Schöne neue Welt!

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Anpassung und Fortschritt um jeden Preis verlangt Steve Pinker.

Zu Steven Pinkers Bestseller „Aufklärung Jetzt“

Leben wir in der besten aller Welten, ohne es zu bemerken? Nicht nur das behauptet der kanadische Starintellektuelle und Harvard-Professor Steven Pinker in seinem jüngsten Buch „Aufklärung Jetzt“, sondern mehr noch: nach ihm steuert die Menschheit seit der Aufklärung dank „Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“ (so der Untertitel seins Buches) geradezu in eine paradiesische Zukunft ohne Gewalt, ohne Armut, ohne Hunger, ohne Analphabetismus,  ohne Krankheit, dafür mit ubiquitärer Bildung, steigender Lebenserwartung, Gerechtigkeit, Frieden, Demokratie. Nun, liest der Mann keine Zeitungen? möchte man einwenden. Doch, das tut er, aber genau hier liegt für ihn das Problem. Die Zeitungen, Medien ganz allgemein, berauschen sich nach Pinker am Negativen, an der der Katastrophe, so dass ein Terroranschlag mit 10 Toten dort mehr Aufmerksamkeit erfährt, als die Nicht-Nachricht, dass am selben Tag statistisch 10 000 Menschen nicht verhungert seien. Er nennt das eine systematische Wahrnehmungsverzerrung, die zu korrigieren er angetreten ist. Dazu führt er 75 Statistiken ins Feld, die allesamt beweisen sollen, dass sich das Leben der Menschheit global sukzessive zum Besseren wendet. Neben den Medien macht Pinker für den herrschenden Negativismus eine antiaufklärerische kulturelle Tradition verantwortlich, beginnend mit der Romantik, sich fortsetzend über Nietzsche, Heidegger, die Existenzialisten, die Frankfurter Schule, die Strukturalisten bis zu heutigen kritischen Intellektuellen aller Couleur, denen er unterstellt, sie betrieben Gesellschaftskritik als eine Art Geschäftsmodell. Dabei verkennt er, dass ein wesentliches Kriterium der Aufklärung ja gerade die konstruktive Kritik an den jeweils herrschenden Zuständen war und ist.

Was als eine Verteidigung der unzweifelhaften Fortschritte in den Naturwissenschaften bei Pinker durchaus einleuchtet, wird hier reaktionär. Der Grund dafür liegt in Pinkers vager Begrifflichkeit und seinem Utilitarismus. Der Vernunftbegriff ist bei ihm verkürzt auf die instrumentelle Seite, vernünftig ist, was nützt. Und der Nutzen lässt sich quantifizieren am technologischen Fortschritt, an statistischen Kurven ablesbar. Dass aber diese Kurven keine prognostischen Aussagen zulassen, weiß jeder, der sich zum Beispiel mit Börsenkursen beschäftigt. Statistisch unwahrscheinliche Ereignisse, sogenannte „schwarze Schwäne“, werden von Pinker konsequent ausgeblendet. Methodisch rächt sich, dass ihm ein normativer moralischer Kompass fehlt, ja moralische Normen erscheinen ihm überhaupt kontraproduktiv,  wie etwa das Postulat der UN-Menschenrechtsdeklaration „die Würde des Menschen ist unantastbar“. Warum also nicht einen einzelnen Menschen foltern, wenn dadurch größerer Schaden von der Allgemeinheit abgewendet werden kann?

Die Grenzen des technologischen Fortschrittsoptimismus Pinkers zeigen sich in seinem Buch dort, wo er auf den Klimawandel, die globalen Zerstörungen an Fauna und Flora zu sprechen kommt, sind diese doch unbestreitbar ein Kollateralschaden genau jenes Fortschritts, der die Welt so viel besser machen soll. Konsequent setzt Pinker, dem der konservative Gedanke einer zu bewahrenden Schöpfung fremd ist, unverdrossen auf weiteren technologischen Fortschritt, Atomenergie und Geoengineering gegen Klimawandel, die gentechnische Anpassung  von Pflanzen, Tieren und letztlich auch Menschen an die sich verschlechternden natürlichen Lebensbedingungen. Schöne neue Welt! Dass Bill Gates dieses Buch „mein absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten“ genannt hat, wundert da nicht.

Pong

Steve Pinker, Aufklärung Jetzt, erschienen im Fischer Verlag 2018

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