
Wer einmal auf Hiddensee war, kommt entweder immer wieder oder nie mehr.“ Natürlich fällt diese durchaus zutreffende Bemerkung über unsere Lieblingsinsel gleich am Anfang des Films “Hiddensee” von Annekatrin Hendel, auf den wir uns schon lange gefreut haben. Die Regisseurin kennt diesen Sehnsuchtsort seit den 80er Jahren und versucht, mit ihrem Schwarzweiß-Film (Kamera Martin Farkas; Musik Christian “Flake” Lorenz) das Porträt einer Insel zu zeichnen, in deren Idylle sich die Spaltung der Gesellschaft eingeschrieben hat. Hendel hat lange an diesem Film-Essay gearbeitet; sie will beobachten, aber nicht werten. Sie hätte ihn auch nach einem Graffiti auf der Insel “Hauptmann oder Ballermann – quo vadis, Hiddensee” nennen können, denn sie lässt die Kultur- und die Spaßfraktion gleichermaßen zu Wort kommen. Sie schlägt sich nicht auf eine Seite und gibt dem beeindruckenden Inselpfarrer Konrad Glöckner oder der Leiterin des Gerhart-Hauptmann-Hauses in Kloster, Franziska Plötz, genauso Zeit wie dem Bürgermeister mit DVU-Vergangenheit Thomas Gens, und der Kurdirektorin Vanessa Marx, einer “Schlagerpowerfrau” vergangener Zeiten (ihre Internet-Seite ist noch immer online).
Erstaunlicherweise wird die Arbeit der Modedesignerin Maren Lass und der Fotografin Beate Nelken ausführlich gewürdigt, während die 1920er (Bohème) und 1980er Jahre (Sehnsuchtsort in der DDR) nur gestreift werden. Institutionen wie der “Klausner” (dort spielt der Roman “Kruso” von Lutz Seiler), die Lietzenburg oder die Biologische Station der Universität Greifswald finden im teils rasant geschnittenen “Hiddensee” gar keinen Platz. Noch ärgerlicher, dass Annekatrin Hendel die Auseinandersetzungen um den Hafen von Vitte vollkommen ignoriert. Die Spaßfraktion um den (ehrenamtlichen) Bürgermeister und Fischbrötchenverkäufer Thomas Gens macht sich für einen Ausbau der Marina mit Beleuchtung und Kurmuschel stark, während eine Bürgerinitiative „Hafen Vitte – Nein zum Hafenausbau” für eine behutsame und ökologische Erneuerung kämpft. Gerne hätte man darüber etwas von Hotelbesitzern oder Hausvermietern erfahren, denn nicht nur auf Hiddensee würde die Ausweitung des Tourismus fatale Folgen haben. Die Spaltung der Gesellschaft beschränkt sich keineswegs auf die Alternative Hauptmann oder Ballermann.
Auf Hiddensee zeigt sich im Kleinen, was sich überall in Deutschland feststellen lässt. Die Bürger:innen ärgern sich über das Gendern (macht das noch jemand?), fühlen sich ohnmächtig angesichts globaler Veränderungen vom Klima bis zur Wirtschaft und spüren die Grenzen politischer Gestaltungsmöglichkeiten in Zeiten immer knapperer Kassen. Ohne eine schmerzliche Zeitenwende werden Anpassungen nicht gelingen. Wer dagegen einfache Lösungen verspricht, macht sich beim Wahlvolk beliebt. Mit Freibier und Fake News hat die AfD die Marktplätze und Social Media erobert, und ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt schwadroniert auf seinen Simpson-Tours: “Wir möchten unser altes, sicheres Deutschland zurück.” Der Kandidat (* 25. Oktober 1990) schwärmt von der DDR, obwohl er diese deutsche Diktatur gar nicht erlebt hat. Das Bundesland hat nach der Wende 26% seiner Bevölkerung verloren und inzwischen mit 48,3 Jahren die älteste Bevölkerung hierzulande. In Sachsen-Anhalt leben derzeit 2,12 Millionen Menschen; 2024 haben knapp 1 Million von ihnen gearbeitet. Im letzten Jahr wurden 75.300 ausländische Beschäftigte gezählt. Die Zahlen sind bekannt, die Folgen einer ausländerfeindlichen Politik kann sich jede:r ausmalen. Wenn man denn wollte.

Tja. Wir haben eine Menge erwartet. Aber der Film hat enttäuscht. Viel Geraune, bedeutungsschwere Sätze, aber keine Struktur, Konflikte werden angedeutet und nicht klar. Ein Puzzle aus Banalem und Schwermut.
Im Gegensatz zur Insel muss man diesen Film nicht gesehen haben.
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