Grüezi mitenand

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Die Gedenkstelle im Frankfurter Hauptbahnhof für den heimtückisch ermordeten achtjährigen Jungen.

Wieder einmal komme ich am Frankfurter Hauptbahnhof an, aber diese Ankunft ist anders. Zwischen Gleis 8 und Gleis 7 stehen Menschen und blicken still und ratlos auf Blumen, Kerzen, Grüße, Teddys und andere Spielsachen; Security ist in der Nähe. Helfen und verstehen kann keiner. In der letzten Woche wurde ein kleiner Junge vor einen einfahrenden ICE gestoßen und starb. Seine Mutter konnte sich auf einen Weg zwischen den Gleisen retten, eine ältere Dame die unvermittelte Attacke des heimtückischen Täters abwehren. „Mehrmals über den Tag“, notiere ich am 29. Juli in mein Leuchtturm-Notizbuch, „denke ich an die arme Frau. Wie wird, wie kann ihr Leben weitergehen?“ Am nächsten Tag gehe ich noch einmal an die Gedenkstelle; wieder halten Passanten inne, ein Kamerateam befragt eine Frau. Ich sehe mir noch einmal den Gruß der Eritreischen Gemeinde Frankfurt an – und zögere, ob ich mir jetzt ein Eis kaufen darf.

Das Leben geht weiter, immer weiter. Ich kaufe mir eine Kugel bei Häagen Dazs für 3 € und bin plötzlich wieder im Engadin, wo wir mit Freunden einige anregende & unbeschwerte Tage verleben, in einer Idylle, die von unserer Zivilisation immer mehr bedroht wird. Die Gletscher schmelzen, die Pisten werden planiert, auf den herrlichen Wegen müssen die Wanderer vor den Kampf-Bikern auf der Hut sein, Sankt Moritz ist ein teures Pflaster ohne Flair, das sich sog. Normalverdiener schon längst nicht mehr leisten können; viele Anwesen & Wohnungen werden wenig genutzt und stehen meist leer. Wie Mallorca ist das Engadin trotzdem vom Tourismus nicht kaputt zu kriegen – immer wieder sind wir von der atemberaubenden Schönheit dieser Landschaft fasziniert.

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Das Engadin behauptet seine atemberaubende Schönheit gegen die Zivilisation. Foto: Gitti Grünkopf

Mich fasziniert auch das Modell Schweiz, diese erstaunliche Verbindung von Eigensinn und Erfolg. Ganz besonders gefällt uns das Feuerwerk zum Nationalfeiertag am 1. August. Wir steigen auf den Berg und blicken über den beleuchteten See nach Sankt Moritz Bad, wo die Raketen und Leuchtkörper gezündet werden sollen. Hier und da knallt und leuchtet es ein bisschen, aber kurz nach 22 Uhr gehen die Lichter am See schon wieder aus. Das war’s dann auch – poetisch und nicht martialisch wie Silvester in Deutschland. Theodor W. Adorno hätte es bestimmt gefallen. Er soll Feuerwerke geliebt haben und kam sommers immer in die Schweiz. Am 6. August 1969 ist er dort in Visp gestorben – an gebrochenem Herzen, wie immer wieder kolportiert wird. „Nur wenn das, was ist“, resümierte Adorno in seiner „Negativen Dialektik“ ohne Hoffnung, „sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“ Uf Wiederluege.

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