Wuppertal

TUFFI
Tuffi ist omnipräsent in der Stadt.

Seit 1901 verkehrt die Schwebebahn in Wuppertal. Sie ist damit älter als die Stadt selbst, die ihren Namen erst durch den im Jahre 1929 erfolgten Zusammenschluss der im Wuppertal benachbart gelegenen Städte Barmen, Elberfeld und Vohwinkel erhielt. Die Schwebebahn, die täglich rund 70 000 Fahrgäste befördert, gilt als eines der sichersten Verkehrsmittel der Welt. Nur einmal in ihrer langen Geschichte entgleiste ein Waggon, vor genau 20 Jahren – im Jahre 1999, als eine Baufirma vergessen hatte, eine zu Reparaturzwecken angebrachte stählerne Kralle an den Schienen rechtzeitig wieder zu entfernen. Ein Waggon kollidierte und stürzte in die Wupper, fünf Tote waren zu beklagen, dazu viele Schwerverletzte. Glimpflich ging dagegen ein Unfall im November letzten Jahres aus, als gleichsam aus heiterem Himmel ein hunderte Meter langes Schienenstück brach und auf die Straße fiel, glücklicherweise ohne dass ein Mensch verletzt worden wäre. Seither steht die Bahn still und wird wohl erst im Sommer 2019 nach Revision des gesamten Schienennetzes ihren Fahrbetrieb wieder aufnehmen können.

Der wundersamste Unfall jedoch ereignete sich im Jahre 1950. Kein Waggon, kein Mensch, kein Schienenteil, sondern eine junge Elefantenkuh stürzte da aus dem Waggon Nummer 13 zehn Meter tief in die Wupper – ohne über dieselbe zu gehen. Der Reihe nach. Der vierjährige Elefant namens Tuffi gehörte zum Zirkus Althoff, dessen Direktor ein geschickter Marketingstratege war und aus Anlass eines Gastspiels seines Zirkus zu Werbezwecken eine Schwebebahnfahrt samt Elefant und geladener Journalisten unternahm. In der Station Alter Markt stieg die ungewöhnliche Reisegruppe zu, nicht ohne zuvor vier Tickets für Tuffi gelöst zu haben und eines für Franz Althoff. Sage nachher keiner, der Elefant sei schwarz gefahren. Noch bevor die Bahn jedoch die nächste Station erreichen konnte, bekam Tuffi, wahrscheinlich ob des Gedränges und ob der vielen Blitzlichter Panik, durchbrach die Seitenwand des Waggons und fiel hinab in die Wupper, die an dieser Stelle nicht sonderlich tief, aber morastig war, so dass der Sturz des Dickhäuters abgefedert wurde. Den Berichten zufolge konnte der Zirkusdirektor gerade noch davon abgehalten werden, hinterher zu springen. Dazu trug sicher auch bei, dass er von oben sehen konnte, wie Tuffi sich schüttelte und Richtung Ufer bewegte. Der Zirkusdirektor wurde nach einem teils humoresken Prozess, der um die Frage kreiste, ob das Mitführen von Elefanten gegen die Beförderungsbestimmungen verstieß, wegen fahrlässiger Transportgefährdung zu einer Geldstrafe verurteilt. Tuffi jedoch wurde berühmt und zu einem Wuppertaler Wahrzeichen. An einer Mauer gegenüber der Unfallstelle erinnert noch heute ein Elefanten-Fresko an den historischen Sturz.

Tuffi ist in Wuppertal omnipräsent, sei es auf Geschenkartikeln aller Art von der Seife bis zum Kaffe, als Bronze-Skulptur oder aber auch mitten in der Fußgängerzone als Lichtobjekt aus über 10 000 LEDs. Darüber hinaus ist Tuffi der Star vieler Kinderbücher weltweit. Kurios ist, dass es von dem Unfall selbst keine historischen Fotos gibt, obwohl die Gondel (so nennt man Schwebebahnwaggons auch) mit dem kleinen Elefanten vollbesetzt mit Fotografen war. Diese werden sich aber konfrontiert mit der Panikreaktion des Elefanten lieber spontan in Sicherheit gebracht haben. Die an jedem Zeitungskiosk in Wuppertal erhältlichen Postkarten mit dem Bild des aus der Bahn stürzenden Elefanten sind indes Fotomontagen, neudeutsch: Fakes. Der echte Tuffi verbrachte noch einige Jahre im berühmten Elefantenballett des Zirkus Althoff, bevor er nach dessen Auflösung an den Cirque Gruss in Paris verkauft wurde. Dort starb Tuffi dann im Jahre 1989 eines natürlichen Todes, also vor genau 30 Jahren.

Die Station Alter Markt, wo Tuffis kurze Reise begann, liegt genau gegenüber der legendären Probebühne einer anderen Wuppertaler Berühmtheit. Die Rede ist von der Lichtburg und von Pina Bausch, zwar gebürtig aus Solingen, aber als Begründerin und langjährige Leiterin des Wuppertaler Tanztheaters in Wuppertal und in der ganzen Welt eine feste Größe. Die Stadt begeht dieses Jahr den 10. Todestag dieser Choreografin, deren über 40 Werke auch heute noch weltweit gespielt werden und inzwischen den Rang eines nationalen Kulturerbes einnehmen. Nach den letztjährigen Stürmen um die fristlose Entlassung der Leiterin Adolphe Binder nach nur einem Jahr Amtszeit, liegt es nun an der neuen Intendantin Bettina Wagner-Bergelt, das angeschlagene Schiff  „Tanztheater Wuppertal“ in ruhigeres Fahrwasser zu manövrieren. Dazu muss sich – um im Bilde zu bleiben – allerdings auch die Besatzung ins Zeug legen.

Halten wir fest: Wuppertal feiert 2019 seinen 90. Stadt-Geburtstag, vor genau 30 Jahren starb Tuffi, vor genau 20 Jahren ereignete sich der einzige Schwebebahnunfall mit Todesfolge, vor genau 10 Jahren starb Pina Bausch. Und einer anderen berühmten Tochter dieser Stadt, Elke Lasker-Schüler wird heuer aus Anlass ihres 150. Geburtstags gedacht. Friedrich Engels übrigens, der berühmteste Sohn Wuppertals, feiert erst nächstes Jahr seinen 200. Geburtstag.

Pong

 

2 Kommentare zu „Wuppertal

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