Die erste Reise

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Über den Dächern von Kloster: Blick vom Turm der Lietzenburg heute Morgen. © Karl Grünkopf

Glück gehabt! Seit dem 25. Mai dürfen Touristen wieder nach Mecklenburg-Vorpommern reisen. Wir fahren also am Montag nach Hiddensee, einen Tag später als im letzten Jahr bereits gebucht, aber in diesem Jahr ist sowieso vieles anders. Es gibt keine Fähre ab Stralsund, und wir fahren nicht mit dem Zug an die Küste. Mit dem Auto cruisen wir ganz entspannt nach Schaprode auf Rügen, parken dort und setzen über auf unsere Sehnsuchtsinsel. An Bord gelten strikte Regeln: unter Deck ist Maskenpflicht, draußen sind die Abstandsregeln einzuhalten – auch die Crew hält sich daran. Mit Zwischenhalt in Neuendorf erreichen wir den Ort Kloster, schnappen uns einen Wagen und karren das Gepäck auf die Lietzenburg. Die „Sturmhöhe“ (unsere Wohnung ganz oben) ist uns wohl vertraut; heuer müssen wir die Betten selbst beziehen.

Am ersten Abend auf der autofreien Insel gehen wir traditionell ins „Wieseneck“ zum Essen, und wir Berliner kommen aus dem Staunen nicht heraus. Die Kellner tragen Handschuhe & Masken, zuerst müssen wir die Personalien hinterlassen, dann werden laminierte und zuvor desinfizierte Speisekarten gereicht; auf dem Tisch gibt es keine Salz- und Pefferstreuer. „In Meck-Pom ist alles etwas strenger“, meint der Restaurant-Chef. Gut so! Nach dem Laissez-faire letzte Woche gelten auf Hiddensee die Regeln in der C-Zeit eben nicht bloß pro forma. Auch im größten Supermarkt in Vitte. Zu zweit mit einem Einkaufswagen ist nicht zulässig, wir müssen beide einen schieben, kommt die deutliche Ansage vom Kassen-Wart. Das nehmen wir gerne hin, denn ansonsten ist unser Leben auf der Insel fast wie immer, ohne Einschränkungen.

Gestern Abend gab es ein „ARD extra: Die Corona-Lage“ zum Thema Urlaub. In einem Beitrag sehen wir, wie türkische Luxus-Resorts sich auf die ersehnten Touristen vorbereiten, wenn sie denn bald kommen: Desinfektionsteams bei der Arbeit. Sicherheit für die Gäste als oberste Maxime. Das Hotel als Variante des Krankenhauses. So wollen wir nicht Urlaub machen. In den Flugzeugen soll eine strikte Maskenpflicht gelten; dabei wird es keinen Abstand von 1,5 m geben, obwohl auch hier die Klimaanlage keine Sicherheit garantieren kann.  Warum ist in der Luft möglich, was in den Theatern und Konzerthäusern untersagt ist? Schlüssig & nachvollziehbar ist das nicht. Gewisse Lebensrisiken müssen wir eben in Kauf nehmen. Heute Abend eröffnet das „Inselkino“ auf Hiddensee mit  „Fisherman‘s Friends“ – immer zwei Stühle nebeneinander mit ausreichend Platz darum. Ich habe die Karten persönlich bei der Kurdirektorin Vanessa Marx bestellt. No risk but fun!

Den letzten beißen die Hunde

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Nicht systemrelevant: ein Reisebüro hat dicht gemacht. © Karl Grünkopf

Oft bin ich an dem kleinen Reisebüro vorbeigelaufen; nun ist das „Babylon“ leer. Wieder ein Laden weniger in unserem Kiez. Daran werden wir uns gewöhnen müssen, auch daran, dass der stationäre Einzelhandel schrumpft. Selten sehe ich Kundschaft in den kleinen Boutiquen, die sich ihre Hinweise auf die erlaubte Anzahl der Kunden eigentlich sparen können – es kamen schon vor der C-Krise zu wenige. 3 Millionen Menschen arbeiten im Tourismus, die wenigsten sind systemrelevant wie die „Lufthansa“, die jetzt mit Milliarden vom Staat vor der Insolvenz gerettet werden soll.  Das „Babylon“ hat im letzten Jahr sicher keine Dividenden ausgeschüttet und dürfte auch keine Tochtergesellschaften auf den Cayman Islands unterhalten haben.

Restaurants haben bestimmt bessere Chancen als winzige Reisebüros, sofern sie sich an die strikten Vorgaben halten, die nach der Wiedereröffnung letzte Woche gelten. Wir sind gespannt und gehen das erste Mal nach zwei Monaten wieder essen. Zur Sicherheit habe ich vorher reserviert, denn früher hätte man an einem Feiertag keinen Platz bekommen. Das Lokal ist gut besucht, aber es hätte noch genug freie Plätze gegeben. Wir schreiben unsere Kontaktdaten auf – „wenn Sie möchten“. Ansonsten ist alles wie immer, nur dass fast alle Kellner Masken tragen, allerdings nicht im Gesicht, sondern unter dem Kinn: ein lustiges Bartlätzchen. Wir bestellen wie immer (!) und sind erstaunt, wie lässig in diesem Restaurant die C-Regeln interpretiert werden. Fahrlässig! „Das Leben mit Corona wird ein Leben mit dem Risiko werden“, schreibt die Süddeutsche Zeitung vom Tage. Das Essen war gut wie immer; wir werden dieses Restaurant dennoch erst einmal nicht mehr besuchen.

Einen zweiten Lockdown können wir uns nicht leisten. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHT) rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr um 10%. Es droht weltweit die schlimmste Rezession seit 1929; selbst Queen Elisabeth dürfte sich daran nicht mehr erinnern. In Zeiten wie diesen grassieren natürlich aberwitzige Phantasien. Gerade deutsche Rapper überbieten sich derzeit mit ihren Wahnvorstellungen. Von Tunnelsystemen bis New York geht die Rede, von „kinderbluttrinkenden Superreichen“ (Kollegah), von Zwangs-Impfungen mit Chip-Implantation, von lückenloser Kontrolle und Weltherrschaft. Das Netz eignet sich leider bestens dafür, noch jeden Unfug zu verbreiten. Krankzinnigheid. So heißt auf Niederländisch Wahnsinn.

Chancen

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Tritt nicht vor Autos auf: Helge Schneider beim Konzert im Amphitheater Hanau 2019. © Karl Grünkopf

In Zeiten wie diesen wird gerne ein Wort von Winston Churchill zitiert. „Verschwende nie eine Krise, sie gibt uns Gelegenheit, große Dinge zu tun.“ Groß sind bis jetzt erst einmal die wirtschaftlichen Konsequenzen des Lockdown: die Wirtschaftsleistung geht dramatisch zurück, die Steuereinnahmen brechen ein – die Krise kommt erst noch. Allenthalben wird aber die Digitalisierung gefeiert. Video-Konferenzen sind praktisch & ökologisch, Home-Office eigentlich auch, aber die Begeisterung hält sich in Grenzen, zumal wenn Eltern parallel zur Arbeit auch noch Kinder und Jugendliche betreuen müssen. Warum nicht noch stärker auf die Digitalisierung setzen und eine Tracing-App einführen, mit der sich Infektionen verfolgen lassen; das habe ich bereits in meinem Beitrag vom 10.04. befürwortet.

Die Pflicht zur Installation einer solchen App ist politisch nicht durchsetzbar, aber man könnte mit Belohnungen locken: Wer die Tracing App installiert, darf seine Persönlichkeitsrechte wieder voll und ganz in Anspruch nehmen. Man könnte unter der Voraussetzung, dass jede*r dieses Tool nutzt und eine Maske trägt, die Abstandsregel reduzieren und damit Live-Veranstaltungen, offene Kinos und mehr Gastronomie ermöglichen, so dass sich das Geschäft auch rechnet. Ob die Besucher*innen  dann wirklich kommen, steht dahin. Einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens McKinsey zufolge will ein Drittel der Befragten weniger kulturell unterwegs sein; 26% möchten sogar ganz auf solche Anregungen verzichten.

Ob Helge Schneider sich doch darauf einlassen könnte, vor einem Publikum mit Masken aufzutreten? Es wäre ihm und uns zu wünschen. In einem auf Facebook veröffentlichten Video gab der „Auftreter“ jedenfalls bekannt: „Ich muss eines schon mal klarstellen: Ich trete nicht auf vor Autos, ich trete nicht auf vor Menschen, die anderthalb Meter auseinander sitzen müssen und Mund-Nasen-Schutz tragen.“  Was nach dieser Pandemie sein wird, lässt sich nicht abschätzen, wohl aber, dass wir uns noch einen Lockdown nicht werden leisten können. „Die Maßnahmen während der ersten Welle“, schrieb De Standaard aus Brüssel, „können wir während einer zweiten, dritten oder vierten Welle aber nicht wiederholen. Einen neuen Shutdown stehen wir emotional und finanziell nicht durch.“ (11.05.20) Freuen wir uns also auf die Spiele der Fußball-Bundesliga vor leeren Rängen. Spooky!

 

Que Sera, Sera

 

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Ein Theaterereignis: Sandra Hüller als „Hamlet“ im Schauspielhaus Bochum. In diesem Jahr wurde sie mit dem Gertrud-Eysold-Ring und dem Theaterpreis Berlin ausgezeichnet. © JU Bochum

Hamlet oder Hitchcock – das war keine Frage. Eigentlich haben wir uns zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens verabredet, das heuer als „Special Edition“ nur im Netz stattfinden kann. Dann werden wir schwach und lassen James Stewart und Doris Day den Vortritt: herrlich wieder einmal „Der Mann, der zuviel wusste“. Tags drauf beweisen wir mehr Charakter und schauen uns die hochgelobte Bochumer Inszenierung des „Hamlet“ von Johann Simon an, mit der umwerfenden Sandra Hüller in der Hauptrolle. Wir sind beeindruckt, werden aber vom abgefilmten Theater wieder nicht in den Bann gezogen – trotz Beamer und gutem Ton. Streaming von Bühnenereignissen ist und bleibt ein Verlust: für die Künstler*innen und ihr Publikum.

Hoffnung ist leider nicht in Sicht. Nach dem rigorosen Shutdown überbieten sich die Ministerpräsident*innen in „Lockerungsorgien“. Um 0 Uhr öffneten am Montag die ersten Friseursalons, mit den weiterhin geltenden Hygiene- und Abstandsregeln scheint fast alles wieder möglich – nur kein Kino, Konzert und Theater. Anders als die Bundesliga ist die Kultur eben nicht  systemrelevant, obwohl allein die 600 Sommerfestivals im Lande für viele Regionen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind. Autokinos und Museen (Einlass nur per Voranmeldung) sind zumindest ein Anfang, aber eine richtige Lösung für Bühnen, Konzerthäuser und Clubs ist nicht in Sicht. Müssen wir irgendwann unterschreiben, auf eigenes Risiko eine Live-Veranstaltung zu besuchen, ein Plexiglas-Visier tragen und eine Zusatzversicherung abschließen? Schöne, neue Welt.

Derweil sind unsere Gesundheitsämter heillos überfordert, mit dem Virus Infizierte zu betreuen. Unserem „Mann in den besten Jahren“ (s. Beitrag vom 1.Mai 2020)  geht es inzwischen zum Glück wieder besser, aber seine Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitssystem sind ernüchternd. „Vier verschiedene Sachbearbeiter,“ schrieb er gestern,  „wollten meinen Fall jeweils neu aufnehmen. Nie haben die Personen von sich aus gefragt, ob ich zufälligerweise Angehörige habe (die zum Beispiel zur Schule gehen). Tests seien für meine Familienmitglieder grundsätzlich nicht vorgesehen. Und zur medizinischen Begleitung eines Covid-19-Erkrankten sieht sich ebensowenig irgendjemand imstande. Die Hotline, die man bei Atemnot anrufen kann, ist leider nicht durchgehend besetzt. Frustrierende Einblicke ins Behördenwesen haben wir alle gewonnen. Sollte die Zahl der Infizierten tatsächlich mal stark steigen, weiß ich nicht, wie ruhig alle Betroffenen mit dieser Ausnahmesituation umzugehen in der Lage sein werden.“ Das Robert-Koch-Institut stellt per sofort seine täglichen Pressekonferenzen ein und setzt damit seinen erratischen Kurs konsequent fort, als sei die C-Krise zu Ende. Dabei ist weiter nichts mehr normal im Staate Deutschland.

Würde des Menschen

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„Die Würde des Menschen ist ein absoluter Wert.“ (Wolfgang Schäuble) © Karl Grünkopf

Heute ist der Tag der Arbeit, der Wonnemonat Mai beginnt. Inzwischen sind über 10 Millionen Menschen in Kurzarbeit, in der Gastronomie sogar 93% aller Mitarbeiter*innen. Für diese Branche sieht es besonders düster aus. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man ein Restaurant unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln rentabel betreiben kann. Werden Scheiben aus Plexiglas im Restaurant so selbstverständlich wie Masken im Supermarkt? Urlaub können wir in diesem Jahr voraussichtlich nur in Deutschland machen, was für viele Reisebüros das Ende bedeuten wird. Denn sie verdienen ihr Geld mit den Flug-Reisen ins Ausland, die es wohl heuer nicht geben dürfte. Was den globalen CO²-Ausstoß senkt, ist für Unternehmen wie die Lufthansa eine Katastrophe: eigenen Angaben zufolge macht das Unternehmen 1 Mio. Euro Verlust. Pro Stunde!

Die Kanzlerin mit dem „naturwissenschaftlichen Politikverständnis“ (FAZ) bittet weiter um Geduld und warnt vor zu schnellen Lockerungen der Beschränkungen; die Bürger*innen sind mit ihrer Arbeit zufrieden. Die polnische Zeitung Rzeczpospolita spekulierte kürzlich bereits über eine fünfte Amtszeit von Angela Merkel. Am Ende geht sie auch aus dieser Krise als Gewinnerin hervor: Friedrich Merz ist medial abgetaucht, und die Aktien von Armin Laschet sind im freien Fall. Einzig Wolfgang Schäuble (77) kann es sich erlauben, andere Akzente zu setzen. In einem viel beachteten & bemerkenswerten Interview im Berliner Tagesspiegel gab der Bundestagspräsident, der selbst zur Hochrisikogruppe zählt, zu bedenken: „Aber wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“ (26.04.20)

Schäuble stößt damit eine Diskussion an, der wir uns nicht verschließen dürfen: Wie gewichten wir die Grundrechte in einer Pandemie. Die Entwicklung eines Impfstoffs wird dauern, das Durchimpfen der Bevölkerung dann noch einmal länger, eine zweite Welle im Herbst/Winter ist durchaus möglich. Das Corona-Virus sollte man/frau jedenfalls nicht unterschätzen. Nun gibt es den ersten Fall in unserem weiteren Umfeld: ein Mann in den besten Jahren und bei bester Gesundheit ist mit heftigen Symptomen erkrankt und warnt in einer Mail eindringlich: „Jedenfalls kann ich Dich bzw. Euch nur altväterlich bitten, dringend auf Eure Gesundheit zu achten. Dieses Virus ist eben doch nicht so cool, wie Jair Bolsonaro behauptet.“ Corona ist für mich nicht bedrohlicher, aber konkreter geworden. Am Sonntag muss ich mit dem ICE nach Frankfurt fahren. „Leben ist immer lebensgefährlich.“ (Erich Kästner)

 

Mask have!

Kreide auf Rinde (Hochland/Hiddensee)

Wieder eine Woche vergangen, wieder eine Woche im sog. Home Office. Die Zeit vergeht schnell und bleibt doch stehen, als würde es nicht mehr vorangehen. Die Stimmung trübt sich ein, der ifo-Geschäftsklimaindex ist im April auf einen historischen Tiefstand gefallen. Dabei gibt es doch Hoffnung. Viele Geschäfte durften wieder öffnen – wenn auch unter Auflagen. Wir müssen lernen, vor den Geschäften zu warten und die Abstandsregeln einzuhalten. Dass es bald eine Maskenpflicht beim Einkauf und im ÖPNV (Öffentlichen Personennahverkehr) gibt, findet weithin Zustimmung. Gestern habe ich mir eine schwarze Maske mit einem Brillenbügel besorgt und konnte damit schon heute einkaufen, ohne dass mir dauernd die Gläser beschlagen und ich im Dunst fast nichts mehr sehen kann. Wird das reichen?

Die Kanzlerin – derzeit so beliebt wie schon lange nicht mehr – spricht von „Öffnungsdiskussionsorgien“. Anders als ihr österreichischer Amtskollege Sebastian Kurz zaudert Angela Merkel – sie bremst, anstatt den Ton anzugeben. Immer mehr Menschen wird deutlich, dass mit Corona eine neue Zeit angebrochen ist. Geschäftsmodelle & Existenzen stehen von jetzt auf nun zur Disposition. So bleiben derzeit 98% der Flugzeuge am Boden, und es gibt plötzlich negative Ölpreise. Können Sportvereine ohne Zuschauereinnahmen bestehen? Kinos und Theater unter Einhaltung der Abstandsregeln, im besten Falle mit nur einem Viertel der Besucher? Sind Opern und Sinfoniekonzerte noch möglich? Was wird mit den vielen Festivals im Sommer? Was bleibt von der Gastronomie, der bislang jede Perspektive fehlt? Schon klagen die Städte über wegbrechende Steuereinnahmen und mahnen einen staatlichen Rettungsschirm an.

Der Frühling beginnt jetzt richtig, und es hat den Anschein, als würden in den Parks und auf den Plätzen die Abstandsregeln nicht gelten, als sei alles fast wieder wie früher. Man sollte eine Maskenpflicht einführen, sobald mehr als zwei Menschen draußen zusammenkommen, als Symbol dafür, dass uns die C-Krise noch lange begleiten wird. Mehr Lockerung ist nur mit mehr Disziplin möglich. Das Oktoberfest wurde heuer bereits abgesagt – nichts mehr mit Bussi Bussi. Dafür stehen die Chancen nicht schlecht, dass der neue Berliner Flughafen BER vor dem 31. Oktober eröffnet werden kann. Wird schon klappen ohne Flugverkehr.

Vorbei und vergessen

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Welch ein Glück: Hofmusik zu Ostern. © Gitti Grünkopf

Das Corona-Virus nivelliert – für alle gelten die Abstands- und Hygiene-Regeln, die Tage vergehen einer wie der andere. Es fehlen Abwechslungen & Anregungen. Vor fünf Wochen waren wir bei der letzten Premiere im „Chamäleon“; es kommt mir ewig lange her vor. Welch ein Glück in diesen immer gleichen Tagen zu Hause am Rechner, in Telefonkonferenzen, immer neuen Überlegungen & Planungen, dass am Ostersonntag in unserer Straße zu einer „Hofmusik“ eingeladen wurde. Pablo Barragan (Klarinette) und Yannick Raffalimanana (Keyboard) spielten eine herrliche Stunde für die im weiten Abstand lauschenden Besucher im Hof und das Publikum in den Fenstern. Deutlich wurde uns bewusst, was uns allen so sehr fehlt in C-Zeiten: Gemeinschaft, Nähe – und Kultur. Dass diese für die Politik nicht systemrelevant ist, haben die Lockerungen der Einschränkungen gestern deutlich gemacht: kein Lichtblick nirgends für Künstler*innen und Veranstalter.

Allenthalben hoffen die Menschen, dass der „Spuk“ bald vorbei ist. Und vergessen wie die Hongkong-Pandemie, die zwischen 1968 und 1970 weltweit 1 Million Opfer forderte; allein in Deutschland gab es in dieser Zeit eine sog. Übersterblichkeit von 40.000 Menschen. An die Schließung von Geschäften, Restaurants und Clubs, Produktionsstätten oder Schulen kann ich mich nicht erinnern; auch unsere etwas älteren Verwandten und Freund*innen können davon nicht berichten. Kritiker der Regierung finden in diesen Tagen jedenfalls nicht viel Gehör – „so diene auch die Corona-Krise dazu, die freiheitliche Grundordnung zu zersetzen, argumentiert (der italienische Philosoph) Agamben.“ (FAZ, 28.03.20). Selbst die KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) meldet schon vorsichtig Zweifel an, ob es denn richtig gewesen sei, dass Covid 19 bisher so viele politische Entscheidungen beherrscht hat. Der Vorsitzende Andreas Gassen bringt es im Deutschlandfunk auf den Punkt: „Wenn Sie einen unbehandelten Herzinfarkt oder eine unbehandelte Krebserkrankung haben, dann können Sie davon ausgehen, dass die entsprechenden Patienten versterben. Haben Sie eine unbehandelte Covid-19-Erkrankung können Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Patienten daran nicht versterben, und wenn sie großes Glück haben nicht einmal ernsthaft erkranken.“

Den politischen Diskurs prägen derzeit Virologen wie Christian Drosten, die CDU mit der wieder präsenten Angela Merkel an der Spitze liegt bei 37%. Der medial überhitzten Stimmung im Lande könnte ein wenig Sachlichkeit jedenfalls nicht schaden, etwa der Blick auf ein Schweizer Portal. „Swiss Propaganda Research (SPR), founded in 2016, is an independent nonprofit research group investigating geopolitical propaganda in Swiss and international media. SPR is run by independent academics and receives no external funding.“ (About us) Auf der Seite kann man/frau etwa lesen: „Das Medianalter der Verstorbenen liegt in den meisten Ländern (inklusive Italien) bei über 80 Jahren und nur circa 1% der Verstorbenen hatten keine ernsthaften Vorerkrankungen. Das Sterbeprofil entspricht damit im Wesentlichen der normalen Sterblichkeit.“ Im vorletzten Jahr starben in Deutschland  954.874 Menschen. Zu Ostern habe ich eine Schutzmaske bekommen.

Gebt her Eure Daten

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Not kennt kein Gebot. Bei der Bewältigung der C-Krise sollten auch alle digitalen Möglichkeiten genutzt werden.

Im Streifenkalender in der Küche sind nur noch Geburtstage vermerkt, keine Verabredungen, keine Veranstaltungen. Heute ist Good Friday (Karfreitag), und immer mehr Menschen beginnen zu zweifeln. Inzwischen haben mehr Deutsche Angst vor einer wirtschaftlichen Depression als vor Corona; der Internationale Währungsfond befürchtet eine Weltwirtschaftskrise wie vor hundert Jahren. Müssen wir noch mehr Opfer bringen? Brauchen wir nicht bessere Daten? Keiner weiß, wie viele C-Infizierte es im Moment gibt; die Hälfte aller Ansteckungen erfolgt präsymptomatisch, d.h. der Infizierte weiß gar nicht, dass er erkrankt ist. Es soll Schätzungen geben, die von zwanzigmal mehr Infizierten ausgehen als den amtlich festgestellten 113.525 (Robert-Koch-Institut, 10.04.2020). Gerd Antes, Freiburger Statistik-Experte und Professor an der Medizinischen Universität Freiburg schlägt deshalb vor, regelmäßig einen „repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt auf Infektionen“ zu untersuchen (Der Spiegel).

In digitalen Zeiten mutet auch die analoge Arbeit der Gesundheitsämter seltsam anachronistisch an. Warum nicht dem Ethikrat einen Datenrat zur Seite stellen, der sicherstellt, dass der Zugriff auf Handy-Daten (Tracking) unter bestimmten Bedingungen in der C-Krise möglich und verpflichtend ist. Meine Persönlichkeitsrechte in Berlin sind ohnehin massiv eingeschränkt; wer die Abstandsregel nicht einhält, dem drohen Strafen bis zu 500 Euro. „Anstatt weltweite Monopole zu bekämpfen“, empörte sich die Magdeburger Volksstimme (01.04.20), „die alle Daten und jedes Geschäft an sich reißen, werden nur die Bürger mit Datenschutz gegängelt. Jetzt geht Datenschutz sogar vor Menschenschutz.“ Hätten wir bessere Daten über die Verbreitung des C-Virus, könnte man auch eine klare Exit-Strategie vorlegen und nicht bloß gebetsmühlenartig an die Geduld der Menschen appellieren. Die Zeit läuft – gegen uns.

Inzwischen breitet sich das Virus auch in der Dritten Welt aus. Wenn schon das Gesundheitssystem in New York an seine Grenzen kommt, kann man sich die Situation in Afrika oder Indien nicht schlimm genug vorstellen: dort fehlt es am Nötigsten. Triage, hörte ich gestern im Deutschlandfunk, findet in Ländern ohne Krankenversicherung direkt in der Familie statt – man bringt die Infizierten erst gar nicht in die Klinik, weil man die Behandlung nicht bezahlen kann. Auch die globale Dimension der C-Krise wird uns bald einholen. Seit Tagen geht mir ein Schlager von Jupp Schmitz und Kurt Feltz (Text) nicht mehr aus dem Kopf. „Wer soll das bezahlen, Wer hat das bestellt, Wer hat soviel Pinke-Pinke, Wer hat soviel Geld?“ Wir werden in eine Rezession ungeahnten Ausmaßes kommen. Der Lockdown wird zum Shockdown. Ausgang ungewiss.

Weitergehen

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Allein in der U-Bahn am Sonntagmorgen. © Karl Grünkopf

Ab heute kostet das grundlose Verlassen der eigenen Wohnung in Berlin zwischen 50 und 100 Euro. Am letzten Sonntag hatte ich einen guten Grund. Ich musste zu meinem Verlag nach Frankfurt, um eine ganz andere Verteilung von FRIZZ Das Magazin für Frankfurt & Vordertaunus zu organisieren. Weil die meisten Geschäfte & kulturellen Einrichtungen geschlossen sind, können wir dank eines Deals mit der Supermarktkette REWE dort auslegen; zudem verbreiten wir unseren kostenlosen Titel erstmals per Hausverteilung. Gespenstisch leer schon die U-Bahn-Station; die C-Gefahr auf der Fahrt nach Spandau ist gering – streckenweise sitze ich ganz allein im Wagen. Im ICE dann auch nur wenige Fahrgäste; bis Wolfsburg sind wir zu dritt in einem Großraumwagen. Deutschland im Corona-Modus.

Es ist erstaunlich, was alles von jetzt auf nun möglich ist in diesem Land, dessen Politiker *innen voll und ganz auf die Expertisen der Virologen vertrauen. „Alle sind glücklich über die seriösen Virologen“, wundern sich die Freunde von der taz. „Die Daten der Klimawissenschaften werden dagegen seit Jahrzehnten ignoriert, weil sie die Existenzberechtigung von Energiekonzernen, Agrar- und Autoindustrie und ihre profitablen Verbindungen zu Politik und Gesellschaft untergraben. Dabei wissen wir viel besser, was man gegen den Klimawandel zu tun hätte als gegen das Virus.“ (01.04.20) Tempo 130 auf Autobahnen war genauso wenig durchzusetzen wie etwa eine Steuer auf Kerosin in der gewerblichen Luftfahrt, um nur zwei beliebige Beispiele zu nennen. Dass wir in absehbarer Zeit, keine wirksamen Antibiotika mehr haben, schert auch niemanden. „Seit Jahren werden keine neuen Antibiotika mehr entwickelt und die Arzneimittelindustrie macht keinen Hehl daraus, dass ihr die Gewinnmargen zu dünn sind, um ihre Haltung zu ändern.“ (FAZ, 12.03.20)

Als ich diesen Blog vor anderthalb Jahren begann, waren wir auf unserer „American Journey“ natürlich auch in New York. Wir lieben diese Stadt, die sich mittlerweile zum Zentrum der Corona-Krise entwickelt – im Central-Park wurden Zelte für Patienten aufgeschlagen! Damals wohnten wir in einem winzigen 2-Zimmer-Appartment in Manhattan im dritten oder vierten Stock eines etwas heruntergekommenen Hauses. Eine Ausgangssperre dort mag ich mir nicht vorstellen. Noch dramatischer ist die Situation in Ost-Afrika, wo zur Corona-Krise noch die schlimmste Heuschrecken-Plage seit Menschengedenken kommt. In Kolumbien wurden die ersten Infektionen mit dem neuen Virus bei indigenen Völkern festgestellt, derweil Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro von einem „Grippchen“ spricht. Mir fehlen die Worte ob dieser Leugnung der Realität…

Geld oder Leben

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„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen // Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
(Bertolt Brecht) © Karl Grünkopf

Am Dienstag konnte ich noch normal im Supermarkt einkaufen, jetzt herrschen auch in Berlin fast italienische Verhältnisse: der Einlass zu den noch geöffneten Geschäften ist geregelt, nur noch eine bestimmte Anzahl von Kunden kommt rein. Gut so! Immerhin dürfen wir die Wohnungen noch ohne Passierschein verlassen und Sport im Freien machen. Ein Buch im Park zu lesen, ist indes verboten; dafür dürfen in Berlin die Buchhandlungen auf haben. Der deutsche Föderalismus treibt in der C-Krise seine Blüten und setzt sich strukturell in der EU fort: jeder ist sich selbst der Nächste, von einem abgestimmten Vorgehen keine Spur. Die großspurigen Verheißungen der neuen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen („Green Deal“) sind Schall und Rauch.

Heute ist Welttheatertag, aber in der C-Krise sind alle Theater zu. Die Saison ist gelaufen, das Berliner Theatertreffen findet heuer nicht statt. Dafür gibt es jede Menge digitale Angebote – darunter echte Leckerbissen. Wer einmal versucht hat, Karten für den „Hamlet“ mit Lars Eidinger an der schaubühne in Berlin zu bekommen (immer ausverkauft!), weiß, was ich meine. Diese Inszenierung ist am 01.04. online zu erleben, tags drauf stehen „Sommergäste“ in der legendären Inszenierung von Peter Stein von 1974 auf dem Online-Ersatzpielplan, dann „Richard III“ (Eidinger in seiner zweiten Parade-Rolle) und „Groß und Klein“ von Botho Strauss (Regie: Peter Stein; 1978). Eine digitale Theaterwoche vom Allerfeinsten.

Fraglos wird die C-Krise die Digitalisierung vorantreiben, und das ist auch gut so: weniger Reisen, mehr Video-Konferenzen etwa. Andererseits geht es dem Mittelstand, den Solo-Selbständigen, Kreativen & Künstlern an den Kragen, so dass jetzt schon diskutiert wird, wie lange wir uns Ausgangsbeschränkungen überhaupt erlauben können. „Wann übersteigen die Schäden durch den Stillstand den Nutzen der Virusbekämpfung?“, fragt Matthias Müller von Blumencron im Berliner Tagesspiegel (25.03.20). Inzwischen wird der aus der Notfallmedizin stammende Begriff Triage auch bei uns diskutiert. In Italien, Spanien und Frankreich müssen Ärzte tagtäglich entscheiden, wen sie behandeln können – und wen nicht. Die C-Krise wird viele Verlierer haben, womöglich auch Präsident Twitter.