Deutschlandreise

Der ICE  ist rappelvoll. Die Freunde von der Deutschen Bahn fahren ohne Vorwarnung mit einem Wagen weniger, und es gibt das übliche Geschiebe & Gedränge. Am Hamburger Hauptbahnhof ist der Teufel los, und wir sind froh, als wir bei Neumann‘s in der Langen Reihe sitzen. Wetter & Passanten wechseln rasch, aber ein Umzug erweckt unsere Aufmerksamkeit. Angeführt von einem älteren Mitarbeiter des Straßenamtes mit einem rot-weißen Wimpel passiert ein seltsamer Zug die Kreuzung. Halbnackte Ledermänner mit Piercings und Tiermasken ziehen übermütig bellend um die Häuser, derweil wir über den Verlust der Intimität nachdenken. Neulich, berichtet uns der Freund,  habe er Herr und Sklave mit Hundemaske in einer Szene-Location gesehen – der Tiermensch demütig auf allen Vieren angekettet unter dem Tisch. Wie erklärt man solche Szenen einem Kinde?

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Tim Rodig live im Hamburger Stadtpark.

Abends bleiben wir von solchen Irritationen zum Glück verschont. Eine der vielen Cousinen feiert einen sog. Runden Geburtstag im Stadtpark. Wir lieben solche Feste und können gar nicht genug Darbietungen bekommen. Stets noch erfahren wir Neues aus einem Leben, das als Nonne hätte verlaufen können und sich kurz auch mal der Agitation überraschter Hafenarbeiter verschrieben hatte. Einen Coup landete die fidele Jubilarin mit dem kurzfristig abgemachten Gig von Tim Rodig . Womöglich habe ich den Tenorsaxophonisten schon einmal erlebt; er war mit Roger Cicero († 24.03.2016) und Stefan Gwildis on tour. Doch der ist inzwischen in kleiner Besetzung unterwegs, erzählt Tim, eine große Band sei zu teuer. Der Kuchen wird kleiner, auch für so einen souveränen & versierten Saxophonisten, der für uns locker einige Jazz-Standards & Latin-Grooves spielt.

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Nils Wogram, Joe Sachse und Feliks Büttner beim Finale in der Nikolaikirche in Rostock.

Bereits am Donnerstag bin ich wieder in Hamburg und will am Tag, da sich Woodstock zum 50. Mal jährt, entspannt umsteigen und nach Rostock fahren. Zeit genug habe ich eingeplant. Dass wir mit 130 Minuten Verspätung ankommen würden, hatte ich indes nicht erwartet. Also mit fliegenden Schößen per Taxi zur Nikolaikirche, wo ich tatsächlich noch vor einem denkwürdigen Konzert eintreffe. Der Gitarrist Joe Sachse hatte mich eingeladen und begrüßt mich freudig per Handschlag. Er wird an diesem Abend wieder mit dem großartigen Posaunisten Nils Wogram ein Duo-Konzert geben. Die sehr gut besuchte Kirche bietet für ihre Dialoge einen passenden Rahmen – mal übernimmt der eine, mal der andere die Initiative. Da verstehen sich zwei Musiker intuitiv, und ganz besonders horche ich auf, wenn Sachse die Gitarre in seiner unnachahmlichen Art expressiv und perkussiv spielt. „Helmut ‚Joe‘ Sachse“, lesen wir auf seiner Homepage. „verdankt seinen Zweitnamen dem legendären Jimi Hendrix.  Und das sicher nicht nur, weil er dessen gleichlautenden Hit gern und oft gespielt hat.“ Weil mir sein Album „If 69 was 96“ (mit Pinguin Moschner!) so gut gefällt, wollte ich den Meister heuer noch im Konzert erleben: und das war aller Mühen wert, zumal ich noch nie gesehen habe, wie während eines Konzerts ein Gemälde entsteht. Kein Problem für den dritten im Bunde: den Maler Feliks Büttner. Thanks Joe!

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