
Was für ein Start in die neue Saison der Komischen Oper Berlin! Traditionell wird die Spielzeit am Flughafen Tempelhof im Hangar 4 eröffnet. Dieses Mal wurde die viel zu selten gezeigte Oper “Lear” von Aribert Reimann gespielt, und man hätte sich kaum eine bessere Wahl vorstellen können. Voll Schaudern stellt Scott Hendricks, der die Titelrolle singt, spielt, lebt und leidet, einmal fest: Die Welt ist ein Narrenhaus. Das war die Welt von William Shakespeare, und das ist sie heute mehr denn je. Lear hat sich für seine beiden scheinheiligen Töchter entschieden und gegen Cordelia, die ihn wirklich liebt, was ihn am Ende in den Abgrund führt. In einer Parallelhandlung, was die Geschichte noch komplexer macht, ergeht es dem Grafen Gloster nicht besser. Mit sparsamen Mitteln und eindrucksvoller Personenregie bringt Barrie Kosky diese Zerstörungsgeschichten auf die Bühne. Die Sänger:innen singen und spielen, als ginge es um ihr Leben, vorangetrieben von der vielschichtig-fantastischen Musik des Berliner Komponisten Aribert Reimann († 13. März 2024).
Am nächsten Morgen hören wir die Frühkritik von Barbara Wiegand im rbb24 Inforadio, die man selten so begeistert hört: “Insgesamt packt einen dieser Abend immer wieder, weil er den Spagat schafft zwischen großem Königsdrama und toxischer Familientragödie; also wenn Lear seine tote Tochter Cordelia im Arm hat und ihm nichts geblieben ist, nicht Macht, nicht Liebe, nicht mal der Wahnsinn, sondern nur noch der Tod. Das ist beeindruckend.” Spontan beschließen wir, uns dieses Opernereignis, das nur wenige Male gespielt wird, noch einmal anzuschauen. Immer wieder geht mir durch den Kopf, in welchem Narrenhaus wir heute leben. Nach Angaben des Internationalen Friedensforschungsinstituts Sipri haben die globalen Militärausgaben 2025 ein Rekordhoch rund 2,9 Billionen US-Dollar erreicht, 645 Millionen Menschen mussten in diesem Jahr Hunger leiden (Unicef). Diese Zahlen, diesen Wahnsinn nehmen wir jeden Tag stillschweigend hin.
Dafür wird die Verteuerung der Spritpreise hierzulande um so lauter beklagt. Dass Donald Trump, der übrigens seinem Vaterland nicht gedient hat, und sein Kriegsminister Pete Hegseth dafür die Verantwortung tragen, wird geflissentlich verschwiegen. Mit dem amerikanischen Präsidenten und seiner erratischen Politik möchte sich keine:r anlegen. Dabei wird immer deutlicher, dass der Krieg gegen den Iran ein strategischer Fehler war, nicht anders als die sogenannten Missionen im Irak oder in Afghanistan. Fieberhaft ist man hierzulande auf der Suche nach Entlastungen und ist mit dem Kopf schon bei den nächsten Wahlen am Sonntag in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern. In der Bundeshauptstadt könnte Die Linke mehr Stimmen als die CDU erhalten; um den Einzug in den Schweriner Landtag muss die Partei in Angela Merkels Heimat bangen – sie liegt in den letzten Umfragen zwischen 6 und 7%. Für Sonntagabend hat Friedrich Merz das Präsidium seiner Partei nach Berlin geladen. Quo vadis CDU?
