Vorbei und vergessen

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Welch ein Glück: Hofmusik zu Ostern. © Gitti Grünkopf

Das Corona-Virus nivelliert – für alle gelten die Abstands- und Hygiene-Regeln, die Tage vergehen einer wie der andere. Es fehlen Abwechslungen & Anregungen. Vor fünf Wochen waren wir bei der letzten Premiere im „Chamäleon“; es kommt mir ewig lange her vor. Welch ein Glück in diesen immer gleichen Tagen zu Hause am Rechner, in Telefonkonferenzen, immer neuen Überlegungen & Planungen, dass am Ostersonntag in unserer Straße zu einer „Hofmusik“ eingeladen wurde. Pablo Barragan (Klarinette) und Yannick Raffalimanana (Keyboard) spielten eine herrliche Stunde für die im weiten Abstand lauschenden Besucher im Hof und das Publikum in den Fenstern. Deutlich wurde uns bewusst, was uns allen so sehr fehlt in C-Zeiten: Gemeinschaft, Nähe – und Kultur. Dass diese für die Politik nicht systemrelevant ist, haben die Lockerungen der Einschränkungen gestern deutlich gemacht: kein Lichtblick nirgends für Künstler*innen und Veranstalter.

Allenthalben hoffen die Menschen, dass der „Spuk“ bald vorbei ist. Und vergessen wie die Hongkong-Pandemie, die zwischen 1968 und 1970 weltweit 1 Million Opfer forderte; allein in Deutschland gab es in dieser Zeit eine sog. Übersterblichkeit von 40.000 Menschen. An die Schließung von Geschäften, Restaurants und Clubs, Produktionsstätten oder Schulen kann ich mich nicht erinnern; auch unsere etwas älteren Verwandten und Freund*innen können davon nicht berichten. Kritiker der Regierung finden in diesen Tagen jedenfalls nicht viel Gehör – „so diene auch die Corona-Krise dazu, die freiheitliche Grundordnung zu zersetzen, argumentiert (der italienische Philosoph) Agamben.“ (FAZ, 28.03.20). Selbst die KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) meldet schon vorsichtig Zweifel an, ob es denn richtig gewesen sei, dass Covid 19 bisher so viele politische Entscheidungen beherrscht hat. Der Vorsitzende Andreas Gassen bringt es im Deutschlandfunk auf den Punkt: „Wenn Sie einen unbehandelten Herzinfarkt oder eine unbehandelte Krebserkrankung haben, dann können Sie davon ausgehen, dass die entsprechenden Patienten versterben. Haben Sie eine unbehandelte Covid-19-Erkrankung können Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Patienten daran nicht versterben, und wenn sie großes Glück haben nicht einmal ernsthaft erkranken.“

Den politischen Diskurs prägen derzeit Virologen wie Christian Drosten, die CDU mit der wieder präsenten Angela Merkel an der Spitze liegt bei 37%. Der medial überhitzten Stimmung im Lande könnte ein wenig Sachlichkeit jedenfalls nicht schaden, etwa der Blick auf ein Schweizer Portal. „Swiss Propaganda Research (SPR), founded in 2016, is an independent nonprofit research group investigating geopolitical propaganda in Swiss and international media. SPR is run by independent academics and receives no external funding.“ (About us) Auf der Seite kann man/frau etwa lesen: „Das Medianalter der Verstorbenen liegt in den meisten Ländern (inklusive Italien) bei über 80 Jahren und nur circa 1% der Verstorbenen hatten keine ernsthaften Vorerkrankungen. Das Sterbeprofil entspricht damit im Wesentlichen der normalen Sterblichkeit.“ Im vorletzten Jahr starben in Deutschland  954.874 Menschen. Zu Ostern habe ich eine Schutzmaske bekommen.

Gebt her Eure Daten

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Not kennt kein Gebot. Bei der Bewältigung der C-Krise sollten auch alle digitalen Möglichkeiten genutzt werden.

Im Streifenkalender in der Küche sind nur noch Geburtstage vermerkt, keine Verabredungen, keine Veranstaltungen. Heute ist Good Friday (Karfreitag), und immer mehr Menschen beginnen zu zweifeln. Inzwischen haben mehr Deutsche Angst vor einer wirtschaftlichen Depression als vor Corona; der Internationale Währungsfond befürchtet eine Weltwirtschaftskrise wie vor hundert Jahren. Müssen wir noch mehr Opfer bringen? Brauchen wir nicht bessere Daten? Keiner weiß, wie viele C-Infizierte es im Moment gibt; die Hälfte aller Ansteckungen erfolgt präsymptomatisch, d.h. der Infizierte weiß gar nicht, dass er erkrankt ist. Es soll Schätzungen geben, die von zwanzigmal mehr Infizierten ausgehen als den amtlich festgestellten 113.525 (Robert-Koch-Institut, 10.04.2020). Gerd Antes, Freiburger Statistik-Experte und Professor an der Medizinischen Universität Freiburg schlägt deshalb vor, regelmäßig einen „repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt auf Infektionen“ zu untersuchen (Der Spiegel).

In digitalen Zeiten mutet auch die analoge Arbeit der Gesundheitsämter seltsam anachronistisch an. Warum nicht dem Ethikrat einen Datenrat zur Seite stellen, der sicherstellt, dass der Zugriff auf Handy-Daten (Tracking) unter bestimmten Bedingungen in der C-Krise möglich und verpflichtend ist. Meine Persönlichkeitsrechte in Berlin sind ohnehin massiv eingeschränkt; wer die Abstandsregel nicht einhält, dem drohen Strafen bis zu 500 Euro. „Anstatt weltweite Monopole zu bekämpfen“, empörte sich die Magdeburger Volksstimme (01.04.20), „die alle Daten und jedes Geschäft an sich reißen, werden nur die Bürger mit Datenschutz gegängelt. Jetzt geht Datenschutz sogar vor Menschenschutz.“ Hätten wir bessere Daten über die Verbreitung des C-Virus, könnte man auch eine klare Exit-Strategie vorlegen und nicht bloß gebetsmühlenartig an die Geduld der Menschen appellieren. Die Zeit läuft – gegen uns.

Inzwischen breitet sich das Virus auch in der Dritten Welt aus. Wenn schon das Gesundheitssystem in New York an seine Grenzen kommt, kann man sich die Situation in Afrika oder Indien nicht schlimm genug vorstellen: dort fehlt es am Nötigsten. Triage, hörte ich gestern im Deutschlandfunk, findet in Ländern ohne Krankenversicherung direkt in der Familie statt – man bringt die Infizierten erst gar nicht in die Klinik, weil man die Behandlung nicht bezahlen kann. Auch die globale Dimension der C-Krise wird uns bald einholen. Seit Tagen geht mir ein Schlager von Jupp Schmitz und Kurt Feltz (Text) nicht mehr aus dem Kopf. „Wer soll das bezahlen, Wer hat das bestellt, Wer hat soviel Pinke-Pinke, Wer hat soviel Geld?“ Wir werden in eine Rezession ungeahnten Ausmaßes kommen. Der Lockdown wird zum Shockdown. Ausgang ungewiss.

Weitergehen

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Allein in der U-Bahn am Sonntagmorgen. © Karl Grünkopf

Ab heute kostet das grundlose Verlassen der eigenen Wohnung in Berlin zwischen 50 und 100 Euro. Am letzten Sonntag hatte ich einen guten Grund. Ich musste zu meinem Verlag nach Frankfurt, um eine ganz andere Verteilung von FRIZZ Das Magazin für Frankfurt & Vordertaunus zu organisieren. Weil die meisten Geschäfte & kulturellen Einrichtungen geschlossen sind, können wir dank eines Deals mit der Supermarktkette REWE dort auslegen; zudem verbreiten wir unseren kostenlosen Titel erstmals per Hausverteilung. Gespenstisch leer schon die U-Bahn-Station; die C-Gefahr auf der Fahrt nach Spandau ist gering – streckenweise sitze ich ganz allein im Wagen. Im ICE dann auch nur wenige Fahrgäste; bis Wolfsburg sind wir zu dritt in einem Großraumwagen. Deutschland im Corona-Modus.

Es ist erstaunlich, was alles von jetzt auf nun möglich ist in diesem Land, dessen Politiker *innen voll und ganz auf die Expertisen der Virologen vertrauen. „Alle sind glücklich über die seriösen Virologen“, wundern sich die Freunde von der taz. „Die Daten der Klimawissenschaften werden dagegen seit Jahrzehnten ignoriert, weil sie die Existenzberechtigung von Energiekonzernen, Agrar- und Autoindustrie und ihre profitablen Verbindungen zu Politik und Gesellschaft untergraben. Dabei wissen wir viel besser, was man gegen den Klimawandel zu tun hätte als gegen das Virus.“ (01.04.20) Tempo 130 auf Autobahnen war genauso wenig durchzusetzen wie etwa eine Steuer auf Kerosin in der gewerblichen Luftfahrt, um nur zwei beliebige Beispiele zu nennen. Dass wir in absehbarer Zeit, keine wirksamen Antibiotika mehr haben, schert auch niemanden. „Seit Jahren werden keine neuen Antibiotika mehr entwickelt und die Arzneimittelindustrie macht keinen Hehl daraus, dass ihr die Gewinnmargen zu dünn sind, um ihre Haltung zu ändern.“ (FAZ, 12.03.20)

Als ich diesen Blog vor anderthalb Jahren begann, waren wir auf unserer „American Journey“ natürlich auch in New York. Wir lieben diese Stadt, die sich mittlerweile zum Zentrum der Corona-Krise entwickelt – im Central-Park wurden Zelte für Patienten aufgeschlagen! Damals wohnten wir in einem winzigen 2-Zimmer-Appartment in Manhattan im dritten oder vierten Stock eines etwas heruntergekommenen Hauses. Eine Ausgangssperre dort mag ich mir nicht vorstellen. Noch dramatischer ist die Situation in Ost-Afrika, wo zur Corona-Krise noch die schlimmste Heuschrecken-Plage seit Menschengedenken kommt. In Kolumbien wurden die ersten Infektionen mit dem neuen Virus bei indigenen Völkern festgestellt, derweil Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro von einem „Grippchen“ spricht. Mir fehlen die Worte ob dieser Leugnung der Realität…

Geld oder Leben

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„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen // Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
(Bertolt Brecht) © Karl Grünkopf

Am Dienstag konnte ich noch normal im Supermarkt einkaufen, jetzt herrschen auch in Berlin fast italienische Verhältnisse: der Einlass zu den noch geöffneten Geschäften ist geregelt, nur noch eine bestimmte Anzahl von Kunden kommt rein. Gut so! Immerhin dürfen wir die Wohnungen noch ohne Passierschein verlassen und Sport im Freien machen. Ein Buch im Park zu lesen, ist indes verboten; dafür dürfen in Berlin die Buchhandlungen auf haben. Der deutsche Föderalismus treibt in der C-Krise seine Blüten und setzt sich strukturell in der EU fort: jeder ist sich selbst der Nächste, von einem abgestimmten Vorgehen keine Spur. Die großspurigen Verheißungen der neuen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen („Green Deal“) sind Schall und Rauch.

Heute ist Welttheatertag, aber in der C-Krise sind alle Theater zu. Die Saison ist gelaufen, das Berliner Theatertreffen findet heuer nicht statt. Dafür gibt es jede Menge digitale Angebote – darunter echte Leckerbissen. Wer einmal versucht hat, Karten für den „Hamlet“ mit Lars Eidinger an der schaubühne in Berlin zu bekommen (immer ausverkauft!), weiß, was ich meine. Diese Inszenierung ist am 01.04. online zu erleben, tags drauf stehen „Sommergäste“ in der legendären Inszenierung von Peter Stein von 1974 auf dem Online-Ersatzpielplan, dann „Richard III“ (Eidinger in seiner zweiten Parade-Rolle) und „Groß und Klein“ von Botho Strauss (Regie: Peter Stein; 1978). Eine digitale Theaterwoche vom Allerfeinsten.

Fraglos wird die C-Krise die Digitalisierung vorantreiben, und das ist auch gut so: weniger Reisen, mehr Video-Konferenzen etwa. Andererseits geht es dem Mittelstand, den Solo-Selbständigen, Kreativen & Künstlern an den Kragen, so dass jetzt schon diskutiert wird, wie lange wir uns Ausgangsbeschränkungen überhaupt erlauben können. „Wann übersteigen die Schäden durch den Stillstand den Nutzen der Virusbekämpfung?“, fragt Matthias Müller von Blumencron im Berliner Tagesspiegel (25.03.20). Inzwischen wird der aus der Notfallmedizin stammende Begriff Triage auch bei uns diskutiert. In Italien, Spanien und Frankreich müssen Ärzte tagtäglich entscheiden, wen sie behandeln können – und wen nicht. Die C-Krise wird viele Verlierer haben, womöglich auch Präsident Twitter.

Abstand aus Rücksicht

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Der Ausgang auf den Balkon bleibt weiter möglich. © Karl Grünkopf

Ist das erst so kurz her? Vor einer Woche waren wir noch bei einer Premiere im Berliner „Chamäleon“ und vor 14 Tagen bei einer Geburtstagsfeier. Da hatten bereits einige abgesagt, weil auch Gäste aus Nordrhein-Westfalen kamen. Mit meiner Namaste-Begrüßung wirkte ich auf dem Fest noch wie ein komischer Heiliger. Jetzt umarmt (sich) fast niemand mehr, und ich habe mir vorgenommen, beim Namaste zu bleiben. Ansonsten arbeitet das Gros der Republik zu Hause, solange das Internet hierzulande hält, dessen Ausbau wie so vieles in Deutschland weit hinterher hängt.  Gestern mussten in Berlin die ersten Geschäfte schließen. Werden sie alle durchkommen und nach der C-Krise wieder öffnen?  Bange Fragen zum Frühlingsbeginn.

Das gilt natürlich auch für meinen Verlag. Es hätte das dickste April-Heft aller Zeiten werden können, nun arbeiten wir an einer „kleinen“ Ausgabe und neuen Konzepten für die Verteilung. Die C-Krise wird nichts & niemanden verschonen, und die Held*innen arbeiten nicht im Home-Office, sondern halten systemrelevant die Gesellschaft zusammen. Im türkischen Supermarkt drängen sich die Kunden vor einer Kasse und pöbeln rum, wenn nicht schnell genug eine zweite geöffnet wird. In ihrer beeindruckenden Rede dankte Kanzlerin Angela Merkel ausdrücklich den Mitarbeiter*innen im Handel: „Wer in diesen Tagen an einer Supermarktkasse sitzt oder Regale befüllt, der macht einen der schwersten Jobs, die es zurzeit gibt.“

Plötzlich ist alles anders. Wir bleiben (fast) alle zu Hause und gehen nur noch zum Einkaufen raus. Einer, so wurde auf der Geburtstagsfeier erzählt, wollte 70 (!) Dosen Ravioli kaufen und ließ sich von anderen Kunden nicht irritieren. An der Kasse ließ man dem Ravioli-Egoisten nur 5 durchgehen – Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen! Am letzten Sonnabend gab es abends in drei Märkten nicht mehr eine Kartoffel, und im Moment warten die Läden in unserem Kiez auf Weizenmehl. Derweil das Thema Corona die Medien beherrscht und wir regelmäßig die Podcasts mit dem Virologen Christian Drosten hören und eigentlich jede*r Bescheid weiß,  machen junge Menschen immer noch Corona-Partys. Dolce vita ist vorbei! Welcome to Reality!

Sei Dir selbst genug

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Lars Eidinger in „Peer Gynt“, einer aberwitzigen Solo-Performance an der schaubühne in einer Inszenierung von John Bock. © Benjakon

Am letzten Sonntag war die Welt noch in Ordnung – scheinbar. Wir erreichen die Berliner schaubühne auf den allerletzten Drücker und sitzen mittig im Parkett. „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen steht auf dem Programm, aber eigentlich wird ein „Taten-Drang-Drama“ von John Bock (Regie, Bühne und Kostüme) und Lars Eidinger gegeben, eine aberwitzige Solo-Performance des Schauspielers. Ab und zu hören wir etwas von Ibsen, aber ansonsten bastelt & bosselt Eidinger vor sich hin, verliert sich in Obsessionen und Größenwahn. Einmal zählt er seine großen Rollen an der Schaubühne auf: im „Hamlet“ und „Richard III“ (beide immer ausverkauft!) stand er schon hunderte Male auf der Bühne. Nun schreibt er seine Erfolgsgeschichte als Schauspieler & Sänger mit  „Peer Gynt“ fort. Was mag noch kommen für diesen Kraftmeier mit unendlichen Energien? Eine Peter Pan Performance? Und dann nur noch LARS, ein unendliches Multimedia-Spektakel?

„Sei Dir selbst genug“, gibt uns Eidinger am Ende mit. Diese Worte haben seit Sonntag eine neue Bedeutung gewonnen. Allenthalben wird geraten, zu Hause zu bleiben und soziale Kontakte zu reduzieren. Plötzlich wird der Besuch einer Premiere im Chamäleon zur moralischen Frage. Dürfen wir allen Empfehlungen & Warnungen zum Trotz das neue Programm einer australischen Gruppe erleben, die uns vor drei Jahren mit der Zirkus-Party „Scotch & Soda“ von den Stühlen riss? Die neue Show hat etwas weniger Tempo, ist aber unbedingt zu empfehlen, denn diese Artisten sind keine Marionetten oder Maschinen, sondern echte Typen, die uns mit „Le Coup“ bestens unterhalten. Dieses Mal hat sich Chelsea McGuffin, künstlerischer Kopf der Gruppe, von australischen Boxring-Shows aus den 30er Jahren inspirieren lassen…

Sie wollen bis zum 16. August im Chamäleon auftreten – eine kaum vorstellbar lange Zeitspanne, da auch uns italienische Verhältnisse drohen, also quasi ein Ausgangsverbot; nur Apotheken & Supermärkte dürfen noch öffnen. Da ich diese Zeilen schreibe, hat das Volkstheater in Frankfurt bis Mitte April alle Vorstellungen abgesagt, und das XJAZZ-Festival in Berlin findet 2020 gar nicht statt. Die Börsenkurse rutschen immer mehr in den Keller, die Zukunft ist offener denn je. Die Ausbreitung von Corona muss verlangsamt werden. Das Gesundheitssystem darf nicht zusammenbrechen. Trotzdem müssen wir alle irgendwie weitermachen. In unserem Verlag laufen derzeit mehrere Produktionen gleichzeitig, deren Planung ständig überdacht und angepasst werden muss. Nerven behalten! Jede Krise ist auch eine Chance. Hoffentlich.

Ruhe bewahren!

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Ruhe bewahren! Spektakuläres Video von Juul Kraijer in der Ausstellung „Zweiheit“ im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg. © Karl Grünkopf

Das ist gerade noch einmal gut gegangen. Während die ITB und die Leipziger Buchmesse abgesagt wurden und die Frankfurter Musikmesse verschoben worden ist, konnte die 70. Berlinale noch stattfinden – trotz der allherrschenden Verunsicherung wegen Corona. Das hätte den Start der neuen Doppelspitze aus Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) und Carlo Chatrian (Künstlerischer Leiter) noch holpriger werden lassen. Sponsoren sagten ab, das Berlinale-Kino im Sony-Center machte dicht und der erste Leiter dieses A-Festivals Alfred Bauer wurde als Nazi geoutet, was indes keine echte Überraschung mehr war. Ansonsten nichts Neues von der Berlinale: rund 330.000 verkaufte Tickets, ein mäßiger Wettbewerb und der Goldene Bär für „There is No Evil“, ein politischer Film aus dem Iran. Die Entscheidung Chatrians, noch einen zweiten Wettbewerb namens „Encounters“ zu installieren, konnte beim Debüt nicht überzeugen – die Festivals in Cannes und Venedig spielen weiter in einer anderen Liga.

Bei der Eröffnung der sehenswerten Ausstellung „Zweiheit“ der niederländischen Künstlerin Juul Kraijer im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg begrüße ich das Team dort mit einer kleinen Verbeugung – und nicht mehr per Handschlag. Mich beeindrucken die Arbeiten sehr, insbesondere die Video-Performance im ersten Stock. Auf drei Leinwänden sieht man die gleiche Frau in gleicher, doch zeitlich versetzter Perspektive: stoisch erträgt diese lebende Medusa, wie sich Schlangen über ihr Gesicht bewegen. Juul Kraijer schafft ein Amalgam aus Mensch, Tier oder Materie von großer Eindringlichkeit – nie gesehene Bilder und Skulpturen. Nach der Vernissage kommt das Gespräch immer wieder auf Corona, wie könnte es auch anders sein. Von panischen Hamsterkäufen (Nudeln, Reis, Toipa) wird berichtet; einige horten ihre Beute in Wohnwagen, deren Standort wahrscheinlich absolut geheim ist. German Angst.

Wir haben ein Doppelzimmer inkl. Behandlung im Elisabeth-Krankenhaus gebucht und sind natürlich gespannt. German Angst auch hier. Desinfektionsmittel werden von Patienten und Passanten geklaut, Atemschutzmasken sind begehrt und unter Verschluss. Die wunderbare Chefärztin gibt zu bedenken, dass es auch andere hochinfektiöse Patienten gibt, die man versorgen müsse. Knapp ist auch jeglicher Impfstoff, obwohl es noch keinen gegen Corona gibt und man sich sinnvollerweise nur  im Herbst impfen lassen sollte. Ein Pfleger raunt einem Kollegen zu, die Klinik halte 700 Masken unter Verschluss: 19.000 €. Und er beneidet einen „pfiffigen“ Berliner Scherzartikel-Händler, der Anfang Januar in China 500.000 Masken bestellt habe und diese nun für 25 € pro Stück vertickt. Womöglich hat die German Angst aber doch ein Gutes, und wir lernen die Tugend des Verzichts neu. Weniger Kapitalismus im Gesundheitssystem, weniger lange Lieferketten, weniger Globalisierung insgesamt. Satelliten zeigen plötzlich einen sauberen Himmel über China. Im Inforadio hören wir, dass Sender in Australien Toipa für ihre Hörer*innen verlosen. Kein Scherz!

 

Alter Wein in neuen Schläuchen

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Zwillinge haben eine ganz besondere Verbindung: Nina Hoss in „Schwesterlein“ von Stéphane Chuat & Veronique Reymond. © Vega Film

Wir sitzen im falschen Film. Das kann bei einem Festival mit Weltpremieren natürlich passieren, zumal bei der Berlinale. Denn seit Jahren krankt der Wettbewerb an der Qualität der ausgewählten Filme. Das ist auch beim 70. Jahrgang nicht anders. Zwar hat die Berlinale nun wie die SPD eine gemischte Doppelspitze, aber Carlo Chatrian (Künstlerischer Leiter) und Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) haben bei ihrem Debüt kein glückliches Händchen: die Auswahl ist schwach wie eh und je und wurde sogar mit „Encounters“ noch um einen zweiten Wettbewerb erweitert. Zumindest der sechste Film, den wir sehen, nimmt uns gefangen: „Schwesterlein“ der beiden Schweizer Regisseurinnen Stéphane Chuat & Veronique Reymond. Erzählt wird die Geschichte eines Zwillingspaares, hervorragend gespielt von Nina Hoss & Lars Eidinger; er ist Schauspieler und muss bald sterben. Das ist Kino und kein Kleines Fernsehspiel, das betulich erzählt & alles erklärt.

Wir gönnen uns eine Pause von der Berlinale und folgen der Einladung zur Premiere der  Show „2020“ in den „Wintergarten“ auf der Potsdamer. Es beginnt verheißungsvoll: die Damen vom Service tragen wunderbare Hütchen oder Stirnbänder; einige Gäste haben auch im Fundus gewühlt. Doch dann ist alles wie immer: statt eines Varieté wie vor hundert Jahren, mit Tempo und Berliner Witz, überdreht & verrucht gibt es eine Nummernrevue, auf die man „Die 20er Jahre“ draufgebappt hat. Ein paar Worte von Kästner und Brecht, ein Dietrich-Song und ansonsten Artisten & Nummern, die man (fast) alle schon einmal gesehen hat. Die weiblichen Acts setzen ihre Reize fast schon vulgär ein. Erotik & Esprit: Fehlanzeige. Potsdamer Straße eben. „Wir reisen morgen nach Buenos Aires“, verabschieden wir uns schon zur Pause. Dort gebe es breite Straßen, meint unser Tischnachbar. Der Page in Livree am Eingang würde am liebsten mitkommen.

Friedrich, Armin, Norbert und Jens – diese Vornamen schon verheißen Zukunft. Merz (64), Laschet (59), Röttgen (54) und Spahn (39) heißen die Hoffnungsträger der CDU, die gerade ihr Ende als Volkspartei erlebt. 11,2% in Hamburg, die Zustimmung im Bund schwindet, mag Angela Merkel auch immer noch (warum eigentlich?) die beliebteste Politikerin sein. Thüringen wirkt nach, aber Hamburg zeigt den Weg. Dort setzte der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) in seinem Wahlkampf ganz auf Themen der prosperierenden Hansestadt und verzichtete wohlweislich auf die Unterstützung der Doppelspitze Esken/Walter-Borjans. Mit Erfolg. Überhaupt sollte man die Länder im Dorf lassen und Bundestags- und Landtagswahlen auf den gleichen Tag legen, wie es einst schon Ralf Dahrendorf vorschlug. Dann würden die nächsten Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg (beide am 14.03.2021) nicht wieder zu Testwahlen für den Bund degradiert. Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch bei der sog. Christlich Demokratischen Union Deutschlands.

 

Erfolgsgeschichten

Rigoletto
Schluss mit lustig. Rigoletto gewahrt seine tote Tochter Gilda in der Aufführung von 2009. © FIko Freese / drama-berlin.de

RBB Kultur überträgt live, fast alle Plätze der  eindrucksvollen Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin-Wilmersdorf sind schon um halb zwölf besetzt: alle wollen den 500. NoonSong erleben. Spiritus rector dieser neuen ökumenischen Gottesdienstform ist Professor Stefan Schuck, der – orientiert am englischen Evensong – im November 2008 mit dem wunderbaren A-cappella-Chor sirventes berlin im kleinen Kreis mit dem NoonSong immer sonnabends um 12 Uhr begann. Liturg beim Jubiläum ist der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Prof. Dr. Wolfgang Huber; an der Orgel spielt Daniel Clark. Aus dem Geheimtipp ist längst eine (auch touristische) Attraktion geworden, die Menschen strömen in die Kirche von Fritz Höger (von ihm stammt auch das Chilehaus in Hamburg) – und halten inne beim NoonSong. Inzwischen umfasst das Repertoire von sirventes berlin über 400 A-cappella-Motetten, Musik von nahezu vergessenen, aber auch zeitgenössischen Komponisten.

Unser „Ferienkind“ war natürlich begeistert, und ohne unseren Gast wären wir kaum auf die Idee gekommen, im Repertoire der Berliner Bühnen zu stöbern, weil wir dermaßen verwöhnt von Premieren sind mittlerweile. Barrie Koskys Inszenierung des „Rigoletto“ von 2009 ist best choice für diesen Sonntag, zumal die Komische Oper bereits um 16 Uhr spielt. Das Haus ist im Parkett nahezu ausverkauft, und die Aufführung hat kein bisschen Staub angesetzt. „It’s a comic opera“, befindet der Regisseur im gewohnt anregenden Programmheft, „that horribly goes wrong.“ Am Schluss vergeht nicht nur dem „traurigen Clown“ Rigoletto (Nikoloz Lagvilava erhält den stärksten Applaus) das Lachen, wir alle verfolgen gebannt Verdis Oper bis zum bittersten Ende. Und sind schon gespannt auf die Inszenierung im Somma bei den Bregenzer Festspielen, zu der uns allerbeste Freunde eingeladen haben.

Einen Lauf hat derzeit auch die Deutsche Bahn, die angesichts der Klimakatastrophe von der Politik gehätschelt & gepäppelt wird. Die Reduzierung der Mehrwertsteuer auf die Tickets gab die DB an ihre Kunden weiter und konnte im Jänner 1 Million zusätzliche Kunden verbuchen. Oha, hatte ich schon befürchtet! Doch bei meinen ersten Reisen in 2020 gab es bis dato überhaupt keine Verspätungen oder sonstigen Probleme; natürlich war ich während des Orkantiefs Sabine nicht unterwegs. Die Inlandsflüge gingen im letzten Jahr übrigens weiter zurück – auf der Strecke Berlin – Köln verbraucht das Flugzeug zehnmal so viel CO2 wie die Bahn (co2online); gleichwohl wurde 2019 mit 124,4 Millionen Fluggästen ein neuer Rekord erzielt. Hurra, wir fliegen noch. Leider viel zu viel!

Life’s a Bitch

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Unikum mit vielen Talenten: Anna Mateur, die übrigens von der Agentur Rampensau Berlin vertreten wird. © David Campesino

Im letzten November konnte man sie in der trashigen Western-Show „Die 5 glorreichen Sieben“ in der „Bar jeder Vernunft“ in Berlin erleben, nun lässt’s die grandiose Anna Mateur dort mit „The Beuys“ krachen. Lust am Spiel mit Rollen, Hintersinn, Ironie und Aberwitz kennzeichnen das neue Programm von Anna Mateur. Sicher darf man sich bei ihr nie sein, sie teilt aus und nimmt sich mit ihrer ganzen Fülle dabei keineswegs aus. Sie liebt das Grimassieren, blitzschnell können Szenen kippen – in puren Trash, surreale Phantasien oder nachdenkliche Sottisen. Dann und wann plädiert die Dresdnerin für die Mitte, ohne diese Einwürfe weiter politisch zu vertiefen. Mit ihren „Beuys“ (den beiden hervorragenden Gitarristen Samuel Halscheidt & Kim Efert) zeigt die Mateur noch einmal in den Zugaben ihre Extraklasse. „Black Coffee“ haben wir so extrovertiert jedenfalls noch nie gehört. Vom 27.10. – 31.10. sind die „Kaoshüter“ mit ihrem sog. Musik-Kabarett, eigentlich ein Gesamtkunstwerk, wieder in der „Bar jeder Vernunft“. Vormerken!

Natürlich könnte die Mateur auch den Satz „Life is a Bitch“ im Scat zerlegen, der einmal in der zweiten Staffel von „Bad Banks“ (ZDF) in „Das Leben ist ein Arschloch“ übertragen wird. Diese Übersetzung überzeugt so wenig wie die ganze Fortsetzung. Wie unter Speed wird erzählt, springt der Schnitt zwischen Städten und Kontinenten, dunklen Machenschaften und üblen Intrigen. Das ist von allem zu viel und deshalb zu wenig. Schon nach den ersten beiden Folgen interessieren mich die verworrene Story und ihre mit vollem Körpereinsatz agierenden Figuren nicht weiter. Bank, Sex & Crime öden schließlich nur noch an, während mich derzeit „The Affair“ und „Homeland“ in Bann ziehen. Beide Serien aus Amerika sind vielschichtiger angelegt und werden mit ruhiger Hand erzählt. Weniger ist mehr.

Ein Arschloch ist das Leben nicht, aber es ist hart und manchmal auch ungerecht, erst recht im hektischen, politischen Geschäft. Nun hat Annegret Kramp-Karrenbauer hingeschmissen, nachdem sie die Linie der Partei in Thüringen nicht hat durchsetzen können. „Kramp-Karrenbauer“, kommentiert der Münchner Merkur (11.02.2020), „durfte immer nur die Als-ob-Vorsitzende sein: eine Königin ohne Land, mit Amt, aber ohne Gestaltungsmöglichkeiten. Jetzt ist sie Merkels letztes Opfer geworden.“ Nun kann sich die Kanzlerin nur noch selbst opfern. Sie schaffen das, Frau Merkel! Down under wird man noch deutlicher. „Die eigentliche Verantwortung“, schreibt das neuseeländische Online-Medium NEWSROOM, „liegt bei Merkel, die ihre Partei über 20 Jahre hinweg in diese Katastrophe geführt hat. (…) Thüringen zeigt die dramatischen Folgen von zwei Jahrzehnten Merkelismus: Eine Partei, die keine tief verwurzelten Überzeugungen hat und sich mit dem Wind der Meinungsumfragen dreht, kann einfach keine Sicherheit, Zuverlässigkeit oder Vorhersehbarkeit schaffen – geschweige denn ein Land führen“ (zitiert nach Deutschlandfunk, Internationale Presseschau, 14.02.20). It’s time to say Goodbye.