1913. Die Fortsetzung

u1_978-3-10-397360-0Ein ärgerliches Buch, kein zweiter Coup.

Mit seinem Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“, erschienen im Herbst 2012,  war Florian Illies ein Bestseller gelungen, der sich bis heute über 1 Million Mal verkaufte. Damit hatte Illies all jene überrumpelt, die fleißig an ihren Büchern zum kalendarisch verabredeten  Jubiläumsjahr saßen, dem Jahr des Kriegsausbruchs 2014. Ein weiterer Coup bestand darin, dass Illies jene unmittelbare Vorkriegszeit nicht in einem unheilvoll dramatischen Licht zeichnete, sondern Anekdoten vornehmlich aus Künstlerkreisen im humoristischen Plauderton erzählte, die in der Zusammenschau ein buntes, ganz und gar nicht unheilvolles Bild jenes Sommers ergaben. Das war neu, widersprach der gängigen Erwartungshaltung, war eine Überraschung.

Sechs Jahre später, im Herbst 2018,  versucht Florian Illies nun, diese Erfolgsgeschichte einfach fortzuschreiben und nennt sein neues Buch „1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte“. Was die kommerzielle Seite betrifft, wird die Rechnung wohl auch aufgehen, das Buch liegt bereits in der 3. Auflage vor. Die Leser lieben offensichtlich gehobenen Tratsch. Dennoch ist das mit dem Remake eines Blockbusters immer so eine Sache. Der Überraschungscoup lässt sich nicht wiederholen, die Masche ist bekannt, die Zeit weiter gelaufen und heute wäre wohl ein Werk über das Jahr 1918/19 von höherem Interesse als nachgereichte Anekdoten. Volker Weidermann hat es mit seinem Buch über die Wirren der Münchner Räterepublik „Träumer. Als Dichter die Macht übernahmen“ eindrucksvoll gezeigt.

Ärgerlich an diesem Remake von Illies ist dessen penetrant lockerer Erzählton, flapsig, lakonisch, ironisch, mitunter kalauernd und sprachlich gelegentlich an der Grenze zum Groschenroman. Da wird zwischen den disparaten Begebenheiten hin und her geschaltet wie in einer Livereportage, es werden krampfhafte Überleitungen gebastelt, um Ereignisse verbal miteinander zu verbinden, die nichts miteinander zu tun haben. Das geht dann so: „1913“, behauptet er, „ist das Jahr, das das 19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert unauflöslich miteinander verbindet.“ Nun ist man gespannt auf die Begründung, was gerade das Jahr 1913 so besonders macht.  Doch er fährt fort: „Kein Wunder, dass deshalb am 29. April 1913 Gideon Sundback das Patent für den Reissverschluss erhält.“  Da muss man sich dann doch wundern.  Diese Beliebigkeit hat Methode:  Isidora Duncan bekommt ein Kind, Illies formuliert das „Ende 1913 wächst in ihrem Bauch ein kleiner Romano Romanellino“, um anzuschließen „Passend dazu entwickelte … Alfred Sturtevant die erste DNA-Analyse“, doch der habe sich für die Darstellung des Chromosoms „nicht den kleinen Romanellino, sondern die Fruchtfliege Drosophila ausgesucht“.  Wäre also auch das geklärt. Nicht mehr flapsig, sondern geschmacklos muss es man nennen, wenn Illies über das indische Mathematikgenie Ramanujan schreibt, es sei eine „eigene Zeitschrift, das ‚Ramanujan Journal‘ erschienen, um die Überfülle seiner Resultate, Rechenmodelle und Lösungsvorschläge zu publizieren. Kurz darauf stirbt er. Nur damit hatte er nicht gerechnet.“ Oder auch Alfred Lichtenstein. Dieser war „am 1. Oktober als Einjährig Freiwilliger in das Zweite Bayerische Infanterieregiment eingetreten. Und er hatte das mit dem ‚Einjährigen‘ ernst gemeint: Er fällt am 25. September 1914, also genau ein Jahr später.“ Für eine Pointe ist Illies nichts zu schade. Da spielen Maxim Gorki und Lenin auf Capri Schach „und überlegten, welche Bauernopfer es brauchte, um Russlands König endgültig matt zu setzen“. Mag das noch als Ironie durchgehen, so wird es dann endgültig peinlich, wenn Illies sich nicht entblödet, das Geschenk Pablo Picassos an Gertrude Stein und deren Freundin, das Bild eines einzelnen Apfels, so zu kommentieren: „Damit sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können.“  Ach ja und dann wären da noch die Frauen, Modelle, Schauspielerinnen, Femmes Fatales, Künstlerinnen, die es Illies offensichtlich angetan haben. Gerne referiert er im Stile eines Dirty Old Man deren Vorliebe, „splitternackt“ (nur nackt genügt ja nicht) oder auch „nackt wie Gott sie schuf“ aufzutreten. Die Geliebte Ernst Ludwig Kirchners, Erna Schilling,  läuft da „meist ganz nackt am Strand herum“ und Illies weiß zu berichten, dass Kirchner und Erna  mit einem Glas Wein am Strand liegen und  „hinten in der Ferne geht die Sonne langsam unter. Erna liegt schnurrend in seinem Arm. Und er hat eigentlich schon wieder Lust auf sie“. Nicht nur, dass dieses reinster Kitsch ist, sondern Illies schlüpft hier in die Rolle des Voyeurs, der an anderer Stelle gesehen haben will, dass Isidora Duncan „nackt unter ihrer Tunica posierte“. Ja so was aber auch: nackt unter der Kleidung. Dieser Voyeurismus gilt aber nicht allein dem Erotischen, es ist vielmehr die Erzählposition des Autors in gottgleicher Warte. Er sieht alles, sogar die feinen Kringel des Zigarettenrauchs auf Capri aufsteigen und als Nachgeborener weiß er natürlich auch immer, wie die Geschichte ausging. Dieser Autorgott amüsiert sich über das Gewusel des Menschen anno 1913, ihre Schicksalsschläge, ihre Schwächen, ihre Unwissenheit über das was kommen wird. Es ist ein mitleidloser Gott. Einzig Marcel Proust scheint er zugewandt. So zählen die Geschichten über Marcel Prousts nicht enden wollende Kollage- und Korrekturarbeit an seinem Roman „A la Recherche du Temps perdu“  zu den stärksten Episoden dieses Buches.  Wie dieser Jahrhundertroman  lange Zeit keinen Verleger fand.  Wie Proust selbst den Überblick über sein Mammutwerk zu verlieren drohte. Wie er sogar seinen Chauffeur und Liebhaber in den Entstehungsprozess einspannte. Wie er von diesem Liebhaber finanziell ausgebeutet wurde, bevor dieser mit einem von Proust geschenkten Flugzeug davonflog und sich sinnigerweise unter dem Pseudonym Marcel Swann versteckte, bevor er ins Meer abstürzte, das ist großer Stoff. Und zum Erscheinen von „A la Recherche“ kaufte sich Proust Rezensionen auf den Titelseiten großer Journale für sehr viel Geld, Rezensionen die er auch noch selbst verfasst hatte. Solches hat der neue Rowohlt Verleger Florian Illies mit Sicherheit nicht nötig.

Florian Illies, 1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte. Erschienen im Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2018

Pong

2 Kommentare zu „1913. Die Fortsetzung

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