
Der DB Navigator erinnert daran, dass die Fahrt in 48 Minuten beginnen soll. Zur Sicherheit checke ich trotzdem auf dem Weg zum Hauptbahnhof noch einmal in der App, ob es dabei bleibt. Als Fernpendler muss man immer mit Überraschungen rechnen – wieder bleibt sie nicht aus: “Verbindung nicht mehr fahrbar”. Da der nächste Zug am gleichen Bahnsteig fahren soll, freue ich mich dort auf 45 Minuten Wartezeit. Als dann plötzlich ein ICE einrollt, staune ich nicht schlecht: das ist ja meiner, der nicht mehr “fahrbar” ist. Die Schaffnerin später kann sich diese Double Bind Informationen überhaupt nicht erklären. Und weiter geht’s. “Für Ihre Fahrt von Frankfurt Hbf (tief) nach Berlin Hbf am 29. Okt. 2026 war keine Umplatzierung möglich. Der ursprüngliche Sitzplatz ist nicht mehr verfügbar” mailt die DB-Reisebegleitung. Eine Minute später wird mir dann doch die “Umplatzierung” mitgeteilt. Zum guten Schluss steige ich ein, und alle Reservierungen sind aufgehoben.
Man nimmt den Bahnsinn genauso stoisch hin wie die Verheißungen der Politik. Im letzten Bundestagswahlkampf warf sich der CDU-Spitzenkandidat Friedrich Merz für die Schuldenbremse ins Zeug, um dann als Kanzler neue Schulden in Höhe von einer halben Billion Euro zu verantworten. “Das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) ist ein Sondervermögen des Bundes in Höhe von 500 Milliarden Euro, das am 18. März 2025 vom Deutschen Bundestag und am 21. März 2025 vom Bundesrat ermöglicht wurde.” (Wikipedia) Inzwischen ist bekannt, dass die aktuelle Regierung diese Mittel zum Teil schamlos zur Deckung von Haushaltslöchern nutzt und die im Koalitionsvertrag beschlossene Senkung der Stromsteuer nicht umsetzt. Man glaubt, die Wähler:innen für dumm verkaufen zu können, anstatt den Menschen draußen im Lande reinen Wein einzuschenken. Jeder halbwegs informierte Mensch weiß doch, was die “Zeitenwende” und die globalen Krisen bedeuten – und kosten.
Inzwischen dürfte deutlich geworden sein, dass die Schüler- und Studentenproteste in vielen europäischen Ländern auf ein zentrales gesellschaftliches Problem aufmerksam machen: die Generationengerechtigkeit. „Nehmen wir mal eine junge Frau, Jahrgang 2008”, kommentiert der Tagesspiegel. “Hineingeboren in eine Weltwirtschaftskrise mit Milliardenpleiten und Rettungspaketen. Es folgten prägende Jahre, die einer Pandemie zum Opfer fielen. Dann ein Krieg in Europa und die Angst vor weiteren russischen Invasionsplänen. Und heute die berechtigte Sorge davor, wie Künstliche Intelligenz das Leben und die Arbeit der Zukunft umwälzen wird. Schließlich alles begleitet von einer Klimakrise, die schon lange bekannt ist, aber nie konsequent angegangen wurde. Wenn über Zukunft gesprochen wird, kommt die Perspektive derer, die eigentlich noch am meisten davon haben, oft zu kurz. (…) Eine Demokratie sollte sich daher nicht vor einer politisch aufbegehrenden Jugend fürchten. Sie sollte sich davor fürchten, dass junge Menschen irgendwann glauben, mit demokratischen Mitteln nichts mehr erreichen zu können.“ (28.10.26) Am Wochenende finden in Berlin gleich zwei Versammlungen der “Gen Z” statt.
