
Längst nicht alle haben diesen Theaterabend in Potsdam durchgehalten. Nach über fünf Stunden ohne Pause ist Guido Lambrecht fertig. Ganz allein in einer weißen Box hat er eine Adaption von Michel Houellebecqs Roman “Serotonin” vorgetragen – eine physische und psychische Leistung ohnegleichen. Während das Publikum selbst bestimmte Pausen machen kann oder ganz abtaucht, erzählt Lambrecht immer weiter. Nur gegen Ende unterbrechen laute Motorengeräusche seinen Redefluss – eine kurze Atempause für ihn und die noch verbliebenen Besucher:innen. Obwohl wir mehrfach in Erwägung gezogen haben zu gehen, bleiben wir bis zum Ende, nicht zuletzt aus Respekt vor der unglaublichen Leistung dieses Schauspielers. Er hat nicht nur einen typischen Houellebecq vorgetragen, in diese geschickt geraffte Version des Regisseurs Sebastian Hartmann wurde sogar noch Lambrechts eigener Text “Der Junge” eingewoben. Das stiftet Verwirrung, aber wer behält am Ende des eindrucksvollen Abends noch den Überblick. Herzlicher Applaus für ein ungewöhnliches Erlebnis beim Theatertreffen, das wir gewiss nicht vergessen werden.
Einmal spricht der Ich-Erzähler im Roman von einer Hoffnungslosigkeit ohne Hoffnung. Der in eine tiefe Depression verfallende frühere Agraringenieur zieht eine bitter traurige Bilanz seines Lebens und rechnet sich aus, wie viele Sekunden sich sein Körper bei einem Fenstersturz in freiem Fall befinden würde. Sebastian Hartmann, von dem in der Corona-Zeit eine bemerkenswerte Inszenierung des “Zauberberg” zu sehen war, ist bei diesem Theatertreffen noch mit einer anderen Produktion vertreten: “Der Hauptmann von Köpenick” (Staatstheater Cottbus) steht morgen auf unserem Programm. Hartmann schwebt übrigens ein “Festival aus Osttheatern” vor (Tagesspiegel, 28.04.26). Er hat den “größenwahnsinnigen Gedanken”, in einer Spielzeit an zehn Häusern in Ostdeutschland zu inszenieren, jeweils vier Wochen bliebe er immer an einem Ort. Theaterbesessene wie ihn braucht es heute dringender denn je.
Natürlich kann das Theater nicht die Welt retten, aber es kann uns Momente des Innehaltens im Hier und Jetzt schenken, die in der zunehmenden Digitalisierung immer mehr verloren gehen. Gerade jungen Menschen sind solche Erlebnisse & Erfahrungen zu wünschen. Vertraut man der Trendstudie “Jugend in Deutschland 2026”, dann blicken junge Leute zwischen 14 und 29 Jahren skeptisch in die Zukunft. “Dauerkrisen, unsichere berufliche Perspektiven, Schulden und mentaler Stress prägen die Lebenslage vieler junger Menschen. Als Reaktion wenden sie sich den politischen Rändern zu oder denken sogar daran, Deutschland zu verlassen. Das ist die zentrale Botschaft der neunten Trendstudie Jugend in Deutschland 2026“ (zitiert nach Forschung und Lehre. Alles, was die Wissenschaft bewegt). Fragt sich nur, ob das Leben in der Schweiz (liegt im Ranking vorn), Kanada, Australien oder Skandinavien besser wäre. Die Boomer sollten diese Ergebnisse als Weckruf verstehen und nicht ihre Interessen gegen die Zukunft der Jungen durchdrücken. In den nächsten zehn Jahren scheiden 4 Millionen Arbeitnehmer:innen in Deutschland aus dem Erwerbsleben aus. Und dann?

Sehr geehrter Verfasser.
Vielen Dank für diesen eindrucksvollen und nachdenklichen Beitrag. Die Beschreibung der Aufführung von „Serotonin“ vermittelt eindrücklich, wie intensiv Theater noch immer wirken kann, wenn Menschen bereit sind, sich Zeit, Konzentration und emotionale Offenheit abzuverlangen. Gerade in einer Zeit permanenter digitaler Ablenkung ist das keine Selbstverständlichkeit mehr.
Besonders berührend erscheint die Anerkennung der außergewöhnlichen Leistung von Guido Lambrecht. Fünf Stunden nahezu allein auf der Bühne zu tragen, physisch wie psychisch, verdient ohne Zweifel Respekt. Auch die Verbindung von Houellebecqs düsterer Weltsicht mit autobiografischen Elementen scheint eine interessante künstlerische Entscheidung gewesen zu sein — selbst wenn sie, wie Sie schreiben, Verwirrung stiftet.
Dennoch bleibt bei aller Anerkennung auch eine kritische Frage: Besteht nicht die Gefahr, dass eine Ästhetik der Hoffnungslosigkeit irgendwann selbst lähmend wirkt? Houellebecqs Werk beschreibt oft sehr präzise gesellschaftliche Entfremdung, Depression und Sinnverlust — aber selten Wege hinaus. Kunst muss keine Lösungen liefern, doch sie trägt Verantwortung dafür, Verzweiflung nicht nur zu reproduzieren oder zu ästhetisieren. Gerade junge Menschen, deren Zukunftsängste Sie zurecht ansprechen, benötigen neben schonungsloser Diagnose auch Räume für Orientierung, Würde und menschliche Verbundenheit.
Ebenso interessant ist Ihr Hinweis auf die gesellschaftliche Lage der jüngeren Generation. Allerdings erscheint es zu einfach, die Verantwortung vor allem bei den „Boomern“ zu verorten. Die gegenwärtigen Krisen sind komplex: wirtschaftliche Unsicherheit, geopolitische Spannungen, Digitalisierung, soziale Vereinzelung und politische Polarisierung betreffen nahezu alle Generationen. Vielleicht wäre weniger gegenseitige Schuldzuweisung und mehr ernsthafte Solidarität zwischen Alt und Jung notwendig.
Ihr Beitrag erinnert daran, dass Theater nicht bloß Unterhaltung ist, sondern ein Ort der Auseinandersetzung mit dem Zustand unserer Gesellschaft. Vielleicht liegt seine wichtigste Aufgabe heute nicht darin, Hoffnungslosigkeit zu bestätigen, sondern darin, Menschen trotz aller Dunkelheit wieder in ein gemeinsames Nachdenken zu bringen.
Mit respektvollen Grüssen
Hans Gamma
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