Wer die Sehnsucht hat

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Intendanten dieser Welt: Spielt die Oper „Oceane“ von Detlef Glanert! © Bernd Uhlig

Das Bild ist endlich da; der Transport aus Frankfurt in die JenAer lief nicht ohne Abstimmungsprobleme. Axel hat es mir im Krankenbett bei meinem letzten Besuch in Bad Camberg vermacht. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen – viele Fragen bleiben offen. Es zeigt „The Gates“, ein Projekt von Christo und Jeanne Claude von 2005 im Central Park von New York. Wie dieser Druck in Axels Besitz gekommen ist, weiß ich (noch) nicht, ob er einmal in New York gewesen ist auch nicht. Natürlich schauen wir uns erst recht den Film „Christo: Walking on Water“ an, eine unbedingt zu empfehlende Dokumentation über die Entstehung der Floating Piers-Kunstinstallation, die im Jahr 2016 zwei Inseln im Lago d‘Iseo miteinander verband. Vor vierzig Jahren hatte er das Projekt bereits mit seiner Frau geplant und niemals die Sehnsucht aufgegeben, dass es doch noch klappen würde. Ein Besessener.

Zwei Tage später fiebern wir einer Uraufführung in der Deutschen Oper entgegen: Oceane. Eine Fontane-Oper im Fontane-Jahr. Wir sind vom ersten Moment an gebannt: der Kopf einer Frau in schwarzweiß auf einer Leinwand vor der riesigen Bühne, sie singt wie aus einer anderen Welt, die Kamera zoomt auf ein Auge, das schließlich zum Meer wird. Starker, grandioser Beginn eines Abends, der in Erinnerung bleiben wird (Regie: Robert Carsen). Detlef Glanert hat die Oper komponiert und verfügt souverän über alle ästhetischen Möglichkeiten des Musiktheaters. Aus dem Fragment „Oceane von Perceval“ hat Hans-Ulrich Treichel geschickt ein Libretto verfasst: eine freisinnige Frau scheitert in den realen Verhältnissen. Wenn Oceane – gesungen & gespielt von der fabelhaften Maria Bengtsson – wie entfesselt beginnt zu tanzen, weichen die braven Pfahlbürger schockiert zurück. In der spießigen Sommerfrische an der See ist kein Platz für eine Oceane, die ihre Sinnlichkeit ohne Grenzen nur im Meer ausleben kann – im Tode. „Ein Riesenerfolg der Deutschen Oper“, bilanziert die ARD-Kulturkorrespondentin Maria von Ossowski“, „der aber die Frage nicht beantwortet, die alle Uraufführungen des Musiktheaters begleitet: wird es eine zweite, eine zwanzigste, vielleicht gar zweihundertste Inszenierung geben? Meist bleibt es nur bei der Uraufführung zeitgenössischer Werke. Glanerts Werk wäre ein dauerhafterer Platz in den Spielplänen der Opernhäuser zu wünschen.“

„Wer die Sehnsucht hat, hat alles“, wähnt Oceanes Verehrer. Nichts hat er! Was das mit deutschen Theater zu tun hat, wollen wir beim Theatertreffen erfahren, das mit „Hotel Strindberg“ von Simon Stone nach August Strindberg eröffnet wird. Oha! Stone hat die „Methode der Komplettüberschreibung“ von Klassikern erfunden. Wir schauen in unterschiedliche Fenster eines Hotels und erleben, wie sich Menschen verletzen, erniedrigen und zerstören. Sehnsucht ist da keine mehr, Hoffnung auch nicht, Langeweile bald. Nach der zweiten Pause haben wir Sehnsucht zu gehen. In den Nachrichten hören wir, dass „Gundermann“ die Goldene Lola gewonnen hat (gut so) und die Tories bei den Kommunalwahlen in England richtig eins auf die Mütze bekommen haben (noch besser!). Es gibt eine wachsende Sehnsucht auf der Insel nach Europa. It’s time to say Goodbye, Theresa!

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