Full House

In sieben Wochen ist das zweite Weihnachten in Zeiten der Pandemie. Vielleicht bekommen die Deutschen bis zum Fest eine neue Regierung. © Deutscher Bundestag / Achim Melde

Kein volles Haus. Immerhin kommen in die 18-Uhr-Vorstellung doch einige Interessierte. „Die Unbeugsamen“ kam schon Ende August in die Kinos und erreichte in den ersten vier Wochen über 70.000 Zuschauer:innen – der erfolgreichste deutsche Dokumentarfilm seit Jahren! Erzählt wird der lange Weg der Frauen in den Deutschen Bundestag, in Ministerien und Ämter. Die ganze Spießigkeit der Bonner Republik wird deutlich, die joviale und herablassende Art, mit der Politikerinnen behandelt wurden. Torsten Körner montiert geschickt Archivmaterial mit aktuellen Interviews von Frauen, die damals dabei waren und auf ihre Anfänge zurückblicken. „Als Einzelne wirkt die Frau wie eine Blume im Parlament, aber in der Masse wie Unkraut“, brachte der CSU-Abgeordnete Michael Hollacher den Machismo jener Jahre auf den Punkt. Heutzutage würde ihm ein Shitstorm sondergleichen blühen. Gleichwohl sind die Frauen auch im frisch gewählten Deutschen Bundestag nur mit knapp 35% Prozent vertreten, also noch längst nicht am Ziel.

Im Moment müssen sich viele neue Abgeordnete beiderlei Geschlechts mit ganz anderen Problemen herumschlagen – es fehlt an Platz, es fehlt an Büros. Der 20. Deutsche Bundestag ist bunter & diverser als je zuvor, und er hat 736 Mitglieder. Nur der chinesische Volkskongress ist noch größer, aber dieses sog. Parlament kommt in voller Besetzung mit rund 3.000 Mitgliedern nur einmal im Jahr zusammen. Natürlich sind sich alle einig, dass unsere Volksvertretung viel zu groß ist, von den zusätzlichen Kosten – die Rede ist von knapp einer halben Milliarde Euro – ganz zu schweigen. Eine Reform des Wahlrechts mit einem neuen Zuschnitt der Wahlkreise befürworten alle Parteien, doch in zwei Legislaturen passierte nichts. Insbesondere die CSU mit ihren vielen Direktmandaten in Bayern hat diese Reform erfolgreich hintertrieben – es steht eben für Söder & Co. einiges auf dem Spiel. Ein Beispiel von vielen für den beklagten Reformstau in der Bundesrepublik. Hoffentlich beendet der nächste Bundestag die dysfunktionale Vergrößerung seiner selbst. Die Menschen ‚draußen im Lande‘ wären begeistert.

Diese Menschen staunten nicht schlecht, als der kommissarische Gesundheitsminister Jens Spahn heute in einem Interview im Inforadio erzählte, er habe sich gestern zum dritten Mal impfen lassen. Eine Booster-Impfung sei allen über 60-Jährigen anzuraten und all denjenigen, die AstraZeneca oder Johnson & Johnson bekommen hätten. Der wendige Politiker ist 41 Jahre alt und hat mit seinen voreiligen Statements schon häufiger verblüfft. Was soll ich jetzt machen? Ich habe meine zweite Impfung am 17. Juni erhalten, und mein Impfschutz ist laut Corona-Warn-App vollständig. Schnell noch einmal im Netz recherchiert – die STIKO empfiehlt eine Auffrischung für über 70-Jährige. Die Inzidenzen steigen, die Intensivstationen laufen voll, überwiegend mit nicht-geimpften Corona-Patienten. In einer solchen Lage wünscht man sich klare, abgestimmte und verlässliche Informationen und keine schnellen Statements. Vielleicht macht’s ja Karl Lauterbach besser. Der notorische Schwarzseher wird als neuer Gesundheitsminister gehandelt..

Zum Gelde drängt’s

Eine Welt 2.0 gibt es nur auf der Bühne. Nina Stemmle als Brünnhilde in ihrer letzten Arie bei der Premiere der „Götterdämmerung“, ehe die Welt versinkt. © Bernd Uhlig / Deutsche Oper Berlin

Die Welt ist aus den Fugen; das gilt natürlich auch für das Musiktheater. Die Neuinszenierung des „Ring des Nibelungen“ an der Deutschen Oper Berlin geriet völlig aus dem Tritt. Aus organisatorischen Gründen hatte der vierte Teil vor dem dritten Premiere – die „Götterdämmerung“ also vor dem „Siegfried“. Trotzdem ist das Interesse riesig. Das Haus ist ausverkauft, es gilt die 3-G-Regel; im Eingang ist sogar eine Teststation untergebracht. Aktualisierung und Ironie schadet bei den Bühnenweihspielen eines Richard Wagner nicht, dachte sich der norwegische Star-Regisseur Stefan Herheim. Aber sein Ansatz geht nicht schlüssig auf – mal wird das Foyer der Deutschen Oper auf die Bühne gebracht, mal werden die Figuren (etwa Siegfried) zur Karikatur ihrer selbst.

Nach sechseinhalb Stunden mit zwei langen Pausen gibt es nur ein leises Buh. Ansonsten ist das Premieren-Publikum zufrieden und spendet den Sänger:innen und dem Orchester viel Applaus. Am Ende wagt sich sogar der Regisseur auf die Bühne und bekommt Beifall. Dabei ist der Plot des „Ring“ so aktuell wie eh und je: die Gier nach dem Rheingold schafft nur Zwist und Verderben. Aber anders als bei Wagner gibt es bei den realen Ränkespielen selten eine Götterdämmerung. Und schon sind wir bei der deutschen Ampel, wo nach dem Honeymoon der Sondierungen nun Tacheles geredet wird. Wer wird Alberich? Bekommt Christian Lindner (FDP) das Finanzministerium oder Robert Habeck von den GRÜNEN, die bekanntlich ein deutlich besseres Ergebnis eingefahren haben als die Liberalen. Ohne Geld, viel Geld und damit neue Schulden werden die notwendigen Innovationen in Deutschland nicht gelingen. Jens Weidmann, der Präsident der Deutschen Bundesbank und ein Gralshüter der Geldwertstabilität, hat schon aus „persönlichen Gründen“ seinen Rücktritt zum Ende des Jahres angekündigt.

Viel Geld wird weiter auch die Bekämpfung des Corona-Virus kosten, ob die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ nun am 25. November endet oder nicht. Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz steigt kontinuierlich wieder an. Um so unverständlicher, warum das RKI nicht täglich ausweist, wie viele Neuinfektionen und Corona-Patienten auf Intensivstationen ungeimpft sind. Vielleicht motiviert das ja manchen doch noch, sich impfen zu lassen. „Alle unsere Patienten mit Covid-19 in der vierten Welle waren bisher ungeimpft“, berichtet Professorin Dr. Carla Nau; sie ist Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin in Lübeck (Apotheken Umschau 15.10.21). Um so verstörender ist die Nachricht, dass Impfärzt:innen und medizinisches Personal hierzulande massiv wegen ihrer Arbeit unter Druck gesetzt werden; selbst von Morddrohungen ist die Rede. Was passiert da gerade? Was ist eigentlich los in Deutschland?

Fehler

Für ein Festival öffnete das ICC in Berlin wieder. © Rolf Hiller

Da wollte ich schon lange mal rein. Seit 2014 ist das International Congress Center an der Berliner Messe dicht; im Volksmund heißt das monströse Gebäude treffend Raumschiff. Also Tix gekauft und nichts wie hin, dachten sich viele und nahmen die Kunst in Kauf, über die man kein Wort verlieren muss. Knapp 320 Meter lang, 90 Meter breit und 40 Meter hoch ist das Gebäude, das 2019 – im Gegensatz zum Palast der Republik – unter Denkmalschutz gestellt wurde. Angeblich können nur 10% der Fläche für Veranstaltungen genutzt werden; trotzdem stellt sich kein großzügiger Raumeindruck ein. Im Gegenteil, oft hängen die Decken bedrohlich tief – nichts für Klaustrophobiker. Es nimmt wunder, dass dieses so wenig einladende & funktionale Gebäude, das 1979 eröffnet wurde, einst mit Preisen bedacht wurde. Nach dem Festival „The Sun Machine Is Coming Down“ versinkt das ICC wieder in einen Dornröschenschlaf. Niemand weiß, was man mit dem aus der Zeit gefallenen Raumschiff anfangen könnte, zumal nichts umgebaut werden darf.

Obwohl im ICC nicht viele Besucher:innen waren, zeigt die Corona-Warn-App eine „Begegnung mit erhöhtem Risiko“ an – das erste Mal überhaupt! Kann ich mich darauf verlassen? Ich bin seit Beginn der Pandemie tausende Kilometer in ICE’s gefahren, war in vollen Bahnen und Bussen unterwegs und habe zwei Flugreisen gemacht; nie gab es bisher ein „erhöhtes Risiko“. Womöglich ist diese Warnung genauso zuverlässig wie die Impf-Zahlen es sind. Das Robert Koch-Institut (RKI) geht inzwischen von deutlich mehr geimpften Erwachsenen aus, als in der offiziellen Meldestatistik erfasst sind. Statt der bisher veröffentlichten Zahl von 75% der Menschen ab 18, sind es wohl mindesten 80%, die schon vollständig geimpft sind, und bis zu 84 Prozent mit mindestens einem Pieks. In Deutschland gibt es kein zentrales Impfregister – ein absolut gesetzter Datenschutz lässt grüßen. Womöglich haben wir hierzulande also den Freedom Day verschlafen; das passt doch zum allherrschenden Modernisierungsstau.

Manche Restaurants gehen da inzwischen ihre eigenen Wege. Nach dem Kino gehen wir noch indisch essen, alles ist (fast) wie früher. Weder müssen wir uns einchecken noch Impfpass und Perso vorlegen; die Kellner tragen die Maske als Lätzchen. Die Freund:innen im Lichtspielhaus kontrollieren dagegen sehr genau – die Mund-Nase-Bedeckung darf erst am Platz abgelegt werden. Wir sehen „Schachnovelle“ von Philipp Stölzl mit einem überragenden Oliver Masucci in der Hauptrolle. Einen besseren Film aus deutschen Landen haben wir heuer noch nicht gesehen – ganz großes Kino. Erstaunlicherweise ging „Schachnovelle“ beim Deutschen Filmpreis in diesem Jahr leer aus. Immerhin wurde Stölzls Werk in den Kino-Charts letzte Woche auf Platz 10 gelistet, mit über 80.000 Besucher:innen. Solch eine Anzahl sollte der BER eigentlich locker an einem Tag verkraften, doch am letzten Wochenende brach am neuen Berliner Flughafen das Chaos aus, das nichts Gutes ahnen lässt für die Zukunft. Jeder achte Mensch auf dieser Welt sorgt sich nicht ums Check-In oder das Gepäck. Jeder achte Mensch hat nicht genug zu essen.

Alle Touristen lügen

Touristische Trutzburg oberhalb von Kamilari. © Karl Grünkopf

Hurra, wir fliegen wieder. Erstaunlicherweise ist die Maschine nach Heraklion so wenig gebucht, dass die Passagiere der ersten drei Reihen weiter nach hinten versetzt werden – aus statischen Gründen. Wir sitzen am mittleren Ausgang mit maximaler Beinfreiheit. Als Urlaubslektüre haben wir natürlich die neue Pásztor dabei, denn „Die Geschichte von Kat und Easy“ spielt im fiktiven Ort Laustedt irgendwo im Nirgendwo der alten Bundesrepublik und auf Kreta. Susann Pásztor erzählt fesselnd vom Coming of Past zweier Frauen, die sich lange aus den Augen verloren hatten und bei einem gemeinsamen Urlaub klären wollen, was einst bei einer Ménage à trois geschah. Die erste Annäherung auf der Insel findet in einer Taverne statt – „ganz frei von Touristen“. Das kennen wir gut: peinlich sind immer die Anderen! Dabei sind wir allesamt ein Wirtschaftsfaktor und tragen natürlich zur globalen Klimaerwärmung bei.

„Zwischen dem 11. und 17. Oktober“, schreibt die deutschsprachige Griechenland Zeitung in ihrer aktuellen Ausgabe, “werden voraussichtlich 516.000 Menschen auf griechischen Flughäfen landen, darunter mindestens 157.826 (sic!) Deutsche.“ Das deckt sich mit unseren Beobachtungen – es ist viel los in Pitsidia, und am Strand von Komos. Die Straßen sind so voll wie nie zuvor, berichtet ein alter Freund, den wir zufällig wiedertreffen. Er kommt seit Jahrzehnten auf die Insel und wohnt natürlich immer bei Nikos, der sein Hotel nur noch für Stammgäste betreibt und ganz bewusst auf eine Präsenz im Internet verzichtet. Alles scheint noch zu sein wie bei unserem letzten Besuch vor zehn Jahren. Am Strand gibt es immer noch Verschläge, in denen Hippies wohnen; manche haben sich kleine Küchen mit Windschutz aufgebaut. Seit Jahrzehnten verkauft Uwe jeden Tag seinen Kuchen an die Nackerten der Silver Generation.

Mitten in Kamilari stehen Häuser leer und verfallen. Unter den Bougainvilleen die Taverne Akropolis, wo man ohne Reservierung abends kaum einen Platz bekommt. © Karl Grünkopf

Doch die Idylle am Strand trügt. Schon bei flüchtigem Blick sind die touristischen Trutzburgen auf den Hügeln zu erkennen – Aussicht, Klimaanlage und Pool inklusive. Wir wohnen zwar nicht in einer solchen Anlage, aber auch in einem Neubaugebiet; unser Haus (ohne Pool) am Hügel ist bestens mit allen Elektrogeräten inkl. Air-Condition ausgestattet. Die Insel erlebt einen Bauboom sondergleichen, während in den kleinen Dörfern viele Häuschen leer stehen und verfallen. Nun gab es in den griechischen Dörfern immer schon Ruinen. Dieser morbide Charakter beeindruckt nicht weniger als das entspannte Leben dort, das ohne offensichtliche Reglementierungen auskommt. In Kamilari gibt es keine Ampeln, Kreisel, Einbahnstraßen und Verkehrsschilder – Fußgänger, spielende Kinder, Zweiräder, Autos, Lieferwagen, Geschäfte und Tavernen teilen sich den öffentlichen Raum ohne Probleme. Die Orte und Plätze leben; hier könnte die deutsche Städteplanung einiges lernen. Bleibt zu hoffen, dass unser Sehnsuchtsort den Immobilienboom halbwegs unbeschadet überstehen kann. Wenn wir nicht mehr in Urlaub fahren, ändert das ja auch nichts. Sagen die Touristen.

Beben

Wir saßen unter dem alten Olivenbaum, als die Erde bebte. © Karl Grünkopf

Wie jeden Morgen trinken wir Tee und löffeln unser Müesli. Auf dem Nachbargrundstück dreht sich ein kleiner Betonmischer – plötzlich rüttelt es an unseren Stühlen. “Das kann nicht die Maschine sein“, bemerke ich verwirrt. “Das muss ein leichtes Erdbeben sein.“ Nur ein paar Sekunden haben die Stühle gewackelt, dann läuft das Leben ganz normal weiter, der Betonmischer läuft. Noch nie habe ich ein Erdbeben erlebt. Bald schon erreichen uns erste Nachrichten von Freund:innen, ob denn alles in Ordnung sei. Im Norden von Kreta war das Beben am Montag mit einer Stärke zwischen 5,8 und 6,5 viel heftiger. Die Menschen in Heraklion sollten ihre Häuser verlassen; es gab einen Toten, mehrere Verletzte, einige Gebäude stürzten ein. Seitdem hat es mehrere Nachbeben gegeben, von denen wir hier aber nichts bemerkt haben.

Wer hätte das gedacht, als wir am Sonnabend am BER einchecken. Wir geben das Gepäck selber auf und werden während der ganzen Hinreise weder nach unserem Pass noch nach der Impfbescheinigung gefragt. An Bord und im Transfer-Bereich in Wien ist eine FFP2-Maske Pflicht, aber auf Kreta scheint es keine Pandemie (mehr) zu geben. Einzig in den Supermärkten sind medizinische Masken Pflicht, in der „Bakery“ und in den Restaurants geht‘s lässig mit den lästigen Dingern zu. Obwohl ich mein Handy auf Flugmodus gestellt habe, weist mich ein Warnton der Corona-App in tiefer Nacht auf die Möglichkeit einer dritten Impfung hin. Fluch & Segen des Internets – nie sind wir ganz weg. Ich erinnere mich an die erste Reise nach Griechenland vor 45 Jahren, wo wir lost in time einige Wochen auf Lesbos verbrachten. Warum diese Insel? Weil die nächste Fähre aus Piräus eben dahin fuhr. Ab und an meldeten wir uns aus einer Telefonzelle zu Hause; mit Englisch oder Deutsch konnten wir uns nicht verständigen. Nie werde ich diese Reise in einem alten R 16, der auf der Hinreise nur auf drei Töpfen lief, vergessen.

Heute sind Reisen kein Abenteuer mehr. Monate lang vorher werden die Flüge gebucht, die Quartiere kann man sich im Netz anschauen und vergleichen. Den Weg nach Kamilari weist uns Google Maps; wir haben uns per SMS mit der Verwalterin punktgenau verabredet, die uns kurz das Haus erklärt, das übrigens einer Schweizerin gehört. Es fehlt an nichts – die Internet-Verbindung ist hervorragend. Wir könnten auf unserem LG (Live‘s Good) hunderte TV-Programme sehen; ich habe mir bei den Favorites unsere Radiosender gespeichert. Natürlich sind wir bei der Wahl am Sonntag dabei; sie wird die Tektonik der Macht in Deutschland verschieben. Ohne Die Grünen und die FDP geht gar nichts, heißt der nächste Kanzler nun Scholz oder Laschet. Das Beben dieser Wahl wirkt nach, die Landeswahlleiterin in Berlin ist zurückgetreten. Vielleicht schafft es der neue Senat, die bräsige Piefigkeit der Verwaltung in der Hauptstadt in die Jetztzeit zu beamen. Keine der Parteien macht sich dafür stark, “Berlin endlich eine Verwaltung zu gönnen, die einer Hauptstadt würdig ist,“ befindet die Märkische Oderzeitung (01.10.21). Kalí týchi gia!

Angebot & Nachfrage

L’Arc de Triomphe, Wrapped, das letzte Kunstwerk von Christo und Jeanne Claude in Paris ist noch bis zum 3. Oktober zu erleben, auch im Live-Stream (YouTube).

Glattes Parkett für die Meinungsforschung. Angeblich wissen über 30 Prozent der Wahlberechtigten noch nicht, wem sie am Sonntag ihre Stimme geben werden. Das belegt die Verunsicherung in deutschen Landen, wo man es am liebsten hätte, wenn Mutti weitergemerkelt hätte. Weil keine:r der drei Kandidat:innen so richtig begeistert, liegt Olaf Scholz vorne; er suggeriert geschickt Kontinuitä, die es so aber nicht geben wird. Zum einen wird der Kanzler nicht direkt gewählt, zum anderen braucht der amtierende Vizekanzler zwei Koalitionspartner, um überhaupt regieren zu können. Auf Farbspekulationen möchte ich mich erst gar nicht einlassen. Über der alles dominierenden Bundestagswahl gerät leicht in Vergessenheit, dass auch in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt wird. In der Bundeshauptstadt hat das rot-grün-rote Bündnis (R2G) in den letzten fünf Jahren nicht viel zu Wege gebracht. Regieren zu dritt ist ein mühseliges Geschäft.

Nolens volens sind wir schon wieder mitten in der Pandemie. Bekanntlich hatte die Regierung im Februar verkündet, jede:r bekomme bis zum Ende des Sommers ein Angebot zur Erstimpfung. Man wollte gleich am Anfang dabei sein, es wurde gedrängelt und getrickst. Der Stoff war knapp, der Söder Markus aus Bayern wollte sogar das Sputnik-Vakzin aus Russland verkaufen. „Vor uns liegen also“, notierte ich am 05.02.21, „im besten Falle noch siebeneinhalb lange Monate der Pandemie. Dann aber müssen die Einschränkungen ein Ende haben. Spätestens dann möchte ich wieder meine Grundrechte ausüben können und ins Kino, Theater oder in die Oper gehen, mit anderen Geimpften versteht sich. Wir werden uns daran gewöhnen, dass wir mit jedem Ticket, ob für Veranstaltungen oder Flugreisen, den Impfpass vorlegen.“ So ist es tatsächlich gekommen. Allerdings hatte damals niemand auf dem Schirm, dass nicht der Impfstoff das Problem sein würde sondern seine Akzeptanz: ein gutes Drittel der Bevölkerung hierzulande ist noch nicht geimpft und lässt sich auch von einer drohenden “Pandemie der Ungeimpften“ nicht schrecken. Der Corona-Mord an einem jungen Mitarbeiter einer Tankstelle in Idar-Oberstein gibt Anlass zu den allerschlimmsten Befürchtungen.

Was tun? Den Druck auf die Impfverweigerer erhöhen und die Spaltung der Gesellschaft vertiefen? Oder pragmatisch anerkennen, dass Impfquoten von über 80% nicht zu schaffen sind. „Wir sollten uns in puncto Corona-Politik“, befindet die Oldenburger Nordwest-Zeitung, „an Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden orientieren. Die befürchtete Überlastung der Krankenhäuser ist dort bisher ausgeblieben. Das sollte Mut machen, diesen Schritt auch zu gehen. Wir müssen lernen, mit Corona zu leben.“ (20.09.21) Und wieder ins Theater gehen, etwa in die Berliner schaubühne. Anders als in den Zügen der Deutschen Bahn muss ich am Eingang Impfzertifikat & Perso vorlegen; im Theatersaal sitzt das Publikum dicht an dicht, aber mit FFP2-Masken. Gespielt wird „ödipus“. Die Kleinschreibung des Titels hätte man als Warnung lesen sollen – der antike Stoff wird von der Autorin Maja Zade zum Kleinen Fernsehspiel profanisiert, zu einem banalen Konversationsstück in einer schicken Unternehmervilla auf Kreta (Inszenierung: Thomas Ostermeier). Das Publikum klatschte freudig – uns erschienen die 130 Minuten (ohne Pause) quälend lang. Es genügt, wenn’s vergnügt? Nicht immer!

Die Uhr läuft

© Oleg Gamulinskiy / Pixabay

Italien ist immer noch ein Sehnsuchtsort der Deutschen, wiewohl wir uns gerne über die angeblich ineffektive Administration dort mokieren. Dazu besteht längst kein Grund mehr. Das weiß keiner besser als der amtierende Vizekanzler Olaf Scholz, der als Regierender Bürgermeister in Hamburg bei den Machenschaften der Warburg Bank (Stichwort Cum-Ex-Betrug) keine bella figura machte und als Finanzminister die politische Verantwortung für den Wirecard-Skandal trägt. Am Montag muss sich nun der sog. Scholzomat im Finanzausschuss den Fragen der Abgeordneten stellen – es geht um die Hausdurchsuchung im Zuge der Ermittlungen gegen die Financial Intelligence Unit (FIU). Diese Skandale perlen an ihm ab – Scholz und die SPD liegen im letzten ARD DeutschlandTrend vor der Wahl weiter vorne. Die Deutschen mögen es irgendwie weiter so, doch ⅓ der Wähler:innen ist nach wie unentschlossen, wem sie am 26. September ihre Stimme geben werden. Eine Green Card für Geimpfte & Getestete wird es nach der Wahl so bald nicht geben, denn es stehen schwierige Koalitionsverhandlungen an.

Im Land, wo die Zitronen blühen, sind derzeit 73% geimpft, davon 65% vollständig. Vorausschauend (!) wird trotzdem in Italien am 15. Oktober eine Green Card eingeführt; es gelten dann knallharte Regeln. Nur mit dieser Karte dürfen Arbeitehmer:innen zum Job, es sei denn, sie legen einen aktuellen Test vor, den sie natürlich selbst bezahlen müssen. Sollte jemand von ihnen in Quarantäne gehen, gibt es kein Geld vom Staat. In Frankreich hat die Anordnung einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen eine Million Anmeldungen zum Impfen gebracht. An einem Tag! Davon können wir hierzulande nur träumen. Die groß angekündigte Kampagne in dieser Woche zieht nicht richtig, die Impfuhr läuft (noch) viel zu langsam. Daran werden auch 2G oder 3G nicht viel ändern, so sehr jede Rückkehr zum normalen Leben zu begrüßen ist. Zur neuen Normalität wird es gehören, dass man sich vor dem Besuch einer Veranstaltung oder eines Restaurants über die geltenden Regeln informieren muss, Überraschungen nicht ausgeschlossen. So gab es bei einem fabelhaften Strawinsky-Abend in der Berliner Philharmonie plötzlich wieder eine Pause; das hatten wir schon fast vergessen.

Ihren letzten Triumph können Christo und Jeanne Claude leider nicht mehr erleben: von morgen an ist der Arc de Triomphe verhüllt, bis zum 3. Oktober. Zum Konzept ihrer Arbeit zählte immer die Befristung – und die Unabhängigkeit von Sponsoren. Der unvorstellbare Aufwand ihrer Aktionen finanziert sich durch den Verkauf von Druckgrafiken, Plakaten etc. und von den verwendeten Materialien nach dem Abbau. Seit den 60er Jahren träumte das Künstlerpaar von der Verhüllung des Arc de Triomphe und arbeitete an diesem Projekt. Zu empfehlen sind die Dokus „Christo und Jeanne-Claude“ (noch bis 13.12.21) in der ARTE-Mediathek und „Der Pariser Triumphbogen“ (bis 16.10.21). Noch nie habe ich ein Projekt von ihnen erlebt – es wäre die letzte Chance. In unserem Balkonzimmer hängt ein Druck ihrer Aktion „The Gates“ aus dem Central Park in New York von 2005. Diese Arbeit hat mir mein Freund Axel vermacht; sicher wäre er nach Paris gefahren.

Der zweite Herbst

Spätsommerliche Idylle ohne Impfausweis: Blick in den weitläufigen Park von Ulrichshusen. © Karl Grünkopf

Blackout. Das musste ja einmal passieren – ich stehe in der Schlange vor der Berliner Philharmonie und merke: das Handy mit dem Impfnachweis liegt auf meinem Schreibtisch. Plötzlich gehöre ich nicht mehr dazu und werde abgewiesen. Was tun? Mit dem Auto nach Hause rasen und das Ding holen oder auf eine glückliche Fügung hoffen. Ich setze auf Glück und darf den Liederzyklus „Where are you?“ für Mezzosopran und Orchester von Ondřej Adamek erleben. Magdalena Kožená meistert diese extrem anspruchsvolle Aufgabe souverän – vom kaum hörbaren Flüstern bis zu extremen Tonsprüngen; wir haben Angst um ihre Stimme. In großer Besetzung mit sechs Schlagzeugern wird sie vom London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle effektvoll & souverän begleitet. Wieder können wir Beethovens 6. Symphonie hören; die Pastorale stand auch bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern am Wochenende auf dem Programm. Dort hätte ich mein Handy gar nicht benötigt, denn auf Grund der niedrigen Inzidenz in diesem Bundesland wurde bei der Einlasskontrolle gleich ganz auf den Impfnachweis verzichtet.

Das verstehe, wer will, zumal die meisten Gäste aus Berlin oder Hamburg anreisten. In der Hansestadt ist bereits die 2-G-Regel möglich, der zu Folge nur noch Geimpfte und Genesene Veranstaltungen besuchen dürfen – dafür ohne Maske und ohne Beschränkungen der Platzbelegung. Allerdings müssen dann auch alle Mitarbeiter:innen geimpft sein, was der Arbeitgeber wiederum nicht vorschreiben darf. Das scheint dennoch für die Veranstaltungsbranche der einzige Weg aus der Krise zu sein, denn eine Saalbelegung unter 50% rechnet sich nicht; irgendwann sind zudem die Mittel aus NEUSTART KULTUR aufgebraucht. Das schließt Ungeimpfte aus, aber ihre Entscheidung gegen das Vakzin kann die Mehrheit der Geimpften nicht länger um ihre Grundrechte bringen, zudem eine vierte Welle der Pandemie im Herbst droht. Der Vorsitzende des Weltärztebundes Ulrich Montgomery möchte die „2G-Regel überall einführen, wo es möglich ist.“ (Tagesschau) Der Tagesspiegel bringt saftige Impfprämien für all diejenigen ins Gespräch, die sich anders nicht überzeugen lassen. Die Gesundheitsämter melden bei der Kontaktnachverfolgung schon wieder Land unter. Es steht nicht gut in deutschen Landen, da ein Herbst mit einer vierten Welle droht.

Wieder einmal läuft die Zeit davon. Bis zur Wahl dürfen wir nicht mit einer konsistenten Corona-Politik rechnen. Dann stehen schwierige Verhandlungen an, denn es wird wohl eine Drei-Parteien-Koalition im Bund geben, unter welcher Führung auch immer. Wo es ums nackte politische Überleben geht, muss der Kampf gegen das Virus eben warten. Wer hätte das vor einem Jahr gedacht, dass mobile Teams Impflinge akquirieren müssen. Stundenlang haben wir uns vor fünf Monaten um einen Impftermin bemüht. Im Schlagregen stapfte ich zum Impfzentrum, beim zweiten Mal musste ich noch mehr Zeit mitbringen. Aber: ich war geimpft und dachte, die Kampagne wird ein Selbstläufer. Was machen Länder wie Spanien, Portugal oder die Niederlande besser? In Dänemark feiern sie heute den Freedom Day – alle Beschränkungen werden aufgehoben; Corona gilt nurmehr als Grippe. Held og lykke Danmark!

Kein schöner Zeit

Frei und unabhängig ohne Erlösung:“Œdipe“ in einer eindrucksvollen Inszenierung von Evgeny Titov in der Komischen Oper Berlin. © Monika Ritterhaus

Weggucken gilt nicht länger. Die Niederlage des Westens in Afghanistan hat die Schwäche der Europäischen Union schonungslos offenbart. Nicht einmal der Flughafen von Kabul hätte gesichert werden können. „In einer globalisierten Welt“, bilanziert Navid Kermani, „ist es keine Realpolitik, sondern Idiotie zu meinen, man könne sich als westliche Staatengemeinschaft oder Europäische Union aus Krisenregionen heraushalten.“ (FAZ, 26.08.21) Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels gilt nicht als Scharfmacher und hat die Situation in Afghanistan schonungslos analysiert. Am Schluss seines Essays erwartet er eine Entschuldigung unserer Politiker:innen beim afghanischen Volk oder zumindest „bei unseren eigenen Soldaten und zivilen Helfern, deren Einsatz gleichsam über Nacht jedes Sinnes beraubt worden ist“. Statt in der Niederlage wenigstens Größe zu zeigen und allen afghanischen Flüchtlingen Asyl in Europa zu bieten, zeigen ihnen Sebastian Kurz & Konsorten die kalte Schulter. Was schert mich mein Geschwätz von gestern. Die sogenannten Ortskräfte in Mali wissen jetzt jedenfalls, woran sie sind.

Das wissen die meisten Wähler:innen vor der Bundestagswahl am 26. September noch immer nicht. Zumindest hat keiner der drei Kanzlerkandidat:innen im ersten Triell der deutschen TV-Geschichte gepatzt. Lag Olaf Scholz im März noch abgeschlagen hinter Armin Laschet und Annalena Baerbock, so führt jetzt der SPD-Mann das Feld an; seine Parteispitze hält sich einstweilen klug & vornehm zurück. Auch Die Grünen geben sich nach außen keine Blöße, obwohl die Partei in den letzen Umfragen deutlich auf dem dritten Platz liegt. Ein bisschen Diskussion könnte nicht schaden, etwa über den TV-Spot „Ein schöner Land“, mit dem man die Generation Ü60 in ARD und ZDF ansprechen möchte – grünes Biedermeier pur. Im Clip ist eine Laiensingschar zu hören, kreiert hat ihn die parteieigene Agentur „Neues Tor 1“. Es wäre fast ein Grund, Die Grünen nicht zu wählen. Über Häme & Spott im Netz brauchen Baerbock, Habeck & Co. sich jedenfalls nicht zu beklagen.

Wer im Dreikampf unterliegt, mag in der Komischen Oper Sinn & Trost finden. Zum Saisonstart steht endlich einmal wieder „Œdipe“ von George Enescu in Berlin auf dem Programm – dieses Werk ist dem Komponisten „am teuersten“. Nach 18 Monaten darf das Orchester wieder in voller Besetzung spielen; einigen Kritikastern war es natürlich gleich schon wieder zu laut. Wir erleben einen grandiosen Abend in einem reduziert drastischen Bühnenbild, hervorragende Sänger:innen (allen voran der phantastische Bariton Leigh Melrose in der Rolle des Ödipus) und eine schlüssige Interpretation des jungen Regisseurs Evgeny Titov. „Was (Ödipus) am Ende verändert“, konstatiert er im Interview des lesenswerten Programmhefts, „ist das Ausbleiben einer Erlösung. Genau das macht ihn letztlich frei und unabhängig.“ In gut drei Wochen wissen wir, wer die Wahl gewonnen hat und wer den Sinn der Niederlage womöglich in der Komischen Oper sucht. Der Ausgang der Bundestagswahl ist spannend wie selten, die Regierungsbildung dürfte schwierig werden. Quo vadis Deutschland nach Merkel?

Pandemie der Ungeimpften

Nicht nur im Kino wechseln die Angebote derzeit schnell. © Rolf Hiller

Die Programme wechseln schnell, nicht nur im Kino. Drei Wochen lief „Fabian oder der Gang vor die Hunde“, jetzt wird „The Father“ mit dem Oscar-Preisträger Anthony Hopkins gezeigt. Vor dem Besuch einer kulturellen Einrichtung empfiehlt sich immer ein Blick auf die Homepage des Veranstalters. Der „Delphi Filmpalast am Zoo“ setzt im Moment auf 3G, also geimpft, genesen oder getestet. Zudem muss man eine FFP2-Maske und den Personalausweis mitbringen. So aufwändig ist heute ein Kinobesuch, aber diesen Favoriten für den Deutschen Filmpreis möchten wir uns keinesfalls entgehen lassen. Als wolle der Regisseur Dominik Graf die frühen, hektischen und nervösen 1930er Jahre mit aller Macht heraufbeschwören, beginnt sein Film mit einem Tohuwabohu der Farben, Formen & Stile. Dröhnende Musik saugt das Publikum aus der Gegenwart in eine völlig überdrehte Vergangenheit. Das stehe ich keine drei Stunden durch, schießt es mir durch den Kopf. Aus dem ästhetischen Vielerlei entwickelt sich dann eine stringent erzählte Geschichte um Fabian, Cornelia und Labude, die allesamt suchen – und scheitern.

Die frühen 1930er Jahre eines Erich Kästner sind nicht bloß Staffage, sondern verhandeln auch unsere Gegenwart; darin liegt die Qualität des „Fabian“ von Dominik Graf. Das sollte man genauso bei einem Theaterstück vermuten, das in Reaktion auf den Ersten Weltkrieg entstand: „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. 220 Szenen, 1.000 Figuren – nach Meinung des Autors eigentlich unspielbar. Der besessene Theatermacher Paulus Manker hat das Mammutwerk mit seiner nicht weniger besessenen, begeisterten und erstaunlich kleinen Theatertruppe 2018 in Wien dennoch auf die Bühne gebracht. Nun gastiert dieses Ereignis in der Hauptstadt. Glückliche Zufälle haben es möglich gemacht, dass „Die letzten Tage der Menschheit“ in der riesigen Belgienhalle in Spandau gezeigt werden können. Vom Schrecken dieses Krieges, den die Franzosen La Grande Guerre nennen, ist bei Manker allenfalls in Momenten etwas zu spüren. Das mag dem Konzept geschuldet sein. Denn die über siebenstündige Inszenierung verklärt das Grauen zum Event. Während es in Afghanistan um Leben und Tod geht, werden wir mit Häppchen & Getränken versorgt und dürfen beim „Leichenschmaus“ in der Pause um 22.30 Uhr zwischen Backhuhn, Medaillons und Ravioli wählen. Ute Büsing, Theaterkritikerin beim Inforadio, bilanziert nüchtern, dass sich „Gedanken in zu viel Getöse verlieren“. Die Berliner Zeitung titelt „Perlweinseliges Pickelhaubenvarieté“.

In der beeindruckenden Belgienhalle, die zum Glück weiter für Veranstaltungen genutzt werden kann, galt die 3G-Regel. Anschließend durfte sich das Publikum frei und ohne Maske bewegen. Wenn die Zeichen nicht trügen, setzen aber immer mehr in Politik und Veranstaltungsbranche auf 2G; Tests werden künftig keine Rolle mehr spielen und die Ungeimpften teils vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Der Regierungssprecher Steffen Seibert spricht bereits von einer „Pandemie der Ungeimpften“, der stellvertretende hessische Ministerpräsident Tarek Al-Wazir stößt ins gleiche Horn und fordert: „Die Pandemie wird zunehmend zu einer Pandemie der Ungeimpften. Lassen Sie sich impfen.“ Derweil verkündet Gesundheitsminister Jens Spahn das Ende der Inzidenz als absolutem Maßstab zur Beurteilung der Corona-Lage. Wichtiger wird jetzt der Grad der Hospitalisierung, insbesondere die Auslastung der Intensivstationen. Einen vierten Lockdown schloss der wendige Herr Minister aus, es sei denn, es würden neue Varianten des Virus auftauchen. Gemütlicher werden die Zeiten trotzdem nicht, erst recht nicht für Ungeimpfte. Erich Kästner soll das letzte Wort behalten: „Die ersten Menschen waren nicht die letzten Affen.“