Sicherheit ist nirgends

„Das Ereignis“ mit der eindrucksvollen Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei ist eine kongeniale Verfilmung der literarischen Vorlage von Annie Ernaux. © Prokino

Schöne neue Welt. Wir freuen uns über den Literaturnobelpreis für die Französin Annie Ernaux, stöbern bei Prime Video von Amazon – und finden dort „Das Ereignis“, eine kongeniale Adaption ihres Werkes aus dem Jahr 2000. Der Film von Audrey Diwan mit der grandiosen Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei wurde im letzten Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet; im Wettbewerb der Berlinale sind Beiträge von solcher Wucht und Qualität leider nicht mehr zu erleben. Von einem Moment auf den anderen ändert sich das Leben einer jungen Frau. Sie ist ungewollt schwanger; auf Abtreibung steht in Frankreich 1963 eine Gefängnisstrafe. Diese Lage schildert Annie Ernaux in ihrer autofiktionalen Verdichtung auf 104 Seiten. Trotz ihrer Sympathie für den BDS interessiert mich diese Autorin. In einer nahe gelegenen Buchhandlung bekomme ich das letzte vorrätige Buch von Annie Ernaux und lese den schmalen Band „Das andere Mädchen“ in einem Rutsch.

Die Erfahrung, dass plötzlich alles ganz anders ist, machen wir derzeit alle. Eine glühende Wagner-Verehrerin musste während der Premiere der „Götterdämmerung“ wegen aufflammenden Fiebers fluchtartig die Berliner Staatsoper verlassen, meine Yoga-Stunde fiel wegen Corona aus, einen Geschäftspartner hat es erwischt – die Pandemie ist mit einer neuen Virus-Variante zurück, die Zahlen steigen rasant. Nun ist die Redakteurin dieser Zeilen positiv. Unsere Hausarztpraxis ist wegen Krankheit geschlossen, aber PCR-Tests werden ohnehin nicht mehr kostenlos gemacht, d.h. die in der Corona-Warn-App angezeigten Werte dürften deutlich höher liegen. Was tun? Ruhe bewahren und Masken tragen im öffentlichen Raum. Das machen wir schon immer, und unsere Freundin, die es ziemlich erwischt hat, hat sich vorgenommen: „Ich werde NIE wieder ohne FFP2 Maske irgendwo hin gehen. Vier Mal geimpft, ich dachte, ich bin auf der sicheren Seite. Ich schäme mich wirklich.“

Wenn es doch „nur“ die Pandemie wäre? Wohin man schaut, es türmen sich die Probleme. Der Ukrainekrieg dauert nun fast schon acht Monate, es kommen mehr Flüchtlinge nach Deutschland als 2015/2016, die Wirtschafts- und Energiekrise wird eine Sozialkrise auslösen, die Inflation ist da, die Rezession kommt, gleichzeitig werden händeringend Fachkräfte gesucht, und es werden zu wenig Wohnungen gebaut. Was denn noch? Durch die Wahl in Niedersachsen gerät die Ampel noch weiter unter Druck. Es passt noch weniger zusammen, als es beim Start vor einem Jahr zusammengepasst hat. In den Worten der Süddeutschen Zeitung: „Als FDP-Chef Christian Lindner nun seine Treue zur Koalition mit ’staatspolitischer Verantwortung‘ begründete, da dachte man an Eheleute, die es nur der Kinder wegen miteinander aushalten.“ (10.10.22) Zumindest scheint es eine Zukunft für das Neun-Euro-Ticket zu geben. Das brachte zwar ökologisch fast nichts, ist sozial unausgewogen, hat aber die Mobilität im bundesweiten Tarifdschungel des ÖPNV vereinfacht. Wenigstens das ist sicher.

Passion eines Dorfes

Die Geschichte ist bekannt und berührt immer wieder: Kreuzabnahme bei den Passionsspielen in Oberammergau © Birgit Gudjonsdottir

Wie vom Navi geplant, treffen wir pünktlich in Oberammergau ein. Wie von der Wetter-App angekündigt, beginnt es ebenso pünktlich zu regnen. Alles ist in dem kleinen bayerischen Dorf mit 5.400 Einwohner:innen bestens organisiert. Der Transfer im vollen Bus vom Parkplatz in den Ort klappt reibungslos. Im Dauerregen durch die Menschenmengen zum Festspielhaus. Bei der Einlasskontrolle werde ich mit meinem Stockschirm, den ich mir im Hotel geliehen hatte, zurückgewiesen und muss ihn in einem Gepäck-Container deponieren. Wir drängen uns unter dem kurzen Dach vor unserem Eingang – und sind endlich drin in der riesigen Halle, die über 4.500 Plätze bietet. Natürlich gibt es die üblichen Probleme bei Großveranstaltungen – die Frauen stehen in langen Reihen vor der Toilette. Eine scheint es besonders eilig zu haben, sie entert das Männerabteil mit dem Ruf „Ist eine Kabine frei?“ und gelobt „Ich gucke nicht, ich gucke nicht.“ Vorsorge aber ist in Oberammergau unbedingt von Nöten. Das Passionsspiel dauert fünf lange Stunden mit einer dreistündigen Pause nach der Hälfte der Zeit.

Wir sitzen hervorragend in der Mitte einer endlos langen Reihe auf Stühlen mit einem kleinen Polster. Trotzdem haben wir Decken & Kissen dabei und sind ansonsten ausgerüstet wie für eine winterliche Expedition. Ich stoße mit den Knien an den Vordersitz und fühle mich wie fixiert – das wird eine lange Passion. Ein frischer Wind ist zu spüren, denn hinter der Bühne ist es offen, wahrscheinlich um die vielen Mitwirkenden und die Tiere einzulassen. Die Atmosphäre ist einmalig, und längst sind die Passionsspiele eine weltweite Marke. Neben uns sitzt eine Familie, die eigens aus Hawaii angereist ist und – man höre & staune – das Münchner Oktoberfest nicht kennt. Die Aufführung, die einst 8 Stunden dauerte, ist ein Gesamtkunstwerk der ganz besonderen Art. Erwachsene dürfen nur mitmachen, wenn sie seit mindestens zwanzig Jahren in Oberammergau leben. Um so erstaunlicher, dass die Schauspieler:innen, die Sänger:innen, das Orchester und der Chor tatsächlich aus dem Dorf kommen und beileibe nicht wie eine Laienspielschar agieren.

Wir rätseln bei einer deftigen Mahlzeit im Wirtshaus, ob es eine spezielle Oberammergau-DNA gibt; es ist schier nicht nachvollziehbar, dass ein kleines Dorf solch ein kreatives Potenzial besitzt. Immerhin werden die Passionsspiele seit 1680 alle 10 Jahre aufgeführt, immerhin begeistert sich ein ganzer Ort für diese gemeinsame Sache. Viele stellen ihre Job- und Urlaubsplanung darauf ab und sind mächtig stolz, dabei sein zu dürfen. Fast ein Viertel der Einwohner:innen von Oberammergau war heuer bei den über 100 Veranstaltungen aktiv, die fast eine halbe Million Menschen aus aller Welt anzogen. Herausheben aus diesem Gesamtkunstwerk muss man Christian Stückl (61), der als Spielleiter seit 1986 im Amt ist und in seiner Zeit viele Neuerungen durchsetzen konnte. Die Faszination der Passionsspiele in Oberammergau, deren Gewinn bei der Gemeinde bleibt, ist ungebrochen; und wir waren nicht die einzigen, die heuer zum ersten Mal kamen. Liegt es daran, dass unsere Zukunft ungewisser denn je ist? „Erstmals wurde das Passionsspiel 1634 als Einlösung eines Gelübdes  nach der überstandenen Pest aufgeführt.“ (Wikipedia) Die Corona-Warn-App signalisierte nach dem Besuch in Oberammergau eine Begegnung mit erhöhtem Risiko. Schon geht die Rede von einer neuen Herbstwelle.

Lebendig ist, wer wach bleibt

Élise (Marion Barbeau) in dem so schönen wie wahren Film „Das Leben ein Tanz“ von Cédric Klapisch. © Studiocanal GmbH / Emmanuelle Jacobson-Roques

Es ist wie immer bei einer Premiere der Komischen Oper Berlin, und doch ist dieses Mal alles ganz anders. Das Publikum strömt ins Haus, schnappt sich eine aufwändig gestaltete Saisonbroschüre und sucht seine Plätze. Die neue Doppelintendanz Susanne Moser und Philip Bröking – beide schon lange am Haus – eröffnen ihre erste Spielzeit mit einem Paukenschlag: „Intolleranza 1960“ von Luigi Nono. Das ganze Haus wurde für die sechs Aufführungen umgebaut. Wo sonst die Zuschauer:innen sitzen, ist jetzt eine weiße Landschaft, in die wir uns mit weißen Umhängen wie beim Barbier einfügen (Regie: Marco Stormann). Das Orchester sitzt oben im Rang, der phantastische Chor ist mitten im Geschehen. „Nono nimmt in Intolleranza 1960 Bezug auf gesellschafts- und ökopolitische Katastrophen seiner Zeit“, lesen wir im informativen Programmheft und werden doch nur von der Zwölfton-Musik mit ganz viel Schlagzeug und vor allem von Sean Panikkar (ein Flüchtling) und Gloria Rehm (seine Gefährtin) gebannt.

Die Inszenierung verliert sich im weißen Raum, findet für die Textvorlagen keine starken Bilder; zudem wird „Intolleranza 1960“ mittendrin angehalten – Ilse Ritter trägt einen politisch korrekten Text von Carolin Emcke vor. „Das ist ja wie bei der documenta“, zischelt es treffend. Das sollte sich mal jemand bei einer Wagner-Oper trauen! Dennoch Standing Ovations für einen mutigen Auftakt in der Komischen Oper. Die hätte auch der grandiose Film „Das Leben ein Tanz“ verdient. Cédric Klapisch erzählt die Geschichte einer klassischen Balletttänzerin, die sich nach einem Sturz in ein neues Leben kämpft. Marion Barbeau, eine professionelle Tänzerin, spielt Élise so authentisch, als würde sie wie alle anderen gar nicht spielen, sondern leben. En passant wird der Unterschied zwischen dem klassischen Ballett, das schwerelos zum Himmel strebt, und dem Modern Dance deutlich, dessen Bodenhaftung den Menschen nimmt, wie er ist. Geleitet wird die Kompanie im Film vom israelischen Choreographen Hofesh Shechter. Er macht Élise Mut. Durch ihn, eine neue Liebe und eine weise Ratgeberin findet sie zurück: in ihr Leben als Tänzerin.

Ganz beseelt verlassen wir das Kiez-Kino, das noch nummerierte Eintrittskarten von der Rolle verkauft und unseren Besuch mit 2 Stempeln auf einer Bonuskarte belohnt. Diese kleinen Häuser mit langer Tradition und dem Charme einer besseren Zeit stemmen sich gegen den Trend. „2021 generierten in Deutschland zehn Titel 56 Prozent aller Kinoeinnahmen.“ (Tagesspiegel, 24.09.22). Der Strukturwandel und die drastischen Umsatzrückgänge infolge der Pandemie treffen die kleinen Häuser besonders hart. Sie haben keine Rücklagen, um höhere Energiekosten und eine Rezession zu überstehen. Hier steht nicht bloß ein Geschäftsmodell zur Disposition, hier droht eine ganze Kultur unterzugehen. Was das bedeutet, haben wir bei unserem Besuch in Los Angeles vor vier Jahren erlebt. „Lebendig ist, wer wach bleibt“, schrieb der Dichter Angelo Maria Ripellino und inspirierte Luigi Nono zu seinem ersten Musiktheaterwerk. Lebendig bleibt, wer ins Kino geht.

Freedom

Der Krieg in der Ukraine geht in eine neue Phase – Ausgang weiterhin ungewiss. © Brigitte Werner auf Pixabay

Was für ein furioser Abschluss des Musikfests Berlin! Die BigBand der Deutschen Oper spielte Charles Mingus‘ spektakuläre, über zwei Stunden dauernde Suite „Epitaph“, um die sich manche Geschichten & Mythen ranken. Zu Lebzeiten des genialen Bassisten & Komponisten wurde das Werk nicht mehr aufgeführt. Nach einer öffentlichen Generalprobe im Jahr 1962 – später als „Town Hall Concert“ veröffentlicht – kam es zu Tumulten, und Mingus warf seine unvollendete Arbeit in die Ecke. Unter der Federführung von Gunther Schuller wurde Epitaph erst wieder 1989 aufgeführt – zehn Jahre nach Mingus‘ Tod. Mit dabei war damals der Trompeter Randy Brecker, den das Publikum jetzt in der Philharmonie bejubelt. Die um Musiker:innen des Jazz-Instituts Berlin verstärkte BigBand unter der Leitung von Titus Engel kommt immer besser ins Spiel und findet jenen unverwechselbaren Mingus-Sound. Standing Ovations für ein Sonderkonzert der Extraklasse. Es ist wie früher, als in dieser Konzerthalle noch die Berliner Jazztage stattfanden.

Im zweiten Teil der Suite gibt es das Stück „Freedom“, das mit den Worten schließt – „but no freedom for me“. Freiheit wünscht Mingus allen und weiß doch, dass es für ihn keine geben wird. „Charles Mingus junior war wie sein Vater relativ hellhäutig und sollte später als ‚Mischling‘ besonders sensibel auf die bis in die 1960er Jahre virulenten Rassenkonflikte reagieren.“ (Wikipedia) Diesen tiefen Pessimismus teilt er mit dem italienischen Komponisten Luigi Dallapiccola (1904 – 1975), der die Erzählung „Die Marter der Hoffnung“ von Auguste de Villiers de L’Isle-Adam als Vorlage zu seiner 45-minütigen, selten gespielten Oper „Der Gefangene“ nutzte, die weniger musikalisch als philosophisch beeindruckt und ebenfalls im Rahmen des Musikfests Berlin aufgeführt wurde. Selbst die Hoffnung eines Häftlings wird als sublimes Instrument der Folter genutzt – es gibt kein Entrinnen nirgends. Das Werk Dallapiccolas entstand im Banne der Gräueltaten des deutschen und italienischen Faschismus. Man muss seine negative Anthropologie nicht teilen, aber im Lichte des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine ist seine Dystopie nicht so einfach abzutun.

Mit der Teilmobilisierung russischer Reservisten und den sog. Volksabstimmungen in den besetzten Gebieten der Ukraine geht der Krieg in eine neue Phase – Ausgang weiterhin ungewiss. Das mag ein „Akt der Verzweiflung“ (Olaf Scholz) von Präsident Putin sein, macht die Situation aber um so unberechenbarer. Wie fest sitzt Putin noch im Sattel? Was würde passieren, wenn er stürzt? Was würde er tun, um seinen Sturz zu verhindern? Es ist nicht ausgeschlossen, dass dann noch üblere Revanchisten die Macht übernehmen. Dass China, Indien und die Türkei inzwischen von Russland abzurücken scheinen und Verhandlungen anmahnen, macht dagegen Mut. Putin muss weiter isoliert werden; trotzdem müssen Gespräche mit ihm jederzeit möglich sein. Diese Doppelstrategie ist mit einem EU-Mitglied nicht denkbar. Wenn die Umfragen sich bestätigen, wird die 45-jährige Römerin Giorgia Meloni mit ihrer postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia die Wahlen am Sonntag gewinnen und könnte zur ersten Ministerpräsidentin werden. Che ne sarà dell’Italia?

Nosferatu

Das Grauen kommt nach Wismar. © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Die Vorhersage im Handy sieht gruselig aus – dunkle Wolken mit einer Regenwahrscheinlichkeit von 80% am Abend. Eigentlich das passende Wetter, um sich „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ anzuschauen. Der Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnau feiert 100. Geburtstag und wird im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern am Hafen von Wismar gezeigt. Live sollen das Michael Wollny Trio und Mitglieder des Norwegian Wood Ensembles zu den Bildern improvisieren. Ein spannendes Projekt, zu dem uns Freunde eingeladen haben. Der Veranstalter teilt mir lapidar mit: „Leider wird es keine Überdachung für das Publikum geben“. Auf nach Wismar also in dicken Anoraks mit Schirm, Schal und Mützen. Wir fahren mit dem Zug durch düstere Wolken, lassen aber den Mut nicht sinken. Während des Essens im „Pfau“ (sehr zu empfehlen) regnet es noch, doch als wir am Hafen ankommen, sind die Sitze zwar nass, aber die Luft bleibt trocken.

Das Konzert ist sehr gut besucht. Viele haben mit Kissen und Decken vorgesorgt, andere sind härter gesotten als wir. Ich stehe hinten in der Mitte vor dem Zelt mit der Technik und kann Film und Konzert gleichermaßen erleben. Die fabelhaft eingestimmten Musiker:innen verfolgen Murnaus Klassiker, der zum Teil in Wismar gedreht wurde, auf Monitoren und improvisieren dazu. Sie untermalen nicht den Film, sondern finden unerhörte Töne und Klänge. Es entsteht keine Programmmusik, diese kollektive Improvisation fasziniert mit den düsteren Bildern – aber auch ganz ohne. Wie der schier allgegenwärtige Michael Wollny, der Ende September mit diesem Trio ein neues Album veröffentlicht, das alles schafft, ist mir ein Rätsel. Nach dem Konzert in Wismar ging’s gleich wieder zur Wolfgang Haffner-Woche nach Elmau, drei Tage später eröffnete „der vollkommene Klaviermeister“ (FAZ) mit seiner Jazz-Residenz die Spielzeit der Alten Oper Frankfurt mit dem Projekt „Bau.Haus.Klang – Eine Harmonielehre“, das er vor drei Jahren zum Festival 100 Jahre Bauhaus in Berlin entwickelt hat.

Während des Konzerts in Wismar dachte ich an den Nosferatu unserer Tage, den russischen ‚Zaren‘ Wladimir Putin, dessen Überfall auf die Ukraine eine Spur des Grauens hinterlässt und alle & jeden in diesem Winter direkt treffen wird. Im Moment scheint sich das Blatt für die Ukraine zu wenden, einige Kommentatoren spekulieren schon über einen „möglichen Kipp-Punkt“ (Tagesspiegel) des Krieges; angeblich fordern Lokalpolitiker in Russland Putins Rücktritt. Die Lage ist unübersichtlicher denn je und wird sich durch ein selbstloses Opfer wie im Film nicht beenden lassen. Es ist nicht ausgemacht, dass mit einem Sturz Putins der Krieg in der Ukraine zu Ende ginge. Möglicherweise scheut Kanzler Olaf Scholz diese Konsequenz sogar und mauert bzw. merkelt bei der Lieferung von Marder-Panzern weiter. Ob dieser Attentismus klug oder feige ist, wird sich weisen. Es wird langsam frisch in Deutschland.

Absurdistan? Nein danke!

Am Golde hängt’s, zum Golde drängt’s: Quintessenz des Stummfilms „Der Schatz“ von Georg Wilhelm Pabst. © Junge Deutsche Philharmonie

Sinnigerweise endet die Goldrausch-Tour der Jungen Deutschen Philharmonie in einem ehemaligen Kino. Das Delphi in Berlin-Weißensee wurde 1929 erbaut und dient seit einigen Jahren als Veranstaltungsort. Der Saal ist gut besucht, das Publikum freut sich auf einen spannenden Abend. Wann kann man schon einen 99 Jahre alten Stummfilm in 5 Akten mit einer eigens dafür geschriebenen Filmsinfonie erleben. Das Orchester aus Frankfurt unter dem Dirigat von Frank Strobel spielt fabelhaft, mehr noch: ohne die Musik von Max Deutsch hätte „Der Schatz“ schnell seinen Reiz verloren. Und die Moral von der Geschichte? Die Goldgierigen kommen in den Trümmern ihres Hauses ums Leben, ein junges Paar schreitet hinaus in die Welt, ins Leben. Ohne Geld aber mit Zuversicht.

Diese Zuversicht, alles könnte sich zum Guten fügen, schwindet in unserer Zeit der Krisen mit jedem Tag. Wirtschaftspolitik ist bekanntlich zur Hälfte Psychologie. Nichts wirkt sich schädlicher aus als Maßnahmen, die kaum einer noch versteht. Regelbetrieb, Streckbetrieb oder Reservebetrieb eines Atomkraftwerkes. Noch Fragen? In einer Energiekrise, die zu einer Rezession ungeahnten Ausmaßes führen kann, müssen alle Maßnahmen nachvollziehbar, umsetzbar und fair sein. Das ist die Gasumlage mitnichten! Anstatt dass sich der Staat (wie 2020 bei Lufthansa, TUI oder Adidas) an den Gasimporteuren beteiligt, sind alle diejenigen gelackmeiert, die auf diesen fossilen Energieträger angewiesen sind. Dass dabei private und geschäftliche Existenzen auf dem Spiel stehen, scheint der noch beliebteste Politiker Deutschlands hinzunehmen. In der Talkshow „Maischberger“ muss er einen Blackout gehabt haben: „Ich kann mir vorstellen, dass bestimmte Branchen einfach erstmal aufhören zu produzieren.“ Habeck, der nach der Sendung jede Menge Hohn & Spott über sich ergehen lassen musste, nannte Blumenläden, Bioläden und Bäckereien: „Dann sind die nicht insolvent automatisch, aber sie hören vielleicht auf zu verkaufen.“ Stimmt, aber glaubt der „Minister Ahnungslos“ (Straubinger Tagblatt) ernsthaft, diese Geschäfte hätten nach Corona noch irgendwelche Rücklagen.

Was auf Robert Habeck, auf seinen Ministerkolleg:innen und dem Kanzler lastet, lässt sich kaum ermessen. Aber sie alle, die per Amtseid geschworen haben, Schaden vom deutschen Volk zu wenden, müssen sich fragen (lassen), ob sie auch wirklich alles dafür tun. Ist jede Frage zugelassen, auch die nach einer vorübergehenden Nutzung von Nord Stream 2. Könnte man damit nicht Putins Behauptung, es gebe „technische Probleme“ bei Nord Stream 1, entlarven? Denn früher oder später würde er auch bei Nord Stream 2 am Gashahn spielen. Noch weiter geht die schwedische Zeitung „Aftonbladet“ aus Stockholm: „Wenn jetzt Putins Gaskrieg ernsthaft beginnt, wird die Frage immer lauter gestellt werden, ob die Unterstützung für die Ukraine diesen Preis wert ist.“ (07.09.22) Sollte es dazu kommen, könnte aus einer Krise eine Staatskrise werden – mit unabsehbaren Folgen. Dagegen nimmt sich das Chaos in der Corona-Politik vergleichsweise harmlos aus, und der Kanzler lässt seinen verantwortlichen Minister Karl Lauterbach einfach so weiterwursteln. Dass niemand mehr durchblickt, könnte sich in diesem Herbst bitter rächen. Sie wird das nicht mehr erleben – The Queen is dead. Als Königin Elisabeth II. 1952 den Thron bestieg, hieß der erste Kanzler der jungen Bundesrepublik Deutschland Konrad Adenauer.

Haltet den Dieb!

Nichts bemerkt und um einen Verlust reicher. © Ralph auf Pixabay

Um die Mittagsstunde ist nicht viel los beim Supermarkt umme Ecke. Ich kaufe ein paar Kleinigkeiten und lasse mir an der Kasse noch Bargeld auszahlen. Ein paar Stunden später greife ich in meine Hosentasche – das Geld ist weg. Wie kann das sein? Habe ich das Geld herausgenommen und irgendwo hingelegt? Selbst den Biomüll inspiziere ich zweimal. Zum Glück sind einige gut verstaute Scheine und meine EC-Karte noch da. Zweifel. Hat die Kassiererin vielleicht vergessen, mir das Geld zu geben. Mit der Quittung in der Hand zurück in den Supermarkt. Der Marktleiter prüft den Vorgang – alles normal abgelaufen. Er verspricht mir, die Aufzeichnung der Überwachungskamera anzuschauen und die Situation zu prüfen; da darf ich (Datenschutz!) allerdings nicht dabei sein. Netterweise filmt er deshalb die entsprechende Szene mit seinem Handy ab. Und da sehe ich tatsächlich, wie die Kassiererin mir die beiden Scheine einhändigt und ich das Geld einstecke. Fall geklärt, Geld weg, Zweifel bleiben. Wie ist das passiert? Warum habe ich überhaupt nichts bemerkt? Chapeau, das muss ein Profi gewesen sein.

Der unbemerkte Diebstahl ist eine treffende Allegorie für den Zustand in deutschen Landen. Jeden Tag verlieren wir Geld und merken gar nicht, wie uns geschieht. Die Preise für fossile Energie gehen durch die Decke, die Inflation steuert auf 10%, in den dunklen & kalten Monaten droht eine Rezession, die viele Existenzen zerstören könnte. Was Wunder, dass die Zustimmung zur Arbeit der Regierung sinkt – laut ARD DeutschlandTrend ist nur noch ein Drittel der Befragten zufrieden. Dass den Menschen draußen im Lande das Hemd näher ist als die Hose, wurde in der Sendung „Wir müssen reden“ des RBB Fernsehens „Kampf um Schwedt – Russland-Sanktionen wichtiger als Arbeitsplätze?“ in dieser Woche deutlich. In einer nicht repräsentativen Umfrage sprach sich eine klare Mehrheit gegen Sanktionen und für Arbeitsplätze aus, obwohl man den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine verurteilt. Das ist natürlich ein Widerspruch, sollte den Politiker:innen aber sehr zu denken geben, die während der Live-Sendung versuchten, mit Argumenten der Stimmung in Schwedt zu begegnen.

Die Stadt in der Uckermark im Nordosten Deutschlands lebt von der PCK Raffinerie (Mehrheitsgesellschafter ist die russische Firma Rosneft); dort wird bis Ende des Jahres noch russisches Erdöl verarbeitet. Allenfalls die Hälfte kann kurzfristig kompensiert werden. Die Stimmung trübt sich insgesamt ein. Hatten wir vor vier Jahren in der „Bar jeder Vernunft“ noch eine sprühende Katherine Mehrling erlebt, so mischen sich in ihr neues, schlicht „Au Bar“ genanntes Programm viele nachdenkliche Töne. Sie freue sich, dass die Kultur wieder zurück sei, und hoffe so sehr, dass sich die Bühnen wieder füllen wie vor der Pandemie. Gut zweieinhalb Stunden, die wie im Fluge vergehen, spielen sie und ihre famose Band. „Gracias a la vida“ von Violetta Parra singt sie mitten im Publikum, „Non, je ne regrette rien“ (Edith Piaf) darf zum Abschluss eines umjubelten Konzerts nicht fehlen. Howgh!

Trip zur Kunst

Skulpturen aus menschlichen Knochen, Schädeln und Schrott zu dumpfen Schlägen in St. Kunigundis bei der documenta fifteen. © Karl Grünkopf

Um 5.45h klingelt der Wecker. Ein langer, sehr langer Tag beginnt. Wir fahren nach Kassel zur documenta fifteen und wollen abends wieder in Berlin sein. Natürlich reicht die Zeit nicht, um alles zu sehen; natürlich haben wir die erbitterten Auseinandersetzungen um antisemitische Tendenzen auf dieser documenta verfolgt. Wir wundern uns, dass der öde Friedrichsplatz nicht besser für diese Kunstaustellung genutzt wird und starten im Fridericianum. Dort herrscht eine entspannte Atmosphäre von nongkrong (indonesisch für „gemeinsam abhängen“). Wir schlendern durch Räume mit Mitmach-Angeboten, schauen liegend über uns einen Film, sehen die großformatigen Anklagen gegen die Verbrechen an den Aborigines von Richard Bell und seine ganz aktuellen Bilder. Von diesem Jahr ist „How to lounge a Book“ – ein Farbiger schleudert ein Buch in einen Fluss. Nicht bloß die vielen Gräueltaten der Weißen werden zu recht angeprangert, Rationalismus und Aufklärung fliegen gleich mit ins Wasser.

Wir streifen durch die Documentahalle – viele Exponate, die ihre eigene Deutung gleich mitliefern. Moralisch ist dagegen nichts einzuwenden, ästhetisch überzeugen eineindeutige Arbeiten nicht. Auf zur Treppenstraße, zur ersten Fußgängerzone in Deutschland. Wir wollen endlich etwas frühstücken. „Frühstück ist nur bis 12. Es muss ja weitergehen“, konterkariert der Kellner das internationale Flair im Kasseler Kunstsommer. Dann eben Omelette und Tomaten mit Mozzarella und weiter geht’s nach Bettenhausen. In St. Kunigundis werden spannende Arbeiten des Künstler:innen-Kollektivs Atis Rezistance gezeigt, das in Haiti Ghetto Biennalen veranstaltet. Je sparsamer die Skulpturen aus menschlichen Knochen, Schädeln und Schrott gestaltet sind, um so stärker beeindruckenden sie zu den dumpfen Schlägen eines Synthesizers, die regelmäßig durch die ehemalige Kirche schallen. Dagegen können die gut gemeinten Exponate im Hübner-Areal oder im Hallenbad-Ost ästhetisch nicht bestehen.

Die großformatigen Agitprop-Wandbilder des Künstler:innenkollektivs Taring Padi – ihr riesiges Wimmelbild auf dem Friedrichsplatz löste den ersten Antisemitismus-Skandal dieser documenta aus – dürften auch die Überwindung der Suharto-Diktatur vorangetrieben haben in Indonesien, dem Staat mit der viertgrößten Bevölkerung weltweit. Es war eine mutige und richtige Entscheidung, die documenta fifteen von ruangrupa kuratieren zu lassen, dem Globalen Süden eine prominente Plattform zu geben. Dass der Antisemitismus dort weit verbreitet und akzeptiert ist, muss der Findungskommission klar gewesen sein; an Warnungen hat es nicht gefehlt. Die bedeutende Kunstausstellung (noch bis 25. September) wurde keine „Antisemita“ (Der Spiegel), aber Antisemitismus im Namen der Kunstfreiheit zu tolerieren, sollte ausgeschlossen sein. Wir beschließen unsere Tour des Artes im WH22. In diesem Club hängt das plakative Gemälde „Guernica Gaza“ und insinuiert eine Kontinuität des Nationalsozialimus in Israel. Bereits 2019 hatte Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, auf die Konsequezen dieser Geschichtsklitterung in „Texte zur Kunst“ hingewiesen: „Israel steht symbolisch für all das, was man an der gesamten Welt kritisieren will: Es ist dann der rassistische, koloniale, nationalistische Staat schlechthin.“ Versöhnen statt spalten sollte das Motto dieser documenta sein – „lumbung“, eine gemeinschaftlich(!) genutzte Reisscheune. Ein kleiner vietnamesischer Garten im Hof des Clubs nimmt diese Idee auf. Vor den Toiletten im Keller steht an einer Wand: „Disrupt. Don’t compromise.“ Mit widersprüchlichen Eindrücken & Erkenntnissen endet der Trip zur Kunst weit nach Mitternacht. Wir kommen wieder.

Lage der Nation

Suchen einen neuen Rahmen für ihre Ehe: Tom (Chris O’Dowd) und Louise (Rosamund Pike) in der Fernsehserie „State of the Union“ © Confession TV Limited (2018)/Parisatag Hizadeh.

Krisen, wohin man schaut. Trotzdem geht das normale Leben weiter. Hemden zur Reinigung bringen, ein Kilo Körnerbrot für 7,50 € (!) kaufen, die nächste Ausgabe von FRIZZ Das Magazin produzieren und abends bei einer Serie entspannen. Wir schauen die erste Staffel der TV-Serie „State of the Union“ in der ARD-Mediathek – 10 Folgen à 10 Minuten. Ein wunderbares Format! Ein Paar in der Krise trifft sich vor der Therapiestunde immer in einer Kneipe. Wir nehmen nicht an den Sitzungen teil, sondern erleben ihre Beziehungsarbeit in den Gesprächen davor. Das Buch stammt von Nick Hornby, Regisseur ist Stephen Frears. Rosamund Pike und Chris O’Dowd spielen zurückhaltend eindringlich ein Paar in einer Midlife-Krise, die sozialen und politischen Verhältnisse in England schimmern am Rande durch. „State of the Union“ wurde 2018 gedreht, die zweite Staffel kam dieses Jahr heraus und ist auch in der ARD-Mediathek zu sehen.

Nur in den vollen Zügen der Deutschen Bahn und im ÖPNV sieht man, dass die Corona-Pandemie noch längst nicht zu Ende ist; vorsichtige Menschen streifen sich die Maske auch beim Einkauf oder auf Veranstaltungen über. Gleichwohl hält die Süddeutsche Zeitung schon jetzt eine „Chronik des angekündigten Chaos“ (11.08.22) fest und verweist auf inkonsistente Vorgaben & Regeln. Wir haben uns die 4. Impfung vor einem Monat geben lassen, nicht bei der Hausärztin, die sich an die Empfehlungen der STIKO hält. Inzwischen hat das wackere, ehrenamtlich besetzte Gremium, das immer zu spät kommt, eine Auffrischung für unsere Altersgruppe empfohlen. Damit hatte man in Israel bereits Ende Dezember begonnen. Das verstehe, wer will. Im Herbst wird es jedenfalls keine einheitlichen Corona-Regeln in Deutschland geben; dafür wieder das gewohnte föderale Durcheinander.

Auf Olaf Scholz kann man nicht setzen. Er macht von seiner Richtlinienkompetenz bis dato keinen Gebrauch und lässt die Minister:innen munter werkeln. Zudem hat der Kanzler selbst genug Probleme, und seine Performance beim Abbas-Besuch im Kanzleramt war eine blanke Katastrophe. Die Berliner Zeitung ließ jede Form von Respekt fahren. „Wir haben einen kommunikativen Volltrottel als Kanzler.“ Und wagt eine Prognose: „Er zeigt ein fatales Verhaltensmuster: Mal sagt er einfach ‚Nö‘, wenn er keine Lust hat, Fragen zu beantworten. Mal kann er sich nicht erinnern, mal schlaumeiert er herum, er könne Fragen aufklären, aber doch nicht vor irgendeiner popligen Öffentlichkeit. Das jüngste Versagen alarmiert. Geht das so weiter, wird Scholz als Kanzler inakzeptabel.“ (17.08.22) Energiekrise, Inflation, drohende Rezession, der Ukrainekrieg – die Koalition steht mächtig unter Druck und ist sich schon längst nicht mehr grün. Klare Führung wäre angesagt. Kanzler werden, war nicht (so) schwer, Kanzler sein dagegen sehr. Schiff ahoi!

Tatort Live

Morgens scheint die Welt noch in Ordnung: Blick vom Hotel Hasenjäger auf das idyllische Städtchen Einbeck. © Karl Grünkopf

Das Wetter hätte besser nicht sein können für unser Familientreffen in Einbeck, einer Gemeinde mit 30.000 Einwohnern in Südniedersachsen, die im geteilten Deutschland zum Zonenrandgebiet gehörte. Nach Tagen schwüler Hitze sind die Temperaturen angenehm. Wir schlendern nach dem Frühstück gemütlich in die Stadt, gehen den Mägdebrink hinunter, in dem die Großmutter fast ihr ganzes Leben lang gewohnt hat. Wie oft haben wir sie in all den Jahren besucht. Die Erinnerungen der Reisen verschwimmen; es gibt Erlebnisse, die ich nicht mehr fassen kann und die ich gleichwohl nie vergesse werde. Mit 3 Jahren zog ich mir die Kartoffeltasche über den Kopf und stürzte in den Keller hinab. Zum Glück kam ich mit einem Schrecken davon. Heute verhindert ein Zaun solche Dummheiten. Heute kommen mir die gut anderthalb Meter runter in den Keller nicht mehr so hoch vor. Die Perspektiven verschieben sich wie die Erinnerungen. Alles ist kleiner geworden. Natürlich erzähle ich von der Rußschlacht auf dem Kompost mit meinem Kinderfreund. Schwarz wie Kumpels nach der Schicht sollen wir vor den Müttern gestanden haben. Natürlich war damals keine Kamera zur Hand.

Das ist heute anders. Fast alle haben wir ein Smartphone dabei, checken alle paar Minuten unsere diversen Channels oder machen schnell mal ein Foto. Ich habe tausende Bilder auf meinem Handy, die ich mit einer Kamera nie gemacht hätte. Natürlich knipse ich das Uhrwerk in der Münsterkirche, in der ich einst getauft wurde, und halte noch schnell ein treffendes Gedicht von Andreas Gryphius fest. Danach muss es passiert sein! Kurze Zeit später stehen wir im Lottogeschäft entfernter Verwandter. Ich spiele nie, aber dieses Mal setze ich auf die Zahlen 1, 2, 3, 4, 5, 6. Ich krame in meinem Beutel nach dem Handy. Es ist nicht da. Noch einmal alles durchwühlen. Das Ding ist weg. Was tun? Ruhe bewahren und auf einen Digital Native hoffen. Erst einmal rennen wir zurück zur Münsterkirche, dann sagt mein Sohn, I-Phones könne man doch orten. Er aktiviert diese Funktion auf seinem Gerät. Nun fehlt noch die Zwei-Faktor-Authentifizierung. Wir rasen mit einem Taxi ins Hotel und geben den Code durch.

Der Sohn ortet das Handy rasch in einem Mehrfamilienhaus mit 12 Parteien. In der heißen Mittagssonne warten wir auf die Polizei; der Western „Zwölf Uhr mittags“ geht mir durch den Kopf. Derweil verfolgt die Familie das Geschehen online über unsere WhatsApp-Gruppe mit munteren Sprüchen: „Fangt den Dieb“, „Tatort live“. Nach gut einer Stunde kommen die Retter. Dann geht alles ganz schnell. Das Team klingelt bei irgend jemandem, die Haustür geht auf, gleichzeitig löst der Sohn auf meinem Handy einen Alarmton aus. Wir bleiben draußen, ich höre eine männliche Stimme: „Ich habe heute ein Handy gefunden.“ Später hätte er es abgeben wollen. Warum hat er nicht gleich den Verlust bei der Polizei gemeldet? Warum hat er nicht abgenommen? Immerhin hatte der Sohn achtmal angerufen. Wir lassen die Unschuldsvermutung gelten, treffen rechtzeitig zur Stadtführung auf dem wunderschönen Marktplatz ein und machen später noch das Einbecker Bierdiplom. Keine Ahnung, wie oft ich in meinem Leben in meiner Geburtsstadt gewesen bin. Dieses gelungene Familientreffen in Einbeck werde ich niemals vergessen. Ende gut, alles gut.