diese Rolle in Dublin von einer Frau gespielt, ist im ganz hervorragenden Programmheft zu lesen. Begeisterter Applaus für die Bochumer in Leipzig. 

Glück im Unglück

Key Visual der sechsteiligen Serie, mit der die ARD an einen der größten und berühmtesten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts erinnert, der am 3. Juni vor 100 Jahren starb. © NDR

Großer Andrang bei der Premiere der Mini-Serie “Kafka” in der Berliner Urania. Der große Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt; “Kafka” ist ein ambitioniertes & aufwändiges Projekt der ARD, an der alle Sender beteiligt sind. Die Serie besteht aus sechs Folgen à 45 Minuten, die das Leben dieses skrupulösen Schriftstellers unter verschiedenen Aspekten beleuchten. Bei der Premiere wurden drei Folgen am Stück gezeigt, der ganze “Kafka” ist schon jetzt in der ARD Mediathek verfügbar und wird ab dem 26.03. zur besten Sendezeit ausgestrahlt. “Kafka” ist womöglich das TV-Ereignis des Jahres – bestens besetzt in jeder Beziehung. Das Drehbuch schrieb Daniel Kehlmann zusammen mit dem Regisseur David Schalko, und man hätte wohl keinen besseren Hauptdarsteller finden können als Joel Basman, der Kafka nicht spielt sondern lebt.  

Hätte dem Schriftsteller, der sein Werk nie veröffentlichen wollte und seinem Freund Max Brod auf dem Totenbett auftrug, den ganzen Nachlass zu verbrennen, was dieser zu unser aller Glück nicht tat, das grandiose Key Visual gefallen? Hätte ihm die Serie gefallen? Wahrscheinlich nicht, denn Kafka wollte nie im Mittelpunkt stehen und war nie mit sich und seiner Literatur zufrieden. Sein Glück lag im Scheitern. Seiner verehrten Felice schrieb er drei Briefe pro Tag, aber ein Leben mit ihr kam für ihn nicht in Frage. Auf der Homepage der ARD findet sich dazu ein treffliches Zitat: “Ich habe kein literarisches Interesse sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.” Franz Kafka, der seinen Job bei einer Versicherung gewissenhaft erledigte und regelmäßig Sport trieb, war vom Scheitern regelrecht besessen und fand sein Glück im Unglück. In der Kurzerzählung “Gibs Auf!” aus dem Nachlass fragt der Ich-Erzähler einen Schutzmann nach dem Weg und wird harsch abgewiesen. “’Gibs auf, gibs auf’, sagte er und wandte sich mit großem Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.” 

Am 3. Juni jährt sich der Todestag von Franz Kafka zum 100. Mal, und er hätte bestimmt seine stille Freude am Weltglückstag gehabt, den die Vereinten Nationen 2012 beschlossen haben. “Die Vereinten Nationen verbinden mit dem Weltglückstag weltweite Politikziele”, lesen wir mit Staunen bei Wikipedia. Am glücklichsten sind dem World Happiness Report zu Folge die Menschen in Skandinavien, auf Platz 5 liegt unerwartet Israel, Deutschland belegt den 24. Rang. Kafka hätte sich über diese Erhebung im Stillen bestimmt genauso amüsiert wie über das Wort “kafkaesk”, das den Wahnwitz unserer Zeit nach wie vor treffend auf den Begriff bringt. Diesen Schriftsteller, der nie einer sein wollte, kann man immer und immer wieder neu entdecken – nun auch im Fernsehen. Für “Kafka” zahle ich gerne meinen Beitrag, weil ich es tun muss. Gut so!

Time Out

© Rolf Hiller

Reisen ist in diesen Tagen ein riskantes Unterfangen. Nicht auszudenken, ich müsste noch analog, also ortsgebunden arbeiten. Wegen des sechsten Streiks der GdL (Gewerkschaft der Lokomotivführer) musste ich einen Tag früher nach Frankfurt, auch bei der Rückfahrt galt es umzudisponieren – passenderweise rief Verdi im Nahverkehr drei Tage lang zum Streik auf. Zum Glück werden die S-Bahnen von der Deutschen Bahn betrieben, sodass ich nicht zum Frankfurter Hauptbahnhof laufen musste, sondern vom nahe gelegenen Westbahnhof abfahren konnte. Flexibilität ist in diesen Tagen gefragt. Früh auf nach unruhiger Nacht und gleich los, denn die App der Deutschen Bahn prognostizierte nach dem Ende des ersten Wellenstreiks hohe bis sehr hohe Auslastung ihrer Züge ab dem späten Vormittag. Der ICE nach Berlin via Leipzig war mäßig belegt und erreichte sein Ziel auf die Minute genau. 

Wieder einmal Glück gehabt, aber bei allem Verständnis für die Forderungen der GdL, die ihr Vormann Claus Weselsky vehement hinausposaunt: eine gesetzliche Regelung für Streiks in der kritischen Infrastruktur, auf die täglich Millionen Menschen angewiesen sind, ist überfällig. Gegen eine Arbeitszeitverkürzung ist grundsätzlich nichts einzuwenden; das haben die Metaller schon vor vierzig Jahren erkämpft. Aber es muss festgeschrieben werden, dass ein Streik nur mit ausreichender Ankündigung erfolgen darf und ein reduziertes Angebot der Verbindungen (auch mit GdL-Mitgliedern) aufrechterhalten bleiben muss. Sonst werden weiterhin Menschen, die mit dem Tarifstreit nichts zu tun haben, von Gewerkschaften in Geiselhaft genommen. “Fahrgastvertreter”, so bringt es der Tagesspiegel auf den Punkt, “fordern schon lange ein Gesetz, das die Gewerkschaften verpflichtet, Streiks bei Bus und Bahn rechtzeitig anzukündigen und ein Mindestangebot aufrechtzuerhalten. Einen verpflichtenden Notbetrieb gibt es schon bei Streiks in Krankenhäusern. Weselskys Verhalten zeigt, dass das auch im Verkehrssektor bitter nötig ist.“ (13.03.24) 

Über den Streiks der GdL – sie sollen die kriselnde deutsche Volkswirtschaft täglich 100 Millionen Euro kosten – und den seit Wochen andauernden politischen Taurus-Auseinandersetzungen ist die katastrophale Lage der palästinensischen Bevölkerung im Gaza-Streifen in den Hintergrund getreten. Nun hat sich Daniel Barenboim, der langjährige Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin, dazu in wünschenswerter Klarheit in der Wochenzeitschrift “Die Zeit” zu Wort gemeldet: “Nach so viel Blutvergießen und unvorstellbaren Verlusten gibt es wirklich nur eine realistische Lösung: zwei Staaten, die in ihren Gebieten autonom sind; das Ende der Siedlungen im Westjordanland und die Verpflichtung beider Seiten zu einem dauerhaften Frieden. Uns läuft die Zeit davon, und künftige Generationen werden uns nie verzeihen, wenn wir wieder versagen.” (14.03.24) Die Zeit arbeitet gegen die Hardliner in Israel um den Premierminister Benjamin Netanjahu, aber das hilft der geschundenen palästinensischen Bevölkerung in ihrer aktuellen Lage nicht. 

Interessengebiete

Hedwig Höß (Sandra Hüller) genießt ihr Paradies in Auschwitz. Den Schrecken hört man nur in Jonathan Glazers Film „The Zone of Interest“ © Leonine

Am zweiten Tag nach dem Filmstart in Deutschland ist das Kino mit knapp 700 Plätzen am späten Nachmittag sehr gut gefüllt. Das Interesse an “The Zone of Interest” von Jonathan Glazer mit Sandra Hüller ist groß. Viele wollen diesen eindringlichen Film über das Leben der Familie von Rudolf Höß (Christian Friedel) sehen, der alle gängigen Klischees unterläuft. Höß, der Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz ist kein schneidiger Nazi mit autoritärem Gehabe, er wird als zurückhaltender Mann geschildert – als Vater und als Chef. Die Vernichtung von 700.000 ungarischen Juden ist für ihn eine logistische Herausforderung, die er emotional völlig unbeteiligt annimmt. Immer denke ich an Hannah Arendts Wort von der “Banalität des Bösen”. Implizit nimmt der Regisseur diese Deutung auf – sein Film schildert das normale und banale Leben der Familie Höß; hinter der Mauer zum Konzentrationslager liegt ihr “Paradies”. Der Schrecken dort ist akustisch allgegenwärtig. Ein beunruhigendes Hintergrundgeräusch, das den Alltag begleitet und niemanden zu stören scheint.

“The Zone of Interest” basiert auf dem gleichnamigen Roman von Martin Amis, den die New York Times als “Meister der Neuen Widerwärtigkeit” bezeichnet hat. Bereits der Titel erinnert an den menschenverachtenden Zynismus des Hitler Regimes, Auschwitz wurde als “Interessengebiet” bezeichnet. “Das Interessengebiet des KZ Auschwitz (auch Interessengebiet des KL Auschwitz) war während des Zweiten Weltkrieges ein Sperrgebiet der Schutzstaffel für den Lagerkomplex Auschwitz im deutsch besetzten Polen. Auf diesem von der Außenwelt abgeschirmten Gebiet entstand der größte Konzentrations- und Vernichtungslagerkomplex des NS-Staates.” (Wikipedia) Jonathan Glazers Spielfilm – es ist übrigens erst sein vierter – zeigt die Normalität des Schreckens dieser Zeit. An die Vernichtung jüdischer Menschen in den Lagern hatte man sich gewöhnt. Sie lief wie eine endlose Tonschleife nebenher und schien niemanden zu stören. 

Und was nehmen wir heute alles hin? Am 18.03.2014 annektierten Putins Truppen die Krim, vor zwei Jahren begann der Überfall auf die Ukraine, das Leid im Gaza-Streifen schreit zum Himmel, die Situation vieler Flüchtlinge etwa in den Lagern in der Türkei ist deprimierend, fast 800 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen, in Deutschland, der drittgrößten Industrienation der Welt, droht laut Unicef (06.12.23) 1 Million Kindern dauerhafte Armut. Das und noch viel mehr wissen wir – und spalten es menschlich allzu menschlich ab. “The Zone of Interest” endet in der heutigen Gedenkstätte in Auschwitz, in der gerade geputzt wird. Vor Jahren waren wir einmal in Buchenwald – ein touristischer Hotspot des Grauens. Viele Besucher:innen sind natürlich mit ihren Handys beschäftigt, nuckeln an ihren Flaschen und erleben den Schrecken als Ausflug oder Schulpflichtprogramm. Das banalisierte Grauen.

Ausgelaugt

Der Goldene Bär ging bei der 74. Berlinale an den Dokumentarfilm „Dahomey“ von der Regisseurin und Produzentin Mati Diop. © Richard Hübner / Berlinale 2024

Mit einem Eklat begann die 74. Berlinale, mit einem Eklat endete sie auch. Herrschte am Anfang helle Empörung über die Einladung einiger AfD-Abgeordneter zur Eröffnungsgala – in den Vorjahren nahm daran übrigens niemand Anstoß -, nutzten einige die Abschluss-Veranstaltung zur Abrechnung mit Israel. Keine Rede davon, dass die Hamas den Angriff auf Israel am 7. Oktober begann, kein Wort darüber, wie zynisch diese Terrororganisation die palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen als Geisel nutzt. Keine Reaktion im Publikum und bei den anwesenden Politiker:innen. Die Leitung der Berlinale, Mariëtte Rissenbeek (Geschäftsführung) und der Künstlerische Leiter Carlo Chatrian, distanzierten sich erst am nächsten Tag pflichtschuldigst und wurden einmal mehr zu Getriebenen, wie so oft in ihrer glücklosen Amtszeit. Sie hätten gewarnt & gewappnet sein müssen, zumal sich die Berlinale doch ganz explizit als politisches Filmfestival versteht. 

Über dem Eklat zum Abschluss gerieten Licht & Schatten der filmischen Qualität bei der 74. Berlinale in den Hintergrund. Der Wettbewerb fand bei der Kritik wenig Anerkennung – zu viele schwache Filme. Warum die neue Arbeit von Julia von Heinz (“Treasure”) in Berlin ihre Weltpremiere feierte, aber nicht im Wettbewerb lief, verstehe, wer will. Warum es bei der Berlinale nur eine (!) Auszeichnung für den/die beste/n Hauptdarsteller:in gibt, verdankt sich wohl einer merkwürdigen Anpassung an den Zeitgeist. Die Entscheidungen der Jury überraschen immer wieder, aber man muss sie klaglos hinnehmen. Den Goldenen Bären erhielt wieder wie im Vorjahr ein Dokumentarfilm – “Dahomey” von Mati Diop. Sicher eine gut gemeinte Entscheidung, die aber zeigt, dass Berlin gegen die Festivals in Cannes und Venedig weiter an Bedeutung verliert. “Der Goldene Bär zieht nicht mehr” (FAZ) und “Festival in Schieflage” (Tagesspiegel) bilanzierten die Experten.  

Derweil eskaliert die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen immer weiter. Auch wenn Israel nicht für den Angriff der Hamas verantwortlich ist, müssen sich die Regierung und die ganze Welt der Situation stellen. Aber ob das ohne einen Wechsel im Amt des israelischen Ministerpräsidenten möglich sein wird? Eines Tages wird hoffentlich unzweifelhaft geklärt, ob Benjamin Netanjahu die Warnungen seines Geheimdienstes bewusst ignoriert hat, um weiter im Amt zu bleiben. Der Mossad soll schon ein Jahr vor dem Überfall der Hamas genau davor gewarnt haben. Dass Israel einen Krieg gegen die Hamas und andere Terrororganisationen im Nahen Osten nicht gewinnen kann, liegt auf der Hand. Dass die demografische Entwicklung in dieser Krisenregion gegen Israel spricht und eine international garantierte Zwei-Staaten-Lösung der einzige Weg ist, dort halbwegs stabile Verhältnisse zu schaffen, müsste allen Kriegstreibern klar sein. Aber die Stimme der Vernunft findet derzeit kein Gehör! Es ist zum Verzweifeln. 

Anstand lohnt sich immer

Johannes Hegemann und Liv Lisa Fries im Film „Alles Liebe, Eure Hilde“ von Andreas Dresen © Frederic Bartier / Pandora Film

Ein bisschen Glück schadet nie bei der Berlinale. Wir konnten beim morgendlichen Booking am Rechner fast alle Filme bekommen, die wir sehen wollten, und haben nur einen echten Flop erlebt. Eine gute Bilanz für einen wieder einmal sehr durchwachsenen Wettbewerb, bei dem man sich immer wieder fragen muss, was dort Filme wie die verquaste Lovestory “Black Tea” zu suchen haben. Andererseits gab es Weltpremieren, etwa “Andrea lässt sich scheiden” von und mit Josef Hader, die in der Sektion Panorama liefen. Vielleicht schafft es Tricia Tuttle, die neue Intendantin der Berlinale, im nächsten Jahr, die Qualität des Wettbewerbs zu erhöhen und die Reihen klarer zu positionieren. “Encounters”, das Lieblingsprojekt des scheidenden künstlerischen Leiters Carlo Chatrian wird es dann hoffentlich nicht mehr geben. Bei ihrem ersten Auftritt in Berlin machte Tricia Tuttle, die zuvor das BFI London Film Festival geleitet hat, einen sehr guten Eindruck. Die Berlinale braucht dringend frische Ideen & Impulse. 

Dabei waren im Wettbewerb heuer durchaus hervorragende Filme vertreten, etwa “Sterben” (183’) von Matthias Glasner, mit Corinna Harfouch und Lars Eidinger prominent besetzt. Gleichfalls in Erinnerung bleiben “My Favourite Cake”, Glück und Leid einer kurzen Liebe im Alter, von Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha, das berührende Coming-of-Age zweier junger Frauen in “Langue Étrangère” oder der dänisch-schwedische Beitrag “Vogter”, eine dichte, packende Täter-Opfer Geschichte in einem Gefängnis. Vielleicht gewinnt aber Andreas Dresen mit “In Liebe, Eure Hilde” den Goldenen Bären 2024, der das historisch verbürgte Leben der jungen Hilde Coppi (Liv Lisa Fries) erzählt, die durch ihren Freund im Widerstand gegen die Nazis aktiv wird – und wie alle anderen der jungen Idealisten unter dem Schafott endet. Dresen hat den Stoff bewusst enthistorisiert und verzichtet auf Genre-Klischees. 

“Anstand lohnt sich immer”, sagt Drehbuchautorin Leila Stieler anschließend auf der Pressekonferenz. Ein Satz, der nachhallt und dem sich jede:r in Zeiten wie diesen stellen muss. Am 24. Februar vor zwei Jahren begann der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und setzte bei uns jede Menge Realitätsschocks in Gang. Inzwischen lässt sich nicht mehr ausschließen, dass die ausgepowerte Ukraine den Krieg verliert. Dann steht der nächste Realitätsschock bevor, wenn der Diktator Putin das Baltikum angreift und damit die NATO. Am 25.02.2022 notierte ich an dieser Stelle: “Gerade hat der russische Außenminister Sergej Lawrow der ukrainischen Regierung die demokratische Legitimation abgesprochen. Zynischer geht’s nicht. Nicht auszudenken, wenn der amerikanische Präsident noch Donald Trump hieße…” Es ist leider nicht auszuschließen, dass der nächste amerikanische Präsident wieder Donald Trump heißt, allen Anklagen & Prozessen zum Trotz. Zur nächsten Berlinale wissen wir mehr. Schlimmer geht’s leider immer. 

Glanz ohne Gloria

Ein Coup der Berlinale 2024: die Jurypräsidentin Lupita Nyong’o. © Nick Barose

Und täglich grüßt das Murmeltier. Morgens auf der Homepage der Berlinale anmelden, dann geht’s weiter in den Warteraum für Akkreditierte; ab 7.30h können wir Tickets buchen. Jedes Jahr vergesse ich wieder, dass es zwei unterschiedliche Accounts gibt: einen für die Startseite und einen für die Karten. Und vor jeder Berlinale ist mir noch entfallen, dass es bei jeder neuen Ausgabe des erfolgreichsten Publikumsfestival der Welt einen Erst-Login mit noch mal anderen Anmeldedaten gibt. Wie schaffen das eigentlich die vielen Journalist:innen aus aller Welt? 2023 waren bei der Eröffnung der Berlinale die Klimaaktivist:inen am Werk, dieses Mal war die (späte) Ausladung einiger AfD-Politiker:innen der große Aufreger vor dem Festival. Es gab sogar Gerüchte, dass die Jurypräsidentin Lupita Nyong’o ihr Amt niedergelegt hätte, hätten Carlo Chatrian, der Künstlerische Leiter der Berlinale, und Mariëtte Rissenbeek (Geschäftsführung) die Rechtsradikalen nicht wieder ausgeladen. 

Mit der Verpflichtung des Oscarpreisträgerin (2014 für ihre Nebenrolle in “12 Years a Slave”) ist dem Leitungsduo bei ihrer nun letzten Berlinale ein Coup gelungen. Die Kenianerin “Nyong’o ist die Botschafterin für ein anderes Kino, für andere Geschichten. Und für ein neues weibliches, kosmopolitisches Selbstbewusstsein. Ihre Auftritte – ob bei den Oscars oder auf der Met-Gala – sind farbenfrohe Fashion Statements, sie bringt jeden roten Teppich zum Leuchten”, jubelt Andreas Busche (Tagesspiegel, 15.02.24). Nach der Euphorie kommt die Ernüchterung. Der Eröffnungsfilm kann zwar mit einem Weltstar punkten, reiht sich aber ein in die lange Reihe allenfalls durchschnittlicher Produktionen im Berlinale Wettbewerb. Cillian Murphy spielte die Hauptrolle in “Oppenheimer” und gibt in “Small Things like these” einen melancholischen Kohlenhändler, der seine Familie im Irland der 80er Jahre mehr schlecht als recht durchbringt. Er beliefert auch eine Einrichtung der Katholischen Kirche, die sog. Magdalenen-Wäscherei. 

Bis in die 90er Jahre wurden dort gefallene junge Frauen weggesperrt und schikaniert, vorgeblich um sie auf den Weg der Tugend zu führen. Von der unheilvollen Rolle der Katholischen Kirche erfährt man in Tim Mielants’ elegischem Film aber viel zu wenig. Im Abspann wird nur knapp darauf hingewiesen, dass über 30.000 junge Frauen bis in die 90er Jahre in Mariannen-Wäschereien ihr Leben fristeten. Hatte Mielants nicht die Courage, diesen Skandal in einem Film zu erzählen, oder einfach nicht die dramaturgischen Möglichkeiten? Diese Fragen gehen uns auch nach “La Cocina” durch den Kopf. Im Mikrokosmos einer Restaurant-Küche in New York bündeln sich viele Konflikte. Alle hängen noch dem American Dream nach und wissen doch, dass sie keine Chance haben. Alonso Ruizpalacios Film hat ganz starke Szenen und verliert dann wieder seine dramaturgische Linie. “La Cocina” dauert manchmal sehr lange 139 Minuten. Weniger wäre mehr gewesen. 

Film & Politik

Emma Stone als Bella in „Poor Things“. Photo by Yorgos Lanthimos, Courtesy of Searchlight Pictures. © 2023 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

Mit der Berlinale 2024 geht die Ära von Carlo Chatrian (Künstlerischer Leiter) und Mariëtte Rissenbeek (Geschäftsführung) zu Ende, die von Beginn an unter keinem guten Stern stand. Sie starteten mit Corona, dann sprangen reihenweise Sponsoren ab, die staatlichen Mittel wurden zusammengestrichen, Kinos machten dicht, andere Spielstätten waren wegen Renovierung geschlossen. Mit einem Politikum geht ihre Zeit in Berlin nun zu Ende. Auf ihrer Seite verkündete die Berlinale einen Rückzieher; der Druck aus der Branche war offensichtlich zu stark geworden. “Gerade auch angesichts der Enthüllungen, die es in den vergangenen Wochen zu explizit antidemokratischen Positionen und einzelnen Politiker*innen der AfD gab, ist es für uns – als Berlinale und als Team – wichtig, unmissverständlich Stellung zu beziehen für eine offene Demokratie. Wir haben daher heute alle zuvor eingeladenen AfD-Politiker*innen schriftlich ausgeladen und sie darüber informiert, dass sie auf der Berlinale nicht willkommen sind“, schreibt das Leitungsduo der Berlinale (08.02.24) Das sind ehrenwerte und nachvollziehbare Motive, zumal sich das größte Publikumsfestival der Welt immer schon politisch verstanden hat. 

Der Medienhype spielt indes der AfD in die Hände und wird von den Rechtsradikalen weidlich für ihre Propaganda ausgeschlachtet – die sog. Systemparteien würden die AfD ausschließen. Die publikumswirksame Aktion läuft damit Gefahr, über kurz oder lang nach hinten loszugehen. “Die Ausladung der fünf AfD-Politiker könnte”, befindet David Steinitz in der SZ, “Wasser auf die Mühlen der Kultur- und Diversitätsfeinde sein, die sich in all ihren Vorurteilen gegenüber der Berlinale und des Berliner Polit- und Kulturbetriebs nur zu gerne bestätigen lassen. Weniger Aufmerksamkeit und Publicity hätte die AfD – mal wieder – vermutlich ohne diese Ausladung bekommen.” (09.02.24) 

Das Programm der Berlinale 2024 liest sich jedenfalls vielversprechend, wenn auch die großen Filme in Cannes oder Venedig ihre Premieren feiern. “Poor Things”, ein neues Meisterwerk von Yorgos Lanthimos, hätte der Berlinale gut zu Gesicht gestanden. Die Uraufführung fand aber am Lido statt, und bis dato hat der Film schon einige Preise eingeheimst. Für die Oscars, die Anfang März verliehen werden, gibt es 11 Nominierungen, natürlich auch für Emma Stone. “Lanthimos’ schwarzromantische Sexhorrormär”, befindet Horst E. Wegener, “folgt dem Roman des Schotten Alasdair Gray, der wiederum als feministische Überarbeitung des Frankenstein-Themas von Mary Shelley bei der Kritik gefeiert wurde. Die filmische Adaption, ein visuell surreal-wuchtiger Trip, bekam im Vorjahr in Venedig den Goldenen Löwen zugesprochen – und beschert Emma Stone für ihre unerschrockene Performance die Rolle ihres Lebens.” (FRIZZ Das Magazin für Frankfurt 01/24) “Poor Things” (141 Min.) hat bis jetzt in Deutschland fast 300.000 Besucher:innen angezogen. Immerhin. 

Ums Ganze

Deadly Games beim 20. OVAG-Varieté in Bad Nauheim. © Anne Naumann

Aufregend ist der Abend schon vor dem Internationalen OVAG-Varieté, das heuer sein 20. Jubiläum feiert. Ich sitze in einer Regionalbahn und muss in Hanau umsteigen. Kurz nach dem Start kommen wir schon wieder zum Halten, weil wir schnellere Züge vorbeifahren lassen müssen. Das tägliche Pendlerschicksal. Würde ich den Anschluss in Hanau verpassen, käme ich zu spät zur Show in Bad Nauheim. Aber ich habe Glück, der Anschlusszug steht am Nachbargleis und zuckelt dann irgendwann los. Die künstlerische Leitung des OVAG-Varietés – Andreas Matlé und Anne Naumann – hat im Jubiläumsjahr ein besonders feines Programm zusammengestellt, das über drei Stunden dauert. Mehr als 34.000 Tickets wurden verkauft – wieder ein neuer Rekord. Ein Coup ist ihnen mit der Verpflichtung von Simone Stiers als Conférencière gelungen. Unter ihrem Künstlernamen Simone Sauberland ist sie der Megastar in deutschen Kinderzimmern und verkauft in Deutschland mehr CD’s als Helene Fischer. 

Angenehm knapp hält sie ihre Ansagen und überzeugt auch als Sängerin. Besonders beeindrucken mich Jay Niemi & Jade Devine. Eben noch verschwand die frühere Star-Tänzerin des Moulin Rouge in einer Box, im nächsten Moment ist sie leer. Wie geht dem? Das möchte ich zu gerne wissen und bin gleichzeitig froh, den Trick nicht zu durchschauen – und mich verzaubern zu lassen. Ums Ganze geht es dann bei den “Deadly Games”. Der Brasilianer Alfredo wirft mit Messern auf seine polnische Partnerin Aleksandra; krachend schlagen sie in eine Holzwand. Damit nicht genug greift der Meister zum Bogen; die Pfeile landen knapp neben der “Frau ohne Nerven”. Doch die beiden treiben es noch toller. Alfredo schießt mit einem schwarzen Beutel über dem Kopf, navigiert von seiner Partnerin. Zum Finale steht er mit dem Rücken zu ihr und kontrolliert sein Ziel per Handy. Dem Publikum stockt der Atem, obwohl der Zielpunkt neben Aleksandra per Laserstrahl fixiert wird. Der Vorverkauf für 2025 läuft, die Erfolgsgeschichte des OVAG-Varietés geht weiter. 

Unterbrechungen vom anstrengenden & bedrückenden Alltag müssen sein. Am 24. Februar jährt sich der russische Überfall auf die Ukraine zum zweiten Mal, im Gazastreifen zeichnet sich keine Lösung ab, in Deutschland geht die Wirtschaftsleistung zurück, Streiks, leere Kassen – eine Lage, die Parteien mit einfachen Lösungen die Wähler:innen zutreiben. Dass ein Verfahren, das die Verfassungsfeindlichkeit der AfD überprüfen soll, Jahre dauern wird, ist nicht nachvollziehbar. Zwar gehen Hunderttausende gegen die Rechtspopulisten jede Woche auf die Straße, zwar hat Christian Herrgott (CDU) die Landratswahl gegen den AfD-Kandidaten in Ost-Thüringen gewonnen, zwar hat diese Partei im letzten ARD-DeutschlandTrend etwas an Zustimmung verloren – aber die Demokratie ist in Deutschland weiter in größter Gefahr, und nicht nur dort. Inzwischen formieren sich hierzulande auch die Linkspopulisten. Das BSW (Bündnis Sahra Wagenknecht), könnte aktuell mit 5% rechnen. Diese Partei ist gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und für das Ende des Energieembargos gegen Russland. Zar Putin lacht sich ins Fäustchen. 

Reiseglück

Lok a.D. auf der Insel Langeoog. © Karl Grünkopf

Wer viel mit der Deutschen Bahn unterwegs ist, weiß es sehr wohl zu schätzen, pünktlich und ohne Probleme ans Ziel zu kommen. Einen Ersatzfahrplan während eines Streiks habe ich bisher noch nie genutzt. Immer wieder schaue ich auf die App, ob der ICE wirklich fahren soll. Am Vortag meiner Fahrt von Hannover nach Berlin war der Zug ausgebucht, und mir schwante nichts Gutes. Was würde passieren, wenn er hoffnungslos überfüllt wäre oder gar nicht erst startet. Angeblich passiert das bei Normalbetrieb im Schnitt sechsmal pro Tag. Wenn nicht genug Fahrgäste von sich aus wieder aussteigen, räumt die Bundespolizei kurzerhand den Zug. Auf dieses Erlebnis muss ich noch ein bisschen warten. Der ICE kam pünktlich in Hannover an, erreichte das Ziel vor der Zeit und war nur durchschnittlich besetzt. Die meisten Kund:innen des Staatskonzerns trauten dem Ersatzfahrplan nicht. Bis Montagabend wird der längste Streik der Gewerkschaft der Lokomotivführer noch dauern und einen volkswirtschaftlichen Schaden von 1 Milliarde Euro anrichten. 

Dagegen nehmen sich die Boni des Konzernvorstands für lächerliche Ziele geradezu läppisch aus. Dass diese Sonderzahlungen vom Aufsichtsrat genehmigt wurden, in dem auch Arbeitnehmervertreter sitzen, verschweigt Claus Weselsky, der Chef der Spartengewerkschaft mit gerade einmal 40.000 Mitgliedern, natürlich geflissentlich. Die gemütliche Inselbahn auf Langeoog zwischen Hafen und Ortskern gehört nicht zur Deutschen Bahn, fuhr aber an einem Tag trotzdem nicht. Wegen eines Sturmtiefs musste der Schiffsverkehr eingestellt werden; das Leben auf der autofreien Insel schien noch gemächlicher zu verlaufen. Im ruhigen Gleichmaß der Tage – zum Glück außerhalb der Saison – fügen wir uns in den Rhythmus der Insel. Die meisten Restaurants machen Winterpause; die wenigen geöffneten bieten abends warme Küche allenfalls bis 19 Uhr. 

Trotz Internet sind wir der verrückten Welt ein gutes Stück entrückt. In Hamburg haben uns die Kinder eines Cousins noch Geschichten aus dem ganz normalen Wahnsinn an deutschen Gymnasien erzählt. Mathe unterrichtet ein Student, der nur Teile seines Fachs beherrscht, die Lateinlehrerin sucht Vokabeln bei Google, und der schräge Comedian von der Kneipe gegenüber versucht seine Fähigkeiten im Stand Up zu vermitteln. Besser irgendein Angebot ohne pädagogische Minimalkenntnisse als gar kein Unterricht scheint die Devise zu sein, nicht bloß in Hamburg. Da kommt das überraschende Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wie gerufen. 2035 droht demnach eine Lehrerschwemme an deutschen Grundschulen. Eine andere aktuelle Untersuchung dürfte dagegen niemanden überraschen: Wie in der Katholischen gibt es auch in der Evangelischen Kirche sexualisierte Gewalt. Hier wie dort wird die Aufklärung hintertrieben und behindert. Beide Kirchen haben in den letzten Jahren Millionen Mitglieder verloren. So schaffen sich diese Glaubensgemeinschaften selbst ab.