Fremde Heimat

Sandra Hüller und Hanns Zischler in „Vaterland“ von Paweł Pawlikowski. © Agata Grzybowska

Was für ein Kinojahr für Sandra Hüller! Nach “Rose”, “Der Astronaut – Project Hail Mary” und “Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war” brilliert sie jetzt neben Hanns Zischler in “Vaterland”. Er spielt großartig den Schriftsteller Thomas Mann, der mit seiner Tochter Erika ins Nachkriegsdeutschland reist, um gleich zwei Goethepreise in Empfang zu nehmen – in Frankfurt und in Weimar. Auf ihrer Fahrt im schwarzen Buick durch düstere Landschaften und Städte spannt der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski meisterhaft einen Bogen von der Familie Mann (Sohn Klaus hat sich in Cannes das Leben genommen) zur politischen Situation in Deutschland im Kalten Krieg. Horst E. Wegener resümiert: “Gefeiert als moralische Instanz von den allermeisten Deutschen, aber von manchen als Verräter angefeindet, startet der Zauberer, wie seine Kinder Thomas Mann oft nannten, zu einer Autofahrt durch ein in Trümmern liegendes Land – eine Reise, die der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski mehr und mehr zu einem Trip hinein in die verwundete deutsche Seele, die heilen soll, verdichtet.” (FRIZZ Das Magazin 09/26) 

Wie würde Thomas Mann heute sein Vaterland erleben, ging mir während des Films immer wieder durch den Kopf. Er würde es nicht für möglich halten, dass die AfD im Jahre 2026 bei einer Landtagswahl mit 43,8% der Stimmen mehr Wähler:innen für sich gewinnen konnte als die bürgerlichen Parteien CDU (17,8%), SPD (9,3%) und Grüne (8,9%) zusammen. “Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt”, schrieb der Nobelpreisträger für Literatur (1929 für die “Buddenbrooks”) schon 1924. In diesen Worten dürften sich derzeit viele wiederfinden. Der deutsche Rechtsstaat wird und muss sich gegen eine Partei wehren, die ihn zerstören will. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum verfassungsrechtlichen Umgang mit der AfD, wie sie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst fordert, wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September dürfte sich in der CDU die Kanzlerfrage stellen. 

Dann muss die CDU klären, ob sie weiter auf den Quereinsteiger Friedrich Merz setzt, der überhaupt keine Regierungserfahrung hat. Eine Klatsche folgt der nächsten; Merz gilt als unbeliebtester Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. „Immer stärker zeigt sich, dass er noch nie zuvor irgendwo regiert hat, nicht als Ministerpräsident, nicht als Minister, ja nicht einmal als Bürgermeister von Brilon im Sauerland. Das rächt sich nun: Regieren mit der Brechstange, fehlende Absprachen mit den Länderchefs, mangelhafte Kommunikation – all das ist letztlich auch fehlendes politisches Handwerkszeug. Nur: All das hat die CDU gewollt.” (11.09.26) Die Analyse der Rhein-Neckar-Zeitung aus Heidelberg (Pressestimmen des Deutschlandfunks) dürfte kaum zu widerlegen sein. Was tun? In den letzten Prognosen liegt die CDU in Mecklenburg-Vorpommern bei 6 bis 7 Prozent, in Berlin rangiert sie derzeit hinter den Linken auf Platz 2. Nach dem Pisa-Schock in dieser Woche stehen (zumindest) der CDU unruhige Zeiten ins Haus. 

Hinterlasse einen Kommentar