Lohn der Angst

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Auf dem Weg nach Chachapoyas muss zunächst ein Erdrutsch beseitigt werden.

Wir haben Máncora hinter uns gelassen und sind auf dem Weg nach Chiclayo. Unser eigentliches Ziel ist allerdings Chachapoyas, doch wir nehmen einen Umweg, der uns über eine weniger befahrene Strecke im Gebirge führt, die entlang steiler Abhänge verläuft. Unser Lonely Planet empfiehlt Valium für schwache Nerven und gesundes Vertrauen in die Streckenkentnisse des Fahrers. Genau unser Ding.

Nach Chiclayo alleine sind es erst mal 7 Stunden, und so fahren wir wieder durch die schier endlose Küstenwüste, die uns immer noch zu beeindrucken vermag. Leider sind manche Abschnitte aber derart vermüllt, dass es uns zuweilen schaudert; Plastikmüll sicher 3 Meter weit verstreut zu beiden Seiten der Straße… Abgelöst wird die Szenerie nur durch die kleinen, staubigen Ortschaften auf dem Weg und vereinzelte Reisfelder und Bananenplantagen, die im krassen Kontrast zur restlichen Landschaft stehen.

Wir kommen um 19 Uhr endlich in Chiclayo an, nur um nach 4 Stunden Aufenthalt direkt in den nächsten Nachtbus nach Cajamarca zu steigen. Leicht müde stolpern wir dort um 5.30 Uhr raus und machen uns auf die Suche nach einer Möglichkeit, endlich Richtung Chachapoyas aufzubrechen. Die Strecke war im voraus nicht online buchbar, und wir irren im Halbdunkel die Hauptstraße entlang, fragen uns durch. Eine direkte Verbindung gibt es erst am Abend, also nehmen wir ein Sammeltaxi für die erste Teilstrecke nach Celendín, um weiter voranzukommen.

Die Landschaft hat sich über Nacht verändert und die Sandtöne der Küste sind dem satten Grün der Anden gewichen. Ich schaue aus dem Fenster und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Bobby schläft. In Celendín angekommen, erwartet uns zunächst ein kurzer Rückschlag: Es wird vor 14 Uhr keinen Bus nach Chachapoyas geben, und die restliche Fahrt dauert weitere 8 Stunden – wir haben die Distanzen doch unterschätzt. Erschöpft schlagen wir uns alternativos die Zeit bis zur Abfahrt in dem kleinen Örtchen um die Ohren. Als der Kleinbus dann endlich die Ortsgrenze passiert, sind wir bereits 26 Stunden unterwegs.

Der Umweg belohnt uns aber schnell mit einer umwerfenden Landschaft und alle Anstrengungen sind vergessen. Es geht über hohe Pässe auf bis zu 3.700 Metern die Anden hinauf und danach gleich wieder hinunter. Die Straße ist nur teilweise befestigt und meistens eher eine Schotterpiste, die kaum Platz für zwei PKW nebeneinander bietet. Unser Reiseführer hat recht behalten: nichts für schwache Nerven. Wir genießen die abenteuerliche Fahrt und starren mit einem leicht angstiegenen Adrenalinspiegel die wahrlich steilen Abhänge hinunter; Leitplanken gibt es keine.

Die Sonne ist schon eine Weile untergegangen, da stoppt unser Fahrer plötzlich vor einem Hindernis. Es hat wenige Augeblicke vor unserem Eintreffen einen Erdrutsch gegeben, der die Straße blockiert. Die Bewohner einer direkt daneben gelegenen Hütte kommen auch gerade erst mit Taschenlampen aus der Tür und begutachten die Erdmasse, als wir zum Stehen kommen. Ehe ich mich zu einem klaren Gedanken durchgerungen habe, höre ich die Männer hinter mir schon: „Los, wir räumen das weg!“ „Wir räumen das weg?“, frage ich mich kurz, „Na klar, wir räumen das weg!“ Alle verlassen also den Wagen und fangen an mit bloßen Händen Gesteinsbrocken zur Seite zu wuchten. Eine Umkehr wäre sinnlos, sind wir doch schon 6 Stunden gefahren und wirkliche Ortschaften haben wir keine durchquert. Die Gruppe vergrößert sich zum Glück schnell um die Insassen nachfolgender Fahrzeuge; wir machen rasch sichtbare Fortschritte. Es kommt uns gelegen, dass wir außerdem das Werkzeug der Anwohner nutzen dürfen; ich bin mir sicher, dass es für einige Helfer nicht das erste Mal ist. Nach ca. 30 Minuten wagen wir den ersten Anlauf und der Kleinbus donnert mit Anlauf auf den von uns geräumten , aber dennoch erhöhten, holprigen Weg. Für einen Moment glauben wir, dass es klappt, doch einige größere Brocken verkeilen sich unter der vorderen Verkleidung des Wagens. Der Fahrer setzt zurück wobei sich die Stoßstange fast zur Hälfte löst, und einige erfahrene Kollegen geben nochmal neue Anweisungen. Wir bessern die Strecke nach und wagen den zweiten Versuch. Der Kleinbus rast wieder mit Anlauf auf die Erhöhung zu und schafft es dieses Mal tatsächlich!

Den Rest der Fahrt überstehen wir problemlos und kommen um ca. 23 Uhr nach 35 Stunden Reise in Chachapoyas an. Unsere Hände und Schuhe sind schmutzig von der Erde, und uns ist klar, dass wir die Strecke auch in der Hälfte hätten fahren können, doch ein solches Abenteuer hätten wir auf der befestigten Straße niemals erlebt. Wieder sind es die ungeplanten Dinge, die den großen Reiz ausmachen und uns sicher lange in Erinnerung bleiben werden. Wir belohnen uns mit einer warmen Dusche und sind bereit für die kommende Tage mit ersten Ausflügen und Wanderungen in den Anden.

Peng

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