
Plötzlich ist Herbst. Die Temperaturen sind im Vergleich zur letzten Woche um die Hälfte gesunken, es gibt immer wieder heftige Windböen. Da während der heißen alle Bäder und Seen überfüllt waren, gehen wir gleich zweimal ins Kino. “Verflucht normal” erzählt die traurige Leidensgeschichte eines Jungen, bei dem in der Pubertät das Tourette-Syndrom ausbricht und sein Leben schlagartig verändert. Vollkommen unvermittelte Bewegungen, Tics und unflätige Wörter provozieren Ablehnung. Nach bitteren Jahren der Diskriminierung hat John doch noch Glück in seinem Leben – er trifft Menschen, die ihn verstehen und ihm helfen. Der Film erzählt sehr bewegend und einfühlsam die Geschichte des echten John Davidson, der sich für ein Verständnis des Tourette-Syndroms in der Gesellschaft eingesetzt hat und für diese Leistung sogar von der Queen ausgezeichnet wurde. “’Verflucht Normal’ berührt, setzt auf britischen Humor, ein exzellentes Ensemble – und mausert sich zur Aufklärungs-Dramödie der Feel-Better-Klasse.” (Horst E. Wegener, FRIZZ Das Magazin 06_26)
Erstaunlich gut besucht ist bei drückenden, subtropischen Temperaturen ein herausragender Dokumentarfilm: “Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war” von Regina Schilling. Die Mehrheit im Publikum sind erwartungsgemäß Frauen, gilt die österreichische Schriftstellerin doch als Ikone der feministischen Literatur, obwohl man sie keineswegs darauf reduzieren sollte. “Malina” der einzige zu Lebzeiten der Autorin veröffentlichte Roman, spaltet die Ich-Person in eine weibliche und in eine männliche Identität; heute würde man Malina als non-binär bezeichnen. Ingeborg Bachmann muss eine faszinierende Frau gewesen sein, die in ihrer Gebrochenheit und Unsicherheit Kollegen wie Paul Celan und Max Frisch, um nur einige zu nennen, faszinierte, die aber in ihrer letzten Zeit in Rom einsam und getrieben von Alkohol und Drogen verbrachte. Diese Szenen stellt Sandra Hüller dar und eröffnet dem souverän geschnittenen Dokumentarfilm eine zweite Ebene. Die Häme und Herablassung der männlich bestimmten Literaturkritik dieser Zeit – allen voran der arrogant-chauvinistische Marcel Reich-Ranicki – ignorierte die Singularität einer Ingeborg Bachmann.
Das erste (und letzte) K.o.-Spiel der deutschen Mannschaft bei der WM 2026 wollen wir uns dann doch anschauen – über den Beamer auf der Leinwand. Zum Glück ist der Anpfiff erst um 22.30h, sonst hätten wir nicht viel gesehen in einem Zimmer ohne Vorhänge. Zu sehen gab es ohnehin nicht viel von unserem Team, das gegen Paraguay “harmlos und ideenlos” (Deutschlandfunk) spielte und zum dritten Mal hintereinander bei einer WM in der ersten K.o.-Runde ausschied. Vierzig Minuten von diesem Kick reichten mir, doch der Bundeskanzler – immer für eine Überraschung gut – hatte ein ganz anderes Spiel erlebt. Auf dem offiziellen Kanzler-Account verblüffte er mit dieser Analyse. „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Angeblich ging die falsche Version online. Peinlich für Friedrich Merz und seine PR-Dilettanten!
